Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021350--09854-3034304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

»ttr. 18 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 333 wir das rege Interesse, welches sich bei diesem Anlasse namentlich bei unseren Glaubensgenossen in der Provinz für unsere Abwehrthätigkeit äußerte und sich in namhaften Beiträgen einer großen Anzahl von Cultusgemeinden kundgab. Die Sammlung ergab die Summe von rund fl. 15.000. Am 4. Februar d. I. veröffentlichte das „Deutsche Volksblatt" unter der Spitzmarke „Millionen für Hilsner" einen mit der Unterschrift: „Rechtsschutz- und Abwehrbureau der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" versehenen Aufruf, in welchem anläßlich der bevorstehenden Revision des Polnaer Processes unter Hinweis auf den Xantener Knabenmordproceß, für welchen angeblich unsere reichsdeutschen Glaubensgenossen zu Abwehrzwecken einen Fond von zwei Millionen aufgebracht haben sollen, ein entsprechender Beitrag gefordert wird. Wie allen unseren geehrten Vereinsmitgliedern bekannt ist, wurde weder von Seite des Vereinsvorstandes noch von der Leitung des Rechtsschutz- und Abwehrbureaus ein Aufruf dieses oder ähnlichen Inhaltes verschickt, und ebensowenig wurde von uns auf irgend eine Weise versucht, Beiträge für die Revision des Polnaer Processes zu sammeln. Wir haben nn Wege der Berichtigung die antisemitischen Blätter des In- und Auslandes, in welche dieses vom „Deutschen Volksblatte" am 4. Februar abgedruckte Schriftstück Eingang gefunden hatte, zur Aufnahme der bestimmten Erklärung gezwungen, daß dieses Circulare von uns niemals berathen, niemals beschlossen, an Niemanden versendet, noch sonstwie zu Geldsammlungen benützt wurde, und werden auch in Hinkunft gegen die Verbreitung der Behauptung, daß für die Revision des Polnaer Processes von uns Geld gesammelt wurde energisch Vorgehen. Geehrte Versammlung! Am 27. März d. I. empfing der Herr Ministerpräsident eine Deputation von sechs ■ einzelnen Glaubensgenossen und gab denselben die gleichen allgemeinen Erklärungen bezüglich der Beobachtung der Staatsgrundgesetze und der Abhilfe in einzelnen Beschwerdefällen, die noch alle Minister vor ihm ertheilt hatten. Dies bestimmte uns, dem Cabinetschef am 5. April d. I. ein Memorandum zu überreichen, in welchem an einer Reihe concreter Beispiele nachgewiesen wurde, daß die nachträgliche Anbringung von Beschwerden nicht geeignet sei, die thatsächlichen Folgewirkungen der gegen die Juden begangenen Gewaltthätigkeiten und sonstigen Gesetzesverletzungen zu beseitigen. Wir betonten sowohl schriftlich als mündlich, daß es vielmehr Aufgabe der Regierung sei, eine vorbeugende Thätigkeit zu entfalten und durch unzweideutige Instructionen an alle Organe der Staatsverwaltung dahin zu wirken, daß ein Anlaß zu Beschwerden überhaupt nicht oder doch nur in seltenen Fällen vorkomme. Wir verfehlten nicht, in der Discussion mit dem Herrn Ministerpräsidenten darauf hinzuweisen, daß die schrankenlose Ritualmordhetze namentlich in der Provinz zur Brutalität der That, zu Bedrohungen an Leben und Eigenthum führe und daß die Nichtbeobachtung der Staatsgrundgesetze in Oesterreich schon förmlich zum Gewohnheitsrechte werde. Die Antwort Sr. Excellenz war auch diesmal eine zurückhaltende. Allein wenige Tage später, am 11. April, erfolgte im niederösterreichischen Landtage durch den Statthalter Grafen Kielmannsegg jene bedeutsame Erklärung, in welcher auf Grund der Aussprüche der höchsten kirchlichen Autoritäten, wie sie in jener ob erwähnten von uns verbreiteten Broschüre: „Die Blutbeschuldigung gegen die Juden" zusammengestellt sind, diese Beschuldigung als grundlos bezeichnet, ihre Gefährlichkeit für das friedliche Zusammenleben der Bevölkerung zugegeben und deren Verbreitern die nachdrücklichste Anwendung der diesfalls bestehenden strafrechtlichen Bestimmungen angedroht wurde. Es ist dies seit Jahren die erste officielle Kundgebung einer österreichischen Regierung gegen einen nur zu lange geduldeten Frevel. Sie vermag nicht ganz zu befriedigen, weil sie ja nur eine, wenn auch die widerwärtigste Seite der Judenhetze trifft; sie hat aber immerhin symptomatischen Werth, den wir gerade in diesem Augenblicke schwieriger politischer Complicationen nicht unterschätzen wollen. Der Bericht, der ein reiches Bild der umfangreichen Thätigkeit des Vereines lieferte, wurde von der Versammlung mit lebhaftem Beifalle entgegengenommen. Ueber die internen Vorgänge im Vereine berichtete Secretär Fuchs Folgendes: Dem Berichte über unsere Rechtsschutz- und Abwehrthätigkeit fügen wir noch einige Daten über die internen Vorgänge in unserem Vereine hinzu. Wir haben im verflossenen Vereinsjahre mit Rücksicht auf die allgemeine Lage, sowie auf die gesteigerte Bureauthätigkeit weniger öffentliche Versammlungen abgehalten als in früheren Jahren. Wir haben es aber für unsere Pflicht gehalten, dreimal aus der uns freiwillig auferlegten Reserve herauszutreten. Das eine Mal bestimmten uns die Ausschreitungen gegen unsere Glaubensgenossen in Mähren und Böhmen, unseren Bereinsmitgliedern Gelegenheit zu einer Discussion über die „Lage der österreichischen Judenschaft" zu bieten; das andere Mal hielten wir es für nothwendig, auch unsererseits Verwahrung gegen die von der herrschenden Partei im Rathhause beabsichtigte Ausschließung der Personaleinkommensteuerlräger vom Wahlrechte einzulegen und das dritte Mal wollten wir die Meinung unserer Mitglieder über die vom Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde geplante Wahlreform hören. In einer vierten Versammlung hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Kisch aus Prag einen sehr interessanten historisch-wiffenschaftlichen Bortrag, während in den ersterwähnten Versammlungen die Herren Sigmund Mayer und Lucian Brunner die Referate führten. Wir sagen diesen Herren für ihre liebenswürdige Mühewaltung hier besten Dank. Die Zahl unserer Mitglieder hat sich im abgelaufenen Jahre um 170 vermehrt und beträgt heute 1400, allerdings eine sehr bescheidene Ziffer im Hinblicke auf die großen Aufgaben, die wir zu lösen haben. Unser „Kalender für Israeliten" ist im achten Jahrgange erschienen und ergab einen Reinerlös von 173 fl., welcher Betrag durch den Entfall des Kalenderstempels, sowie durch das für die nächste Auflage bedingte Portoersparniß sich bedeutend erhöhen dürfte. Aufrichtige Anerkennung und herzlichen Dank sagen wir an dieser Stelle den Herren Dr. I. S. Bloch, Lucian Brunner, Theodor R. v. Goldschmidt Docent Dr. Josef G r ü n f e l d, S. Heit, Ignaz Kantor, Landesschulrath Dr. Gustav K o h n, Theodor Reitlinger, kaiserl. Rath R u z i c f a, Ignaz Simon und Albert Winterberg, welche unserem Vorstande als Beiräthe in dem abgelaufenen Vereinsjahre werkthätig zur Seite standen. Wir sprechen ferner Allen, die in selbstloser Weise durch Rath und That unsere Abwehrbestrebungen förderten, namentlich den Herren Dr. Oscar Hein, Dr. Julius Kann, Dr. Julius Ofner, Dr. Max O r n st e i n und Dr. Wilhelm Schneeberger in Wien, Dr. Friedrich D u s ch e n e s und Doctor Ludwig Bendiener in Prag, Dr. Hieronymus F i a l l a in Brünn, Heinrich Weißen st ein und Josef Grünfeld in Jglau, Profeffor Dr. Rosenblatt und Jacob Bober in Krakau. Dr. Emil Byk und Heinrich M a s ch l e r in Lemberg, N. T a u b e s und Dr. Carl D a w i d in Neu-Sandec und Dr. H. Spitzer in Budapest unseren innigsten Dank aus. Bevor wir diesen Bericht schließen, gestatten Sie uns, derjenigen Mitglieder zu gedenken, die uns durch Tod entrissen wurden. In erster Reihe des verblichenen Herrn Heinrich Berger, welcher ein Gründer unseres Vereines und dessen erster Präsident gewesen ist. Wir haben nicht ermangelt, der Familie des Verstorbenen unsere innigste Theilnahme auszudrücken. Wir betrauern ferner das Hinscheiden unserer Mitglieder Leopold B a l b a n, Moriz L. B a r u ch, Heinrich Deutsch, Salomon Elias, Sigmund Frankl, Bernhard Friedmann, Franz Josef, Bernhard K o h n, Salamon Klim o n t, Hermann D. Kohl, Markus Krams, B. Landau, Philipp N e u m a n n, Profeffor Samuel Oesterreicher, Dr. S. P l o h n, Leopold I. Pohl, David P o n z e n, John Schiff, Berthold Singer, Leopold T e d e s c o und Moriz W i n t e r st e i n. Ehre ihrem Andenken! Der Bericht schließt mit folgendem vom Leiter des Rechtsschutz und Abweh rbureaus, Herrn Sigmund Mayer gegebenen politischen Resume: Geehrte Versammlung! Lassen Sie uns nun, meine Herren, nach dem Rückblicke auf unsere Thätigkeit im verflossenen Bereinsjahre einen Blick voraus in die Zukunft werfen. Die actuellen uns etwa bedrängenden Vorfälle, deren wir Juden stets demnach auch im nächsten Vereinsjahr gewärtig sein müssen, entziehen sich natürlich unserer Voraussicht. Vorliegend kann es sich nur um jene allgemeine politische Thätigkeit handeln, die zum Schutze unserer ideellen wie materiellen Rechte nölhig erscheint.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.