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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-11 · 19 (11.5.1900) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
19 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 360 Br. Bloch's Wochrnfchrrfl. Nr. 19 keuner zu entfremden, als ferner bei einer Rede des Delegirten von Stryj, Abgeordneten Dr. F r u ch t m a n n, ein Zionist auf die Bemerkung des Redners: „Sie nennen sich Zionisten, und wir — ich weiß nicht wie wir heißen.. ." das Schimpfwort: „Meschumodim" in den Saal schleuderte.^ Die Versammlung schäumte auf und der unbesonnene Zwischen ^Wie die meisten ihrer Parteicolleginnen in Preußen sucht sie ihre sfade Suppe mit Antisemiten-Maggi zu würzen. „Sehr billig und schmackhaft, in allen Sorten vvrräthig". Als der Sturm der Entirüstung gegen die lex Heinze hier mit geradezu elementarer ^Gewalt losbrach, fand sie mit gewohntem Scharfblick heraus, daß es eigentlich nur ein Kampf des Judenthums gegen das Christenrufer entging nur durch schleunige Flucht einer standrechtlichen'!^thum sei und daß die Menzel, Begas, Werner, Momsen, Lips, Behandlung. Die Atmosphäre war so schwül geworden, die veri^Spielhagen und Sudermann nur für die Synagogen eintreten. einigte Opposition der Orthodoxen und Zionisten schien so ge-^Nun regt sie sich über den Fall Sternberg furchtbar auf fahrdrohend, daß in später Rachmittagsstunde der Abgeordnete / 'Juitb kann es nicht begreifen, daß der „jüdische Lüstling" nicht Dr. v. Rapoport in die Debatte eingriff und in mächtiger {Ans Zuchthaus wanderte. Wir wißen nicht, ob Sternberg der Ab- Erregung, die sich bis zum Ausbruch von Thränen steigerte, )>!stammung nach — der Religion nach ist er geborener Katholik— den erhobenen Anklagen entgegentrat und zu Frieden und . jüdisch ist, daß aber wissen wir, daß kein Jude ihm eine Thräne Eintracht mahnte. Die Bedeutung dieser Rede lag in der!>*nachweinen würde, wenn er 5 Jahre Zuchthaus bekommen hätte. Anerkennung der auf die Stärkung des jüdischen Selbst-" Diese badische treue Wächterin der Sitte und Tugend kann es bewußtseins gerichteten Bestrebungen und darin lag zweifellos auch als stillschweigende Bekenntniß, daß den Angriffen auf!! die assimilatorische Richtung unter den jetzigen, so traurig \' veränderten Zuständen, Berechtigung nicht abzusprechen sei. i Die Rede des Abgeordneten Rapoport hat es ermöglicht, daß die Verhandlungen des Gemeindetages in leidlichem Frieden zu Ende geführt werden konnten, sie hat in der Folge auch die 1 Vehemenz der zionistischen Angriffe gemildert, aber die vorhandenen Gegensätze hat sie nicht überbrückt und die Theilnehmer am Gemcindetage haben den Eindruck mit nach Hause genommen, \, daß die galizische Judeuschaft in zwei feindliche Lager gespalten^ ist, und daß die Taktik der Führer in der großen Masse des Volkes keinen Anklang findet. Dieser Eindruck wurde noch durch einen Zwischenfall beim Festbankett verschärft, bei welchem der orthodoxe Taubes die Assimilation mit einer Waffercur verglich. Auch diese neuerliche Anspielung auf die Entfremdung vom Judenthum wirkte wie eine platzende Bombe, und der Abgeordnete Dr. G o l d m a n n, der sich persönlich getroffen fühlte, gerieth in einen wahren Paroxysmus. Ich habe Ihnen hier ein Bild der äußeren Borgänge des Gemeindetages gegeben, das nicht sonderlich erfreulich ist. Während die Mehrzahl derGemeinden ihren Jndifferentismus durch völlige Abwesenheit bekundete, traten in der Versammlung selbst so tiefgehende Gegensätze zu Tage, daß der ständigen Commiffion, die nun als Executtv-Organ die Sache der galizischen Judenschast weiter zu 1 führen haben wird, die größten Schwierigkeiten erwachsen werden. Man hat in diese Commiffion zwei Zionisten, den Herren Dr. A. Kornhäuser und Stand, und dem orthodoxen Rabbiner R. L e w i n, Sitze eingeräumt. Das Gros der Commiffion repräsentirt aber die bisherige Richtung der unbedingten Gefolgschaft hinter dem antisemitischen Schlachzizenthum. Sie besteht aus folgenden Herren: Dr. Leon Hör o w i tz und Hirsch Landau aus Krakau, Dr. Emil Byk, Dr. Simon Schaff, Dr. Heinrich G o t t l i e b, Emil de Mises, Rabbiner Dr. Caro und Dr. Bernhard Goldmann aus Lemberg, Dr. Adolf Ringelhain aus Tarnow, Dr. Pilipp Fruchtmann aus Stryj, Dr. N. Ehrlich aus Skalat, Lazar Bloch aus Brody, Dr. A. Kornhäuser aus Gorlice, Rabbiner N. Lewin aus Rohatyn, W. Badi an aus Gczymalow und Adolf Stand aus Lemberg. Es sind fast durchwegs die alten Männer! Werden diese den neuen Aufgaben gewachsen sein, die an sie herandrängen? Immerhin ist die Einsetzung eines Executiv-Organes der galizischen Judenschaft ein Gewinn, und wenn die Commiffion ihren Beruf richtig erfaßt, kann sie ein werthvoller Factor für die künftige politische Organisation der Juden werden. Sie muß freilich aus den Verhandlungen des Gemeindetages die richtige Bilanz ziehen, sie muß sich mit den Wünschen und Gesinnungen der großen Bolkskreise vertraut machen, die in den Debatten dieses Tages oft vielleicht in zu heftiger Form sich äußerten, an denen man aber nicht länger achtlos vorübergehen darf, wenn man dem Judenthum ehrliche Dienste leisten will. Vom Rhein. Ein in seiner Art wohl einzig dastehendes Vermächtniß machte ein katholischer Bürger von Kyllburg (Eifel), der dieser Tage starb. Er hinterließ sein Besitzthum im Werthe von M. 50.000 der dortigen jüdischen Gemeinde, die bisher noch kein Gotteshaus besitzt, mit der Bestimmung, daß dort eine Synagoge errichtet werde, andernfalls die Gemeinde den Platz erst nach 50 Jahren veräußern darf. Karlsruhe, 28. April. Das Großherzogthum Baden besitzt leider keine conservative Partei, aber doch ein conservatives Organ-Dieses Blatt, das allen Patriotismus und Nationalismus in Baden in Pacht genommen hat, heißt „Badische Landpost". im Ganzen Juden statt 4162 20 50 3677 7 44 33.748 354 402 nicht verstehen, daß man dem Verurtheilten seine sehr erregbare Natur als mildernden Umstand anrechnete und sie fügt hinzu: „Besonders pflegen unsere Juden sehr leicht erregbar zu sein". Ueber die Erregbarkeit läßt sich keine Statistik aufstellen, wohl ober beweist die amtliche Statistik, daß die jüdischen Bürger sich ihrer Sittlichkeit nicht zu schämen brauchen. Es sind in Deutschland in den Jahren 1882—1892 verurtheilt worden wegen Widernatürlicher Unzucht. Blutschande .... Unzucht mit Gemalt an Bewußtlosen, an Kindern, Nothzucht, .Verleitung die Juden bleiben also in all diesen Delicten weit hinter der Zahl zurück, die ihrem Procentsatze entsprechen würde. Dieses fromme Blatt, das mit den Junkern Fühlung hat. wird wohl auch etwas von dem abscheulichen jus primae uoetis gehört haben. Das war aber keine jüdische, sondern ritterliche Einrichtung. Es zeugt von der ganzen Niedrigkeit der reactionären Presse, daß man den Fall Sternberg mit Behagen ausschlachtet, während man doch wohl weiß, daß im Laufe des verflossenen Jahres viele vornehme „Arier" und Geistliche wegen desselben Verbrechens verurtheilt worden sind. Dessau. (Baron v. Cohn gestorben.) Dortselbst ist der ehemalige Vermögensoerwalter Kaiser W i l h e m s I., Baron v. Cohn, im Alter von 88 Jahren gestorben. Der „Desiauer Cohn", wie man ihn kurzweg nannte, war seit dem Jahr 1848 durch volle 40 Jahre der Mann des unbedingten Vertrauens des Prinzen Wilhelm von Preußen, des späteren Königs und Kaisers, und durch seine Vermögensverwaltung hat er den Interessen des preußischen Königshauses auf das beste gedient. Als er nach dem Tode Kaiser Wilhelms I. von der Vermögensverwaltung zurücktrat, wurde es auch bekannt, daß er für diese seine Thätigkeit nie ein Entgelt empfangen hatte. Vor einigen Wochen erst war Baron v. Cohn von Kaiser Wilhelm II. durch Verleihung der ersten Claffe des Kronen-Ocdens ausgezeichnet worden. Am Tage nach von Cohn's Tode widmete ihm der Oberbürgermeister Dr. Ebeling in öffentlicher Stadtverordnelen- Sitzung folgenden Nachruf: „Meine Herren! Gestern Abend in der zwölften Stunde ist der Ehrenbürger unserer Stadt, Seine Excellenz der Wirkliche Geheime Rath Baron Moritz v. Cohn, nach kurzer Krankheit schmerzlos eingeschlafen. Am 19. September 1812 in Wörlitz geboren, hat er seit dem Jahre 1823 seinen Wohnsitz in unserer Stadt gehabt und wird nun auch hier seine letzte Ruhestätte an der Seite seiner Eltern finden. Ein Lebenslauf hat damit sein Ende erreicht, so lange, wie ihn Gott nur wenigen gewährt, aber auch so reich an Inhalt, an Erfolgen und an denkwürdigen Begebenheiten. In der bürgerlichen Häuslichkeit, wo der Entschlafene aufgebahrt ist, umgeben ihn zahlreiche Erinnerungszeichen, Marmorbüsten, Gemälde, bedeutungsvolle Geschenke, und reden eine deutliche Sprache von der Gunst der Mächtigen dieser Erde, die er so reichlich an sich erfahren hat. Unser Hohes Herzogliches Haus, dem der Verstorbene in Treue ergeben war, hat stets huldvoll seiner gedacht. Noch vor wenigen Tagen hat unser Erlauchter Landesherr seine Glückwünsche zum Hohen Geburtstage mit Worten wärmster Zuneigung erwiedert. Erst kürzlich ehrte Deutschlands erhabener Kaiser mit einem hohen Orden die Verdienste des Verstorbenen und begleitete die seltene Auszeichnung mit herzlichen Worten. Unvergeßlich wird aber stets bleiben, mit welchem Vertrauen der große Kaiser Wilhelm I. seinen! Bankier zugethan war, der zu dem mächtigen Herrscher allezeit ungehindert Zutritt hatte. Fürwahr, vergegenwärtigen wir uns das Leben des Entschlafenen, so sehen wir in ihm eine markante Persönlichkeit, die nicht nur wegen ihrer Klugheit und ihrer reichen Erfahrungen die höchste Anerkennung sich erwarb, sondern durch einen seltenen Pflichteifer, eine unbedingte Diskretion und unwandel-

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