Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr.. Bloch's Wochenschrrfi. Sette 355 die schönsten Reden wurden gepalten und Namen vom besten Klange fügten weitere Rubmesblätter ihrem Lorbeerkranze als Retter der Judenheit bei, aber mein Hinweis auf leichtmögliche, fast kostenlose Weise tausenden armen hungernden Wesen Brod, Nahrung und ein menschenwürdiges, sittliches Dasein zu schaffen, wurde nicht einmal einer Erwähnung werthgehalten und die lauthörbare Antwort war — Schweigen! Ich habe mich dieses Schweigens von berufener Seite gar nicht gewundert; kani doch die Anregung, welche eine partielle und hoffentlich günstige, sociale Umwälzung zu Folge haben könnte, von gänzlich unberufener Seite und mußte also eine volle Ungereimtheit enthalten. Zu meinem eigenen Erstaunen scheint mein dargelegter Gedanke nicht von Jedermann als Ungereimtheit betrachtet zu werden, denn viele, viele Zuschriften aus Nah und Fern, warmherzige Briefe und Erkundigungsschreiben, ja sogar aus dem Elsaß und Vraunschweig, bewiesen mir, daß die Idee Wurzel gefaßt und keimfähig ist und es scheint, daß die D ^'nstbotenfrage auch publicistifch nicht mehr zur Ruhe komme. Bereits wird die Frage ventilirt, ob der Bezug von jüdischen Dienstmädchen nicht im Wohnorte selbst recrutirt werden könnte. Und dagegen möchte ich mehrere gewichtige Bedenken erheben. Bor allem haben es die Töchter der ärmeren Juden in den deutschen Provinzen Gott sei Dank nicht nöthig, als dienende Mägde ihr Leben zu fristen, ferner wird der sociale und demokratische Geist, der diese Mädchen auf eine viel höhere, geistige Stufe stellt, es nicht zulassen, daß sie jene stummen, folgsamen, auf den Wink gehorchenden Dienstmädchen abgeben, wie unsere Damen solche wünschen; und endlich wird schon in den Mittelklassen annähernd gleicher Bildungsgang von Hausfrau und Dienstmädchen, wie solcher durch die vermehrte und kostenlose Unterrichtsgelegenheiten in den deutschen Provinzen Oesterreichs bedingt ist, in vielen Fällen mehr ein Abstoßen als ein Annähern zwischen Herrin und Dienerin bewirken. Dieser Gedankengang läßt sich zwar bekämpfen, muß aber endlich als dennoch richtig zugegeben werden. Entgegengesetzt diesen Thatsachen wird das Mädchen aus Galizien, gewöhnt an asiatischen Druck und Despotismus, an selbstlose Aufopferung, an stilles Leiden, an Hunger und Elend, an harte uud schwere Arbeit, den Dienstposten in einem jüdischen Hause Deutsch-Oesterreichs oder Böhmens, als Befreiung aus größter Nothlage begrüßen und mit allen Fibern ihres Herzens, sowie mit allen ihren Kräften und Sinnen die Zufriedenheit ihrer Herrschaft zu erringen streben. Indem ich also die dringende Aufforderung des Herrn A. Wiener, nur jüdische Dienstmädchen aufzunehmen, mit Freuden begrüße und eben so von dem in dem folgenden mit A gezeichneten Artikel, dargelegten Gedankengange, dankend Kenntniß nehme, möchte ich doch die Frage örtlich begrenzen und dieselbe vorwiegend als Hilfsaction zur Linderung des zum Himmel schreienden jüdischen Elends in Galizien betrachtet und geleitet wissen, ohne schon jetzt Complicationen wegen der Altersversorgungsfrage hervorzurufen, einer späteren Zeit überlassen kann. Und nun zur Durchführung der Hilssaction selbst. Reifliches Nachdenken machte es mir klar, daß -hier fast pflichtgemäß nur die zionistischen Vereine mit Aussicht auf Erfolg eingreifen können. Durch ihre bewährten und verläßlichen Verbindungen in allen Gemeinden Ost- und Westgaliziens, durch die Verehrung und den Respect, den diese Vereine dort genießen, sowie durch die bereits vorhandene rühmliche Organisation sind sie allein befähigt, .das Mißtrauen in den galizischen hyperorthodoxen Kreisen zu überwinden, hinlängliches und für westeuropäische Verhältnisse geeignetes Dienstbotenmateriale durch ihre dortigen Vertrauensmänner zu erlangen, während die verehrten Frauenvereine die Placirung dieser Mädchen leicht' auf sich nehmen könnten, so wie die nachträgliche Gründung von örtlichen Abendcursen oder Sonntagsstunden zur rascheren Trainirung dieser an ganz andere Verhältnisse gewöhnten galizischen Mädchen.. Ich wende mich also namens der Menschlichkeit, namens der Barmherzigkeit und namens unseres guten Gottes an die verehrten Leitungen der zionistischen Vereine, diese in ihrem speciellen Arbeitsfelde und Wirkungskreise liegende Hilfsaction unter ihre schützende Obsorge zu nehmen und das Gefühl, tausenden darbenden Menschen damit Hilfe gebracht zu haben, wird ihren Gesinnungen jeden anderen Dank entbehrlich machen. Die verehrten Frauen-Vereine aber werden durch ihre Mithilfe nicht blos unsagbar viel Elend verschwinden machen, sondern den Hausfrauen selbst getreue, anhängliche Dienerinnen bei nicht unerschwinglicher Besoldung verschafft zu haben. Nochmals weise ich auf das leicht zu erzielende Ergebniß dieser gemeinsamen Bemühungen hin. Rettung von 2000 jungen, arbeitswilligen Mädchen aus Elend und Unglück und die dadurch bewirkte Vergrößerung der Brodrationen ihrer zu Hause gebliebenen Angehörigen, das heißt weiterer 10.000 nach Nahrung schmachtender jüdischer Seelen! also ein Streben, welches von allen guten Menschen gebilligt und unterstützt werden sielte! Andrichau, im Mai 1900. Rosalie Unger Vorsitzende des israel. Frauenwohlthätigkeitsvereines. Eine Reminiskenz. Die Ermordung des Knaben Winter in Könitz hat eine gewisse Aehnlichkeiten bietende Mordthat in Sknrz vom Jahre 1884 in Erinnerung gebracht. Am Morgen des 22. Jänner 1884 fand man die gräßlich verstiimmelte Leiche des vierzehnjährigen Knaben Onofrius Czybulla unter einer Brücke außerhalb des Dorfes Sturz (Kr. Pr.-Stargard) auf der Feldmark des Gutes Rüßhof. Die Schädeldecke des Ermordeten zeigte tiefe Stichwunden, der Hals war durchschnitten, der Unterleib durch einen langen Schnitt geöffnet, die inneren Theile entfernt, beide Oberarme der Länge nach aufgeschlitzt, beide Oberschenkel waren kunstgerecht „ausgelöst" und fehlten, die beiden Beine vom Knie ab lagen neben dem Rumpf im Wasser. Der Leichnam war gänzlich entkleidet, am Fundorte aber war keine Blutspur zu entdecken. Nachdem damals auch vielfache Verdächtigungen gegen Juden als die Thäter ausgesprochen worden waren, führten die Ermittelungen des Criminal-Commissärs Höft aus Berlin, eines geborenen Konitzers, zu der Verhaftung des katholischen Schlächters Joseph Behrendt, der einer der Eifrigsten in der Anklage gegen die Juden gewesen war. In dem mehrtägigen Proceß gegen Behrendt erkannte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Dr. Preuß, an, daß sich kein Moment ergeben habe, das einen Juden als Thäter verdächtig mache. Er sagte unter Anderem: „Die im Hause von Boß Vorgefundenen Blutspuren erwiesen sich als zu alt, und, soweit sie noch erkennbar waren, als solche von Rinderblut. Alles, was gegen die Kaufleute Boß vorlag, hat sich als haltlos erwiesen. Auch Hermann Josephsohn kann nicht der Mörder gewesen sein, es ist unter Anderem bewiesen, daß Josephsohn vor der That eine schwere Wunde an der Hand hatte, die ihn unfähig gemacht haben muß, die That auszuführen. Der Staatsanwalt schilderte dann den Angeklagten Behrendt, der sich geweigert habe, die Leiche Czybullas zu sehen, einen als roh bekannten Mann, der zu mehreren Leuten geäußert habe, er könne mit ruhigem Blute einen Menschen schlachten. Behrendt hasse die Juden sehr, und er habe die Mordthat vielleicht ausgeführt, um den Juden zu schaden. Der Spruch der Geschworenen lautete auf Nichtschuldig (wie man erfuhr, mit 6 gegen 6 Stimmen), Behrendt wurde freigesprochen und sofort aus der Haft entlassen. Er verzog bald nach Amerika, wo er 1876 schon einmal gewesen war. Bis heutigen Tages ist der Skurzer Mord noch nicht genügend aufgeklärt und noch nicht gesühnt, wie freilich auch sehr viele andere Morde. Bemerkenswerth ist, was die „Kölnische Zeitung" schreibt: „Die Vorgänge in Westpreußen fangen nachgerade an, bedenklich zu werden, denn die Aufregung der Bevölkerung über die Ermordung des Gymnasiasten Winter erstreckt sich über Könitz hinaus und ergreift benachbarte Städte und Ortschaften» so daß schon jetzt ein starkes Aufgebot von Gendarmerie hat erfolgen müssen. Es ist kaum als ein Wunder zu betrachten, daß die von den Antisemiten bearbeiteten Menschen sich steif uud fest einbilden, daß sie es hier mtt einem jüdischen „Ritualmorde" zu thun haben, denn die antisemitischen Blätter haben die Leser, zugleich auf Judenfeindschaft und Sensationsbedürfniß speculirend, so oft von Ritualmorden unterhalten, daß diese jetzt für die aus Anlaß des Konitzer Mordes erfolgenden Anklagen wohl vorbereitet sind. Ueber die Mörder des unglücklichen Winter und über die Umstände, unter denen er das Leben verlor, weiß man bis heute so gut wie nichts und ist durchweg auf Vermuthungen angewiesen. Es liegt bisher gar kein Anzeichen vor, aus dem man schließen könnte, daß er von der Hand eines christlichen oder jüdischen Mörders gefallen sei, und der ganze gegen die Juden sich richtende Verdacht beruht im Grunde auf der Blutlosigkeit der gefundenen Körpertheile, die man sich nach bekannten österreichischen Mustern zu einem Ritualmorde zurechtgelegt hat. Leider geht aus allen diesen Vorgängen hervor, daß unsere Bevölkerung auch nicht wesentlich vernünftiger ist als die österreichische, die sich schon wiederholt wegen angeblicher Ritualmorde zu argen Ausschreitungen hat Hinreißen lassen. In Könitz und Umgegend geht es ganz ähnlich zu wie in den österreichischen Orten, wo gleichfalls mit Ritualmorden gearbeitet wurde: man beschimpft und verhöhnt die Juden, radaulustige Jugend rottet sich zu lärmenden Ruhestörungen zusammen, bei denen die Lust am Unfug die hauptsächliche Triebfeder ist, und man vergreist sich auch an jüdischen Gotteshäusern. Wenn nicht ärgere Ausschrettungen stattgefunden haben, so ist das ein Verdienst der deutschen Polizei, die immer noch rechtzeitig eingriff, aber einige Male von der Uebermacht der aufgeregten Volksmenge arg bedrängt gewesen zu sein scheint. Daß außergewöhnliche Zustände herrschen, beweist am besten die Verstärkung der Gendarmerie und die Entfendnng eines besonderen Commissärs