Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite ÖS2 Dr. Bloch's Wochenschrift. srr. 18 dieses Facultäts-Gutachtens ist jetzt die Cassirung des Urtheils der Kuttenberger Geschworenen erfolgt. (Lebhafter Beifall.) Das Urtheil der Kuttenberger Geschworenen hatte eine ungeheuere Zunahme der Bluthetze zur Folge. Die christlichsociale Partei veranstaltete im September v. I. eine Versammlung im großen Musikvereinssaale, in welcher die jüdische Religionsgemeinschaft als solche offen des Blutrituals bezichtigt wurde. Noch am folgenden Tage faßte der Vorstand der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" den Beschluß, in demselben Saal, in welchem der Frevel verübt wurde, eine große Protestversammlung einzuberufen. Als jedoch der Vorstand der Cultusgemeinde den Wunsch äußerte, es möge die Einberufung dieser Protestversammlung ihm überlaffen werden, trugen wir selbstverständlich diesem Wunsche in bereitwilligster Weife Rechnung, nahmen aber an der Vorbereitung und Durchführung dieser denkwürdigen Manifestation durch unseren Bureauleiter regen Antheil. Wir waren bemüht, die vergiftenden Wirkungen derRitualmordhetze auf den öffentlichen Geist noch durch eine andere Action zu bekämpfen. Der Verlag der „Oesterr. Wochenschrift" hatte eine Broschüre .Die Blutbeschuldigung gegen die Juden" zusammengestellt, in welcher die Bullen der Päpste und die Stimmen christlicher Theologen, Orientalisten und Historiker gegen das Blutmärchen wörtlich abgedruckt waren. Wir haben 5000 Exemplare dieser Aufklärungsschrift an hohe Beamte versendet, und haben die Ueberzeugung gewonnen, daß diese Action wesentlich dazu beigetragen hat, die Anschauungen der hohen Bureaukratie, wie auch der christlichen Intelligenz überhaupt über die Blutbeschuldigung zu klären. Wir haben endlich dem Präsidium der Wiener israelitischen Cultusgemeinde auf deffen Wunsch die gesammte Hrtzliteratur über den Polnaer Mord — Broschüren, Zeitungen, Ansichtskarten, Flugblätter, Volkslieder rc. — zur Vorlage an den damaligen Ministerpräsidenten Grafen Clary überlassen. Aus unserer reichen Materialsammlung haben wir weiterhin Behelfe geliefert: den Herren Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk, Tittinger und Dr. Straucher für die von den Antisemiten anfangs November v. I. provocirte Judendebatte und ferner zu einer in Berlin erschienenen Flugschrift gegen den Abgeordneten Schneider, dessen in der erwähnten Debatte gehaltene blutrünstige Rede von den Berliner Antisemiten zu einem schändlichen Pamphlet verarbeitet worden war." Der Bericht gibt sodann eine Darstellung der Wirksamkeit des Bureaus in den .Ritualmordfällen" von Wildenschwert, Nachod und Nämeszto, in welchen allen diesen Fällen die Grundlosigkeit der Beschuldigungen erwiesen worden, erwähnt das Circular des Pforzheimer Kaufmannes Leopold Landau, deffen Geistesstörung über unsere Intervention durch ein amtliches Zeugniß des großherzog-badischen Bezirksamtes Pforzheim festgestellt wurde, und fährt dann weiter fort: .Gegen die Verbreitung aufreizender Schriften sind wir bei den competenten Behörden zu wiederholtenmalen eingeschrilten. Schon im Juli 1899 hatten wir beim Ministerpräsidenten Grafen Thun gegen die Anbringung eines Schächtbildes an dem Orte des Polnaer Verbrechens, zu dem förmliche Wallfahrten veranstaltet wurden, Vorstellung erhoben und den telegraphischen Befehl zur sofortigen Entfernung dieses Bildes erwirkt. Leider gelang es nicht, die Urheber dieses Frevels ausfindig zu machen und der Bestrafung zuzuführen. Bei der Staatsanwaltschaft Brünn haben wir die Confiscation der daselbst gedruckten Hetzschrift: .Die Ritualmorde bei den Juden und was davon zu halten ist", erwirkt, beim Justizminister Freiherrn von Spens-Booden führten wir gegen die in Prag erschienene Broschüre: .Das hebräische Pesachfest" Beschwerde. In der diesbezüglichen, am 13. März d. I. stattgefundenen Audienz hatten wir Gelegenheit, vor dem Justizminister noch über einen beftemdlichen Vorgang seitens der Kuttenberger Staatsanwaltschaft Klage zu erheben." Nach Auseinandersetzung dieser bereits bekannten charakteristischen Auskunftsverweigerung seitens der Kuttenberger Staatsanwaltschaft an das Münchener Schöffengericht in der Affaire Dr. Goldberg-Weng g, die dem Justizminister zur Kenntniß gebracht wurde, heißt es dann weiter: .Am 12. April d. I. meldete uns die Cultusgemeinde Polna, daß daselbst an allen Straßenecken Plakate folgenden Inhalts angeschlagen seien: .Gebt acht auf Eure Mädchen, die jüdischen Feiertage nahen heran, die Juden brauchen das Blut." Die Cultusgemeinde gab ferner der Befürchtung vor Ausschreitungen während der jüdischen Ostertage Ausdruck. Wir haben sofort den Herrn Ministerpräsidenten um telegraphische Anordnungen ersucht, damit die aufreizenden Plakate beseitigt, deren Urheber ausgeforscht und bestraft und Vorkehrungen zum Schutze des Lebens und Eigenthums unserer Glaubensgenossen getroffen werden. Der Herr Ministerpräsident hat dieser Bitte unverweilt entsprochen. Als eine böse Nachwirkung der durch lange Zeit schrankenlos betriebenen Ritualmord-Agitation müssen die anläßlich der Aufhebung der Sprachenverordnungen ausgebrochenen Judenexceffe in Mähren und Böhmen bezeichnet werden, durch welche zahlreiche Glaubensgenossen an Eigenthum und Erwerb schwer geschädigt wurden. Wir haben in mehreren Fällen den Betroffenen unentgeltlichen Rechtsbeistand bis zu den obersten Instanzen gewährt und uns an maßgebender Stelle für die Zuerkennung einer billigen Schadensvergütung an die Geplünderten verwendet. Auch bei der Constituirung des Allgemeinen Israelitischen Bundes wurde über Antrag unseres Vorstandsmitgliedes Herrn Sigmund Mayer eine Resolution beschlossen, welche als eine der Aufgaben des Bundes die Erwirkung eines Haftpflichtgesetzes der Communen eventuell des Landes für den Fall von Plünderungen erklärt. Allerdings ist uns über das weitere Schicksal dieses Antrages nichts bekannt geworden. Als am 19. November v. I. in der mährischen Gemeinde Rauchowan neuerliche Zusammenrottungen stattsanden und die dortigen drei Judenfamilien bedrohten, haben wir vom Ministerpräsidenten die schleunige Entsendung eines Gendarmerie-Detachements zum Schutze unserer' Glaubensgenossen erwirkt. Zur Action behufs Erschließungneuer Erwerbsquellen für die nothleidenden galizischen Glaubensbrüder bemerkt der Bericht: „Wir haben über Anregung des Herrn Sigmund Mayer ein Specialcomite mit der Aufgabe betraut, zunächst zwei Projecte, die Errichtung einer Factorei für Kleider-Confection und die Verpflanzung der Schweizer Stickerei - Industrie nach Galizien, gründlich durchzuberäthen und in allen Details auszuarbeiten. Dies ist mit Hilfe der Herren Salo T e d e s c o, Gustav W o tt i tz, Lucian Brunner und Carl Kaufmann aus St.-Gallen, denen wir hiemit für ihre Bemühungen herzlichsten Dank sagen, geschehen und der Verwaltungsrath der Jewish- Colonisation-Association dürfte nach den Mittheilungen seines hiesigen Vertreters, Herrn David Rotier, schon in seiner nächsten Sitzung die Ausführung unserer Projecte beschließen, In den letzten Wochen hat unser Bureau die traurige Affaire Araten beschäftigt. Wir sind dem tiefgebeugten Vater mit Rath und That an die Hand gegangen und haben ihm die Wege bis zu den höchsten Instanzen und endlich bis zu Sr. Majestät dem Kaiser geebnet. Ueber unser Ersuchen hat unser hochgeschätzter Beirath, Herr Hofrath Kareis, Herrn Israel Araten zum Justizminister und zum Minister für Galizien geleitet, wir selbst haben dann noch wiederholt bei den Ministern des Inneren und der Justiz intervenirt, um dem unglücklichen Manne zu seinem Kinde zu verhelfen. Leider sind alle unsere Bemühungen, sind die gemessenen Weisungen der Centralbehörden an dem Widerstande der galizischen Gerichte gescheitert, die sich weigerten, einen Befehl zur Auslieferung der Michalina Araten zu erlassen. Herr Araten hat durch unsere Vermittlung seine Zuflucht zu dem Vaterherzen unseres edlen Monarchen genommen, und in der am 26. d. M. stattgefundenen Audienz hat Se. Majestät der Kaiser die tiefgesunkene Hoffnung des schwergeprüften Mannes mit den trostvollen Worten wieder aufgerichtet, daß er neue Anweisungen an die Behörden geben werde, damit diese ihre Pflicht und Schuldigkeit thun. Von einem detaillirten Berichte über die zahlreichen Fälle, in denen wir auch im abgelaufenen Jahre die Rechte und Interessen unserer Glaubensgenossen durch Intervention bei den administrativen Behörden vertraten und vielfach erfolgreichen Rechtsbeistand vor Gericht gewährten, müssen wir auch diesmal Umgang nehmen. Wir bemerken nur, daß wir wiederholt in die Lage kamen, Ehrenkränkungen österreichischer Staatsbürger jüdischen Glaubens auch vor ausländischen Gerichten zu verfolgen und die Verurtheilung der Verleumder zu erzielen. Diese ausgedehnte Thätigkeit erforderte sehr bedeutende Geldmittel, die wir nach dem Vorschläge unseres geschätzten Beirathes, Herrn Commerzialrath Sigmund Neustadt!, dem wir hiefür größten Dank schulden, im Wege einer allgemeinen Sammlung aufgebracht haben. Mit herzlicher Befriedigung constatiren