Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 325 Me Zudenfrage im böhmischen Landtage. Rede des Abgeordneten Dr. Josef Zalud. gehalten in der XI. Sitzung des Landtages des Königreiches Böhmen am 19. April 1900. Es wurde sehr viel vom Kohlenwucher gesprochen. Bei dieser Gelegenheit zögere ich nicht, zu erklären, daß ich von meinem Standpunkte aus, und gewiß alle Diejenigen, welche meiner Richtung folgen, den Kohlenwucher verabscheuen und verwerfen, sowie Jeder von Ihnen! Mit Entrüstung sagen wir uns von Jenen los und verabscheuen solche Leute, welche den Kohlenwucher betrieben waren. Dies will ich vor Allem constatiren, weil ich mich dann gegen diejenigen Leute wenden will, welche aus dem Kohlenwucher etwas ganz Anderes gemacht haben, als er ist. nämlich eine Juden- oder Antisemitenfrage. Im Verlaufe dieser Kohlendebatte wurde von vielen Seiten aus die Juden hingewiesen, und zwar durch Generalisirung und Pauschalirung. Ich halte es für meine Pflicht, ein wenig Licht in die Versammlung zu bringen, jene Herren zu beleuchten, die den Antisemitismus predigen. (Zwischenruf: Anticorruptionismus!) Bevor ich mich in die Details dieser Antisemitenfrage einlasse, erkläre ich loyal, daß der College G e b l e r sich nicht auf den Standpunkt des Antisemitismus, sondern des Anticorruptionismus gestellt hat und das finde ich ganz in Ordnung, sei es Dieser oder Jener, wer es verdient, dem soll man auf die Finger klopfen, es sei Jude oder Christ; jedem soll nach Verdienst sein Theil werden. (Zwischenruf: Percente!) Jawohl, nach den Percenten soll ihm sein Theil werden an dem Klopfen. Es wurde auch hier gesagt, und das will ich sogleich widerlegen, daß die Juden nicht nach dem Percentsatz, welchen sie in unserem Königreiche ausmachen, Arbeiter sind und am wenigsten Arbeiter in den Gruben und so fort. Das ist aber eine Folge der geschichtlichen Entwicklung. Dieser Zustand hat sich im Laufe von 1000 Jahren entwickelt, wo der Jude zu keiner anderen Beschäftigung zugelassen wurde als zum Handel. Nicht einmal in die Zunft nahmen ihn die Handwerker unter sich auf. Bauer konnte er nicht werden, weil er keinen Grundbesitz haben durfte. Was sollte nun so ein Mensch anfangen? Auch in den Gelehrtenstaud wurde er nicht zugelassen, außer zum Stande der Aerzte, was man ihm eben nicht verwehren konnte, denn bezüglich dieses Standes fragt Niemand nach der Confession, sondern ob der Arzt sein Fach gut versteht. Schon aus dieser Entwicklung ist es ersichtlich, daß man mit Unrecht den Juden vorwirft, sie seien nicht in demjenigen Percentsatz Arbeiter, wie cs sein könnte; denn die Entwicklung, nach welcher man seinen Beruf frei wählen kann, haben wir erst seit den Sechziger-Jahren. Ich bitte jedoch, genau zu merken, wie diese Entwicklung ausschaut! Wir können unsere Beschäftigung wählen in der Richtung nach unten, jedoch nicht die höheren Berufe. Hierin werden wir gehindert. Ich constatire hier öffentlich, daß die Juden nicht einmal zu den Aemtern, trotzdem dies in den Staatsgrundgesetzen ausdrücklich geschrieben ist, zugelassen werden, und selbst das Oberlandesgericht im Königreiche Böhmen hat seit langer Zeit keinen Juden zum Auscultanten ernannt. Ich frage, mit welchem Rechte? Der Petent ist ein Staatsbürger, hat seine Staatsprüfungen vielleicht gar mit Auszeichnung bestanden, aber zum Staatsamt wird er nicht zugelassen. Ist das die Favorisirung der Regierung, welche uns vorgeworfen wird. (Abg. Breznovsky: Die Finanzprocuratur!) Das ist ja selbstverständlich, daß sie sich dort hindrängen mußten, weil ja dieses Amt einzig und allein übrig blieb. Ich will mich jedoch damit, was der Herr Abg. Stein gesagt hat, nicht weiter beschäftigen und bezüglich der statistischen Daten, welche derselbe bezüglich der Betheiligung der Juden an dcn Verbrechen angeführt hat, Folgendes bemerken: Auch ich kann in der Statisttk lesen und rechnen und will mich darüber nicht des Weiteren aussprechen, daß die Statistik Jedem das bietet, was er benöthigt. Erwähnt sei jedoch, daß die Betheiligung der Juden an den Verbrechen geringer ist, als ihnen imputirt wird; denn nach den statistischen Ausweisen, welche die k. k. Centralcommission ausgibt, beträgt die jüdische Bevölkerung in dem Zeiträume 1878 82°5 Percent, wogegen ihre Betheiligung an den Verbrechen nur folgende Percente auswies: 1878 3'7 Perc., 1879 3 8 Perc., 1880 3'9 Perc., 1881 4'2 Perc., 1882 4.1 Perc. und läßt sich das verfolgen in der Richtung,. daß die Betheiligung an dem Verbrechen ihren Bevölkerungspercentsatz nirgends übersteigt. (Abg. G e b l e r ruft: Weil wir schlechte Gesetze haben, welche die Gaunereien ermöglichen.) Dr. Zalud: Das machen Sie sich mit der Regierung aus, nicht mit mir. Was noch weiter die Statistik betrifft, bleibt es bei der größten Anzahl der Verbrechen beim Percentsatze, welcher dem Verhältnisse der Bevölkerung entspricht. Bei manchen Verbrechen, das will ich nicht bestreiten, übersteigt jedoch die Betheiligung diesen Percentsatz, das ist aber eine ganz natürliche Sache. Haben Sie denn jemals gehört, daß Bankerotte anderswo öfters Vorkommen, als bei Handelsleuten? Welcher andere Bürger kommt denn so oft in die traurige Lage, die Zahlungen einstellen zu müssen? Kommt dies vielleicht gar oft beim Bauern vor? Das ist doch so ganz natürlich wie das 2 uno 2 gleich 4 ist. Und darüber wundern sich noch gewisse Leute! Schon von Vornherein habe ich erklärt, daß ich diejenigen, welche den Kohlenwucher betrieben haben, nicht entschuldigen will, sei es nun .4' oder P. Aber ebenso wie es mir nicht einfällt. diese Leute zu entschuldigen, darf auch von anderer Seite nicht in unerlaubter, ja unanständiger Weife der Jude angegriffen werden. Wenn die Kohle theuerer wird, heißt es, der Jude ist daran schuld, wird ein Jndustrieartikel theuerer, ist wieder der Jude daran schuld, und wenn der Bauer schlecht wirthschaftet und sich verschuldet, so versteht es sich von selbst, daß nur der Jude daran schuld fein muß. (Stimme: Auch wenn es nicht regnet.) Ja gewiß, auch wenn es nicht regnet; es ist doch aus der Geschichte bekannt, daß wenn die Pest irgendwo ausbrach, man behauptete, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Wenn in Nachod ein Mädchen verschwand und man nicht wußte, wieso, so war es doch so ganz selbstverständlich, daß man sagte, die Juden haben sie ermordet, daß ein Ritualmord verübt worden ist. Wenn in Polna ein Christenmädchen ermordet wurde, so versteht es sich von selbst, daß es die Juden verübt haben mußten. (Abg. Breznovsky: Hilsner ist vielleicht gar unschuldig?) Dr. Z a l u d: Ich vertheidige ihn nicht, und wünsche ihm den Galgen, eher als dieser Herr da; denn es ist notorisch, daß Hilsner ein arbeitsscheues Individuum ist; aber deßhalb ist noch nicht erwiesen, daß Hilsner den Mord verübt hat und das Juden überhaupt jenes Mädchen ermordet haben. Wenn ich schon bei diesem Gegenstände bin, erlaube ich mir die Frage: Liegt cs denn in der Beschaffenheit dcr Juden, daß sie den Antisemitismus Hervorrufen? Ich bitte, meine geehrten Herren, der Herr College Lebler hat schon eine stattliche Zahl guter Eigenschaften der Juden erwähnt, von welchen ich wünschen würde, daß sie jeder Böhme besitze. (Abg. G e b l e r: Es sind wenig!) Dr. Zalud: Aber gut! Wenn alle Angehörigen der böhmischen Nation so Zusammenhalten würden, wie es den Juden vorgeworfen wird, müßte es als höchstes Glück bezeichnet werden. Wenn wir bei der Gliederung der Nation beginnend von den höchsten Schichten, den hochgeborenen Herren, dem Mittelstände, den Bauern und bezüglich der einzelnen Parteien beginnend von der Partei der Großgrundbesitzer, der Nationalsreisinnigen (Jungczechenpartei), der radicalstaatsrechtlichen Partei ausgehend, finden würden, daß alle die Zusammenhalten und wenn mit uns noch unsere deutschen Brüder dieses Lande- Zusammengehen würden, dann erreichen wir gar bald nicht nur unser Staatsrecht, sondern auch die Unabhängigkeit und alles Uebrige, weil wir es zusammen uns erkämpfen würden. Es sind daher nicht die Eigenschaften der Juden der Grund, worin der Antisemitismus basirt. . Nun frage ich, gibt es vielleicht für den Antisemitismus einen confessionellen Grund? (Abg. Breznovsky: Nein!) Dr. Zalud: Mit Vergnügen höre ich vom College» Breznovsky, daß vom confessionellen Standpunkt kein Grund für den Antisemitismus vorliegt, und ich begreife dies ganz gut, denn ich würde gerne erfahren, worin der jüdische Glaube von dem christlichen sich unterscheidet. (Abg. Breznovsky: Wir sind ein wenig braver. Ihr habet: Aug' um Aug', Zahn um Zahn.) Dr. Zalud: Wir haben schon von den Zeiten vor Christus den Ausspruch: „Und du wirst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."