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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 336 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 18 ich spreche es hier offen aus, ich schäme mich jetzt dieser That und zum zweiten Mal verübe ich sie nicht mehr, selbst wenn mein eigener Bruder beschuldigt werden sollte, zu Ostern eine christliche Jungfrau abgeschlachtet und deren Blut an jüdische Gemeinden verschickt zu haben. Nicht mein Stolz regt sich in mir — worauf sollen wir Juden auch stolz sein? — sondern der pessimistische Trotz, der mir sagt, die böswilligen Christen hassen nicht die Juden, weil sie diese in Wahrheit des Ritualmordes verdächtigen, sondern sie verdächtigen sie damit, um sie hassen zu dürfen. Hingegen dünkt sich der deutsche Jude wirklich als ein höheres Wesen gegen seine Glaubensgenoffen in Osteuropa. Er, der Christen gegenüber kriechend bis zur Selbstentäußerung ist, bläht sich auf, wenn er einem Juden aus Rußland oder Galizien gegenübersteht, der in jüdischen Dingen nicht so souverän unwissend ist. Und nun kam jetzt die „Ritualmord"-Geschichte von Könitz. Sie war Anfangs so lächerlich, daß selbst Antisemitenblätter sie sehr vorsichtig und behutsam behandelt haben. Erst nach und nach hat sie sich zu einer vollen „Blutbeschuldigung" ausgemästet, so daß selbst die Regierung ihr große Aufmerksamkeit schenken mußte und einen hohen Beamten an Ort und Stelle entsandte, um die Vorgänge objectiv zu prüfen, jedenfalls die Untersuchung nicht durch subalterne Polizeiorgane leiten zu lassen. Der Regie» rung gebührt alle Anerkennung, denn wenn sie auch weiter nichts gethan hat, als was Staatsinteresse und unparteiische Rechtspflege fordern, so find wir Juden in der letzten Zeit recht bescheiden geworden und betrachten es als eine Wohlthat, wenn man uns nicht gleich als Menschenfresser erklärt und das Motiv „Ritualmord" wenigstens nicht als „gerichtsnotorisch" betrachtet, wie es in Böhmen geschehen ist. Nun, wollen Sie wohl hören, was unsere „gebildeten" Führer dazu sagen? Ein Theil ist zweifellos darüber betrübt, ein größerer aber zuckt gleichgiltig die Achsel — es fehlt aber leider auch nicht an Solchen, die es offen aussprecheu. Vielleicht doch? In der antisemitischen „Täglichen Rundschau" stand ein Artikel von Herrn v. Massov zu lesen, der sich sehr „wohlwollend" über den „Ritualmord" äußerte. Gelehrte Christen haben es bezeugt, daß Alles Lug und Trug sei; edle und unbefangene Juden, die das jüdische Schristthum in allen seinen Bestandtheilen kannten, haben auf Ehre und Gewissen erklärt, daß die Juden niemals zu religiösen Zwecken Blut brauchten; es ginge nicht an, jene Juden als Lügner zu bezeichnen. Nun wohl, die gebildeten deutschen Juden haben mit dem Ritualmord gewiß nichts zu schaffen; aber warum zeigen sie sich so nervös in dieser Angelegenheit? Warum soll es nicht auch ungebildete und bethörte Juden geben, die gleich den christlichen Sectirern in Holland oder in Rußland aus religiösen Motiven morden? Diese Ausführungen haben im jüdischen Lager große Freude erregt. Wenn nur die deutschen Juden keine Menschenfreffer sind, was liegt ihnen an den andern, was liegt ihnen an dem Judenthum selbst? Das Unangenehme ist nur, daß sich christliche Mädchen weigern, bei jüdischen Herrschaften in Dienst zu treten, aus Furcht, dort abgeschlachtet zu werden, und in den Dienstvermittlungsbureaus kann man es häufig hören, wie sich Frau Cohn oder Frau Löwy dem christlichen Dienstmädchen gegenüber wegen ihres Judenthums entschuldigt: „Bei mir," versichert die glaubensstolze Jüdin, „ist nichts von der jüdische» Religion zu merken, unsere Kinder sind sogar getauft." Aber ach! nur in den seltensten Fällen sind die Dienstmädchen so großmüthig, Frau Cohn und Frau Löwy das Judenthum zu verzeihen; selbst der Hinweis auf die getauften Kinder erweicht nicht ihr Herz. Und Angesichts solcher traurigen Zustände, da man bei uns den rapiden Verfall des Judenlhums von Tag zu Tag beobachten kann, ist unsere Gemeindeverwaltung nicht unthätig geblieben. Zwar ist der Religionsunterricht bei uns im Superlativ schlecht; zwar wächst die Jugend in völliger Unkenntniß des Judenthums, seines religiösen Inhalts und seiner Geschichte, heran; zwar ist es heutzutage eine Seltenheit, daß ein jüdischer Gymnasialschüler auf eine Frage der biblischen Geschichte irgend eine Antwort zu geben vermag, während es die christlichen Schüler sehr gut können; zwar höhnt die jüdische Jugend am Schlimmsten über alles Jüdische, und auch unser Gemeindevorstand kann es Einem nicht verzeihen, wenn sich Jemand herausnimmt, von dieser Regel, der Unwiffenheit in jüdischen Dingen, in Etwas abzuweichen — aber dafür beten wir Abends „Maariw Bismano", und neulich ist ein Geflügelschächter cassirt worden, weil er angeblich die Gänse nicht commentmäßig ins Jenseits — d. h. in den Magen frommer Gemeindemitglieder befördert hat. Der Mann hat bisher anstandslos geschlachtet, und ich selber habe den ganzen Winter hindurch Gänsebraten „unter Aufsicht des hiesigen Rabbinates" gegessen, ohne zu wissen, wie jammervoll ich getäuscht worden bin. Aber an der Thatsache ist doch nichts zu ändern. Das Ereigniß hat mich wahrlich erschüttert, und nun habe ich auch zu der Bank von England kein Vertrauen mehr. So wird bei uns das Judenthum gerettet! Berlin. Dr. S. B e r n f e l d. ->- * * Auf der Reise von Berlin nach Rußland liegt die Stadt Könitz Hier ist ein Mord begangen worden, ein bestialischer Mord an einem unschuldigen Jüngling von 18 Jahren, ein hoffnungsvoller Mensch mußte unter dem Messer eines grausamen Mörders verbluten und uns erfüllt Entsetzen vor der Bestie, die eine solche That begehen konnte, und tiefes Mitleid mit den armen Eltern, die nicht einmal am Grabe ihres Sohnes beten können. Und doch ist es nichts weiter, wie ein Mord, wie er hundertja tausendfach vorgekommen, der zum Theil seine Sühne fand oder ungesühnt blieb, denn die Polizei besteht eben aus Menschen, die nicht allwissend und allgegenwärtig sein könnten. In den letzten 25 Jahren sind beispielsweise in Berlin sechzig Morde begangen worden, wovon zehn Morde bis heute ungesühnt geblieben. Es ist selbstverständlich, daß in einer kleinen Stadt ein Mord größeres Aufsehen und einen beängstigenderen Eindruck macht, wie in einer Millionenstadt, aber die Bewohner von Könitz und Umgegend haben auch nicht einen Augenblick an einen sogenannten Ritualmord gedacht. Erst als das Verbrechen in Berlin bekannt wurde, da wurde im Handumdrehen ein Ritualmord construirt. Der Ermordete ist kurz vor der Zeit, in welcher das Verbrechen begangen wurde, mit zwei Kameraden gesehen worden; aber trotz wiederholter Aufforderungen der Polizei haben sich diese Kameraden bis zur Stunde nicht gemeldet. An drei verschiedenen Stellen sind Damen-Taschentücher mit dem gleichen Monogrammzeichen gefunden worden; aber alle Bemühungen von Staatsanwalt und Polizei bleiben umsonst, die Besitzerin dieser Taschentücher ist noch immer unentdeckt. Was in aller Welt veranlaßt diese Personen zu so auffallender Zurückhaltung, wenn sie keinen Grund haben, oder nicht von gewisser Seite haranguirt werden, im Hintergründe zu bleiben d Dem Schweigen dieser zur Aussage Verpflichteten steht die redselige Geschäftigkeit geheimer und offener Denuncianten gegenüber, die sich mit ihren angeblichen Wahrnehmungen au die Behörden herandrängen und statt zur Aufklärung thatsächlich zur Verdunklung und Verwirrung beitragen. Es wiederholt sich eben genau dasselbe, was jedesmal, wenn der Wahnwitz des „Ritualmordes" die Geister benebelt, der Fall ist: ein antisemitisches Nebentribunal von Geschichtenträgern und Zeugensousfleuren drängt sich dem berufenen Richter an die Seite und zwingt demselben eine Beachtung jener Denunciationen auf, zu welcher er aus eigener Entschließung sich nimmer verstanden hätte. Das Echo dieses frechen Terrorismus sind die Unruhescenen, die in Könitz und Nachbarschaft sich abspielen und das nachdrücklichste Eingreifen der Sicherheitsbehörden nothwendig machen. Ueber die Thatsache, daß in Preußen ein solches Aufgebot von staatlicher Gewalt erforderlich ist, um Leben und Eigenthum der jüdischen Bürger zu schützen, braucht kein Wort verloren zu werden. Die Juden in Könitz, ja in der ganzen Provinz Westpreußen, sind boykottirt, sämmtliche Geschäfte liegen seit Wochen brach und der Kaufmann, der allerdings auf die christliche Kundschaft angewiesen, die hier wie überall, wo reelle jüdische Kaufleute existiren, beim Juden kaufen, könnte ruhig sein Geschäft schließen und nicht dieses allein, sie alle sind vollkommen isolirt, keiner darf sich in einer öffentlichen Wirtschaft sehen lassen und ist er gezwungen, einen kurzen Gang in die Stadt zu machen, so wird er vom Pöbel verhöhnt, mit Hepp- Hepp-Rufen verfolgt und ist in Gefahr, mißhandelt zu werden. Welche Pessachfeier haben die armen Juden in Kouitz gefeiert! Das Andenken an die Zeit der Befreiung war für sie eine Zeit der Trauer, eine Tischeboav-Stimmung die Signatur der acht Pessachtage. Und trotz aller Anstrengung der Polizei, trotzdem die Juden selbst große Belohnungen für die Entdeckung des Mörders ausgesetzt, trotzdem jeder Einzelne die Spuren, die er etwa entdeckt, ausgesagt, alle diese Spuren, die nicht auf einen Juden hinführen, werden durch die falschen Nachrichten der antisemitischen Blätter verwischt, Der Schwerpunkt der Ermittlungen in der Mordaffaire liegt zur Zeit in C z e r s k, ohne daß über deren wahrscheinliches Ergebniß sich Positives sagen ließe. Die Unruhen in E z e r s k, Hammerstein, Prechlau sind, wenn auch von symptomatischer Bedeutung für die Aufregung der Bevölkerung, doch in Bezug auf den tatsächlichen Umfang nicht allzu erheblicher Natur. In Kamin gab ein Israelit auf die ihn verfolgende Menge Revolverschreckschüsse ab. In der Richtung der Schüsse befand sich zufällig ein Geistlicher, wodurch in der ganzen Gegend das Gerücht entstand von einem Attent^ der Juden auf einen Pfarrer. Der Ministerialdirector M a u b a ch hatte auf der Durchreise eine Unterredung mit dem Vater des ermor-

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