Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 370 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 20 die Gewächse zeitigt und zahlreiche Heerden saftige Nahrung finden, könnten die verfolgten Juden eine Heimat finden, in der sie die erlittenen Unbilden vergeffen und unangefochten der Bearbeitung des Bodens leben, der schon vor Jahrtausenden von semitischen Völkern bebauet wurde. Hier sollten die Ideen sich zu Thaten verdichten und hieher sollten die Männer und die Vereine, welche sich mit dem Geschicke ihrer jüdischen Brüder beschäftigen, ihre Thatkraft und ihre Mittel tragen, um endlich den gehetzten Menschen eine Zufluchtsstätte zu schaffen. Oder soll gar die Hilfe von der im Lemberger Gemeindetag propagirten Assimilation kommen? Wer daran glaubt, ist ein Narr; wer daran glauben macht, ein Betrüger. Die Polen sehen diese aufdringliche Annäherung gar nicht gern und der ehemalige Statthalter von Galizien, Graf Agenor Goluchowski, pflegte zu sagen und gelegentlich auch zu beweisen, daß Moschku ihm lieber sei als Mvriz, Abramku lieber als Adolf; d. h., daß sie den primitiven, tief unter ihnen stehenden Juden, dem vorgeschrittenen vorziehen, der sich ihnen annähert und gleichstellt. Alle, fast ohne Ausnahme huldigen sie dem Ausspruche von Jean Czynski: „X'est pas Polonais, qui n’est pas Catholique.“ Es ist übrigens notorisch, daß viele polnische Edelleute, in erster Linie die beiden Grafen Badeni, den Juden die sie polnisch ansprechen, ablehnend und geringschätzig im Jargon, den sie virtuos, wie urwüchsige Dorfjuden sprechen, antworten! Daraus scheint nicht zu erhellen, daß die Polen die Anschmiegung und Annäherung so sehr wünschen. Was verstehen übrigens die Herren in Lemberg unter Assimilation? Wenn in sprachlicher Beziehung — so ist sie total durchgesührt, indem die gesammte jüngere Generation der Juden polnisch spricht und sogar in Brody, der ehemaligen deutschen Sprachinsel, wo lange deutsche Cultur sorgsam gehütet wurde, gegenwärtig Alles nationalisirt und nivellirt ist. Soll aber unter Affimilirung vollständige Angliederung verstanden sein: Sprache, Kleidung, Sitte, das Aufgeben der Speisegesetze, der Beschneidung, der Sabbathruhe, kurz der ganzen eigenen Individualität — dann hört allerdings die Noth von 800.000 Juden auf und beginnt jene von nur 800.000 Renegaten, um die sich aber die Herren im Landtage ebensowenig kümmern werden wie jetzt, aber auch nichtdie Brüder im Westen, auf die sich hilfesuchend unsere Blicke richten, wenn es sich um eine große Hilfsaction handelt! Vom Jahrmarkt des Lebens. Jud Stransky — Jud Porzer. Wir bitten unsere Leser im Vorhinein nicht anzunehmen, als ob wir diese beiden Ehrenmänner für das Judenthnm reclamiren wollten, weil wir ihren Familiennamen die Ehrenbezeichnung von Juden voranstellen. Wir wissen gar wohl, daß keiner von Beiden ein Jude ist und sagen es gleich von vornweg, daß es uns auch lieber ist, diese beiden Ehrenmänner nicht zu den unseligen zu zählen. Wir verzichten gerne auf die Gesellschaft von Apostaten und danken recht herzlich dafür, daß m>-n uns Individuen zuschiebe, die nicht zu unserer Gemeinschaft gehören. Für die Beurtheilung der Zusammengehörigkeit ist es gleichgiltig, wann, wie und weshalb sich irgend ein Individuum vom Judenthum losgesagt hat, mit dem Momente der Lossagung gehört es nicht mehr zu dieser Gemeinschaft, wir haben kein Theil mehr an ihm und wollen auch keines haben. Es hat mit der Taufe das Christenthum angenommen und kann von der nenen Gemeinschaft, in die es eingetreten ist, nicht abgeschüttelt werden, nicht der P o r z e r, also auch nicht der Stransky. So wenig wie die Christen die getaufte Araten, den getauften M o r t a r a, den getauften K o h n herausgeben wollen, so fest sie zu ..ihrem" Porzer stehen, so müssen sie auch den Stransky behalten, sie mögen ihn wollen oder nicht, er gehört ihnen durch die Bande der Taufe. Es geht auch gar nicht an, seine nationale Zugehörigkeit zu den Juden aufrecht erhalten zu wollen. Bekanntlich ist die „Option" heutzutage eine staatlich, diplomatisch und national anerkannte Form der Angliederung an ein Volk und wer für eine Nation „optirt", der gehört ihr an de facto und <le jure. So haben Elsässer Deutsche für Frankreich „optirt" und sind Franzosen geworden, so haben Spanier auf Cuba für die Vereinigten Staaten „optirt" und sind Amerikaner geworden, so haben als Deutsche Geborene für das Czechenthum „optirt" und sind enragirte Czechen geworden,und Individuen offenbar ursprünglich slavischer Abstammung, wie B i e l o h l a v e k, Prochazka, G r e g o r i g und ähnliche, machen mit deutscher Gesinnung Staat, obwohl kaum ein Deutscher ihren Namen richtig auszusprechen vermag. Hat der Stransky für die Czechen optirt — und sie haben ihn ausgenommen — dann ist er einer der ihren, und kein Breznovsky und ebensowenig ein Schneider vermag ihm sein Czechenthum zu nehmen und ein Judenthum dafür zu substituiren; ganz so wie die Steiner und Schreiner, die P a t t a i - und Lueger, den K o h n und den Porzer als einen Religions- und Nationsgenossen anerkennen müssen, ob sie nun wollen oder nicht. Jeden Peitschenhieb, den man dem S t r a n s k y versetzen will, indem man ihm seine jüdische Vergangenheit zum Vorwurfe macht, er trifft auch den Porzer mitten ins Gesicht, jedes Schimpfwort gegen S t r a n s k y fällt auf den Porzer, jeder Schmutz, der dem Munde eines Christlich-Socialen entströmt, wenn er Juden beleidigen will, befleckt den Porzer e tutti quanti,- die vom Judenthum abgefallen sind, wenn die Christlich-Socialen es nicht gelten lassen wollen, daß mit Taufe und Option die alte Verbindung gänzlich gelöst erscheint. Es geht nicht an, den Juden den Stransky aufzumutzen und den K o hn und Porzer und die Nachkommen von S ch m u l Leb Kohn als Nationale zu behandeln; es geht nicht an, einen Unterschied zu machen zwischen Getauften und Getauften, je nachdem sie czechische, deutsche oder ultramontane Politik machen. Die Christlich-Nationalen müssen Alle behalten oder Keinen. Wenn sie den Stransky abschütteln wollen, so müssen sie es auch mit den Anderen thun, aber das mögen sie wissen, wir tragen nach keinem von Diesen Verlangen. Wir gönnen ihnen diese Ehrenmänner von ganzem Herzen, ja wir können unsere Freude nicht einmal verbergen, daß diese ehemaligen Juden jetzt die „Zierden" der neuen Religion, der neuen Nation, der neuen Parteien geworden sind, daß sie ihre „Leuchten", ihre „Führer" sind, diese „Juden"! Unter den Juden hätten sie es doch gewiß nicht so weit gebracht, also mögen sie uns nun auch vom Halse bleiben, wir tragen keine Sehnsucht nach ihnen, weder nach dem Porzer, noch nach dem Stransky. Daß dieser Letztere de conf688ioue nicht Jude ist, bedarf wohl nicht der Versicherung, er ist giltig getauft; daß er der jüdischen politischen Nation nicht angehört, das ist ja eine erwiesene Thatsache; und daß die Stammeszugehörigkeit nicht das ausschlaggebende Moment ist, davon zeugen so viele Deutschnationale und Andersnationale, die den Einschlag jüdischen Blutes nicht zu leugnen vermögen und dennoch ihre nichtjüdische Nationalität behaupten. Also sind auch von diesem Gesichtspunkte aus nach ihrem Sinne weder der Porzer noch der Stransky Juden. Und ihre Politik — nun die ist doch gar nicht jüdisch, ebensowenig beim Porzer wie beim Stransky. Man macht es den Juden zum Vorwurf, daß sie freisinnig sind — weder Porzer noch Stransky sind fteisinnig, sie sind beide gleich regctionär, der eine mit exclusiv ultramontaner, der andere mit czechisch-clericaler Färbung, bei beiden ist für den jüdischen Freiheitssinn kein Platz. Sie sind Knechte geworden der neuen Lehren oder Lehrer, die sie sich selbst gewählt haben und sie fühlen sich offenbar wohl in dieser Knechtschaft mit güldenen Ketten. Wenn nun doch wieder im österreichischen Abgeordnetenhause die Wiener Christlich-Socialen, denen die Politik S t r a n s k y's, wiewohl sie mit den Feudalen und Ultramontanen, mit denen auch die Wiener Christlich-Socialen zu liebäugeln verstehen, Hand in Hand gehen, mißfällt, weil sie antiwienerisch ist, dem Stransky zurufen „Jud" — so mögen sie sich erinnern, daß sie in ihrer Partei auch einen Stransky haben, der Porzer heißt. Sie sind Beide gleichwerthig. A. W i e n e r. Das jüdische Museum an Carl Goldmark. Anläßlich des 70- Geburtstages Goldmark's hat das Curatorium des jüdischen Museums folgende Adrksse an den berühmten Tonkünstler gerichtet: „Hochgeehrter Herr! In weihevoller Stimmung feiern wir heute Ihren 70. Geburtstag und begrüßen mit hellem.Klang die Stunde, in der Sie das Licht der Welt erblickt. Begeistert von der Allgewalt der Töne, mit der Sie unsere Herzen zu rühren vermochten, erkennen wir in der Musik die edelste, reinste, erhabenste aller Künste, die wie keine andere dem Fühlen und Denken nicht nur eines Individuums, sondern auch eines ganzen Volkes Ausdruck zu verleihen vermag, die wie keine andere Jedem, der nur die Empfänglichkeit hiefür besitzt, die wonnigsten Gefühle, die innigsten Empfindungen vermittelt, und die wie keine andere ihre Meister zu wahren Wohlthätern und Tröstern der Menschheit erhebt. Als ein gottbegnadeter Künstler haben Sie die Gewalt über die Töne und mit ihr die Herrschaft über die Gefühle der Menschen erhalten, und Sie üben Sie mit jener idealen Reinheit aus, die nur dem wahren Meister zu eigen ist. Sie leuchten aber nicht nur durch Ihre eigene Individualität als Stern am Kunsthimmel, Sie haben auch als treuer Sohn unseres Stammes nationale Klänge anzuschlagen, herrliche historische Erinnerungen aus unserer Geschichte in von orienta-