Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Sette 328 VL« BloEs Wochrnschri;r< Sil. 1 Meine Herren! Ich habe diesen Gegenstand nur aus dem Grunde berührt, damit ich öffentlich ein Licht werfe auf Leute dieser Sorte und damit ich die Senatorentoga, ich will nicht sagen, herunterreiße, sondern ein wenig lüfte, damit an ihrem Leibe das eiternde Geschwür des Antisemitismus sichtbar werde und damit sie sich bessern. (Abg. Breznovsky: Die Juden?) Dr. Zalud: Nein, die Antisemiten. (Abg. Breznovsky: Die sind brav!) Dr. Z a l u d: Aber wie! Ich constatire jedoch mit Vergnügen, daß diese antisemitische Richtung die breiteren Schichten unseres Volkes nicht ergriffen hat. Sie hat. Gott sei dank, auch nicht unsere echte Intelligenz ergriffen. (Abg. B r e z n o v s k y: Die beim Stojgr versammelt war.) Dr. Zal u d: Auch die nicht. Aus Intelligenz erheben jedoch auch Leute Anspruch, welche sich nicht darnach benehmen und ihr Alle kennt gewiß die Schriftsteller Rudolf Vrba, Kasal, Vlcek und auch den Herrn Dr. Frind, welcher vom nationalen Standpunkt gegen die Czechen auftritt, das heißt auch Intelligenz. (Abg. Gedler: Das war auch ein Jude?) Dr. Za lud: Nein, das ist ein Canonicus. Aber ich behaupte, daß unter der Intelligenz Leute waren, welche den Muth hatten, sich öffentlich gegen die antisemitische Richtung aufzulehnen und wenn ich auch nicht in Allem mit Dr. Masaryk und seiner politischen Anschauung übereinstimme, die Ehre gebührt ihm, daß er den Muth hatte, öffentlich einzutreten für die Juden gegen die Beschuldigung des Ritualmordes. Mit um so größerem Bergnügeu constatire ich, daß heute auch unser College Dr. Kloucek öffentlich bekannt hat, daß man nicht Alles in einen Sack werfen darf. (Abg. Breznovsky: Kloucek mit Masaryk zusammen?) Dr. Z a l u d: Ich stelle keine Vergleiche an, eben so wenig wenn ich sage, daß ich dankbar quittire, daß Dr. Engel in einer öffentlichen Versammlung in Beneschau erklärt hat, er glaube solche Märchen nicht, wie es der Aberglaube des Ritualmordes ist. Dies bestärkt mich darin, daß wir mit Vertrauen in die Zukunft des böhmischen Volkes blicken dürfen, daß es weder verderbt noch entmuthigt sei. Wenn jeder von uns wirklich ein Charakter sein wird, sowohl die einzelnen wie die Colporationen, solange wir die bürgerliche Standhaftigkeit bethätigen und Charaktere Pflegen werden, solange wird es um uns gut stehen und wir werden das erreichen, wonach wir streben: Jeder Böhme sei aus Erzgestein und das ganze Volk wird ein Bau von Quadern sein. Walte Gott, daß dies bald geschehe! (Bravo! Zustimmung! Der Redner wird beglückwünscht.) Die Affaire Araten. Herr Israel Araten aus Krakau, der Vater der in einem Kloster zurückgehaltenen Michaline Araten, hat. nachdem alle seine Bemührngen, seine Tochter wiederzuerlangen, ohne Erfolg blieben, um eine Audienz beim Kaiser angesucht und dieselbe auch bewilligt erhalten. Herr Araten wurde gestern Vormittags vom Kaiser in Audienz empfangen. Ein Berichterstatter meldet hierüber: „Der unglückliche Mann erflehte von dem Vaterherzen und der Gerechtigkeitsliebe des Monarchen Hilfe. Aus die theilnehmende Frage des Kaisers, ob die Behörden alles Erforderliche gethan, bemerkte Herr Araten, daß der Justizminister bestimmteste Weisungen gegeben, daß aber die zugreifende Hand vermißt werde. Der Kaiser versprach Herrn Araten, der in tiefer Bewegung vor ihm auf die Knie sank, sich genau über die Angelegenheit informiren und neue Anweisungen an die Behörden ertheilen zu wollen, damit diese ihre Pflicht und Schuldigkeit thun." Congreß der israelitischen Cuttnsgemeinden Galiziens. In Lemberg wird vom Vorstande der Lemberger Cultusgemeinde der Congreß der israelitischen Cultusgemeinden Galiziens für den 1. und 2. Mai einberufen. Auf der Tagesordnung sind folgende Angelegenheiten: 1. Die ökonomische Lage der galizischen Juden, Präventivmittel. 2. Einführung der polnischen Sprache als Amtssprache in sämmtlichen Cultusgemeinden Galiziens. 3. Ueber die Nichtzulassung der jüdischeu Candidaten in öffentliche Aemter (Landesbank, Landesausschuß, Magistrate und Staatsämter). 4. Entsprechende Repräsentanz der confessionellen jüdischen Interessen im Landesschulrathe. 5. Stipendien für jüdische Candidaten des Lehrerstandes, welche befähigt sind, in den Bollsschulen Religionsunterricht zu ertheilen; b) Bestimmung, daß jüdische Feiertage Ferialfeiertage für Juden in Civil- und Strafgerichten sind (daß sohin für I u d e n Verhandlungen an jüdischen Feiertagen nicht anberaumt werd e^n). Aus den Erinnerungen Ludwig Bamberger's. Ueber das sociale Leben in Rotterdam schreibt Bambergerg „Sehr widerwärtig war mir die vollständige sociale Trennnun zwischen Christen und Juden. Etwas Aehnliches kannte ich zwar von Deutschland her; doch hatte es in die Kreise meiner Studiengenossen damals gar nicht hineinreicht, und die in England und Belgien verlebten Jahre hatten mich die sociale Bedeutung confessioneller Uuterschiede ganz vergessen lassen. Im Gegensatz zu ähnlichen Erscheinungen auf deutschen Boden war eigentlich von Racenhaß keine Rede, auch nicht von Neid, da es in Holland unzählig viele reiche Christen und sehr viele arme Juden gab, besonders in Amsterdam, wo sie auch viele grobe Handwerke trieben, namentlich als Lastträger bei dem Aus- und Einladen der Schiffe schwere Arbeit thaten. Ebensowenig konnte man die Scheidung der Vulgarität des Auftretens zuschreiben; denn die deutsch-polnischen Elemente der Juden standen zwar aus einer sehr niedrigen Stufe, aber die Abkömmlinge der portugiesischen Einwanderung, welcher Spinoza angehört hatte, hielten sich sehrvornehm und suchten ihrem adeligen Namen Ehre zu machen. Die Spaltung war um so auffallender, als nach dem Gesetz schon damals in Holland nicht nur völlige Rechtsgleichheit dem Buchstaben nach galt, sondern auch praktische Anwendung fand. Ein Jude, Godefroi, wurde sogar Justizminister, und in der Armee gab es jüdische Officiere. Die Erklärung lag wohl zum Theil in der beiderseitigen Frömmigkeit. Protestanten und Juden idenficirten sich dermaßen mit ihren religiösen Gefühlen, daß sie es für ganz natürlich htielte, jeder in seinem Lager zu bleiben. Diese Beschränktheit lrug noch das ihrige dazu bei, mir den Aufenthalt in Holland eidig zu machen. Als ich nach Frankreich kam. athmete ich auf. Dort wußte man damals von diesem Gegenstand überhaupt nichts; man konnte jahrelang unter Familien verkehren, ohne daß nach der Confession gefragt wurde. Das Wort Antisemitismus war zu jener Zeit noch nicht in Deutschland erfunden und von Deutschland aus über die Welt verbreitet worden. Als ich später nach Deutschland zurückkam, war ich der Sache so fremd, daß ich mich ganz naiv zu ihr verhielt, und der große Zug der politischen Bewegung von Ende der Sechziger- und Anfang der Siebziger-Jahre hob die Stimmung über das Gemeine hinweg. Erst nach der Mitte der Siebziger-Jahre, als der Wind vou oben nach der Reaction umschlug, in Verbindung mit dem Rückschlag der Gründerzeit, drängte sich mir auch im Schoße meiner eigenen Partei der Anfang der Bewegung - us, und ich fing an, aus meiner Naivität herauszukommcn. Doch blieben mir die schlimmsten Erfahrungen noch Vorbehalten/' Der jüdischen Ackerb au-Colonie „Machnajim in Palästina widmet die Leipziger „Jllustrirte Zeitung" einen Artikel, der von einem, die Colonisten darstellenden Bilde begleitet ist. Diese Colonie die nebst den früher gegründeten, bisher von Baron Edmund Rothschild unterstützten Colnnien Sichron Jakob, Rosch-Pinoh, nnd Rischon le Zion, welche geradezu blühend genannt werden können, die Keime des Gedeihens aufweist, wurde von dem galizischen Landes-Berbande Ahavat Zion gegründet, welche die Ansiedlung des galizischen Proletariats, in Palästina zu fördern sich zur Aufgabe gemacht hat. Ueberhaupt haben sich alle Colonisationsverbände der Welt zusammengeschlossen, um die Colonisation in Palästina zu fördern, da die Ansiedlung in Argentinien Fiasco gemacht hat und sistirt wurde. Mit Rücksicht auf das Verbot der Masseneinwanderung v. I. 1891 wurde vorläufig eine Colonie für 20 Familien begründet, im Laufe von 2 Jahren hat der Verband ungefähr Frcs. 40.000, in der Form von Mitgliedsbeiträgen und freiwilligen Spenden aufgebracht und damit die ersten Auslagen für den Ankauf von Gründen und Boden, den Transport der Colonisten nach Palästina und die provisorische Einrichtung bestritten. Nunmehr ist in Constantinopel die Erlaubniß zur Errichtung der Wohnhäuser erwirkt worden und die nothwendigen Mittel werden vom Central-Comits in Paris beigesteuert. Der deutsche Verband „Esra" gibt allein 10.000 Frcs. Die Colonie „Machnajim" umfaßt 1500 Hektar. Man gelangt zu ihr vom Hafen Chaif über Acca nach 12stündiger Reise. Ihre Lage am Fuße des schneebedeckten Hermon ist äußerst malerisch. Daß die Colonisten nun mit Fleiß und Geschick in der Landwirthschaft thätig sind, das hat unlängst der bekannte Palästinaforscher General Sir Wilson, der die Colonie besichtigt hat, in einem Vortrage anerkannt.