Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 359 als das im Plus enthaltene Minus § 362 St. P. O. dem Cassationshofe gestattet. Daß eine neuerliche Prüfung der Veweisergebnisfe die eventuelle Unterstellung der That als von Leopold Hilsner unmittelbar verübten Mord unter die Strafnormen der §§ 134 und 135, Zl. 1 St. G, nicht ausschließt, ergibt sich aus der Erwägung, daß das im § 290 St P. O. ausgestellte Verbot der rekormatio in pejus sich blos auf die gegen den Angeklagten zu'verhängende Strafe bezieht, der unmittelbare Mord aber ebensowohl als die unmittelbare Mitwirkung bei demselben im § 136 St. G. mit Todesstrafe bedroht ist. Durch die Anwendung des § 362 St. P. O. ist die vom Angeklagten gegen das Strafurtheil eingebrachte Nichtigkeits-Beschwerde gegenstandslos geworden. Wien. (Fünfundzwanzig Jahre Präsident.) Das langjährige und um seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete des Armenwesens wohlbekannte Mitglied unserer Cultusgemeinde, Herr B. K anitz, feierte am Sonntag den 29. v. M. bas Jubiläum seiner 25jährigen segensreichen Thätigkeit als Präsident des Krankenunterstützungs- und Humanitätsvereines »Gomle Chesed" (Wohlthätigkeit aus Pietät), des ältesten und zweitgrößten unter den hierortigen jüdischen Humanitätsinstitutionen. Die außerordentliche Popularität, deren sich der Jubilar in den weitesten Kreisen zu erfreuen hat, kam am deutlichsten bei der Sonntag, den 29. v. M. im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde stattgehabten vierunddreißigsten Generalversammlung des Bereinrs „Gowle Chesed" zum Ausdrucke. Der schöne Saal war in allen seinen Räumen von einer überaus großen Anzahl zur Feier erschienener Vereinsmitglieder dicht gefüllt. Am Vorstandstische hatten Platz genommen die Herren: Michael Iokl, Docent Dr. Josef Grünfeld, Michael Neurath, David Kornfeld, Redacteur Bernhard Fischer, Leopold Baumwald, Leo Brandt, Dr. Leo E h rentheil, Dr. S. Elias, Dr. A. Blumenthal, I. Jaiteles, Louis.Flamm und Siegfried Oser. — Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten B. K an i tz widmete dieser zunächst den im Laufe des verflossenen Vereinsjahres dahingeschiedenen Vereinsmitgliedern warme Nachrufe. Er erwähnte des großen und schmerzlichen Verlustes, den der Verein namentlich durch das Hinscheiden zweier Männer, des Ehrenmitgliedes Hermann Haber und des Rabbiners Josef Breuer, erlitten habe. Von Ersterem sagte er, daß er ein Mensch in des Wortes vollstem Sinne gewesen; den Mitmenschen helfen, galt ihm unter allen Umständen als die erste Pflicht seines Lebens, an allen Vorgängen im Vereine nahm er den regsten Antheil, nichts war ihm zu gering und unbedeutend, als daß er ihm nicht die vollste Aufmerksamkeit zugewendet hätte. Sein Andenken wird unter uns stets in Ehren gehalten werden. Bezüglich des verstorbenen Bereinsmitgliedes, des Herrn Rabbiner Josef Breuer bemerkte der Präsident, daß derselbe durch seinen sprühenden Geist, seine große Gelehrsamkeit und seinen regen Wohlthätigkeitssinn eine Zierde seines Standes gewesen ist. Hierauf ergriff der Vicepräsident Herr Michael I o k l das Wort, um in längerer ausgezeichneter Rede die hervorragenden Verdienste zu schildern, welche sich Herr B. K a n i tz um den Verein „Gomle Chesed" erworben habe. Seiner Initiative und seiner rastlosen Energie sei es gelungen, den Verein, der vor ünfundzwanzig Jahren kaum achtzig Mitglieder zählte, auf jene Höhe zu bringen, auf der er sich heute befinde. Der Redner schildert in eindringlicher Weise und unter dem lebhaften Beifalle der Versammlung, in welch taktvoller Weise der Präsident sein schwieriges Amt versehe, wie die Armen zu ihm gleichsam als zu ihrem Vater aufblicken und sich an ihn niemals vergeblich — um Rath und Hilfe wenden. Vereinsmitglied Josef W u l d t u ch beglückwünscht in geistreichen Worten den Präfidenten zur Feier seines 25jährigen Jubiläums Namens der Vereinsmitglieder und beglückwünscht desgleichen den Verein, der einen solchen Präsidenten an seiner Spitze habe. Er schließt unter dem stürmischen Beifalle der Anwesenden mit dem herzlichen Wunsche, daß es Herrn B. K a n i tz von einer gütigen Vorsehung gegönnt sein möge, noch fernere 25 Jahre in ungeschwächter körperlicher und geistiger Kraft zum Heile und zum Wohle der Menschheit zu wirken. — Herr B. K anitz dankte dem Vorredner für die ihm ausgesprochenen Sympathien und bemerkt, daß es ihm ein Herzensbedürfniß sei, in seiner bescheiden Sphäre ein wenig zum Wohle seiner armen, kranken und hilfsbedürftigen Glaubensgenossen beitragen zu können. Der Redner wurde seitens der Anwesenden lebhaft acclamirt. — Außer diesen ihm in der Generalversammlung zutheil gewordenen Ovationen erhielt Herr B. Kanitz aus der Mitte der Bereinsmitgiieder zahlreiche schriftliche Sympathiekundgebungen, in welchen ihm der Dank und die Anerkennung für sein segensreiches Wirken in schönen, vom Herzen kommenden Worten ausgedrückt wird. A. T. Prag. (Zur Polnaer Affaire.) Wie noch erinnerlich sein dürfte, wurden die Herren Dr. Richard Schubert und Alois M e l z e r wegen Veröffentlichung eines Auszuges aus der confiscirten ersten Masaryk'schen Brochüre über den Polnaer Mord im „Prager Tagblatt" im Sinne des Artikels VIH des Gesetzes vom 17. December 1862 vom hiefigen Strafgerichte zu Geldstrafen von 20 beziehungsweise 30 Kronen verurtheilt, Ersterer als damaliger verantwortlicher Redacteur, Letzterer als Verfasser des beanständeten Artikels. Gegen dieses Urtheil erhob der Vertheidiger der Genannten, Herr Dr. Robert Ritter von S t e r n e ck, die Nichtigkeitsbeschwerde und der Oberste Gerichtsals Cassationshof ordnete hierüber einen Gerichtstag zur öffentlichen Verhandlung auf den 16. Juni an. — „Katholicke Listy" melden am 6. Mai: Seit vorgestern ist Leopold Hilsner wegen dringenden Verdachtes, einen Fluchtversuch geplant zu haben, und wegen eines Attentates auf den Gefangenaufseher M i f f k a, an Händen und Füßen gefesselt. Lemberg, 4. Mai. (Original Correspondenz.) Man hat dem zweiten Tage der galizischen Cultusgemeinden, der hier am 1. und 2. Mai abgehalten wurde, mit lebhafter Spannung entgegengesehen. Die Lage der Judenschaft in Galizien ist ttaurig genug, um einem solchen Gemeindetag genügenden Stoff für seine Berathungen zu bieten. Ueberdies sind volle 22 Jahre seit dem ersten Gemeindetage verfloffen, eine — wie man zugeben wird — ziemlich weitgedehnte Borbereitungssrist. Nun, da die Berathungen abgeschloffen sind, muß man sehen, daß fie die großen Erwartungen nur in bescheidenem Maße erfüllt haben. Die Betheiligung der Gemeinden selbst ließ Vieles zu wünschen übrig, die Discussionen gingen vielfach über das Maß des parlamentarisch Zulässigen hinaus, und die Beschlüffe entsprachen nicht immer der Empfindung des Volkes und dem tatsächlichen Bedürfniß. In diesen 22 Jahren hat sowohl die politische undwirthschaftliche Stellung der Juden zu den anderen Parteien im Lande, als auch das innere Gefüge des Judenthums selbst eine sehr wesentliche Aenderung erfahren. Und diese zweifache Umwandlung gab denn auch dem Gemeindetage sein Gepräge. Die Gegensätze stießen bei den ersten zwei Punkten der Tagesordnung aneinander, welche Gelegenheit boten, die Frage der Zweckmäßigkeit der von den führenden Persönlichkeiten der galizischen Judenschaft seit langen Jahren beobachteten Politik aufzurollen. Es half dem Abgeordneten Doctor Byk wenig, daß er für die ökonomische Nothlage der Juden in Galizien die Chaffidim und Strengorthodoxen verantwortlich machte. Die jugendlichen Wortführer des Zionismus, denen der orthodoxe Rabbiner L e w i n namens seiner Gemeinde Rohatyn, wie der orthodoxe Redacteur Taubes aus Kolomea sich anschloffen, machten fiir diese entsetzliche Nothlage, für das grauenhafte Elend der jüdischen Bevölkerung die jüdischen Reichsraths- und Landtagsabgeordneten verantwortlich, denen fie Liebedienerei und Preisgebung der jüdischen Jntereffen gegenüber der herrschenden Partei zum Vorwurfe machten. Die Assimilationspolitik, die von der ständigen Commiffion des ersten Gemeindetages verworfen, von deren Nachfolgern aber mit verdoppeltem Eifer wieder ausgenommen worden war, erfuhr durch die Herren Doctor Malz, Stand und Doctor Kornhäuser die schärfste Berurtheilung. Noch stürmischer gingen die Wogen der Leidenschaft, als der greise Dr. Bernhard Goldm a n n, der konsequenteste und energischeste Verfechter der Assimilattonsidee, an den Referententisch trat, um den Antrag auf Einführung der polnischen Amtssprache in den galizischen Cultusgemeinden zu begründen, als ob wir heute keine andere Sorgen hätten. Die Zionisten hatten versucht, diesem Anträge ein Paroli zu biegen, indem sie verlangten, daß im internen Verkehre der Cultusgemeinde die hebräische Sprache verwendet werde. In diesen beiden Motionen standen sich beide gegnerische Richtungen, die national-jüdische und die assimilatorisch-polnische, schroff gegenüber. Kein Wunder, daß es in der Debatte zu harten Zusammenstößen kam. Es gab Augenblicke, in denen der Gemeindetag in eine regelrechte Schlacht auszuarten drohte. Das war insbesondere der Fall, als ein Redner dem Abgeordneten Dr. Byk vorwarf, daß er und seine Abgeordneten-Collegen dazu beigettagen haben, dem jüdischen Glauben Biele seiner Be-