Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Settr 874 Vr. Bloch's WychLLifchrrft. Nr. 20 düng heißt es, der Gerichtshof könne nicht energisch genug solche Polemiken verdammen, welche durch Winke an die Volksleidenschast zu den verabscheuungswürdigsten Gewaltthaten aufreizen und deren Gefahr durch die vorjährigen blutigen Ereignisse in Algier so sehr gezeigt worden sei. Correspondenzen. Wien. (Generalversammlung der Jsr. Allianz in Wien.) Sonntag den 13. d. M. IO Uhr Vormittags fand im Sitzungssaale der israel. Cultusgemeinde die diesjährige Generalversammlung der Israel. Allianz statt. Der Präsident Herr David Ritter von G u t m a n n eröffaete die Versammlung, begrüßte die erschienenen Vereinsmitglieder und constatirte die Beschlußfähigkeit. Dem Rechenschaftsberichte entnehmen wir folgende Daten: „Anfangs des Jahres 1899 erschienen bei uns in Wien mehrere Arbeiterabordnungen, um uns die unsägliche Nothlage so vieler Hunderter Familien zu schildern. Daraufhin reiste unser Vereinssecretär anfangs April nach Boryslaw, um in unserem Aufträge zunächst einen namhaften Betrag unter die dringender Hilfe bedürftigen Arbeiter zu vertheilen und an Ort und Stelle über den Umfang der Katastrophe, von der unsere Glaubensbrüder betroffen worden sind, Erhebungen zu pflegen. Auf Grund seines Berichtes über das unerhörte Elend, das ihm zu schauen beschieden war, entsandten wir ihn nach wenigen Tagen zum zweitenmal nach Boryslaw, damit er eine weitere Summe vertheile. Zu diesem Zwecke widmeten wir 7600 Gülden und veranstalteren behufs Weiterführung der Action eine Spendensammlung, deren Gesammtergebniß, einschließlich unseres Beitrages von 1500 fl., rund 17.000 fl. ausmachte. Ueberdies setzten wir uns mit der Jewish Golonisation Association zu Paris in Verbindung, welche sich gleich uns eifrigst mit den zur Linderung der dortigen Noth führenden Maßregeln beschäftigt. Wir beschloffen, arbeitsfähige Leute nach Nordamerika zu befördern, wo sie von Freunden und Verwandten ausgenommen, sichere Aussichten auf Erlangung eines lohnenden Erwerbes finden könnten. Die Jewish Golonisation Association beförderte bis zum Jahresschluß fünfzig Arbeiterfamilien, während unser Verein 32 Familien, Frauen und Kinder, ihren in Amerika weilenden Ernährern, die sich daselbst schon eine Existenz gegründet, nachschickte. Am 6. und 7. December 1899 pflogen wir hier in Wien mit den Delegirten des oberschlesischen Hilfscomitss (Beuthen) für die galizischen Juden, das sich besonders um die Boryslawer Mische Arbeiterschaft bedeutende Verdienste erworben, und zwar mit den Herren Rabbiner Dr. Koppstein, Director David Goldstein und Fabriksbefitzer Salo Grünfeld eingehende Berathnngen über die Fortsetzung des begonnen Hilsswerkes sowohl für Boryslaw, als auch für die galizische Judenschaft im Allgemeinen. Es wurde beschloffen, daß wir uns mit der Jewish Golonisation Association bezüglich dieser Actionen ins Einvernehmen setzen, weil sie allein durch ihre Mittel in der Lage ist, wirksam zu helfen. Wir können es mit Befriedigung zur Kenntniß bringen, daß unser Appell einen freundlichen Wiederhall gefunden hat, und daß von dieser Seite unseren Bestrebungen gegebenenfalls die Mitwirkung zugesichert wurde. In Verbindung damit steht auch eine weitere Action, die wir gemeinsam mit dem Verein Ahawath Zion zu Tarnow und im Einverständniß mit anderen Vereinen zur Colonisation Palästinas in Angriff genommen haben, doch werden wir darüber bei einer späteren Gelegenheit ausführlicher berichten. Mit den Empfindungen tiefster Entrüstung müssen wir der beschämenden Vorfälle vom October 1899 gedenken, die sich zu Holleschau, Wsetin und anderen mährischen Orten abgespielt haben. Der durch die systematisch betriebene Verhetzung aufgestachelte Pöbel überfiel die Häuser und Wohnungen unserer Glaubensgenossen, plünderte, raubte und zerstörte jüdisches Eigenthum. Die Details der Vorgänge sind ja bekannt. Zur Linderung der schwersten Noth sandten wir sogleich an die Cultusgemeinde von Holleschau 500 sl. ab und veranstalteten hierauf, nachdem wir einen Ueberblick über den entstandenen Schaden gewonnen, eine Spendensammlung, die mehr als 11.000 fl. ergab. Unser Vorstandsmitglied, Herr Wilhelm Pappenheim, verfügte sich sodann nach Holleschau, den meist betroffenen Ort, und stellte im Verein mit dem Local-HilfscomitS eine besondere Liste der zu unterstützenden Personen zusammen. Wir wandten 84 geschädigten Familien den Betrag von 7200 fl. zu und bedachten entsprechend auch die Beschädigen zu Wsetin, Kcasna, Rouchowan und an einigen anderen Orten. Ihren äußeren Anstoß erhielt die judenfeindliche Bewegung durch den berüchtigtemTendenzproceß von Kuttenberg, in welchem ein in der Nähe des Städtchens Polna vorgekommener Mord durch die gewohnheitsmäßigen Hetzer, welche eine intensive Agitation entfalteten, zum sogenannten „Ritualmord" gestempelt worden war. Als Opfer dieses Wahnwitzes ist die alte Cultusgemeinde zu Polna anzusehen, die zu bestehen nun so gut wie aufgehört hat; denn die wohlhabenderen Juden mußten schleunigst die Flucht ergreifen, um ihre Habe und vielleicht ihr Leben zu retten, die armen Glaubensbrüder verarmten aber noch mehr, weil die Bevölkerung über sie einen Boycott verhängte. Wir haben ausnahmslos allen Bedrängten und Verfolgten, die sich aus diesem und einigen anderen nahe gelegenen Orten an uns wandten, nach Thunlichkeit eine ausreichende Unterstützung zukommen lassen. . Im abgelaufenen Jahre haben die Judenausweisungen, Verschickungen in Rußland und damit auch die erzwungene Judenauswanderung aufgehört. Ab und zu nahmen freilich Frauen und Kinder, die ihren vor Jahren ausgewiesenen und in Amerika zu einem Erwerb gelangten Ernährern nachreisten, unsere Hilfe in Anspruch. Auch fanden sich bei uns des öfteren rumänische Glaubensgenossen ein, denen die Behörden Auslandspässe mit dem Vermerk „Rückkehr untersagt" eingehändigt hatten. Wir halfen Jedem, so weit es in unseren Kräften stand, damit er in die Lage komme, sich im Auslande eine Existenz zu gründen." Der Bericht verbreitet sich sodann über die ständige, die Förderung des Erziehungs- und Unterrichtswesens betreffende Thätigkeit des Vereines und schließt mit einem Appell an alle Rabbiner und Cultusvorsteher, über die Ziele und Zwecke der Israelitisch.n Allianz Aufklärung zu verbreiten. Nach Verlesung des Rechenschaftsberichtes entspann sich eine langwierige, zum Theile recht lebhafte Debatte, Dank der Liebenswürdigkeit des Vorsitzenden, welcher nach allen Seiten das weiteste Maß von Redefreiheit zur Geltung brachte. Nach einander haben wiederholt das Wort ergriffen: Dr. Theodor H e r z l, Dr. Josef Bloch, Sigmund Meyer, Cultusvorsteher Salo Cohn, Jork Steiner, Dr. S. Zins, Siegfried Fleischer, Eduard Beer. Bankier S. Deiche s, Wilhelm Pappenheim und endlich vom Vorstandstische der Vicepräsident Dr. Alfred Stern. Ueber Antrag de: Herrn Dr. Bloch werden sodann die ausscheidenden Mitglieder in die Vereinsleitung mit Acclamation wiedergewählt und der Vorsitzende erklärte die Generalversammlung für geschlossen. Wien. (Verein zur Unter st ützung israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender.) Die Generalversammlung dieses Vereines fand Donnerstag den 10. d. M. in den Räumen der Cultusgemeindevertretung in Gegenwart zahlreicher Gäste und Vereinsmitglieder statt und nahm einen ebenso überraschenden als interessanten Verlauf. Zu Beginn begrüßte der Präsident des Vereines Baurath S t i a ß n y die Gäste, unter ihnen den Vertreter des Cultusvorstandes Herrn Salo Cohn, dann die Vorsteher Dr. G r ü n f e l d und Dr. Berger, den Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Herrn B r o d, die Vertreterinnen der Vereine „Ferienheim", „Frauenhort" und „Frauenverein im 8. Bezirke" und Andere, er brachte das Begrüßungstelegramm des Präsidenten der Cultusgemeinde Herrn Heinrich Kling er, der dem Vereine seine Sympathien aussprach und die Entschuldigung des Redacteurs Dr. Bloch zur Kenntniß, wobei er hinzufügte, daß Dr. Bloch ein treuer Freund des Vereines sei, der allen seinen Versammlungen stets beigewohnt habe. Hierauf schilderte er in herzbewegenden Worten die Nothlage jüdischer Arbeiter und Gewerbetreibender und hob hervor, daß die einzige Thätigkeit des Parlamentes, das seit drei Jahren nichts thue, keine andere sein solle, als die allerärmsten Personen, die Hausirer, ums Brod zu bringen. Nicht gegen das Großcapital, nicht gegen die Besitzenden, sondern gegen die, die gar nichts haben, werde ein erbitterter Kampf geführt. Umso dringender sei es, daß die Juden sich der Handwerker und Gewerbetreibenden annehmen, die ja von öffentlichen Arbeitsvergebungen ausgeschlossen, von einem großen Theil ihrer Mitbürger trotz ihrer ausgezeichneten Leistungen nicht beschäftigt, darauf angewiesen sind von den Juden Arbeit und Förderung zu erhalten. Der Verein appellire immer von Neuem an die Juden zu kräftigster Unterstützung seiner Ziele. (Lebhafter Beifall.) Der Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde Herr Salo Cohn dankte für die Begrüßung und gab die Versicherung, daß sowohl er als die