Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 35Ö Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 19 die jüdische Gemeinschaft würden ihn wahrlich nicht schützen' Doch nein, den Mord hat die ganze Judenbeit Deutschlands begangen. Es waren ja einige Tage vor Ostern und man bedurfte der nöthigeu Würze, um den Osterkuchen schmackhaft zu machen. Osterkuchen für 600.000 Menschen? Du lieber Himmel! Da müßte ja ein Meer von Blut fließen. Doch es ist einmal so, es stehe ja im antisemitischen Katechismus, und alle berufenen Gelehrten von Rohling bis auf A h l w a r d t haben ja dieses Dogma bestätigt. Die anderen christlichen Gelehrten, Päpste mit eingeschloffen, sind natürlich von den sJuden bestochen. Man bedenke nur, die Konitzer Synagoge liegt in der Nähe vom Mönchssee, und sie ist offenbar dort gebaut worden wegen gewisser ritueller Mysterien. Der Kopf des ermordeten Winters ist ja völlig blutleer, wie Dr. Friedrich Lange in Sperrdruck verkündet. Es ist auch keine Kleinigkeit, so viele Gemeinden mit Blut zu versehen, da muß jeder kostbare Tropfen mitgenommen werden. In China würde man wahrscheinlich einen Menschen, der so denkt und so folgert, ins Irrenhaus sperren. Aber wir sind ja Gott sei dank im hochcivilisirten Deutschland am Anfänge des lichtvollen XX. Jahrhunderts, und wer bei uns so denkt und schreibt, der wird — Antisemitenführer. Die Sache ist leider kein Scherz, sondern bitterer Ernst. Schon hat sich die gewiffenlose antisemitische Agitation der Sache bemächtigt und sie hat bereits die Bevölkerung bis zu einem verhängnißvollen Grade verhetzt und fanatisirt. Die drohende Gefahr ist durchaus nicht zu unterschätzen. Zunächst ist die sociale Lage der jüdischen Einwohner in Könitz und Umgegend durch diese Aufreizung gänzlich erschüttert, dann ist aber auch die Sicherheit ihrer Person und ihres Eigenthums sehr gefährdet. Man fragt sich nun unwillkürlich: Wie ist das möglich? Wie weit sind wir denn eigentlich in der Cultur, wenn auch dieses mittelalterliche Gespenst wieder heraufbeschworen werden konnte? Es fehlt nur noch die Beschuldigung der Hostienschändung und Brunnenvergiftung und das herrliche Mittelalter, die Sehnsucht aller Rückschrittler und Finsterlinge wäre da. Nun, diese geistig-psychologische Lage des Volkes ist Gegenstand des Culturhistorikers und er mag sehen, wie er sich mit den Verwirrungen und Widersprüchen unserer Zeit abfindet. Aber das Gesetz, das Fundament des Staates, wie schützt es die bedrohten Juden? Seit Wochen wurden die schimpflichsten, gemeinsten Flugblätter in Könitz und Umgegend verbrettet, wir haben aber noch nicht gehört, daß der Staat dagegen eingeschritten wäre. Durch ekelerregende Bilder und Postkarten werden die Leute versetzt und vergiftet, aber die Polizei schweigt. Nun beginnt Herr von Mos ch, der Deuker und Dichter des unverfälschten Deutschthums, zur Aufklärnng des Volkes in der „Reform" eine Serie von Artikeln über den Ritnalmord. Der erste Artikel ist geradezu bluttünstig und wenn die Kannibalen eine Fachzeitung für Menschenopfer heraus geben würden, sie würden ungefähr in diesem Stile schreiben. Folgende fett geruckte Stelle wollen wir hier wiedergeben: „Und wer sich nun eingehend mitden Acten jener verruchten Blutmorde beschäftigt, wem sich dann trotz alles inneren Sträubens der Seele, klar und bestimmt die Ueberzeugung aufdrängt, daß jene gräßliche Schlächterei auch an Menschen, an armen unschuldigen Kindern vollzogen wird, wer dann die aufgeschnürten, zuckenden Glieder dort auf der Schlachtbank sieht, das Flehen um Erbarmen hört, die entsetzliche Todesangst in den zuckenden Augen geschrieben liest; wer die kalten, erbarmungslosen, satanischen Raubthiergesichter jener jüdischen Bestien in Gedanken sich ausmalt, — dem zuckt das Herz, dem ballen sich die Fäuste und ein heißer Fluch bebt über die Lippen — der Schrei nach Vergeltung!" Wir fragen: wenn das keine Aufforderung zum Classenhaß ist, so wissen wir nicyt, welchen Sinn dieser Paragraph überhaupt hätte. Wenn das kein grober Unfug ist, daß man das Volk zur Rache und Vergeltung mahnt und die Gesammtheit der jüdischen Bürger als Scheusale und Uiunenschen darstellt, dann hat dieser so elastische Paragraph wohl uur den Zweck, solche Dinge zu tteffen, die Niemand genieren und Niemand weh thun. Wir haben bis jetzt nicht gehört, daß dieses Blatt confiscirt und der Verfasser unter Anklage gestellt worden ist. Wir ftagen, wo bleibt der Staatsanwatt? Wo bleibt hier der verfassungsmäßig verbriefte Schutz der Bürger jüdischen Glaubens? Man denke sich, Jemand wäre so ftech und gemein und veröffentlichte einen solchen schamlosen Artikel gegen die deutschen Bürger evangelischen oder katholischen Glaubens. Wir wissen nicht — von der Gefahr der Lynchjustiz ganz abgesehen — wie lange er frei auf der Straße umher laufen würde. Wir scheuen den lächerlichen Vorwurf des Denunciantenthums nicht. Es müßte denn Jeder, der bei einem räuberischen Ueberfall die Hilfe der Polizei anruft, als Denunciant betrachtet werden. Hier nach dem Staatsanwalt rufen heißt nicht allein, das gute Recht der jüdischen Bürger vertheidigen, sondern auch die Ehre des deutschen Volkes retten. Soll denn die Regierung wirklich warten, bis die Verhältnisse soweit wie in Oesterreich gediehen sind? Sollen die jüdischen Bürger, die freudigen Herzens ihre Pflichten gegen den Staat erfüllen, an der Gerechtigkeit verzweifeln? Wenn je eine Nothwendigkeit vorlag, energisch vorzugehen und Gefahr zu vermeiden, so ist es hier. Viäeavt Oonsules! Dieses Treiben muß schließlich zur Anarchie führen. Die entfesselte Bestie wird nicht beim Juden Halt machen. Hat sich das fanatisirte Volk einmal daran gewöhnt, seinem Jnstict zu folgen, dann wird es vor Plünderung, Raub und Mord nicht zurückschrecken. Gleiches Recht für Alle, das muß die Parole eines jeden Culturstaates bilden. F. S. Die jüdische Armenpflege in London. In der Generalversammlung des „Vereines zur U nter st ützung israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender" hielt gestern Abend kais. Rath Johann Lichten st adt einen Vortrag über „die jüdische Armenpflege in L o n d o n." Wir veröffentlichen diesen Vortrag hiemit im Wortlaute, weil wir in demselben einerseits einen dankenswerthen Beitrag für die von uns so oft befürwortete Reform der Wiener Armenpflege anerkennen, anderseits eine Ergänzung des in unserem Blatte erschienenen Aufsatzes über die Verhältnisse der Judengemeinde in London erblicken. Wenn auch vielleicht die Londoner Armenpflegschafts-Organisation in ihrer Gänze nicht nachgeahmt zu werden braucht, so birgt sie doch, namentlich durch Heranziehung so vieler Kräfte und durch richtige Theilung der Arbeit, so viel des Guten in sich, daß bei der im Zuge befindlichen Reform der Armenpflege in Wien Vieles aus dem Londoner Beispiel wird auch in Wien zur Anwendung gelangen können. Der Vortrag lautet: Auf dem Wege Vorbilder für das Wirken unseres Vereines zu suchen, bin ich nach London gelangt, jener Riesenstadt, in welcher Reichthum und Armuth, Ueberfluß und Mangel, Luxus und Entbehrung so knapp nebeneinander stehen, wie kaum in einem anderen Gemeinwesen, in welchem aber auch ein ungemein stark entwickelter Wohlthätigkeitssinn bestrebt ist, die Gegensätze zu mildern. Ich verkenne durchaus nicht, das Wohlthättgkeit allein nicht das richtige Mittel ist, um eine Ausgleichung der Contraste herbeizuführen, aber deßhalb darf man sie doch nicht so gering schätzen, wie es von vielen Seiten geschieht. Die Wohlthätigkeit lehrt uns fremdes Leid aufsuchen und Mitgefühl äußern, sie spornt uns an, zur Linderung der Roth beizutragen, und in diesem Sinne . zwingt sie den Denkenden, auch über die richtigen Mittel zur Behebung der Roth nachzusinnen und wer einmal zur Erkenntniß derselben gelangt ist, entschlägt sich auf die Dauer der Anwendung derselben nicht. Deßhalb sehen wir in London neben der hochentwickelten Wohlthätigkeit im engeren Sinne . auch eine sehr kräfttge sociale Hilfeleistung in Action und gerade von unseren Glaubensgenossen - darf ich es sagen, daß sie in dieser Beziehung mit Lehre und Beispiel voranleuchten. In der Millionenstadt an der Themse, deren Einwohnerzahl auf mehr als 8 Millionen angewachsen ist, leben nicht mehr als 50—60.000 Juden d. i. etwa 1 Percent der Bevölkerung, während bekanntlich in Wien die