Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sk. 19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Juden eben 10 Percent der Bevölkerung bilden. Ebensowenig, wie wir von Wien wissen, wie viel Arme, wie viel Reiche in der Bevölkerung sich befinden, weiß man es auch in London. Es läßt sich der Reiche nicht in seine Taschen gucken und mancher Arme verbirgt unter äußerem Scheine seine Armuth. Aber das sehen wir in London, daß diejenigen, die sich als Reiche bekennen, von den Armen sich nicht abwenden und sich nicht damit begnügen, ein Stück Geld — lange noch nicht das biblische Zehent — doch ein ansehnliches Geld, zur Linderung des Elends beizutragen, sondern ihre Persönlichkeiten selbst in den Dienst der Armenpflege zu stellen. Diese persönliche Mitwirkung hat natürlich einen ebenso großen moralischen, wie einen nicht zu unterschätzenden praktischen Werth. Wer aus eigener Anschauung die Noth kennen lernt, gibt nicht nur reichlicher, sondern er gibt auch anders, wohlwollender, menschlickier und er gibt nicht wahllos sondern auf Grund der Beobachtung und nach Maßgabe des Bedürfnisses. Eine solche persönliche Betheiligung an der Armenpflege beruht aber auf zweierlei Voraussetzungen: auf dem guten Willen und auf der guten Organisation. Der gute Wille entzieht sich der Beobachtung und der Besprechung. Wie ich ihn bei den Londoner Reichen iu der Thatsache erkenne, daß sie persönlich und nicht blos nominell, an der Spitze stehen, wo es gilt Gutes zu thun, so setze ich ihn auch bei unseren Reichen in Wien voraus. Aber was die Organisation betrifft, stehen unsere Einrichtungen den Londonern nach und dies ist für mich Grund genug, in dieser Versammlung von Frauen und Männern, von denen ich aus Erfahrung weiß, daß sie es an persönlicher Thätigkeit nicht fehlen lassen, die Organisation der Londoner jüdischen Armenpflege zu schildern. Zwei Bücher dienen mir als Grundlage: Das Jewish Year book für 1900, welches über alle jüdischen Einrichtungen des britischen Reiches im Allgemeinen > Aufschluß gibt und der Jahresbericht des Board of guardians for the relief of jewish poors in London, welches speciell die Wirksamkeit des Londoner Armenamtes behandelt. Ich werde Ihnen in einer gedrängten Skizze aus dem Inhalt dieser Bücher über die diversen Thätigkeiten der Londoner Armenpflege Aufschluß zu geben mich bemühen. Die öffentliche Wohlthätigkeit — die private entzieht sich jeder Beobachtung — gibt sich in dreifacher Weise kund: In der United synagogue, die etwa unserer Cultusgemeinde entspricht; im board of guardians, von dem ich besonders sprechen werde und in den mannigfachen Vereinen. Die United synagogue hat zwei ihrer Vertreter, die Herren W oolf und Sonnenthal als Armeninspectoren bestellt, welchen die Pflicht obliegt, die Gharities derselben zu besorgen und in dem Budget finden wir, daß die 8ynagogue allein mehr als 70.000 fl. zu diesem Zwecke verwendet. Von den nicht mit der United synagogue vereinigten selbstständigen Tempelgemeinden, werden gleichfalls charities geübt, doch erscheinen die Summen nicht ausgewiesen, nur von der portugiesisch-spanischen Tempelgemeinde erfahre nwir, daß sie 25.000 fl. für Armenzwecke verwendet. Auch die Vereine legen keine vollständige Rechnung; von vielen Vereinen fehlen die Nachweise über ihre Thätigkeit und nur insoweit die Summen bekannt gegeben wurden, wird mitgetheilt, daß sich die Gesammtausgabe für die gewöhnlichen Wohlthätigkeitszwecke auf beiläufig 1 Million Gulden im Jahre 1899 beläuft. Wenn ich diese Gesammtsumme nach Kategorien theile, so ergibt sich, daß für Sette 351 Waisenpflege etwa.fl. 180.000 für Taubstumme und Blinde etwa . . . „ 40.000 „ Abendunterricht. 5.000 „ Lehrlingswesen. 2.000 (von Privaten, abgesehen von der Thätigkeit des board of guardians) „ Arbeitsnachweis . . . . . . „ 1.500 „Darlehen.. 40.000 (abermals abgesehen vom board of guardians) „ Lebensmittel. 30.000 „ Krankenpflege (abgesehen vom board of guardians) . ..„ 6.000 „ Wöchnerinnen. 15.000 „ Reconvalescente. 30.000 „ Altersversorgung.. . . . „ 50.000 „ Witwenunterstützung.„ 4.000 „ Heiratsspenden. 3.000 „ allgemeine Wohlthätigkeitszwecke. 8.000 „ Ferienheime.„ 6.000 „ Sabbathessen an Fremde.„ 4.000 „ Asyle für Obdachlose. 15.000 „ Beschneidungsspenden. 3.000 „ besondere Zwecke.„ 5.000 dann von der spanisch-portugiesischen Gemeinde an Gharities circa.„ 25.000 und von dem oft erwähnten board of guardians im Ganzen circa. 400.000 verwendet mvben. Welcher Art die private Fürsorge für die jüdischen Armen in London ist, haben Sie schon aus vorgehender Aufzählung entnommen und darin gewiß manchen verwandten Zug kennen gelernt. Ich möchte aber noch auf einige Vereine besonders aufmerksam machen, die nicht nur Erwähnung verdienen, sondern deren Beispiel auch der Nachahmung empfohlen werden soll. Da sehen wir vor Allem als einen Zweig des Frauenvereines die Section zur Heranbildung jüdischer weiblicher Dienstboten, sodann eine Heimstätte für Unheilbare; einen Schutzverein für Frauen und Mädchen; einen Kinderbeköstigungsverein; eine Kinder - bewahranstalt; einen Bekleiduugsverein; einen Unterstützungsverein für Auswanderer; einen Medicamentenverein; eine Volksküche; eine philantropische Gesellschaft. Weiters gibt es noch auf Wechselseitigkeit beruhende Vereine, Krankenvereine, Arbeiter- und Handwerkervereine und eine Reihe von nach Art der Freimaurer constituirter Vereine, so der Orden der Makkabäer mit 8 Logen, btr Orden vom Berge Sinai mit 3 Logen, der große Orden von Israel mit 7 Logen, die Achai Berith mit 14 Logen, der alte Orden der Foresters mit 4 Logen und etliche Krankenvereine. Selbstverständlich besteht eine Chevrah Kadischah. die jedoch nicht Armenzwecke verfolgt. Die Anglo Jewish Association mit vielen Zweigen, die Jewish coionisation Association und die Alliance Israelite, sowie die zionistischen Vereine sollen der Vollständigkeit Halber Hier auch angeführt werden, doch liegen in den genannten Büchern keine speciellen Ausweise vor. Außerdem muß ich noch eines Vereines gedenken, der es sich zur Aufgabe macht, Wohnhäuser für jüdische Arbeiter und Gewerbetreibende herzustellen, in welchen der möglichste Comfort zum geringsten Mietpreise geboten wird, so daß sich der Verein mit einer vierpercentigen Verzinsung des Capitals begnügt. Somit hätte ich das Wirken der Wohlthätigkeitsvereme absolvirt und gelange nun an die Schilderung der Thätigkeit des Board of guardians for the relief of jewish poors“, der eigentlichen Central-Armenanstalt Londons. Es ist dies keine communale, d. h. von der United synagogue