Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021350--09855-3034305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 334 Vr. Bloch's Wocheafchrifk. Nr. 18 In dieser politischen Richtung nun haben wir nach zwei Hauptseiten hin unser Verhalten zu berechnen und zu bestimmen. Erstens und vor Allem gegenüber der Regierung. Zweitens der Gesammtheit der in Oesterreich thätigen Parteien gegenüber. Wenden wir uns zunächst nach der ersten Seite. Seit dem letzten Ihnen erstatteten Jahresbericht sind drei Regierungen: Thun, Clary, Wittek gefallen — eine vierte, das gegenwärtige Ministerium Koerber — ans Ruder gelangt. Keiner derselben, und am allerwenigsten der jetzigen, kann eine direct antisemitische Richtung imputirt werden. Wir gehen noch weiter; wir behaupten: die von diesen Regierungen in mehr als einem Falle den Antisemiten gezeigte freundliche Gesinnung war feine freiwillige. Gar keine Regierung, die wirklich regieren will, kann eine Freundin derartiger wilder, turbulenter Parteien sein. Aber diese sämmtlichen Ministerien standen, das heutige Ministerium steht unter dem schweren Drucke einer ihnen dictirten speciellen Aufgabe: das Parlament wieder arbeitsfähig zu machen. Die Lösung dieser Frage ist es, welche alle anderen Staatsaufgaben, und wären sie noch so wichtig, alle Fragen der politischen Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Wohlfahrt erdrückt hat, auch noch gegenwärtig total erdrückt. Von diesem Standpunkt aus allein ist das Ungeheuerliche zu erklären, das jüngst geschehen ist: wir meinen die Sanction der Wiener Wahlreform. Was das Ministerium dazu gebracht hat, sich der Partei Lueger- Liechtenstein in dieser Frage ganz und ungetheilt zu unterwerfen, ist klar. Herr von Koerber fürchtete sich, zu der Obstruction der Deutschen uno jener der Czechen auch noch eine dritte, die der Antisemiten und ihrer Verbündeten auf den Hals zu laden. Es ist das natürlich ein für uns verhängnißvoller Standpunkt. Aber da nicht unser Standpunkt, sondern jener der Regierung im Staate maßgebend ist, so müssen wir nüchtern und ohne Illusionen uns diese Stellung der Regierung zu der antisemitischen Bewegung klar machen. Hat ja das Ministerium Koerber selbst es an Bemühungen nicht fehlen lassen, den Juden deutlich zu machen, daß es ihnen nur gleichsam im Kleinverschleiß gewillt ist, Gerechtigkeit und Schutz angedeihen zu lassen, das heißt, durchaus nur insoweit es nicht hiedurch mit der gegenwärtig jeder Regierung in Oesterreich gestellten parlamentarischen „Reichsaufgabe" in Conflict geräth. Welches Verhalten der Regierung gegenüber erscheint nun in dieser Situation unsererseits vernünftig? Stente concluso haben die Juden, sollten wir meinen, noch keine Nöthigung, ihr direct feindselig entgegen zu treten! Und für die Interessen anderer Parteien und Gruppen dem Ministerium verfrüht eine systematische principielle Opposition zu machen, wäre ein Fehler. Vor Allem schon aus dem einfachen Grunde, weil wir durch eine solche Opposition die Regierung gewiß nicht zwingen werden, unsere Wünsche ihrem politischen Hauptzwecke voranzustellen. In der Politik kann nur Derjenige auf Erfolg rechnen, welcher gebraucht oder gefürchtet wird. Die wenigen Juden der Haute üuauee, welche — zum Unglück der gesammten Judenheit — von der Regierung hie und da gebraucht werden, sind jederzeit für jede Regierung, weiß oder schwarz, zu haben. Gefürchtet wird die übrige Masse her Juden von der Regierung nicht. Aber weiters ergibt sich die Notwendigkeit, nach Oben hin eine vorsichtige und reservirte, aber deshalb noch keineswegs von Vorneherein feindliche Haltung einzunehmen aus dem Verhältnisse, in welchem wir zu den sämmtlichen vorhandenen politischen und nationalen Parteien stehen. Nach dieser Richtung haben wir an dem in unserem letzten Jahresberichte uns vorgezeichneten Programme nicht das Geringste zu ändern. Das Verhältniß zwischen den Parteien selbst ist kein besseres geworden — wir sehen bei keiner derselben einen ehrlichen Willen zum Ausgleich — das unsere zu den Parteien ist das gleiche geblieben. Wenn auch die Mehrzahl unter uns Juden sich als Deutsche, andere unserer Glaubensgenossen wieder als Czechen fühlen, so nehmen nichtsdestoweniger wir alle Juden insgesammt zu den fanatischen nationalen Kämpfen, wie sie gegenwärtig unser Oesterreich zerrütten und wirthschaftlich verwüsten, eine wesentlich andere Stellung ein als diese Parteien selbst. Vor Allem sind wir Juden durchaus und ganz „Staatspartei". Wir können ruhig behaupten: wir Juden sind die einzige solche Staatspartei in Oesterreich! Während nämlich unsere Deutschen ein Oesterreich nur wollen, wenn es deutsch — die Slaven nur, wenn es slavisch ist, wollen wir ein Oesterreich ohne alle und auf jede Bedingung. Hiezu kommt noch ein weiterer entscheidender Unterschied. Wir Juden kämpfen wie in aller Welt so auch in Oesterreich seit Jahrhunderten einen uns aufgezwungenen Kampf um nicht weniger als um Leben und Existenz. Die „Nationalitäten" in unserem Vaterlande aber streiten jede einzeln um die Herrschaft über die andere, d. h. über den Staat selbst. Diesen Kampf betrachten wir als die höchste Unvernunft. Derselbe ist ja in Oesterreich bei dessen etnographischer Zusammensetzung ganz aussichtslos. Keine der beiden Hauptnationen ist stark genug, um dem Staate sein ausschließliches Gepräge aufzudrücken; beide können sich nur bekämpfen, aber gewiß nicht besiegen. Nun ist dieser Kampf nicht nur ein ewiges Hemmniß für die endliche ruhige Gestaltung des ganzen Staates, er ist speciell den Lebensbedingungen von uns Juden entgegen. Die Atmosphäre, ohne welche wir Juden nicht leben, nicht athmen können, ist die „Gerechtigkeit". Der nationale Kampf ist aber die directe Urquelle der Ungerechtigkeit gegen unsere Glaubensgenossen. Wenn der Deutsche nicht im Stande ist dem Czechen — der Czeche nicht dem Deutschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wie können wir Juden von den einen, wie von den anderen Gerechtigkeit erwarten? Absr die nationalen Parteien erschöpfen damit, daß sie uns die Gerechtigkeit verweigern, ihre Ungerechtigkeit gegen uns noch lange nicht. So sehr nämlich die Herren sich auch gegenseitig bis aufs Messer bekämpfen, sind sie doch alle darin einig, die Juden, trotzdem diese sich — sehr gegen das eigenste Interesse — ihnen, hüben und drüben, eifrig angeschlossen haben, einzig als Kanonenfutter zu verwenden. Ja noch mehr, jene „Gemäßigten" unter ihnen, welche thatsächlich an einen Ausgleich denken, halten für diesen Fall uns heute schon als Compensationsobject nach dem Kampfe bereit. Was gebietet uns diese Sachlage? Erstens und vor Allem, daß wir nicht selbst noch das Holz zu dem Brande hinzutragen, der uns verzehrt, d. h. daß wir uns der Theilnahme an diesen nationalen Kämpfen selbst möglich enthalten. Zweitens, da wir politisch mit keiner dieser nationalen Parteien gehen können, wir im Gegentheil von ihnen allen angefeindet werden, es uns ganz dasselbe bedeutet, ob unsere kleinen Leute in der Provinz auf böhmisch oder deutsch geplündert werden, mit anderen Worten, da wir uns gegen sie alle zu verteidigen und zu wehren haben, müssen wir Juden unsere ganze politische Thätigkeit der Hauptsache nach auf die „Abwehr" concentriren. Wenn wir aber diese Abwehr auch nur mit einigem Glück führen wollen, können wir des guten Willens der Regierung nicht entbehren. Diese Ueberzeugung müssen Sie, meine Herren, selbst aus dem Ihnen soeben mitgetheilten Tätigkeitsberichte geschöpft haben. Gewiß, wir können den österreichischen Ministern nicht einen harten Vorwurf ersparen. Sie anerkennen, daß uns Juden täglich — stündlich Unrecht geschieht; sie anerkennen ihre Pflicht, dem Unrecht zu steuern. Aber in der Uebung ihrer Pflicht lassen sie sich durch die Furcht eine Grenze ziehen, durch die Furcht vor den Antisemiten, dieser innerlich nichtigsten und zwecklosesten aller Bewegungen, die je eine Bevölkerung verwirrt haben. Gewiß, schlimm für uns Juden. Von noch schlimmerer Vorbedeutung — mit Schmerz sagen wir es — für Oesterreich! Nicht die Bevölkerungen gehen zu Grunde, sondern die Staaten; jene Staaten vor allem, denen politisch das sittlicheFundament verloren gegangen. Und dieses Fundament ist einem Staate verloren gegangen, wenn er seine Existenz nur durch Ungerechtigkeit, verübt zu Gunsten der ungerechtesten aller Parteien, erkaufen muß. Es verzichtet ein Staat auf die politische Sittlichkeit, auf die sittliche Zukunft, wenn er, um einige Stimmen im Parlamente zu erkaufen, gestattet die Beherrschung seiner Metropole — das Herz des Reiches — nicht etwa in die Hand der Gesammtbevölkerung, nein, durch eine heimtükische Wahlgeometrie in die ausschließliche Macht gerade jener Partei zu legen, welche ökonomisch unfähig und unwillig, geistig leer und unwissend ist, und ethisch so tief steht, daß sie Mandatare wählt, welche die Immunität mißbrauchen, um ungescheut und ungestraft Mord und Tod gegen friedliche Mitbürger zu predigen. Mag sich Oesterreich selbst dieser Thatsache schämen. Wir Juden können sie nicht ändern. Wir werden nur mit aller Entschiedenheit unserer dem gegenwärtigen Ministerium gegenüber geübten Reserve eine gleiche parallele scharfe Grenze ziehen; wir werden nämlich;edesmal sobald es sich um den Kampf gegen die antisemitische Partei handelt, auch gegen dasMinisterium keine Rücksicht kennen. Wir werden in dem Kampfe gegen die A n t i s e m i t e n in Wien alle nur möglichen gesetzlichen Mitteln anwenden —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.