Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 m*o Bloch's WochrnfchrM Seite 335 wir werden entschlossen alle jene Parteien unter st ützen, welche gegen die Antisemiten, sei es aus welchen Motiven immer, kämpfen. Kommen wir hiebei inGegensatz zumMinisterium, so werden wir die Thatsache bedauern, aber unsere Richtung nicht aufgeben. Für dieses Programm unserer weiteren politischen Thätigkeit erbitten wir verehrte Herren, Ihre Zustimmung! * Vor Eingang der Wahlen* erhob sich der Präsident, kaiserl. Rath Anninger und gab seinem Bedauern Ausdruck, in Folge seiner angegriffenen Gesundheit auf das Ehrenamt des Präsidenten der österr. isr. Union derzeit Verzicht leisten zu müssen, versprach aber, dem Vereine als Beirath jederzeit gerne zur Verfügung stehen zu wollen. Als seinen eventuellen Nachfolger schlug Herr Anninger Herrn kaiserl. Rath Adolf R u 2 i ö k a vor. Derselbe habe einer Deputation des Vereins - Präsidiums gegenüber seine Bereitwilligkeit ausgedrückt, an die Spitze der Union treten und derselben seine volle Kraft widmen zu wollen. Herr RuLieka habe blos die Bedingung daran geknüpft, vorerst dem Vereinsvorstande und den Beiräthen seine Ansichten über die künftige Führung des Vereines auseinandersetzen zu wollen. Dies sei erfolgt und hiebei die vollste Uebereinstimmung des Präsidentschafts-Candidaten mit dem gesammten Vorstande zu Tage getreten, weshalb er der Versammlung diese Canvidatur auf das Wärmste empfehle. (Lebhafter Beifall.) Nun erbittet sich das Vorstandsmitglied, Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Elias das Wort, um im Namen des Vereinsvvrstandes Herrn kaiserl. Rath Anninger den Dank für dessen aufopfernde Thätigkeit zu votiren, dem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, ihn von der Leitung des Vereines scheiden sehen zu müssen, sowie den Antrag auf Ernennung desselben zum Ehrenmitgliede des Vereines zn stellen. Dieser Antrag wurde von der Versammlung einstimmig und stehend angenommen. Kaiserl. Rath Anninger dankte in warmen Worten für die ihm gewordene Auszeichnung und Ehrung. Ueber Antrag des Herrn Dr. Bloch wird nunmehr Herr kaiserl. Rath R u L i L k a per Acclamation zum Präsidenten gewählt. Mit lebhaftem Beifalle empfangen, entrollt derselbe in großen Zügen em Bild der zukünftigen Aufgaben des Vereines. Nach meiner persönlichen Empfindung, sagte der neue Präsident haben die Juden nur deshalb in ihrem gesellschaftlichen Leben Schiffbruch erlitten, weil sie sich zersplittert haben und weil die Einigkeit niemals im Vordergründe gestanden ist. Es wird daher ernstlich an den Verein die Frage herantreten, ob es denn doch nicht möglich wäre, eine Organisation zu schaffen, welche die gesammte Judenschaft in sich schließt. Wenn wir zusammen wirken, wenn wir keine Fractionen bilden und uns endlich sagen werden, bis zu einer gewissen Grenze sind wir alle Juden, dann wird es möglich sein, diese Organisation durchzuführen, auf Grund derer mit uns zu rechnen sein wird. Kaiserl. Rath Ru 2 ieka entwickelte, häufig von Beifall unterbrochen, in scharfen Umrissen ein klares Bild über die zielbewußte Thätigkeit eines politischen Vereines, und schloß seine Ausführungen mit folgenden Worten: Nach der werkthätigen Vorarbeit meiner verehrten Vorgänger im Präsidium, deren Verdienste Sie geehrt haben, hätte ich nun die Aufgabe, mit einem Versprechen zu schließen; auf politischem Gebiete sind Versprechungen immer gewagt — mit meinen schwachen Kräften vermag ich nur meinen besten Willen in den Dienst der Sache zu stellen, einer Sache, welche für die Menschenrechte, für den demokratischen Grundsatz, die Gleichheit Aller, kämpft. Eines aber verspreche ich dennoch: An dem Tage, an welchem ich die Ueberzeugung gewinne, daß die Organisation in der Judenschaft nicht möglich sei, an diesem Tage werde ich das Mandat, das ich heute aus Ihrer Mitte übernehme, sofort in Ihre Hände zurücklegen". (Lebhafter Beifall folgte dieser Ansprache des neuen Präsidenten.) In den Vorstand wurden sodann wiedergewählt die Herren: Landesgerichtsrath Dr. Jacob K o h n, Docent Dr. Ehr mann, Dr. S. Elias, Dr. Philipp Meitner, Jacob I a i t e l e s, Adolf R o s e n b a u m, Dr. Sigmund Zins, B. K a n i tz und Sigmund Mayer. An den Rechenschaftsbericht knüpfte sich eine lebhafte Debatte, an welcher sich die Herren Lucian Brunner, B. M arc u s, K o lis ch, Fi s che r, R ei f, Dr. L ip s ch i tz, B e r nhar d Münz und Dr. Bloch betheiligten. Die Versammlung schloß um 11 Uhr Nachts. Bei der hierauf stattgefundenen Constituirung des Vorstandes wurden zu Vicepräsidenten die Herren Landesgerichtsrath Dr. K o h n und Docent Dr. Ehrmann; zu Schriftführern die Herren Dr. Elias und Zins; zum Cassier Herr Jacob Jaiteles gewählt. Der Ritualmord in Könitz. Es kostet mich nicht geringe Ueberwindung, mick mit diesem Thema publicistisch zu befassen, das mir persönlich so nahe geht. Bon der einen Seite sehe ich, welche Verwirrung dieser Wahnwitz in vielen Köpfen angerichtet hat, von der anderen Seite aber bin ich aufs tiefste beleidigt und verletzt, wenn ich die vielen gutachtlichen Bescheide lese, die so wohlwollende und ehrliche Christen gegen die Blutbeschulvigung haben ergehen lassen. Während ich mit meinem Judenthum in die höchsten Regionen der Ethik und der Menschenliebe zu steigen gedenke, muß ich mir das Zeugniß ausstellen lassen, daß mir mein Glaubensbekenntniß nicht befiehlt, ein Menschenfresser zu sein. Ich will die Leser nicht mit den Einzelnheiten dieser traurigen Angelegenheit behelligen, die sie ohnedies aus den Berichten der Tagespresse kennen werden. Auch will ich sie nicht mit einer neuen Apologie des Judenthnms, mit Beweisen für die Lügenhaftigkeit dieser Beschuldigung beleidigen. Das Bild aber, das ich Ihnen im Interesse der historischen Wahrheit vorsühren muß, ist deshalb nicht minder betrübend. Ich könnte mich zur Noth über das Verhalten der offenen und heimlichen Gegner beruhigen. Die Menschheit scheint zu jeder Zeit einen Wahn als Vorwand nöthig zu haben, um sich gegenseitig zu zerfleischen. Der Historiker kann sich mit der Erwägung trösten, daß der Culturfortschritt ein sehr langsames Tempo innehält. Jahrtausende hat das menschliche Geschlecht nöthig gehabt, um sich des theoretischen Kannibalismus zu entwöhnen; es wird weiterer Jahrtausende bedürfen, um zu jener Höhe ethischer Erkenntniß zu gelangen, daß man den Nebenmenschen, auch wenn er anderer Abstammung ist und sich zu einem anderen Glauben bekennt, nicht unverdient kränken, vor Allem aber unter keinen Umständen verleumden darf. Viel betrübender ist der Anblick, den uns zur Zeit unsere eigene Religionsgemeinschaft bietet. Vor einem Jahre spielte in dem böhmischen Städtchen Polna eine ähnliche Affaire, die bekanntlich mit der jetzt vom Obersten Gerichtshof aufgehobenen Verur theilung eines jüdischen Stromers endete. Da zeigten sich unsere vornehmen und reichen Juden recht vornehm und zurückhaltend. Vor Allem sträubten sie sich dagegen, jene Angelegenheit als eine allgemein jüdische zu behandeln. Recht weise und bedächtig meinten sie, daß man eben das vermeiden müsse, was uns unsere Feinde zum Vorwurf machen, nämlich die nationale Solidarität. Die Juden in Böhmen seien Böhmen, ob Deutsche oder Czechen, mögen sie allein unter sich ausmachen; jedenfalls gehen sie uns deutsche Juden nichts an. Und dann, fragte mich nach dem Abschluß der Gerichtsverhandlung in Kuttenberg, ein gebildeter Glaubensgenosse, wissen Sie es denn wirklich so genau, daß nicht in jenen „halbasiatischen" Gegenden — für unsere gebildeten Juden in Deutschland ist ganz Osteuropa „Halbasien" — vielleicht doch solche Obscuranten zu finden sind, die in ihrem religiösen Wahn Blut vergießen? Gibt es doch solche Secten unter den holländischen Protestanten und den russischen Rechtgläubigen. Unter allen Umständen aber müssen wir jede Gemeinschaft mit den Juden Osteuropas ablehnen. Diese Bemerkungen sind wirklich gefallen, und ich hielt es damals für nöthig, meinem Freunde gegenüber mein Ehrenwort zu verpfänden, daß ich auch nicht eine Stunde im Judenthum ausharren würde, wenn mir irgend eine noch so leise Andeutung im jüdischen Schriftthum oder in den jüdischen Gebräuchen bekannt wäre, die auf einen so scheußlichen Religionsgrbrauch unter Juden, und sei es auch solcher in Ganz- oder in Halbasien, hinwiese. Mein Freund weiß, daß ich das Judenthum genau kenne und schenkte mir Glauben. Ich hielt es aber damals für angebracht, in einer Zeitung, die zumeist von gebildeten Juden gehalten und gelesen wird, alle Momente zusammenzustellen, die gegen diese elende Verleumdung sprachen. Mit der Constatirung dieser Thatsache will ich mir keinestvegs die Anerkennung meiner Stammesgenossen sichern. Nein.