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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 17 Dr^ Bloch's Wochenschrift. Seite 323 so viel Kraft geblieben, eine solche ohne auch geistig zusammenzubrechen, ohne seine Gottgläubigkeit, sein höchstes Gut zu verlieren, zu ertragen? Sara und Michael waren des Nachts unterwegs. Schon der Talmud spricht es aus: „Alle Wege sind gefährlich." Wie leicht konnte Einem von ihnen ein Unfall begegnen, und jeder Unfall des Einen, traf gleichzeitig auch den Zweiten. Wenn ihm plötzlich die Nachricht würde, er habe Sara, er habe Michael, er habe Beide verloren! — Das wäre doch mehr als ein Menschenherz, eine Menschenseele zu ertragen vermocht hätte! — Jetzt erschien es ihm möglich, daß die Beiden auf ihrer nächtlichem Wanderung Baron Hornek begegnen konnten. Dieser war in Posewitz, konnte durch irgend ein Vorkommniß, etwa um einer dienstlichen Pflicht willen in der Nacht nach W. zurückkehren, er konnte mit Michael Streit beginnen, oder sich in seiner wilden Leidenschaftlichkeit zu einer Handlung oder einem Worte gegen Sara hinreißen lassen, das Michaels gerechten Zorn erwecken, furchtbare Folgen haben konnte .... Schon im zweiten Momente erschien ihm diese Möglichkeit als eine Wahrscheinlichkeit, bald als unzweifelhafte Gewißheit .... Er bemühte sich selbst, seine Besorgnisse zu widerlegen. Der lüderliche, genußsüchtige Mensch Hornek würde gewiß den Freudenbecher bis zur Neige leeren, der hochmüthige Emporkömmling, der um jeden Preis seine bürgerliche Herkunft vergessen machen wollte, berge sich am liebsten inmitten der Sprossen tausend und halbtausendjähriger Namen, und würde gewiß den Festsaal nicht vor dem grauenden Morgen verlassen; und Sara befand sich ja schon um Mitternacht unter dem schützenden Dache des bewährten Freundes. Aber auch die besten Gründe wollten diesmal nicht verfangen, das dunkle intuitive Gefühl ließ sich heute nicht von dem hellen klaren Verstände bewältigen. Unter solchen peinlichen Gedanken waren Brack mehrere Stunden vergangen, zufällig blickte er jetzt auf die Uhr, es war schon spät nach Mitternacht. Er wußte es, er würde den Schlaf, auch wenn er ihn auf seiner Lagerstätte suchen wollte, nicht finden, er beschloß wachend die Rückkehr seines Pflegesohnes zu erwarten. „Wenn er im jirze haschem bescholonP) zurückkommt und mir von Sara gute Nachrichten bringt, werde ich dann um so besser schlafen", sprach er halb laut zu sich selbst. Er setzte sich an den Tisch, an dem er gewöhnlich die ersten Stunden der Nacht mit religiösen Studien zu verbringen pflegte. Er griff nach der Bibel, um den Abschnitt der beginnenden Woche mit den Commentatoren zu lesen. Das, was er las, bestärkte ihn in seiner eigenthümlichen Gemüthsstimmung. Es war die Sidra Wajeschen?), welche von dem Erzvater und seinen Söhnen erzählt: Wie er zuerst seinen Lieblingssohn Josef verloren und todt geglaubt, — und vermochte sich so lebhaft in die Lage des zu Tode betrübten Vaters zu versetzen, daß er — obwohl er diese Bibelerzählung schon endlos oft gelesen, sie im Urtexte wortgetreu aus dem Gedächtnisse zu wiederholen vermochte, — doch sie erst jetzt vollkommen aufzufassen glaubte, und so ergriffen war, daß er, der geistig starke Mann, in Thränen ausbrach. Allein, das Wort des königlichen Sängers: Lule Toroßcho schaschuoi, os owadti beonji* 2 3 *) bewährte sich auch diesmal : Brack vertiefte sich in die verschiedenen Bibelcommentatoren. Plötzlich überkam ihn eine wundersame Beruhigung, der Erzvater Jakob erlebte ja endlich auch Freuden an seinen Kindern, „gewiß, gewiß, es wird auch mir so ergehen!" rief er unwillkürlich aus. Jetzt schlug es von der Thurmuhr des Städtchens zwei. Um diese Zeit konnte Michael, wenn er sich in Neuhof nicht aufhielt und rasch zuschritt, schon zurückgekehrt sein. Aber jetzt in seiner gottvertrauenden Stimmung beunrubigte er sich deshalb nicht: „Rüben Weiß", dachte er, „wird ihn aufgefordert haben, eine kurze Zeit bei ihm zu ruhen, ein Glas Wem zu trinken" .... freilich, Michael hatte versprochen sofort zurückzukehren und er kannte ihn von seiner frühesten Jugend an und wußte, daß er, wenn er konnte, stets Wort hielt; aber bei einem längeren Weg kann man nie etwas mit voller Gewißheit vorausbestimmen ... er faßte sich von Neuem in Geduld; — endlich, — es schlug eben halb drei — hörte er in der tiefen Stille der Nacht von der Ferne das Rollen eines rasch fahrenden Wagens.... aber Michael mußte ja zu Fuß anlangen — jetzt kam der Wagen näher, fuhr in die Judenstadt ein; das konnte *) So Gott will in Frieden. 2) Der neunte Wocheuabschnit im ersten Buche Moses. 3) Wäre Deine Lehre nicht mein Trost, ich wäre untergegangen in meinem Elende. Psalmen Cap. 11v, Vers 92. ja nur Michael sein, welcher Jude würde den Samstag in der Nacht von einer Reise oder einer Fahrt .heimkehren? Einen Augenblick war er geneigt zu erschrecken, aber sofort fiel dem klugen Manne etwas Naheliegendes und ihn sehr Beruhigendes ein. Er glaubte Sara und Michael wären Nikolauer bei seiner Rückfahrt begegnet, und dieser hätte beide nach Neuhof und Michael von dort wieder zurückgeführt. — Er trat an's Fenster, der Wagen — es war Nikolauers Gefährte — hielt vor der Thüre seines Hauses, aber Michael saß auf dem Bocke und lenkte das Pferd. Er sprang rasch ab — er hatte den Thürschlüffel entgegengenommen — öffnete das Haus, dann hob er Sara aus dem Wagen und trug sie wie ein kleines Kind auf feinen Armen. Brack erschrack heftig, sein Her; schlug zum Zerspringen, sein gesunder Fuß, die Hände, welche die Krücke regierten, versagten ihm den Dienst, er hielt sich krampfhaft an der, Platte des Tisches, der in seiner Nähe stand .... Er konnte es vor Ungeduld nicht erwarten, bis Michael ins Zimmer trat, die wenigen Secunden schienen sich für ihn zu Ewigkeiten auszudehnen. Endlich trat Michael ein, er war bleich wie ein Linnen, in seinen Armen lag Sara todtenblaß, fast regungslos, nur ein leichtes Heben und Senken ihres Busens bewies, daß noch ein Lebensfunke in ihr wohne. Bracks treues Baterherz hörte auf zu schlagen . . . . er kon.cke nicht sprechen, Michael rief und seine Stimme klang vor Aufregung heiser: .,Es ist Entsetzliches geschehen. . . ." „Lebt Sara?" schrie Back in heißer Angst auf. „Sie lebt .... aber sie ist vor Schrecken erkrankt . . . . ich fürchte schwer erkrankt. . . ." Bracks Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen, seine Brust hob sich in mächtigen Athemstößen, endlicy lallte er: „Schma Jisroel! *) . . . ." und sank in den Lehnstuhl, der neben dem Tische, zurück. „El mole rachmim!5)" schrie Michael im höchsten Seelenschmerze auf. „das ist zu viel des Leids für einen Menschen!" Aron Brack schlug die geschloffenen Augen nochmals auf. „Ah .... der Tod naht .... Gottes reichster Segen über Euch, meine Kinder .... Ihr werdet noch glücklich, noch hier auf Erden glücklich werden!" (Fortsetzung folgt.) Aufruf. Der Verein „Frauenhort" Wien, IX., Müllnergaffe 21 ersucht uns um Aufnahme nachstehenden Aufrufes: Bitte an edle Menschenfreunde! Drei arme jüdische Mädchen, durch den plötzlichen Tod ihres Vaters und Ernährers in größtes Elend versetzt, bitten edle Menschen, sich ihrer zu erbarmen. Wie von Aerzten bestätigt wird, find alle drei Mädchen, die dem gebildeten Ständen angehören, durch Kränklichkeit ganz erwerbsunfähig. Sie stehen vor der Delogirung und gänzlicher Verarmung. Schwestern Neumann, II., Wasnergaffe 23. Briefkasten. Dr. L. G. Brics Almas. Nach altem Brauch gehört das Sefer Thora noch immer dem Eigenthümer und seiner Verfügung. Ein Abonnent. Jawohl. Franz Jaich, Barchenterzeuger in Zwittau, ist auch unter die Antisemiten gegangen, hat das Präsidium der Teutonia übernommen, ist aber nach wie vor bereit, mit den jüdischen Händlern, welche Maaren bei ihm abkaufen, Geschäfte zu machen. I. B. Am Sabbath und Feiertagen ist alles verboten, was Trauer verursacht. Historicus. Ein mlsgezeichneter französischer Gelehrter Alphonce D e c a ü d o l l e sagt in seinem 1673 erschienenen Merke „Bistoire des scienses etc.“ : „Das christliche Gebot der Demnth und Geduld bis zu jener unnatürlichen und übertriebenen Forderung, die zweite Wange hinzuhalten, wenn man auf die eine geschlagen wird, haben Christen nie, die frommen und kircheneifrigsten am wenigsten, Juden aber sehr häufig geübt." Sö. B. Pater Abel hat in der That von der Kanzel aus die ganz seltsame und wohl auch überflüssige Mittheilung seinen gläubigen Hörern gemacht, daß sein Großvater ein Freimaurer und Königsmörder gewesen. Der fromme Herr glaubt wohl, das Gebot „Ehre Vater rc." erstreckt sich nicht auch auf den Großvater. l) Höre Israel .... unser Gott ist ein einziger Gott. 5) Gott voll Barmherzigkeit!

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