Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Dr. Bloch's Wochenschrift» Seite 339 Gesittung war, das auch in der Neuzeit nach Jahrhunderten von Schmach und Elend mannigfache Zeichen seiner großen Begabung lieferte — aber diese Literatur war ein versiegeltes Buch, dessen Inhalt nur einzelnen großen Geistern offenkundig war. Die jüdische Literatur glich einem Urwalde, in welchem die herrlichsten Pflanzen prangen können, ohne daß sie bemerkt und erkannt werden; nicht führt ein Weg durch das dichte Gestrüppe; nicht der Lustwandler, nur der Mann der Arbeit mit der Axt in der Hand vermochte hier vorzudringen. Wem könnte es verübelt werden, daß er eher Lustwandler als Ausroder im Walde sein möchte? So mußten denn erst beherzte und selbstlose Männer auftreten, die in harter Arbeit den Urwald für ihre Mitmenschen lichteten;inRapoportin Prag, Z u n z und Steinschneider in Berlin, G r a e tz in Breslau, Luzz atto in Padua, verehrt das Judenthnm und mit ihm alle aufrichtigen Freunde der Wissenschaft, die Bahnbrecher und die Erschließe der modernen jüdischen Wissenschaft. Hunderte von geschäftigen Händen waren nach ihnen zu gleicher Arbeit bereit; der ' Schutt ist weggeschafft, das Gebäude steht offen da und erwartet seine Besucher. Das vergangene Jahrhundert bekundete demzufolge eine große Belebung des Interesses für Alles, was auf die Bibel, auf Palästina, auf die Geschichte und die Literatur der Juden Bezug hat, Ausgrabungen, Reisen und Forschungen haben eine große Masse neuen Materials über die verschiedenen Phasen der jüdischen Geschichte, des jüdischen Denkens und des jüdischen Lebens zu Tage gefördert. Die Originalmonumente von Egypten, Babylonien, Assyrien, Palästina, Phönizien und Syrien sind entdeckt worden. Die Geschichte und die Sitten der Juden in den Gemeinden des entfernten Ostens, derjenigen von China, Abessynien und Persien, wie auch anderer Gegenden ist durchforscht worden. Die großen Büchereien von Europa, die zu Oxford, Cambridge, London, Paris, Rom, Parma, Berlin, Wien und St. Petersburg mußten die in ihnen schlummernden Geister dem Leben zurückgeben, es wurden Kataloge angelegt, werthvolle Manuscripte der jüdischen Literatur sind durch den Druck veröffentlicht und den Gelehrten zugänglich gemacht werden. Documente, die in den alten Synagogen des Ostens auf dem Schüttboden aufbewahrt wurden, haben ihren Weg gefunden in die öffentlichen und privaten Sammlungen von Europa und Amerika, darunter die merkwürdigen Schätze der „Genija" in Cairo, deren größter Theil jetzt der Universitätsbibliothek von Cambridge einverleibt ist. Durch die gelehrten jüdischen Gesellschaften in Deutschland. Frankreich, England, Amerika und seit den letzten Jahren auch in Ungarn werden regelmäßige Preßorgane für die jüdische Wissenschaft unterhalten, in deren Bänden eine Fülle von gelehrtem Stoffe aufgespeichert liegt. Damit ist die gewaltige Arbeit, die in diesem Jahrhundert für die jüdische Wissenschaft geleistet wurde, nur annähernd ikizzirt; in Wirklichkeit wäre über diese Arbeit noch vielmehr zu sagen, ja, es müßte sogar in den schwungvollsten Ausdrücken dariiber berichtet werden, denn eine Wissenschaft, die ohne Hilfe von Außen, ohne Hilfe von Oben, ohne Hilfe der Regierungen und der reich dotirten gelehrten Gesellschaften rein aus sich selbst herausgewachsen ist, verdient die höchste Bewunderung und ihre Arbeiter verdienen die höchste Anerkennung. So ist nun die Zeit für die encyclopädische Darstellung dieser Wissenschaft gekommen. Die Jewish Encyclopedia erscheint in New- Aork bei Funk u. WagnallsEompany, und soll die Encyclopädie in 12 Quartbänden, ungefähr 8000 Seiten und 2000 Illustrationen enthalten. Als Mitarbeiter sind mehr als dreihundert Gelehrte der alten und neuen Welt gewonnen, darunter Gelehrte von Weltruf, die durch das Gewicht ihrer Namen und die Verantwortlichkeit ihrer hohen Stellungen den hohen wissenschaftlichen Werth der Encyclopädie hinlänglich verbürgen. Als Leiter des Unternehmens fungirt unser Landsmann Dr. Isidor Singer, ein Mann von hoher schriftstellerischer Begabung, dessen philologische und philosophische Abhandlungen sich eines großen Ansehens erfreuen; Dr. Singer ist es auch, der für die Encyclopädie das schwierige Fach der modernen Biographien leitet. Die anderen Fächer sind: Bibel, Talmud, Geschichte seit Esra bis 1492 nebst Geschichte der nachtalmudischen Literatur, Geschichte seit 1492 bis 1900; nachbiblische Antiquitäten nebst Geschichte der Juden in Amerika; Theologie und Philosophie; hellenistische Literatur. Alle diese Fächer sind gediegenen Fachmännern zugetheilt, die zwar Amerikaner sind, die aber fämmtlich aus Europa stammen oder doch auf europäischen Hochschulen ihre Ausbildung erhielten. Zu diesem „Editorial-Board" gesellte sich neuestens noch der berühmte englische Publicist Josef Jacobs, der trotz seiner großen Erfolge auf literarischem Gebiete die Aufgabe seines Lebens erst in der Partizipirung an den Arbeiten der jüdischen Encyclopädie erfüllt sieht, weshalb er denn England verließ und nach Amerika übersiedelte. Außer dem Board der Herausgeber wird das große Werk noch von einem Board of consulting editors geleitet, dessen eine Gruppe iu Amerika ansässig ist, während die andere Gruppe von berühmten Gelehrten des Auslandes besteht. Aus den Namen dieser Gruppe heben wir hervor die Professoren W. B a ch e r und I. Goldziher in Budapest, die Rabbiner M. G ü d e m a n n in Wien. M. Kayserling in Budapest und I. L ö w in Szegedin, wie auch unseren Landsmann Professor Ludwig Stein in Bern. Man sieht, Oesterreich-Ungarn ist mit einem Eontingent der bedeutendsten Kräfte an dem Werke betheiligt Unter den dreihundert Mitarbeitern finden wir Männer wie B e z o l d in Heidelberg, Buhl in Kopenhagen, C o r n i l l in Breslau, G u i d i in Rom, M o m m s e n in Berlin, Schürer in Göttingen, Vambery in Budapest und viele Andere, die in ihrem Fache anerkannte Autoritäten sind. Die Mitarbeiterschaft dieser ch r i st l i ch e n Autoren schließt von vorneherein den Verdacht aus, als ob mit der jüdischen Encyklopädie die Verherrlichung des Judenthums bezweckt wäre, vielmehr gehött die strenge Unparteilichkeit mit zu dem Plane der Encyclopädie, die auf diese Weise ein verläßlicher Rathgeber sein wird in allen Fällen, wo man über Judenthum, über jüdisches Leben und Denken rascheu Aufschluß erhalten will. Es heißt darum mit Recht in der Vorbemerkung der Herausgeber : „Das Urtheil dieser Männer, unter denen es eine Anzahl von Christen gibt, die sich über den einen oder den anderen Gegenstand äußern, macht es gewiß, daß die Publikation eines solchen Werkes sorgfältig vorbereitet, beitragen wird zur Beseitigung des Vorurtheils, welches in Cirkeln noch immer herrscht gegen eine Race. welche der Civilisation einen Moses, David, die Propheten, Jesus und die Apostel gegeben; denn während diese große Unternehmung nicht missionarisch sein will in der Absicht, so ist es doch unvermeidlich, daß sic das sein wird im Erfolg. Lasset deutlich sehen das Menschengeschlecht das Werk, welches von den Juden für die Welt vollbracht wurde, alsdann muß das Vorurtheil, welches durch mehrere Jahrhunderte gegen die Juden herrschte, verschwinden." Also ist auch von dieser Encyclopädie der Segen der Aufklärung zu erwarten, wie sie zum Heile der Menschheit einst von der großen französischen Encyclopädie ausgegangen war. B u d a p c st. Tr. S a m u e l K r a u ß. Vas „Ferienheim" im eigenen Hause. Der Verein „Ferienheim" tritt mit dem neuen Jahrhundert in eine neue vielversprechende aber auch großer Aufopferung erheischende Aera seines Wirkens. Den jahrelangen, unermüdlichen, mit bewunderungswürdiger eiserner Consequenz festgehaltenen Bestrebungen seiner vom besten Willen beseelten Präsidentin, seines Gesammtvorstandes, und seines Baucomitö ist es endlich gelungen, dem Vereine ein eigenes Heim einzurichten und die Hunderte armer Kinder, denen man liebevoll einen Ferienaufenthalt bereiten will, nicht mehr von dem guten Willen einer Wohlthäterin oder eines Wohlthäters und noch weniger vom Zufalle, ob es angestrengten Bemühungen gelingen werde, ein temporäres Heim aufzufinden, abhängig sein zu lassen, sondern ihnen die Sicherheit zu bieten, daß die ihnen zugedachte Erholung und Stärkung ihnen auch unter den bestmöglichen Verhältnissen zutheil werden wird. Diese Bestrebungen, so zielbewußt sie auch angefangen und fortgesetzt waren und so sicher sie endlich auch zum Ziele führen mußten, hätten doch nicht so schnell den ersehnten Erfolg erreicht, wenn nicht die Wohlthäterin, deren edelsinniges Herz den armen Kindern eine zeitweilige Unterkunft verschaffte, auch dafür gesorgt hätte, daß über das eigene irdische Wirken hinaus, das so voll Segen war, dem „Ferienheim" die Mittel geboten werden, seinen Zweck zu erfüllen. Für immerwährende Zeiten ist der Name Baron Hirsch-Gereuth unter die großmüthigsten Wohlthüter eingereiht und wie sein Name, wird auch der Name seiner Gemahlin Baronin Clara Hirsch-Gereuth immer mit Dank und Segenssprüchen genannt werden, wenn man der Männer und Frauen gedenkt, die der Pflichten des Besitzes bewußt, vom erworbenen oder ererbten Gut einen großen Theil den Enterbtendes Geschickes zuzuwenden sich für verpflichtet erachten, und die nicht nur zu geben verstanden, sondern auch mit richtiger Auswahl, zu richtigem Zwecke, in die rechten Hände die Summen zu legen wußten, die sie auf den Altar der Humanität legen wollten. Dank diesen richtigem Erkennen der Bedürfnisse seitens der in Gott ruhenden Baronin Clara Hirsch-Gereuth und Dank der sorgsamen Verwaltung der eigenen Einkünfte, die man nicht thesaurirte, um große Summen auszuweisen, sondern um sie im gegebenen Momente am zweckentsprechendsten zu verwenden, konnte endlich eine günstige Gelegenheit benützt und eine Besitzung angekauft werden, die allen Bedingungen entspricht, welche an das