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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 17 Vr. BLortz's Wochenschrift» Seite 327 ohne Sprache, ohne Gesetze; wir haben nichts Gemeinsames als den Glauben und die Unterdrückung; er trifft nur das menschliche Gefühl, das so leicht zu verletzen und so schwer zu heilen ist und das sich nicht durch Vergeltung zu rächen vermag. Wenn eine Nation die andere tödtlich beleidigt hat, so kann der Krieg, der gewaltige Zmeikampf der Völker, der verletzten Ehre Genugthuung geben; der deutsche Jude aber, der die Waffen gegen sein Vaterland führte, würde der Strafe des Hochverraths, wie der deutsche Christ, unterliegen. Es gibt keinen Menschen, der jenen Unterschied im Ernste nicht einsehe; so weit reicht keine menschliche Beschränktheit; das ist es aber eben, was die Sanftmuth eines Lammes zur Wuty reizen könnte, daß e ne teuflische Bosheit selbst die Larve der Dummheit nicht scheut, um ungestörter ihrem verruchten Haffe zu fröhnen. Die christliche Religion, wie die jüdische, gebieten bekanntlich, auch die Fremden zu lieben, und die Menschlichkeit gebietet es mit eben so lauter Stimme, wie beide. Wer einen einzigen Menschen aus einem anderen Grunde haßt, als weil er schlecht ist, ist ein Bösewicht; wer eine ganze Masse von Menschen haßt und sich damit brüstet, ist ein Auswurf von Schlechtigkeit. Der Patriotismus civilisirter Nationen weiß nichts von einem solchem Haß. Um seinen Haß zu rechtfertigen, wirft der Antisemite den Juden „viele häßliche Eigenthümlichkeiten" inbesondere „die unter ihnen so häufige Unverschämtheit und Anmaßung, die Unsittlichkeit und Leichtfertigkeit, ihr vorlautes Wesen und ihre so oft gemeine Grundgesinnung" vor. Ich will mich an einem langsamen Feuer lebendigbraten lassen, ich will verdammt sein, alle Antisemiten als edle und weise Menschen zu verehren, ich will auf alle Liebe und Achtung der Menschen in diesem und auf die Gnade Gottes in einem anderen Leben verzichten, wenn ich nicht jeden dieser Fehler nach der sorgfältigsten Prüfung im Berhältniß eben so oft bei Individuen christlicher Religion wie beiJuden vorgefunden habe. Ich kann und will den Antisemiten nicht hindern, wenn er will, zu lieben und zu hassen, zu achten und nicht zu achten, wenn anders von Liebe und von Achtung bei einem Menschen die Rede sein kann, der die Menschen hauptsächlich nach ihrer Abkunft schätzt. Aber, woran ich ihn und Andere seines Gelichters zu hindern gedenke, das ist die unerhörte Frechheit, die da meint, sie könne ungestraft beleidigen, wenn ihre Beleidigungen uur Tausende auf einmal träfen. Würde sich der Antisemite nicht lange besinnen, ehe er von einem einzelnen Menschen, der ihm zu keiner Beleidigung Anlaß gegeben, drucken ließe, er sei unverschämt, unsittlich, von gemeiner Gesinnung u. s. w.? Würde er sich nicht fragen, ob er diese Schmähungen auch vor den Augen des Gesetzes, das Beleidigungen straft, vor dem Angesicht der verletzten Ehre, die Genugthuung fordert, vertreten könne? Meint der Mensch aber, weil die Schmähung so allgemein ist. daß das Gesetz sie nicht treffen, weil die Beleidigung so ungeheheuer ist, daß all sein Blut nicht den kleinsten Theil davon abwaschen kann, deshalb müsse sie ihm auch vor dem Richterstuhle der Ehre ungestraft hingehen? Unter die Menge zu schimpfen. Tausenden unbestimmt zu sagen, was man einem Einzelne geradezu zu sagen nicht den Muth haben würde, damit man sich dahinter verkriechen könne, man habe Niemanden genannt und zähle diesen und Jenen zu den Ausnahmen; damit man sich das Vergnügen machen könne, Tausende zu kränken, ohne von einem Einzigen zur Rechenschaft gezogen werden zu können — das ist eine Ehrlosigkeit, die man öffentlich brandmarken muß zur Warnung für Gleichgesinnte, damit sie schweigen. Setzt die trefflichsten Naturen mit gewaltigem Verstände und regsamen Gefühlen begabt, in eine Umgebung voll Lieblosigkeit und Mißgunst, wie sie der Jude so oft bei seinem Eintritt in die Welt findet; laßt sie fühlen, wie man ihnen ihre Verzüge beneidet, und ihre Fehler belauert, um Vorwände des Hasses zu finden; laßt sie gequält werden .von jener dummen Gemeinheit des Gewohnheitshasses, dessen Pfeile nicht tödten, dessen Waffen keine scharfen Wunden schlagen, wo das strömende Blut das Herz erleichtert, die aber täglich an dem wunden Herzen nagt mit den stumpfen Zähnen, wie der Geier des Prometheus: ihre Seele wird lange und langsam bluten an diesen Schmerzen und, ist das Gefühl bei ihnen überwiegend, so wird sie nie zu bluten aufhören; ist aber der Verstand mächtiger, und finden sie sich allein in einer Welt voll Haß mit dem herrschenden Verstände und dem leidenden Herzen, so wird ihre Stärke sie aufrecht halten, aber sie werden sich dann starr und stolz in das Bewußtsein ihrer Kraft hüllen, und werden kalt, bitter und lieblos werden, wie die Welt, die sie verachten. Der gütige Vater der Menschen und der Liebe möge solche Seelen mit einer wärmenden Umhüllung liebender Herzen umgeben, die die rauhe Lust des Haffes von ihnen abhalte! sonst werden sie auf die eine oder auf die andere Weise der Nothwendigkeit ihren Tribut zollen müssen." Ich komme zu einem weiteren Punkte und frage, ob ein Grund vorliegt zum wirthschaftlichen Antisemitismus? Was diesen Standpunkt betrifft, so kann in gewiffen Fällen nicht die unbedingte Grundlosigkeit behauptet werden, wie z. B. im Falle, daß die Kohlenbarone, welche den Kohlenverkauf sozusagen monopolirt haben, die Sache iu der geschilderten Art führen; da wundere ich mich nicht; aber diese Leute schaden mehr uns als Euch; Euch berauben sie um die irdischen Güter, uns um die irdischen Güter und unsere Ehre und alles Uebrige, denn Ihr werft uns mit ihnen in einen Korb. Ihr sagt nicht, der Weimann, sondern Ihr saget der Jude und damit thut Ihr uns Unrecht! Was aber den Standpunkt sonst betrifft, so brauche ich ihn den Herren wohl nicht weiter auseinandersetzen, da wohl aus der Geschichte bekannt ist, wie die wirthschaftlichen Verhältnisse der Juden sich entwickelt haben. Der Jude war zur Zeit des glorreichen, römischen, heiligen Reiches Kammerknecht!; ec war dazu da, um für den König oder den Herzog oder den Grafen, der ihm Schutz gewährte, Wucher zu treiben; das waren die königlichen Bienen. Wenn Ihr 1000 Jahre Leute iu dieser Richlung erziehet, da wollt Ihr auf Einmal, daß sie lauter Heilige sind! Ich habe bereits früher erwähnt, daß es gar nicht möglich war. daß die Juden andere Gewerbe treiben oder sich mit etwas Anderem beschäftigen und glaube daher bewiesen zu haben, daß auch der wirthschaftliche Antisemitismus unbegründet ist. Kurz gesagt, aus Allem ist zu ersehen, daß die Gründe für -den A itisemitismus nicht in den Juden selbst gelegen sind, sie sind auch nicht gelegen in dem confeffionellen Momente, nicht in dem nationalen und den anderen erwähnten Momenten, sondern eher darin, daß der Antisemitismus ein populäres Schlagwort, eine populäre Strömung ist, auf welcher es sich so hübsch schwimmt und diesen Stern ergriffen, dieses populären Schlagwortes haben sich gewiffe Leute bemächtigt — ich will sie nicht einmal nennen, sie verdienen diese Ehre nicht — das ist ein Schlagwort für die Seele des Pöbels und dieser Pöbel war vor 2000 Jahren genau derselbe wie er heute ist; als damals Christus in Jerusalem einzog. rief der Pöbel Hosanna und was that der Pöbel den zweiten Tag? er schritt zur Kreuzigung. Und da entblödet sich ein Abgeordneter, ein auf die gesellschaftliche Höhe gestellter Mensch nicht, solche Schlagworte in die Seele des Pöbels zu werfen, — das i st eine Sache über die ich nicht einmal ausführlich sprechen will. Ich werde nicht mit einzelnen Rednern und Personen polemisiren, von denen z. B. einer sich vermißt, daß er der einzige und wahre Vertreter des Staatsrechtes sei. Meine Herren! Das wäre traurig um unsere Gesellschaft bestellt, wenn dies wahr sein sollte. Schauen wir uns diese radical-staatsrechtliche Partei an, deren Typus heute gesprochen hat. Worin unterscheidet sich diese Partei von den Jungczechen? Ich ftage, hat diese Partei ein anderes Programm? Ihr Programm ist genau ebenso staatsrechtlich, wie jenes der Jungczechen. Verfolgt sie aber eine andere Taktik? Nun ich weiß allerdings, meine Herren und kenne die Wege nicht, auf welchem sie schreiten werden, aber immerhin entscheidet die wichtige Frage, ob ihre Taktik die richtige ist und ob sie richtiger ist als diejenige der Jungczechen; wissen wir doch, daß jene, welche jetzt die jungczechische Politik betreten hat, bereits mehrere Delegationen, u. zw. mit Erfolg und zum Nutzen des Volkes gewandelt sind. Fragen wir nun, ob die radicalstaatsrechtliche Partei sich mit irgendwelchen Thaten brüsten kann, so muß ich sagen, daß ich von solchen Thaten nichts gehört habe und ich zweifle, daß sie vielleicht die stürmischen Decembertage des Jahres 1897 für sich reclamiren werden. Aber es wird hübsch gegen die Jungczechen der Ruf ausqegeben: wo ist das Staatsrecht und gegen die Juden: wo ist das Blut? (Heiterkeit.) Das versteht sich, das ist leicht und popnlär, das wird so hübsch gesagt und man ist schon ein populärer Mann und in ganz Böhmen wird von ihm gesprochen und der arme Handelsjude vom Lande geht zu so einem Vertreter, weil er dafür hält, daß er bei so einem Vertreter besser geschützt sein werde, als wenn ihn ein jüdischer Advocat vertreten würde.

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