Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021349--09846-3034295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 326 Dr. Bloch's Wochrnkchrifi. Nr. 17 Das ist eine allbekannte Sache und darüber gibt es schriftliche Belege, daß dies Hillel's Ausspruch ist. Es kann daher nicht bezweifelt werden! Aber der Herr College B r e z n o v s k y hat ja im Vorhinein erklärt, daß in der Confession ein Grund zum Antisemitismus nicht liegt; ich werde mich daher nicht weiter damit befassen, wir müßten eben darüber viel länger verhandeln. Aber das muß ich öffentlich constatiren, daß in unserer Moral nichts enthalten ist, was der christlichen Lehre widerstreiten würde und das constatire ich, nachdem ich besser als irgend Jemand den verrufenen Talmud kenne; denn ich habe ihn studiert. Ich behaupte daher, der Talmud ist kein Gesetzbuch, welches uns vorfchreiben würde, du mußt so oder so handeln, es gibt keine gesetzliche Vorschrift. Unsere Gesetze sind in der Bibel und in der Mischna enthalten. Der Talmud gibt blos Erklärungen hiezu. Es ist eine Encyclopädie von Vorträgen, welche auf den jüdischen Hochschulen gehalten wurden. Es ist nicht unser Gesetzbuch. Ich nehme daher keinen Anstand und constatire und will dieses festnageln für ewige Zeiten, daß sich ein Mensch fand, in den Talmud hineinzutragen und in ihm zu suchen unreine und ehrlose Gesetze und Vorschriften und es ist schmerzlich, muß jedoch ausgesprochen werden, daß dies ein Universitätsprofeffor war, welcher dann unter öffentlichem Spotte und Schande seine Ehrenbeleidigungsklage zurücknehmen mußte, welche er überreicht hatte, weil ihm der Vorwurf gemacht war, er sei ein Lügner und Meineidiger. (Rufe: Rohling!) In diesen Sachen muß daher vorsichtiger gehandelt werden, denn es gibt noch Gelehrte, welche den Talmud kennen und welche solchen Leuten auf die Finger klopfen, die den Talmud beschimpfen. (Abg. Breznovsky: Am besten wäre es, ihn übersetzen zu lassen.) Dr. Z a l u d : Er wird auch übersetzt. In Berlin erscheint eben eine wortgetreue Uebersetzung. Nun wende ich mich vom confessionellen Antisemitismus ab, da mir bezüglich desselben zugestimmt wurde, daß die Antisemiten hiezu keinen Grund haben. Bel dieser Gelegenheit kann ich jedoch nicht unerwähnt lassen, wie schmerzlich das berühren muß, wenn man sieht, daß Gelehrte, statt in die Sache einzudringen, blind nach Schlagworten greifen. So geschah es beispielsweise vor einigen Tagen, daß in der „Narodni Lisch" in einem Artikel über Cordova Herr Dr. Paul D u r d i k bei der Erwähnung des Maimouides sich nicht geschämt hat zu schreiben, daß die;er ein Angehöriger des betrügerischen jüdischen Volkes sei. Solche Leute müssen wir öffentlich annageln, damit sie sich schämen! Wir machen doch für die spanische Inquisition nicht alle Christen verantwortlich; wie kommen wir nun dazu, daß bezüglich unser die Thateu Einzelner generalisirt werden. Was den Racenantisemitismus betrifft, brauche ich darüber nicht zu sprechen; diese Aufgabe hat der College G e b l e r übernommen, indem er die Eigenschaften der Juden schilderte, von denen er selbst sagte, daß sie wenige, aber gut seien. Dies genügt! Ich wende mich nun zum Antisemitismus aus nationalen Gründen. In dieser Beziehung hat der Herr College Packer gesagt, wir seien eine dritte Nation im Lande, ich erwidere jedoch, meine Herren, daß die Juden keine dritte Nation sind, das hat am besten Kaiser Josef ll. bewiesen, indem er die Juden sozusagen gesetzlich den Deutschen angereiht hat, nicht zwar, daß er gesagt hätte, daß jeder Jude ein Deutscher sein muß, aber er germanisirte! Dieser Germanisirungsstrom verbreitete sich in einemfort und von jener Zeit datirt das, was wir böhmische Juden so sehr beklagen, weil dadurch unsere Arbeit, welcher wir in dieser Richtung seit vielen Jahren obliegen, ungemein erschwert wird. Ich kann Ihnen, meine Herren, aus eigener Ueberzeugung sagen, daß der hier anwesende College Scharf die schönsten Jahre seines Lebens, wo er am meisten für sich hätte leisten können, dem Bestreben gewidmet hat, unter den Juden in Böhmen die böhmische Nationalität zu fördern. (Abg. Breznovsky: „Das war eine harte Arbeit".) Dr. Z a l u d : Gewiß; eine harte Arbeit war es, aber auch eine verdienstvolle und es ist zum großen Theil auch wirklich viel geleistet worden; zählet nur die Schulen, welche aufgelöst wurden und derentwegen uns unsere Glaubensgenossen die größten Vorwürfe machen. Zählet die deutschen confessionellen Schulen, diese Burgen des Deutschthums im böhmischen Gebiete. Ich könnte sie wohl aufzählen, wenn ich den hohen Landtag nicht damit langweilen würde. Wer aber lesen will, der wird dies auch finden; wir haben Publicationen in dieser Richtung, unser Blatt und unsere Kalender. Dort könnet Ihr lesen, was geleistet worden ist und dann werdet Ihr anders urtheilen! (Abg. Breznovsky: Am Lande wohl, aber nicht in Prag!) Dr. Zalud: Also ändert sie in diesem kurzen Zeiträume! Die böhmische Nation hatte andere Wiedererwecker und brauchte volle 50 Jahre, bevor man mit etwas ernsterem an sie herantreten konnte, bevor man verlangen konnte, daß die Nation etwas ausführe. Unsere Arbeit, unsere Leistungen, hoffe ich, wird jeder gerechte Mensch anerkennen! Bei dieser Gelegenheit kann ich mir es nicht versagen, denen, welche vom nationalen Standpunkte aus uns die Berechtigung unserer Stellung absprachen, einige Sätze vorzulesen aus den Werken des Dr. Gabriel R i e s s e r über die analoge Stellung der Juden in Deutschland. Er sagt: „Um einen Vorwand zu seinen Schmähungen gegen die Juden in Masse zu haben, macht der Antisemit sie zu einer eigenen Nation, und sagt, man beurtheile sie, wie man die Franzosen und Spanier beurtheilt. Ich bin anzunehmen geneigt, daß ihr Herz oder ihre Begriffe zu eng sind, um es zu empfinden und zu denken, was es in seinem ganzem Umfange heißt: ein Vaterland haben und keines haben: denn ich traue keiner menschlichen Brust die ungeheuere Schlechtigkeit zu, im vollen Bewußtsein und im vollen Gefühle dessen, was jene Worte bedeuten, einer halben Million Deutschen den angeborenen Anspruch auf das Deutsche Vaterland abzusprechen, die ein anderes weder haben, noch haben können und haben wollen. Sie haben kein Vaterland! möchte ich, wie Macduff, über jene Buben ausrufen: sie hätten sonst die teuflische Grausamkeit nicht, uns des unseren zu berauben! In rechtlicher Beziehung ist es der Ort, wo Einer geboren ist, der ihm sein Vaterland anweist, so wie es das menschliche Antlitz ist, das Einen zum Menschen macht; in sittlicher Beziehung ist es freilich die Gesinnung und die Liebe zum Vaterlande, die aber nur an dem Einzelnen, nicht an den Massen ermessen werden kann; die Abkunft der Urahnen aber ist es in keiner Beziehung, und es ist eine wahrhaft bestialische Ansicht, die die Nationalität in der Race sucht, nnd nicht in der Gemeinsamkeit des Vaterlandes. Oder sind etwa Männer, wie Savigny, Thibaut, Fouque, Chamisso u. v. A. keine Deutsche, weil sie erweislich von nicht-deutschen Bmälrern abstammen? Der Mensch bedarf des Vaterlandes zu seinem Kreise des Wirkens und des Schaffens, wie die Pflanze des Bodens, wie das thierische Leben der Atmosphäre bedarf. Wie es kein Leben, keine That, keine Schönheit gibt ohne Begrenzung, so gibt es keine menschliche Würde, kein menschliches Wirken ohne Vaterland. Nicht durch irgend ein einzelnes Moment, das er entbehren könnte, ist der Mensch an sein Vaterland gekettet, sondern durch alle Bande des Lebens, durch seine Sprache, seine Gefühle, seine Erinnerungen und seine Hoffnungen, sein Streben und sein Wirken, durch die Form seiner Vorstellungen selbst, die durch die Sprache erst Leben und Dasein erhalten; die Seele kann diese Bande nicht lösen ohne zu verbluten. Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, auf die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich athme; darum muß ich mich gegen ihn wehren, wie gegen einen Mörder. Wohl mir, daß ich es in meiner 'Muttersprache kann, daß mindestens die Muttersprache, liebreicher als ihre Jünger, sich mütterlich meiner annimmt und mir ihre mächtigen Waffen zu dem Kampfe nicht versagt! Schmäht, so viel ihr wollt, auf Franzosen, Spanier, Italiener u. s. w. Eure Pfeile treffen nicht; sie lesen Euch nicht, sie verstehen Euch nicht; und wenn es einem Dolmetsch gelänge, ihnen Euere Grobheiten zu übersetzen, so würden sie darüber lachen in dem frohen Gefühle der eigenen Heimat, der der eigenen Volksthnmlichkeit. Wir aber, wir verstehen Euch, wir lesen Euch; Euere Sprache, Euere Literatur sind die unseren; wir haben Eueren Haß — ohne Dolmetsch aus der ersten Hand; der Haß, in dem Ihr Euch gefallet — nicht weil Ihr Deutsche, nicht weil Ihr Christen, sondern weil Ihr böse Menschen seid, die sich am Hasse laben und die gar zu gern die Quellen der Menschenliebe verstopfen möchten, die aus dem warmen Boden unserer Zeit hervorbrechen — dieser Haß trifft nicht ein Nationalgefühl, das ihn zurückgeben könnte; wir haben keines und können und wollen keines haben ohne Boden,