Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenfchrifk. Seite 369 Den Hauptinhalt des Stückes bildet der Kampf der zwei Demagogen, des „Paphlagoniers" und des „Wursthändlers", um die Gunst, das heißt um die Beherrschung und Ausbeutung des Volks von Athen, des „Demos". Dieser selbst ist ein alter Mann, der „da sitzt wie ein Haubenstock" — man könnte auch „Barrierestock" übersetzen. Der Chor redet ihn in folgender Weise an: „Demos, wie Du gewaltig bist. Und gefürchtet von Jedermann, Herrschest als unumschränkter Regent und Gebieter! Aber leicht Dich bethören läß'st Du von Schmeichlern, die ränkevoll Dich am Narrenseil führen; denn Schwatzt Dir einer was vor, da sperrst Maul und Nase Du auf — Dein Witz Ergeht sich wo anders. (Vers 1110—1119 nach L. Seeger's Uebersetzung.) Der Paphlagonier ist Niemand anders als K l e o n, dessen Rolle Aristophanes selbst spielte. Wer mit seinem Gegner, dem „Wursthändler" gemeint ist. das ist nicht recht klar. Manche glauben, er stelle nur die abstrakte Schlechtigkeit, das Ideal eines Schuftes vor. Wenn er aber selbst sagt, er habe nichts gelernt, nur ein Bischen lesen, so wird es uns nicht schwer, fein Ebenbild unter modernen Demagogen zu finden, deren Erfolge eine Person des Lustspiels in folgender Weise erklärt: „Das Bischen Lesen könnt' am End' Dir schaden; Regieren ist kein Ding für Leute von Charakter und Erziehung! Niederträchtig, Unwissend muß man sein!" An einer anderen Stelle heißt es: „Unverschämtheit ist die Haupteigenschaft des Volksredners." Kleon wird als Feigling geschildert, der all' sein Leben lang eine feige Memme war und sich mit fremden Federn schmückte, der die Einen beschwatzt, die Anderen ängstigt und foltert. Seinem Gegner droht er: „Du wirst was erleben - Steuern zahlen mehr als Du kannst, Und mit den Reichen sollst Du mir Auf einer Liste steh'n." (Im ersten Wahlkörper?.) Der Wursthändler wieder hat alle Eigenschaften, „die ein Demagog braucht", u. A. die schönste Brüllstimme, und ist e i h Lump von Geburt. Er droht dem Paphlagonier, ihn als Deserteur und Defraudanten anzuzeigen und ihm ein Dutzend Processe an den Hals zu hängen, wogegen dieser wieder den Wursthändler und seine andern Gegner als Hochtzerräther denunciren will. Doch wie die Beiden um die Gunst des Demos buhlen und einander beschimpfen und verleumden, muß man im Stücke selbst lesen. Schließlich triumphir-t der Wursthändler, weil er der pöbelhaftere und frechere, der größere Schuft ist. Und darin liegt die furchtbare, noch nicht veraltete Moral des Stückes: „Ehe ihr Athener nicht an den Abgrund der politischen Demoralisation angelangt, ehe ihr nicht zu gehorsamen Werkzeugen eines noch ärgeren Schurken als Kleon geworden seid, darf man nicht hoffen, euch zur Besinnung zurückkommen zu sehen. Ihr müßt den Taumelkelch bis zur Hefe geleert haben, ehe ihr wieder nüchtern werden könnt." So erklärt cs sich auch, daß der literarische Erfolg, des Aristophanes ein überaus glänzender, der politische aber gleich Null war. Kleon behielt seine Macht und seinen Einfluß, bis er in die Grube fiel, die er sich selbst gegraben hat. Aristophanes hat großen Muth bewiesen, als er sein Stück auf die Bühne brachte und es ehrt die Athener, daß sie die Aufführung gestatteten und daß die Richter ihn dafür mit dem Preise krönten. Eine solche Erhebung über den politischen Kampf kommt jetzt nicht mehr vor und eine solche Verhöhnung des „Lieblings des Volks" würde jetzt wohl eine wohlweise Theatercensur nicht gestatten?) Und dies mag zum Theil die eingangs gestellten Fragen beantworten. Jedenfalls kann uns das dreiundzwanzig Jahrhunderte alte Lustspiel als Ersatz für die ungenügende moderne Satire der gegenwärtigen Zustände dienen. _ L. 4) Uebrigens scheint Kleon sich an Aristophanes gerächt zu haben, wie dieser es am Schlüsse seiner „Wespen" andeutet. Zur Tage der gallischen Juden. Von Leo Herzberg-Frankel. Ein in Krakau erscheinendes Wochenblatt „Sprawiedliwosc" ruft mir nach Abdruck meines in der „Oesterreichischen Wochenschrift" erschienenen Artikels „Die Polen und die Juden" die schmeichelhafte Mahnung zu: Genug des Schreibens und der Theorien; kommt endlich zur That und den unglücklichen Juden, die da in Galizien verhungern, zur Hilfe und seid froh, daß die jüdischen Abgeordneten unsere Nothlage im Landtage nicht zur Sprache brachten und so eine erbärmliche Judendebatte ersparten, der sie nicht Stand gehalten hätten." Diese Voraussetzung ist absolut unrichtig. Wenn das Elend der Juden im galizischen Landtag in wirksamer Weise zur Sprache gebracht worden wäre, so hätte er wahrscheinlich eine Hilfsaction abgelehnt, weil sich die Noth über einen so gewaltigen Kreis erstreckt, eine gehässige Debatte aber war nicht zu besorgen. Nach Außen hin sind die Polen auf ihren alten Ruf, ein hochherziges, ritterliches Volk zu sein, eifersüchtig und mancher Aristokrat und Clericaler hätte seine Theilnahme ausgesprochen und der armen jüdischen Bevölkerung die besten Wünsche votirt. Selbstverständlich fänden sich einige ehrenfeste Kerls wie Stojalowski, irgend ein polnischer Gregorig, ein ruthenischer Schneider, die die Juden mit Jauche beschüttet hätten; ab^r auf solche Unfläthigkeiten müssen wir in der schönen lichtvollen Gegenwart gefaßt sein. Ein moralischer Erfolg wäre unzweifelhaft erreicht worden durch die laute Verurtheilung des Antisemitismus und der judenfeindlichen Rohheiten, wie sie in Galizien hie und da spuken. Es ist somit eine bedauerliche Unterlassungssünde der jüdischen Abgeordneten gewesen, die traurige Lage ihrer Mandatgeber nicht zur Sprache zu bringen und die Vogel-Strauß-Politik zu spielen. Der weitere Vorwurf, daß man viel schreibt, spricht und nichts thut, muß ich, weil er an meine Adresse gerichtet ist, für meinen Theil mit dem Bemerken zurückweisen, daß ich meinen armen Religionsgenossen in Galizien leider nur einen Zeitungsartikel widmen kann. Stünden mir die Baron Hirsch'schen Legate zur Verfügung, würde ich ihnen ein Stück Syrien oder Arabien verehren und einen großen Auszug aus dem polnischen Mizrajim ins gelobte Land unserer Väter arrangireu. Es möge mir bei dieser Gelegenheit eine kleine Abschweifung gestattet sein, die jedoch zum Gegenstände gehört. Während der schönen Stunden, die ich in Meran in Gesellschaft des mit Recht gefeierten Geheimraths Professor Lazarus und seiner gelehrten Frau Nahida Ruth verbrachte, waren zumeist die Verhältnisse der Juden in Rußland und Polen der Gegenstand unserer Unterhaltung. Prof. Lazarus kennt sie aus der Zeit der großen russischen Emigration, wo er Vorsitzender des Berliner Hilfscomites war. Er pflichtete mir vollkommen bei, daß* nur eine groß angelegte Colonisation in Asien einen Erfolg haben und eine wirksame Hilfe den nothleidenden Juden bringen könne und lenkte meine Aufmerksamkeit auf eine vor etwa dreißig Jahren vom Prof. Sprenger in Bern erschienene Publication über das Gebiet am Euphrat und Tigris. Dies, etwa acht- bis zehntausend Quadratmeilen umfassende, verwahrloste, verdorrte und sterile Land, hatte noch zur Zeit der Khalifen eine reiche tropische Vegetation, Aquäducte und vortreffliche Straßen. Die Cultur stand so hoch, daß die Khalifen einen ordentlichen Postverkehr zwischen den einzelnen Provinzen und Babylon einrichteten, somit jahrhundertlang vor der General-Postmeisterschaft der Fürsten Thurn und Taxis in Deutschland. Erst unter türkischer Herrschaft verfiel das Land nach und nach in seine jetzige Verödung und Verwilderung; besitzt jedoch in seinen klimatischen Verhältnissen und in seiner Bodenbeschaffenheit die Bedingungen zu einem ertragreichen landwrrthschaftlichen Aufschwung, allerdings nach einem harten Anfang und der Sultan soll einsichtsvoller Weise die Colonifirung jener Gegenden, denen er durch Urbarmachung die ehemalige Blüthe zurückbringen möchte, begünstigen und auch schon Geldopfer gebracht haben. Prof. Sprenger war ein genauer Kenner und Topograph Kleinasiens und besonders Mesopotamiens und des Euphratgebietes, der ältesten Wiege der Menschheit. Nach ihm wäre hier der Spaten anzusetzen um die lang feiernde Erde aufzuschließen und sie zu zwingen, ihren Reichthum, den sie viele Jahrhunderte sparte, abzugeben. Hier, wo die Flüsse gleich dem Nil, Felder und Wiesen befruchten, wo die Sonne rasch