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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 366 Dr» Vlorq's MochenfchrriL. »Jh-. 20 Freilich es schämt sich ein wenig seines Namens, nennt sich Jubiläumstheater, und ein guter Freund des sich auf seinen Vortheil so gut verstehenden Dr. Müller aus dem Dorfe Guttenbrunn in Ungarn, hat sogar eine Broschüre geschrieben, um zu beweisen, daß es kein antisemitisches Theater sei. Jüdische Schauspieler werden zwar nicht engagirt, Dramen jüdischer Schriftsteller nicht aufgeführt, aber Juden ist der Eintritt gestattet, sie haben nur außer dem Billetpreis den üblichen Leibzoll zu entrichten und dürfen dann das Hepp Hepp von der Bühne anhören; jüdische Kritiker dürfen die Aufführungen loben, nur wenn sie tadeln, werden sie dumme Judenjungen. Shakespeare's „Kaufmann von Venedig" ist in diesem Theater antisemitisch zugestutzt worden, und wie es heißt, soll nächstens Moliöre's Tartuffe in antisemitischer Bearbeitung aufgeführt werden: die Stelle des Tartuffe soll ein jüdischer Rabbiner einnehmen, und der Dorine wird er statt eines Halstuchs eine Flasche Sodawaffer anbieten. Auch „Nathan der Weise" ließe sich leicht ins Antisemitische übertragen: Man braucht nur den Patriarchen zum Rabbiner von Jerusalem zu machen und Nathan der Recha jede Woche einen Liter Blut abzapfen laffen. Recha gibt dann einem schönen Tenoristen mehrere Tausend Goldstücke zu seiner Ausbildung im Gesang uud wird dafür verurtheilt, eine Bußfahrt nach Rom in weltlicher Kleidung zu unternehmen. Auf dem Theaterzettel wäre dann der Name des antisemitischen Schneiders, der ihre Toilette anfertigte, anzugeben. Ich hoffe, der nicht sehr ideenreiche Dr. Müller wird mir für diese Anregung nicht antisemitisch dankbar sein. Auch von Shakespeare wären außer dem „Kaufmanne" noch andere Stücke zu gebrauchen. Z. B. „Macbeth", der nach allen Unthaten, die er begangen hat, keine Strafe fürchtet, und stets guter Dinge bleibt, denn ihm haben die Hexen prophezeit, es könne ihm nichts geschehen, so lange die Bäume des Birneamwaldes sich nicht gegen ihn erheben. Wie aber die Stämme und Barrierestöcke lebendig werden und Opposition zu machen beginnen, da wird er „des Tageslichts müde". Oder „Maß für Maß", das ja in W i e n spielt. Da finden wir einen Lord Deputy (Statthalter) des regierenden Herzogs, der fromm wird, weil es so Mode ist und Andere zur Sittlichkeit und Frömmigkeit zwingen will, einen Intriganten Lucio, der den verkleideten Herzog, den er nicht erkennt, beschimpft, dann Unschuldige verleumdet und. als Majestätsbeleidiger denuncirt u. s. w. Am zeitgemäßesten und interessantesten wäre aber die Aufführung von Aristophanes' Lustspiel „Die Ritter". Obwohl in Athen vor 2324 Jahren geschrieben, macht es doch den Eindruck, als sei es erst jetzt in Wien entstanden. Und das könnten am Ende unsere antlsemitischen Größen glauben, die von Kleist nichts wiffen und den „Kaufmann von Venedig" für ein Werk Grillparzer's halten. Bevor ich jedoch zu Nutz und Frommen des Jubiläumstheaters den Inhalt der „Ritter" mittheile, muß ich eine kurze Darstellung der Zustände in Athen zu jener Zeit und des Lebens der Hauptperson, des Volksführers Kleon geben. % Nach dem Tode (a. 429) des hochsinnigen P e r i k l e s, des großen Staatsmannes und Beschützers von Kunst und Wiffenschaft, unter dem Athen in geistiger, sowohl als politischer Hinircht den ersten Rang unter den Staaten Griechenlands erlangte und der seinem Zeitalter den Namen gab, nach dem Tode dieses „liberalen Jntellectuellen", wie man heute sageu würde, begannen die ungebildeten und ungezogenen Gewerbsleute, die „Freunde des kleinen Mannes" an die Oberfläche zu kommen: Der Hanfhändler und Seiler Eukrates, der Schafhändler Lysikles, der Klempner Hyperbolus und allen voran der Gerber Kleon, begannen politische Rollen zu spielen. „Das Volk", sagt Seeger, der Erklärer und Ueberscher des Aristophanes, „hatte (nach dem Tode des Perikles) lm eigentlichsten Sinne des Wortes den Kopf verloren, es stand verwaist da, mißtrauisch gegen die Reichen, zwischen leichtsinnigem Selbstvertrauen und rathloser Verzweiflung hin- und hergeworfen. Natürlich, daß es zu Seinesgleichen immer noch das meiste Vertrauen hatte. Aber von diesen, die bei allem Talent, das sich im Einzelnen geltend machte, doch im banausischen Sinn, im gemeinsten Egoismus befangen waren, die den Staat größtentheils nur für ihre Zwecke ausbeuteten, die das Regieren für ein Handwerk, wie ein anderes ansahen nur hundertmal einträglicher — von diesen banausischen Politikern, diesen Demagogen, die das Sclavengepräge mehr am Geiste als an schwieligen Händen trugen, wurde das hilf- und brodlose Volk so gut geprellt wie von den Oligarchen".') Kleon hatte sich schon bei Lebzeiten des Perikles als Redner in Volksversammlungen bemerklich gemacht und durch fteche Angriffe auf Diesen Popularität zu erwerben gesucht. Er und Hyperbolus brachten die schärfere oder richtiger gesagt gröbere Tonart in die öffentlichen Versammlungen;* 2) denn „er besaß ein großes Schimpftalent" (talent kor invective), sagt der Engländer Grote in seiner Geschichte von Griechenland. Dabei hatte er vielen Fleiß und Geschäftskenntniß, eiserne Keckheit (unflinching audacity) und Schlagfertigkeit. Thucydides (Peleponesischer Krieg Hl 36, V 16) schildert ihn als unehrlichen Verleumder, giftigen und heftigen Ankläger. Nach Plutarch (in der Biographie des Nikias) hatte er sich durch Schmeicheleien und kleine Gefälligkeiten beim Volke beliebt zu machen gewußt und suchte sich dessen Gunst durch gemeine Spaßmacherei in seinen Reden zu sichern: „Er war der erste, welcher in den Volksversammlungen allen Anstand bei Seite setzte, laut schrie, das Oberkleid abwarf, so daß er fast nackt dastand, hin- und herlief, sich auf die Schenkel schlug u. s. w." Daß er auch bestechlich war und Unterschlagungen , beging, ist nur von Aristophanes aber von keinem Historiker gesagt worden. Dagegen war er ein grausamer unerbittlicher Feind, und als die Mitylener, welche sich gegen Athen empört hatten, besiegt worden waren, beantragte er, sämmtliche männliche Gefangene — bei 6000 — zu tödten, die Weiber und Kinder als Sclaven zu verkaufen. Die von ihm beherrschten Athener stimmten ihm zu und gaben ihrem General in Mitylene Befehl zur Vollziehung des Massenmordes. Es waren aber doch noch einige menschliche Seelen in Athen und es gelang ihnen am nächsten Tage eine zweite Volksversammlung zur Reassumirung der Verhandlung zu Stande zu bringen. Kleon vertheidigte in heftiger aufreizender Rede ’) seinen Antrag, aber sein Gegner Diodotus, der nur Bestrafung der Rädelsführer, forderte, siegte, mit freilich sehr geringer Majorität. Ein Eilschiff mit dem geänderten Beschluß wurde nach Mitylene gesendet und traf dort noch zu rechter Zeit ein. Statt sechstausend wurden nur tausend Rädelsführer oder vielmehr die angesehensten Einwohner hingerichtet. Ob Kleon in der Medicin mehr Zutrauen zu alten Weibern als zu seinem Zeitgenossen Hippokrates hatte, wissen wir nicht, aber für einen großen Kriegskundigen hat er sich gehalten und sich erlaubt die Generäle zu tadeln. Die schlauen Athener nahmen ihn beim Wort und sagten: wenn Du es besser verstehst, so übernehme das Cvmmando. In seiner eigenen Schlinge gefangen, mußte er nun zur Armee sich begeben, die anfangs auch einen Erfolg gegen die Spartaner errang, der aber wohl mehrfeinem College» im Cvmmando, dem General Demosthenes zu verdanken war. Kleon hielt sich schon für einen großen Feldherrn, wie gewisse Stadträthe, wenn es ihnen gelingt viele Millionen zu vergasen, sich für Fiuanzgenies halten. Aber schon im nächsten Feldzuge erlitten die Athener eine große Niederlage bei Amphipolis, und der Feldherr Kleon war einer der ersten, welche davonlicfeu. Aber seine Feigheit rettete ihm nicht, er wurde auf der Flucht ein geholt und (a. 422) getödtet. Grote, der ihn noch am mildesten beurtheilt, sagt, seine Feigheit sei noch tadelnswerther gewesen als seine vollkommene Unkenntniß der Kriegskunst. Schon wenige Monate nach dem Tode des stets zum Kriege hetzenden Kleon wurde zwischen Athen und Sparta Frieden geschlossen. Auch innerhalb eines Stadtwesens sind es stets nur einige Hetzer und Demagogen, welche den ihnen Vortheil bringenden Hader unter den Bürgern nähren. Im Januar 424, nach den ersten kriegerischen Erfolgen Kleon's, als er auf der Höhe seiner Macht und der Volksgunst stand, wurde Aristophanes' Meisterwerk „Die Ritter" in Athen aufgeführt. ') Ich bemerke, daß Seeger's Werk schon 1844 erschienen ist, also lange vor Erfindung des „Christlichsocialen". 2) Plutarch, Perikles, Cap. 33 und Parallele Nikias-Crassus. s) Unter Anderem sagte er: „Wenn Ihr gegen das Recht Eure Herrschaft behaupten wollt, so müßt Ihr, auch wenns nicht recht wäre, die Mitylener bestrafen, weil es Euer Vortheil gebietet, oder Eure Herrschaft aufgeben und die Rolle rechtlicher Menschen spielen." (Thucydides III 40). Das ist doch jedenfalls aufrichtiger als Manche über die neue Gemeindewahlordnung gehaltene Rede.

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