Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'Jtr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. Lette 371 lischer Farbenpracht und südländischer Gluth erfüllte Töne zu fassen gewußt. Sie haben als Musiker den Juden nicht verleugnet und den Beweis erbracht, daß in unserem Volke das ideale Streben tief im Innersten, in seiner Geschichte, in seinem gapzen Wesen wurzelt. So wie wir gleich aller Welt Ihre Kunst bewundern und verehren, so sehen wir uns als Mitglieder unserer Gesellschaft besonders verpflichtet, dem Manne zu huldigen, der den jüdischen Namen auf dem Gebiete der Musik zu hohen Ehren gebracht, und nicht nur ein Schöpfer neuer Melodien, sondern auch ein Schätzer der alten geworden ist. Hiefür und für die hohen geistigen Genüsse, die Sie uns, mit freudigem Sinne unsere Bestrebungen fördernd, geboten haben, nehmen Sie unseren herzlichsten Dank entgegen. Der Allmächtige erhalte Sie noch ungezählte Jahre der Kunst, Ihrer Familie, unserem Volke und unserem Vereine, die alle in Ihnen den edlen Meister, den theuersten Sohn, den besten Anhänger verehren." Die Affaire Araten. Se. Majestät der Kaiser hat in hochherzigster Weise bic Verheißung, die er dem unglücklichen Vater der im Kloster zurückgehaltenen Michalina Araten ertheilt hat, eingelöst. Wie wir erfahren, erschien schon zwei Stunden nach der Audienz der Chef der kaiserlichen Cabinetskanzlei bei dem Ministerpräsidenten, um diesem die Weisungen des Monarchen zu überbringen. Der Kaiser hat die Ausforschung und Ausfolgung der Michalina Araten an deren Familie bekanntlich als eine „Pflicht und Schuldigkeit" der Behörden bezeichnet. Es scheint aber, daß der Wille des Kaisers in Galizien noch nicht überall bekannt geworden ist, denn es wäre sonst unmöglich, daß sowohl politische wie Gerichtsbehörden Herrn Israel Araten, wie aus der nachfolgenden Zuschrift hervorgeht, noch immer den erbetenen Beistand verweigern. Die Zuschrift des Herrn Araten lautet: „Vor einigen Wochen erzählte mir ein Herr, daß er während seiner Anwesenheit bei der Gräfin T. daselbst zwei Nonnen bemerkte und deren Gespräch mit anhörte. Die Gräfin fragte, was mit der Michalina Araten geschehen sollte, worauf die Nonnen erwiderten, Michalina sehne sich heftig nach ihren Eltern und möchte zu ihnen zurückkehren. Im Laufe des Gespräches erwähnten sie. daß das Mädchen sich im Kloster im Dorfe Wielowics, Bezirk Tarnobrzeg, befindet. Um die Wahrheit dieses Berichtes zu erforschen, sandte ich eine Verwandte hin, welche dort wirklichmeine Tochter zweimal mit eigenen Augen gesehen hat, als sie in die Kirche geführt wurde. Als meine Verwandte mir diesen Sonntag, den 6. d. M.. obigen Bescheid brachte, fuhr ich selbst mit einem Bekannten, Namens W o l k a, nach Wielowics. Das Kloster brachte dies in Erfahrung, veranlaßte die Gemeindebehörden uns zu hindern und behufs Ausweisleistung aufzuhalten. Gemeindepolizisten verhafteten uns(!) wirklich auf der Straße, ließen, als ich ihnen meinen Legitimationsschein vorzeigte, mich selbst frei, behielten aber meinen Bekannten W o l k a in Haft, angeblich, weil er sich nicht legitimiren konnte, obwohl er genug andere Documente vorwies; sie drohten ihm, es würde ihm nicht so hingehen, daß er mich auf der Reise begleitete. Auf der Rückreise nach Krakau begab ich mich zum Bezirkshauptmann in Tarnobrzeg und erzählte ihm das Vorgefallene. Der Bezirkshauptmaun wies mich an den Bezirksrichter von Tarnobrzeg, Herrn Landesgerichtsrath Edm. H a r t m a n n, in dessen Competenz es liege, damit Letzterer seinen Adjuncten ins Kloster delegire, daß man mir dort mein Kind zurückgebe. Als ich mich gleich darauf zum Bezirksrichter begab, und meinen Namen nannte, fragte er barsch, was ich wolle, sagte im Voraus, er werde nichts thun, keinen Schutz geben, und obwohl ich erklärte, daß ich eine Klosterrevision weder brauche, noch verlange, da man sich mit eigenen Augen überzeugt habe, daß mein Kind sich dort befindet, erwiederte er dennoch: „Ich will mich gar nicht in diese Affaire mengen, gehen Sie zum Staatsanwalt, der einen Antrag stellen wird und dann ist es noch Sache des Gerichtes, den Antrag zu verwerfen, wie sie es in Krakau gemacht haben." Der Herr Bezirksrichter von Tarnobrzeg ist wenigstens ein aufrichtiger Mann, er sagt doch gleich im Voraus, wie er die Angelegenheit zu behandeln gedenke. Herr Israel Araten weilt nun neuerdings in Wien, um zu wiederholten Malen das Einschreiten der Centralbehördeu zu erbitten. Am 27. Mai d. I. vollendet Michalina Araten das 14. Lebensjahr und es besteht, nach Analogie früherer Fälle, die Gefahr, daß sie nach vollzogener Taufe über Anordnung des Pupillargerichtes der väterlichen Gewalt entzogen wird. Arische Kindermorde. Ein Vater hat sein leibliches Kind zu Tode mißhandelt, dann den Leichnam des unglücklichen Opfers zerstückelt und endlich die einzelnen Körpertheile im Ofen verbrannt. Haben schon die furchtbaren Kindermißhandlungen der Ehepaare Hummel und Kutschers das öffentliche Gewissen aufgepeitscht, so tönt über das schaurige Verbrechen, daß der Zeitungsausträger Josef O t i und mit ihm im Einverständnisse seine Gattin Karoline O t t vollbracht haben, ein einziger Schrei der Entrüstung durch ganz Wien. Die Nerven der Wiener Bevölkerung haben sich in den letzten Jahren an Ungeheuerliches gewöhnen müssen. Seit jene Partei die Herrschaft angetreten hat, deren Führer einer bestimmten Claffe der Bevölkerung nur die Alternative des Geköpft- oder Gehängtwerdens ließ, ist die allgemeine Verrohung ins Ungemeffene fortgeschritten. Ueber jene Epoche antisemitischer Sittenverfeinerung, in welcher christliche Schulbuben ihren jüdischen Kameraden ein Auge ausstachen und greise jüdische Hausierer auf offener Straße niedergeschlagen wurden, sind wir schon längst hinaus. Die Racen- und Bluthetze hat langsam aber sicher zur Entmenschlichung, ja zur Verthierung der unteren Volksschichten geführt. Der Kindesmord, den man den Juden fälschlich andichtet — unter den Bekennern der antisemitischen Heilslehre wird er in der scheußlichsten Weise geübt und die Fälle grauenvoller, unter unmenschlichen Martern vollzogener Kinderabschlachtung mehren sich in erschreckender Fülle. Und zwar — wohlgemerkt — der Abschlachtung eigener Kinder! Ueber den Fall O t t berichtet die „Deutsche Zeitung", ein Blatt, das ja bekanntlich die Bluthetze mit Schwung betreibt, folgende entsetzliche Details: „Leopoldine Ott, die älteste Tochter, gibt an, daß sie in der kritischen Nacht, als sie im Bette lag, gesehen habe, wie der Vater dem Josef etwas auf der Rückseite des Unterleibes wegschnitt und ihn dann aufs Kanapeä warf. Der Knabe habe gewinselt und mit Händen und Füßen gestrampft. Der Vater habe ihm dann eine Decke über^den Kopf geworfen und dann sei er ruhig geworden . . Es handelte sich um etwas weit Ernsteres und Fürchterlicheres als das Oeffnen eines Geschwüres, wobei das Opfer naturgemäß mit den Füßen und Händen um sich schlug und — stöhnte. Diese Anklage erhebt nicht nur der Volksmund, sondern auch die über den Kopf des Knaben geworfene Decke! Die genaue chemische Unrersuchung der im Ofen Vorgefundenen Asche hat nun niit untrüglicher Sicherheit ergeben, daß dieselbe Knochenreste des ganzen Körpers enthalte. Das sind die Folgewirkungen jenes „praktischen Christenthums", das die antisemitischen Führer predigen. Die Saat des Mechanikers Schneider schießt unter seinen eigenen Glaubensgenossen in die Halme! Der Patriotismus der Antisemiten. Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht die Christlichsocialen und die czechischen Antisemiten, sei es im öffentlichen Leben, sei es in ihren das Volk verhetzenden Zeitungen auf die Deutschnationalen schimpfen, sie als Hochverräther und Femde der Dynastie denunciren. Nun, wir Juden haben nicht zu untersuchen, wie viel Wahres in diesen Anklagen enthalten ist, wir haben uns der Schönerer und Wolf nicht anzunehmen, aber es kann nicht schaden, den sich so patriotisch und kaisertreu geberdenden Antisemiten die Maske herunterzureißen. Diese Wiener Christlichsocialen, die so byzantinisch zu schmeicheln wissen, sich für die treuesten Unterthanen ausgeben und sich so hoher Protection erfreuen, wie haben sie nicht gegen die Regierung gehetzt, vor dem Burgthor keck demonstrirt, als man ihren Dr. Lueger nicht als Bürgermeister bestätigen wollte! Und was ist das freilich der großen Menge noch verhüllte bewußte oder unbewußte Ziel dieser Partei anders als den Staat der Kirche, das heißt dem Clerus zu unterwerfen, die Mittel des Staates clericalen Zwecken dienstbar zu machen. Höher als die Hofburg steht. ihr der Vatican, und wenn sie könnte, würde sie Oesterreich in einen Krieg zur Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes verwickeln.