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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift« Seite 367 Präsidenten der israelitischen Allianz einen solchen Liebesdienst zu erweisen und die Generalversammlung zu ersuchen, sie möge Herrn v. Gutmann nicht einem Refus seitens der Finanzmänner aussetzen. Die Franzosen geniren sich nicht, gegenüber ihren russischen Freunden zu erklären, sie bewilligen nur ein neues russisches Anlehen, wenn der russische Kaiser verspricht, die Weltausstellung in Paris zu besuchen. Warum sollten die jüdischen Finanzmänner Europas Rumänien gegenüber nicht den Standpunkt des Berliner Vertrages zur Geltung bringen und die Erleichterung der Lage ihrer hartbedrängten Glaubensgenossen als Concession für die Gewährung eines neuen Anlehens fordern? Welche geheimnißvollen Motive „höherer Politik" Herrn Dr. Theodor H e r z l leiteten bei der Bekämpfung jenes Antrages, welcher in rumänischen Regierungskreisen jedenfalls unangenehmer empfunden würde, als bei den jüdischen Finanzmännern, die jederzeit Herren ihrer Entschließungen bleiben, das mögen nur „Eingeweihten" ahnen. Uns fehlt leider die diplomatische Schulung, wir kennen nur die unbestrittene Pflicht der europäischen Juden, den verfolgten rumänischen Brüdern Erleichterung und Hilfe zu bringen. Wir haben in der vorigen Nummer ausgeführt, welche Action wir namentlich von englischer Seite zum Schutze der Juden in Rumänien gegen die wortunv vertragbrüchigen Rumänen erwarten, und wir haben diesen staatlichen Schutz allen anderen Maßregeln vorangestellt, weil er das Rückgrat, das feste Knochengerüste bilden muß, an das sich jene weiteren Schritre anlehnen sollen, die von den Juden in Rumänien selbst und von den Juden außerhalb Rumäniens in übereinstimmender Weise unternommen werden sollen, damit Rumänien den verdienten Lohn des Treubruches erhalte. Die armen, geknechteten, ihrer Rechte beraubten, verfolgten und gehetzten Juden, denen man nicht blos in Rumänien ihre rechtliche und bürgerliche und wirthschaftliche Existenz rauben will, verfügen über keinerlei materielle Machtmittel, mit denen sie ihre Gegner gewaltsam hindern könnten, das beabsichtigte Unrecht auszuführen. Da aber das Recht und die Moral auf ihrer Seite sind, vermag die kleine und schwache Schaar gegen das rumänische Unrecht ebenso Großes zu leisten, wie die Makkabäer, solange sie einig waren, den römischen Legionen zu widerstehen vermochten. Festhalten an Recht und Sitte ist die Devise, mit der wir in den Kampf gehen müssen, den wir nicht gesucht haben, dem wir aber, da er uns aufgedrängt wird, auch nicht ausweichen können. Das Recht gebietet allerdings, daß Rumänien zur Einhaltung der Verpflichtung, unter denen es die Anerkennung seiner staatlichen Selbstständigkeit erschwindelt hat. gezwungen werde, allein, da der Berliner Vertrag keine Exekutivgewalt eingesetzt hat, welche Rumänien zu verhalten hätte, seine Pflicht zu erfüllen, wird man sich in erster Reihe allerdings damit begnügen müssen, die Mächte immer von Neuem daran zu erinnern, daß sie die moralischen Garanten des Berliner Vertrages und Mitschuldige sind, wenn sie es dulden, daß er gebrochen wird. Ueber diesen akademischen Protest hinaus wird man insolange nichts Praktisches aus staatspolitischem Gebiete erfolgreich unternehmen, als nicht einer der Staaten seiner moralischen Verpflichtung gemäß handelt. Inzwischen wird man aber auf unpolitischen Gebieten doch nicht die Hände in den Schoß legen und die rumänischen Juden ihrem traurigen Schicksale preisgeben dürfen. Zwei Wege gibt es, sie aus der Knechtschaft zu befreien: einen positiven und einen negativen. Den positiven müssen sie selbst betreten, den negativen müssen alle Juden verfolgen, die in irgendwelchen Beziehungen zu Rumänien stehen. Der positive Weg ist und bleibt die Auswanderung. Wie aus Mizrajim zu Pharao's Zeiten, so müssen die Juden jetzt aus Rumänien fortziehen und sich eine neue Heimath suchen. Es ist ein schweres Opfer, das ihnen zugemuthet wird, aber kein unmögliches. Rumänien will ihnen nicht Heimat, nicht Baterlano sein, es will sie nicht als seine Söhne anerkennen, es verweigert ihnen nicht nur gastliche Aufnahme, es verwehrt ihren Kindern das Wissen und die Arbeit, es raubt ihnen Gegenwart und Zukunft, es unterbindet ihren Erwerb und es verwehrt ihnen die freie Glaubensübung. An ein solches Land kann sie also nur noch die Erinnerung an die theueren Todten knüpfen, die sie in die ungastliche Erde betten mußten, sonst nichts! Und diese ihre Todten können sie getrost dem Schutze des Allmächtigen überlassen, der an Rumänien wiederholen wird, was er an Mizrajim gethan. Sie aber sollen den Wanderstab in die Hand nehmen und sich eine neue Heimat suchen. Sie sind arbeitsfähige, arbeitswillige, arbeitgewohnte Männer und Weiber, unter Entsagungen und Entbehrungen, unter physischen und moralischen Leiden aufgewachsen, ihren körperl chen Anstrengungen und ihrem geistigen Wollen wird es gelingen, in einer neuen Heimat ein besseres Dasein zu erlangen. Wo aber für 900.000 Menschen ein neues Heim gewinnen? So gestellt, wäre die Frage allerdings kaum lösbar. Für alle sofort eine neue Ansiedlungsstätte zu schaffen, ginge allerdings nicht an, allein so wie der Sultan von den besten Intentionen beseelt ist, die arbeitstüchtigen rumänischen Juden in Kleinasien anznfiedeln, so werden in Süd-Amerika und in Afrika Territorien zu erlangen sein, auf welchen größere Gruppen nach und nach werden neue Gemeinwesen bilden können, wenn in geeigneter Weise die Vorbedingungen hiefür geschaffen werden. Eine dieser Vorbedingungen wäre der wiederholt betonte Schutz einer europäischen Großmacht, die andere die sorgfältige Vorbereitung des Bodens, auf dem die Ansiedlung erfolgen soll. Die negativen Erfahrungen, die man bei Ansiedlung der russischen Emigranten gemacht hat, müssen eben benützt werden, damit sich die traurigen Folgen nicht wiederholen, aber diese Erfahrungen dürfen nicht davon abschrecken, die rumänischen Juden aus einer Lage zu befreien, in der sie physisch dem Hungertode preisgegeben sind, moralisch dem geistigen Tode verfallen. In keinem anderen Lande ist jetzt die „Judennoth" größer, als in Rumänien, es muß sich daher die Rettungsaction der Juden aller Länder auf die Juden dieses einen Landes concentriren und alle Kräfte müssen angespannt werden, ihre Befreiung zu bewirken. Nebst dem positiven Wege, der sie hinausführt aus dem Lande der Knechtschaft, müssen aber auch negative Mittel angewendet werden, damit die Rumänen die Folgen ihres Wort- und Treubruches empfinden. Wer immer mit diesen Meineidigen verkehren mag — der Jude muß sie meiden. Kein Jude mache ein Geschäft mit einem Rumänen, kein Jude kaufe ein rumänisches Product, kein Jude gebe einem Rumänen Credit, kein Jude nehme rumänisches Geld und wer rumänische Papiere besitzt, der veräußere sie, entledige sich ihrer und nehme nie wieder eines derselben an. Aller Verkehr mit ihnen sei abgebrochen, alle Verbindung mit ihnen sei aufgehoben, sie haben Treu und Glauben gebrochen im politischen Leben und somit darf man ihnen auch im bürgerlichen und wirthschaftlichen Leben nicht Treu noch Glauben schenken. Sie können sich darob nicht beklagen. Sie wollen keinen Verkehr mit Juden im Lande, nun so brauchen sie auch keinen im Auslande. Sie können uns-r entbehren, wir noch eher ihrer und je consequenter die Juden aller Länder, in Deutschland, in England, in Holland und Italien, in Oesterreich und in Ungarn die Unterbrechung des Verkehrs mit den Rumänen auf allen Gebieten durchführen — umsomehr bleiben der moderne Pharao und die Egypter sich selbst überlassen und können in ihrem eigenen Fette ersticken. Sie wollen es nicht anders, sie verdienen nichts Besseres. A. W. Antisemitisches Theater. „Es ist schwer über gewisse Dinge eine Sattre nicht zu schreiben", klagte der römische Dichter, und in der That gibt es manchmal Zustände und Menschen, die zur Satire herausfordern, Zeiten, in denen die Enttüstung über öffentliche Mißbräuche, über Corruption, Scheinheiligkeit und sonstige Heuchelei uns die Feder in die Hand drückt: kaeit indignatio versum. Sollte man nicht glauben, daß es bei den gegenwärttgen Zuständen in Wien mit Satiren regnen müßte, daß den Meisterwerken der Aristophanes, Juvenal, Swift, Moliöre, Parini vergleichbare Dichtungen entstehen müßten? Und doch wie gering an Zahl und noch geringer an Werth ist jetzt bei uns die sattrische Dichtung, besonders die dramatische! Liegt dem Mangel an Geist, Mangel an Muth oder gar Verachtung zu Grunde? Wagt man es nicht, die antisemittschen Demagogen und ihre hochstehenden Protectoren auf die Bühne zu bringen oder hält man sie der Sattre nicht würdig — unter aller Kritik? Freilich sagen Manche, der Anttsemitismus sattrifire sich selbst, er „spotte seiner selbst und weiß nicht wie", habe sich ein ganzes Theater auf Gemeindekosten errichtet, das nichts anderes als eine Satire auf den anttsemitischen Geist sei.

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