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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seit« 366 Dr. Bloch's Wochrnfchrifi. Sir. 20 Noch erinnere ich mich lebhaft des Eindruckes, den ich als blutjunger Student auf einem Stiftungsfest des Berliner Vereins „Waldeck" empfing. Ich war überrascht, mich unter lauter Stammesgenossen zu befinden und ich fragte meinen Nachbar im Ernst, ob es ein specifisch jüdischer Verein sei. Die paar Christen, die man da sah, schienen die Rolle der Renommirarier zu spielen. Und auch in den Bezirks vereinen und in allen freisinnigen Versammlungen bildeten die jüdischen Mitglieder die eigentliche Treibkraft und sie allein trugen da den frischen, warmen Zug und das pulsirende Leben hinein. Welche Begeisterung, welcher Idealismus herrschte damals in den Reihen des Freisinns! Welch ein kräftiger, wohlthnender Wind wehte in den Versammlungen! Man merkte damals noch nichts vom senilen Geist der Concefsionsmacherei, von der Compromißsucht des behäbigen Philisterthums, von den lächerlich-würdigen Manieren einer Regierungspartei auf Kündigung. Es war noch eine echte Oppositionspartei, eine Stätte des eigentlichen Bürgerthums und ein Sammelpunkt der schwärmenden, stürmenden Jugend. Aber diese Ideale wurden veraltet, wie alles im Leben. Es kamen andere Zeiten. Die Periode der socialen Gährung löste die Epoche des reinpolitischen Kampfes ab. Die sociale Frage trat in den Vordergrund des öffentlichen Lebens und nahm alles Jnterefie für sich in Anspruch. Niemand bekümmerte ssich mehr um politische Freiheiten. Das Volk schrie nach Brot und pfiff auf die stolze Theorie vom freien Spiel der Naturkräfte. Das eigentliche Bürgerthum wurde durch das Großcapital immer mehr proletarisirt und es gab gar bald keine politischen Parteien, sondern nur noch Classenvertretungen im Parlament. Wollte sich die fteisinnige Partei dieser neuen Gestaltung anpassen, so mußte sie einzig und allein den Handelsstand vertreten, denn alle andern Classen hatten ihre Parteien sich bereits gewählt. Der Freisinn aber mochte mit dem einmal ausgestellten Schematismus nicht brechen; er, der das Princip des Fortschreitens darstellen sollte, war nicht fähig, sich weiter zu entwickeln. Er hatte gar zu lange in Dogmen und todten Formeln gelebt, er rostete im ausgefahrenen Geleise ein, er erstarrte in den alten Fugen und blieb ein Petrefact. Das wäre nicht schlimm. Kein politisches Ideal ist für die Ewigkeit. Jedes Ideal hat seine Zeit und jede Zeit hat ihr Ideal. Das Hauptziel des bürgerlichen Liberalismus war schließlich erreicht und die meisten Forderungen der politischen Freiheit waren errungen. Wenigstens gab es keine Existenzberechtigung mehr für eine besondere Partei znm Palladium dieser theueren Güter. In drohenden Fällen könnten. — wie dies thatsächlich bei der Zedlitz'schen Schulvorlage und bei der Lex Heinze der Fall war — alle linken Parteien Zusammengehen. Der Freisinn könnte also, wollte er sich nicht zu einer socialen Partei entwickeln, ehrenvoll vom Schauplatze der Geschichte abziehen und seine reine Fahne begraben. Wer weiß? vielleicht würde sie dann eine andere Zeit wieder ausgegraben und entrollt haben. Aber nein, diese Kunst, schön und groß zu sterben, verstand der Freisinn nicht. Er wollte lieber siechen und seiner inneren Aust lösung entgegensetzen. Er blieb als schwacher Greis im Getöse des Parteikampfes und spielte im Leben eine halb komische halb traurige Rolle. Er theilte das Los aller Ex-Größen, er zehrte immer von seiner großen Vergangenheit. Sehr ernst nahmen diese Partei nicht einmal die Juden mehr, sie hielten zu ihr nur noch aus Pietät. Es ist aber traurig, wenn man um Pietät betteln muß. Pietät ist ein armseliges Gefühl, es riecht nach welken Blättern und verblühten Blumen, nach Moder und Grabesduft. Das schlimmste aber, was dem Freisinn passiren konnte, war, daß er im Kampfe ums Dasein zu den wunderlichsten Mitteln griff, daß er sein höchstes Ideal, die Gleichheit aller Bürger, verleugncte. Es ist heute ein offenes Geheimniß, daß der Freisinn durchaus nicht frei von Antisemitismus ist. Herr Reichstags-Abgeordneter Lenzmann, ein hervorragender Führer dieser Partei, hat es einmal ausgeplaudert: „Ein wenig antisemitisch angehaucht sind wir ja alle." Ich kann ihm aus Erfahrung bestätigen, daß er recht hat und daß er sich stets gehütet hat, in den Ruf eines Judenvertheidigers zu kommen. So fing eine gesündere Einsicht allmälig unter den deutschen Juden zu dämmern an und sie zogen sich müde und verbittert zurück. Die Behäbigen ^gingen zum wässerigen, verzuckerten Freisinn weiblicher Linie über und „strümpfelten" mit dieser anspruchslosesten aller Parteibildungen weiter. Die ordenssüchtigen Commercienraths-Candidaten suchten unter den Fittigen des „aufgeklärten" Nationalliberalismus Schutz und sie fanden chn, wenn sie eine nette Summe für die Parteicasse stifteten. Denn diese Partei „von Bildung und Besitz" kann den subtilen Unterschied zwischen Juden und Israeliten machen, wie jeder Kellner und Droschkenkutscher. Wer über 50.000 Mark Einkommen hat, der ist kein „semitischer Fremdling", sondern ein' „verehrter Parteigenosse jüdischer Confefsion." Die jüdische Jugend aber ging zu der Socialdemokratie oder — in die Nacht-Cafes. So endete diese Vernunftehe zwischen Judenthum und Freisinn tragikomisch. Beide Theile sind ernüchtert und verbittert und doch weiß man nicht, wem man die Schuld zuschreiben soll. Der eine Theil war bei der Verbindung jung, der andere reich, heute sind sie es beide nicht. Die Judenheit versprach sich zuviel von dieser Ehe, als daß auch nur ein Theil davon in Erfüllung gehen könnte. (Ein zweiter Artikel folgt.) Schutz den rumänischen Inden. Bei der diesjährigen Generalversammlung der Wiener israelitischen Allianz wurde eine lebhafte Debatte über die heutige Lage der Juden geführt und aus dieser Discussion verdient besonders eine Episode im Gedächtniß festgehalten zu werden: Dr. Theodor Herzl lenkte die Aufmerksamkeit der Vereinsleitung auf die Gefahren, welche von Rumänien aus drohen und stellte die Anfrage, ob und welche Vorkehrungen getroffen werden, um diesen drohenden Calamitäten rechtzeitig zu begegnen. Dr. Bloch ergriff hierauf das Wort, um diese Anregung des Dr. Theodor H e r z l nachdrücklich zu unterstützen. Ec verwies auf die düstere, ökonomische Lage der Juden Rumäniens, die unerhörte Grausamkeit, deren sie ausgesetzt sind, die unmenschlichen Verfolgungen, welche gegen sie begangen werden, Verfolgungen, welche an die Zeiten Pharao's und den Antiochus Epiphanes erinnern. Dem wort- und treubrüchiges Rumänien haben diese Verfolgungen allerdings keinen Segen gebracht. Ehemals ein prosperirendes Land mit blühenden Finanzen ohne Staatsschulden, seufzt es heute unter einer Schuldenlast von Milliarden, sein Staatscredit ist nahezu erschöpft und gerade jetzt bettelt wieder der rumänische Finanzminister bei den westlichen Finanzmännern um ein neues Anlehen. Dr. Bloch stellte darum den positiven Antrag, die diesjährige Generalversammlung der israelitischen Allianz in Wien stellt an den verehrten Präsidenten Herrn David Ritter von Gutmann das dringende Ersuchen, er möge sein hohes Ansehen und seinen weitreichenden Einfluß bei den jüdischen Finanzmännern in der Richtung einsetzen, daß dem rumänischen Staate kein weiteres Anlehen bewilligt werde, bevor nicht den verfolgten Juden dieses Landes im Sinne und nach den Verpflichtungen des Berliner Vertrages Erleichterung geschaffen werde. DieWiener israelitische Allianz ist das auch den österreichischen Juden gegenüber schuldig, weil das durch die Noth zur Auswanderung gedrängte jüdische Proletariat aus Rumänien schließlich keinen anderen Ausweg hat, als in Oesterreich Zuflucht zu suchen. Im Interesse unserer Selbsterhaltung müssen wir Alles aufbieten, um das harte Geschick unserer rumänischen Brüder zu erleichtern. Dieser Antrag des Herrn Dr. Bloch fand einen Gegner in Herrn Dr. Theodor Herzl. Er sagte, der Präsident werde dem Antragsteller nicht sehr dankbar sein, den Antrag selber sehr unbequem finden. Die Finanzmänner erschöpfen ihr Solidaritätsgefühl mit einer kleinen Gabe, die sie den Nothleidenden als Unterstützung gewähren. Es ist ihnen aber wichtiger, wenn das Geschäft mir Rumänien abgeschlossen wird, günstigere Bedingungen, etwa ein '/* Procent zu erlangen, als Erleichterung für die verfolgten Juden. Die Generalversammlung solle, so sagte Dr. Theodor Herzl, den Präsidenten nicht einem Refus aussetzen. Wir entkalken uns jedes weiteren Commentars, bemerken blos, daß der Antragsteller sich wohl darüber im Vorhinein klar war, mit seinem Anträge dem Präsidenten eine besondere Gefälligkejt nicht zu erweisen und forderte gerade darum für seine Anregung die Unterstützung der Generalversammlung, weil der Präsident die Aufträge der Generalversammlung ausführen muß, auch wenn sie ihm nichtgerade bequem sind. Unerwartet war lediglich die Thatsache, daß Herr Dr. Theodor Herzl sich veranlaßt gefühlt hat, dem

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