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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 338 Dr. Blocht WochenfchrM» Nr. 18 wählen? Der Vorstand? oder die eingesetzte Jury? oder das Publikum? oder aber alle die genannten Factoren insgesammt? Nehmen wir das letztere an, so müßten doch zuvörderst diese drei Factoren bezüglich der nothwendigen Qualitäten des Anzustellenden einig sein, was jedoch nicht der Fall zu sein'scheint. Im Ansange galt, mit Rücksicht auf die seit Decennien vom verewigten Obercantor Goldstein gewohnte und so ausgezeichnete Vortragsweise der Grundsatz, daß auch der Nachfolger im Amte die gleiche Stimmqualität d. h. eine Tenorstimme besitzen müsse. Doch schon die Berufung von hohen und tiefen Baritonisten zu Probevorträgen zeigte, daß der anfangs aufgestellte Grundsatz vollständig umgestoßen wurde. Auch auf die zweite Bedingung, das vorschriftsmäßige Alter betreffend, wurde sehr wenig Rücksicht genommen. Und die dritte Conditio sine qua non (den Nachweis der musikalischen Bildung betreffend) wurde mit gleicher Unregelmäßigkeit behandelt. Während anerkannte und bereits seit Jahren in bedeutender Stellung wirkende Cantoren das immerhin Erniedrigende einer Vorprüfung aus den Anfangselementen der Musik über sich ergehen laffen mußten, war es Anderen, wenn auch noch unreifen, aber trefflich inscenirt eingeführten Candidaten auch ohne Vorprüfung gestattet, einen öffentlichen Sabbathvortrag abzuhalten und — die musikalische liturgische Qualification dieser unbegreiflich Bevorzugten blieb bis nun eine Terra incognitä. Man stellt den, namentlich in den Wiener Synagogen abgekürzten cantoralen Sabbathvortrag als den Prüfstein für den zu Wählenden hin und läßt es ganz außer Acht, daß ein Sabbathvortrag das Alpha jedes jüdischen Cantors ist und der qualitativ-fachmännische und liturgische Schwerpunkt, wie auch der Gradmesser für die Tragfähigkeit und Ausdauer der Stimme nicht nach einem Sabbathvortrag sondern nach anderen, weit wichtigeren Gelegenheitsleistungen zu beurtheilen sei. Diese sonderbaren Erscheinungen könnten bis zur Ermüdung aufgezählt werden, allein wir beabsichtigen keineswegs, auf — bei ähnlichen Borkommniffen leider sich wiederholenden — Fehler hinzudeuten, als vielmehr zur ersprießlichen Endregelung der schwebenden Frage unser ehrliches Scherflein beizutragen. Deshalb sei es uns gestattet, noch eines, aus der Wahlangelegenbeit resultirenden, drastischen Falles Erwähnung zu thun. Ein hervorragendes Mitglied der eingesetzten Jury soll den beherzigenswerthen Ausspruch gethan haben, daß keines der eingelaufenen Gesuche unberücksichtigt, ja, daß keiner der Bewerber einfach zurückgewiesen werden möge; denn: „Es könnte draußen in einer unscheinbaren Gemeinde irgend ein, bis nun unbekannter junger Cantor mit prachtvoller Stimme aufgefunden werden, der, wenn auch momentan noch nicht ganz fertig, durch Studium rc. bis zur Vollendung heranreifen werde/ Und als dieser junge, bis nun unbekannte Cantor factisch aufgefunden wurde, soll ein Anderer den vernichtenden Ausspruch gethan haben: „Ja, es ist wirklich Alles ganz schön, allein der Weg nach Wien führt doch nicht direct über-; er soll erst seine Schwingen anderwärts versuchen rc. rc. So drastisch diese beiden Anschauungen scheinbare Gegensätze aufweisen, ebenso offenkundig deuten dieselben die bei der bevorstehenden Wahl einzuschlagenden beiden Richtungen an. Mes, was sich einer dieser Richtungen sympathisch anschließt, wendet sich erbittert gegen die Freunde der andern und dennoch bleibt jeder Mittelweg ausgeschlossen. Entweder es findet sich irgend ein ausgereister, wenn auch etwas älterer Cantor, der mit sieghafter Vollkraft und mit sicherem Zielbewußtsein ausgerüstet, sein Amt antritt oder aber es wird ein junger, mtt blendender Stimme und cantoral-fachmännischen Anlagen begabter Mann provisorisch angestellt, der nach Jahresfrist, wenn er sich bei allen Agenden des Synagogenjahres bewährte, erst in definitiver Eigenschaft eingeführt werden soll. Die Richtigkeit dieser Ausstellung kann nicht angefochten werden und da für beide Kategorien auch die geeigneten Candidaten vorhanden sind, so wäre es eine lobenswerthe That, dem unheiligen Kesseltreiben an heiliger Stelle ein gebührendes Ende zu bereften. Eine neue jüdisch-amerikanische Encgclopadie. Seit Plinius des Aelteren Zeiten, der in seiner ..Naturgeschichte" ein noch heute schätzbares encyclopädisches Werk schuf, war es stets ein wissenschaftliches Bestreben, die Summe aller menschlichen Kenntnisse und Erfahrungen zu ziehen, und zwar nicht in dem Sinne, wie es die Philosophie thut, welche die gesammte menschliche Erkenntuiß zum Aufbau einer einheitlichen Weltanschauung verwendet, sondern mehr in der empirischen Art der^ Zusammenfassung all desjenigen Wissens, welches sich die Menschheit im Laufe der Zeiten zu eigenem Frommen und Nutzen angeeignet hatte. Dieses Bestreben war besonders im Mittelalter derart vorherrschend, daß die größten Denker und Gelehrten ihre Lebensaufgabe erfüllt sahen, wenn es ihnen nach ihrer Meinung gelang, alles menschliche Wissen in sogenannten „Summen" zusammenzufassen. Es ist gewiß ein kühner Gedanke, alles Wissen und Denken, das die Menschheit seit ewigen Zeiten in sich vereint, in einem einzigen Werke zur Darstellung zu bringen. Ist dies überhaupt möglich? Ist schon die Erfahrung eines einzelnen Menschen genau genommen etwas Unbestimmbares, Unsagbares, wie erst muß es unbestimmbar und unsagbar sein, wenn es sich um das Wissen der ganzen Menschheit handelt! „Ein Tag kündet es dem andern" — sagt der Psalmendichter von dem Weltwunder; in der That erscheint uns jeder Tag als der Erbe des vorhergehenden Tages, was den einen Tag ins Dasein getreten und zum Bewußtsein der Menschen gekommen ist, wird an den folgenden Tag vermacht und von Anbeginn an sind es gar viele Tage, die ans diese Weise reicher, viel reicher, unendlich reicher als die früheren mit Erfahrungen jeglicher Art ausgestattet sind. Wie will man all' diesen Reichthum in Eins zusammenfassen? So ist denn der Gedanke einer Zusammenfassung alles menschlichen Wissens, wie so manch' anderer kühner Gedanke, noch niemals zur Wirklichkeit geworden, denn ebenso wie in objectiver Hinsicht das menschliche Wissen eng begrenzt ist, so ist es andererseits, subjectiv genommen, geradezu grenzenlos; kein Mensch vermag anzugeben, wie viele der Erscheinungen der Innen- und Außenwelt den Menschen zu klarem Bewußtsein gekommen sind und in welchem Maße sie von ihnen festgehalten werden. Dennoch aber war, wie bereits gesagt, das Bestreben einer encyclopädischen Darstellung des menschlichen Wissens von jeher wirksam gewesen, und wir haben diesem Bestreben Werke zu verdanken, die bei ihrer Grandiosität und ihrem reichen Inhalt dre gewiß unbestreitbare Thatsache, daß sie bei all' dem doch nur mangelhaft sein können und von dem wirklichen Wissen der ganzen Menschheit doch nur ein ungenügendes Bild geben, uns leicht vergessen machen. Doch die Unmöglichkeit solchen Beginnes schließt das Bedürfniß danach durchaus nicht aus, denn die Menschen wollen eben unterrichtet sein, in leicht faßlicher Weise unterrichtet sein von Allem, was einem Menschen zu wissen geziemend und möglich ist. Es ist nur natürlich, daß bei der sich immer weiter ausdehnenden Wissenschaft das Bedürfniß nach einheitlicher Zusammenfassung nur noch größer ist, und da es eben unsere Zeit ist, in welcher jede Art von Wissen in weitestem Maße ausgebildet wird, so ist es auch unsere Zeit, die noch mehr als frühere Epochen ein Verlangen trägt nach encyclopädischer Darstellung. Selbst die noch junge ungarische Literatur besitzt an dem Pallas- L e x i c o n ein großartiges encyclopädisches Werk von bleibendem Werthe, doch ist dieses nach Art der beliebten deutschen Conservations- Lexica von Brockhaus und Mayer mehr volksthümlich gehalten, eine Fassung, die eine erschöpfend wissenschaftliche Behandlung der einzelnen Gegenstände principiell ausschließt. Fast will es scheinen, daß man von wissenschaftlichen Encyclopädien, wie sie im 18. Jahrhundert von den französischen Eucyclopädisten und im 19. Jahrhundert von den deutschen Professoren E r s ch und G r u b e r in Halle angelegt worden sind, in welcher der 27. Band der II. Section fast ausschließlich über Juden und Judenthum spricht, in unserer Zeit überhaupt abgekommen ist, so sehr mußte sich die Undurchführbarkeit eines solchen Unternehmens aufdrängen. Man schritt vielmehr zur Theilung der Aufgabe und so wird es jetzt immer mehr üblich, statt des ganzen Umfanges des Wissens nur einzelne Kreise desselben zu behandeln, wobei die Aufgabe einer encyclopädischen Darstellung noch immer groß genug ist. Der jüngste Wissenskreis, der eine encyclopädische Darstellung erfährt, ist wohl der Kreis der jüdischen Disciplinen, deren einheitliche Bearbeitung eben jetzt in Amerika unternommen wurde Mannigfach sind die Gründe, weshalb dies erst jetzt geschehen konnte. Im großen freien Reiche der Wissenschaft waren die jüdischen Disciplinen ebenso geächtet, wie im Reiche der Völker das jüdische Volk selbst. Nicht daß die jüdische Wissenschaft verachtet oder geringgeschätzt gewesen wäre — man wußte oder man ahnte es vielmehr, daß diese Wissenschaft ungeheuer reich sei, wie es nicht anders sein kann, mit dem geistigen Erzeugniß eines Volkes, das drei Weltrelrgionen aus sich hervorgebracht, das mit Griechen und Römern siegreich den geistigen Kampf bestand, das im finsteren Mittelalter, verbunden mit den Arabern, der muthlge Fackelträger von Bildung und

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