Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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—n inrTirfirmrr nrnrnT rr Sette 323 Dr. Blocht WochenschrM» Nr. 17 bleibt, könnt ihr derweil das Jam (Meer) austrinken/ Einmal war er gar schon eingesperrt, weil man damals mehrere Nächte nacheinander Grabkreuze auf dem christlichen Friedhofe gestohlen, und die Polizeileute sich dann in einer finsteren Nacht auf dem Friedhofe versteckten, um womöglich den Dieb zu fangen; in derselben Nacht aber ging Noßele ganz betrunken aus dem Wirthshaus nach Hause, und kam in der Trunkenheit gerade auf den Friedhof, er wurde für den Dieb gehalten, und über Nacht in den Arrest gesteckt. Erst am anderen Tag, als er vor den Richter gebracht wurde und als der ehrliche und wohlhabende Schicker Noßele erkannt wurde, gab ihm der Ortsrichter lachend die Freiheit wieder. Noßete aber sagte: „Sehen Sie Herr Richterleben! Die Diebe kamen auf den Friedhof um zu stehlen, weil sie gewiß für ihren Gebrauch viel zu wenig hatten, ich, bin auf den Friedhof gekommen, weil ich — etwas zu viel hatte." Einmal sagte sein Sohn zu ihm: „Ich bitte Dich Tateleben! trink doch kein starkes Getränk, Du verträgst es nicht." „Was?", antwortete er ihm, „starkes Getränk" sagst Du? Ist denn Branntwein ein starkes Getränk? Branntwein treibt kettle Mühl', reißt keine Brücke' weg, aber Wasser treibt Mühlen, reißt Brücken weg, Wasser ist ein starkes Getränk." So könnte ich Dir noch viele Geschichten von Schicker Noßele erzählen, doch wozu Dir diese „alte Ne wer es" auftischen? Genug! weil der Großvater des braven jungen Groß „Schicker Noßele" war, darum will Dein Vater dem Enkelsohn feine Tochter nicht zum Weib' geben; Dein Vater mein' ich, versündigt sich dadurch an Dir und an ihm, denn es sollen Kinder nicht für ihre Eltern und Großeltern büßen, er sollte sich um die „alte N e w e r e s" nit kümmern, und durch die „alte Neweres" kommt er zu neue Sünden. Gustchen ließ traurig das Köpfchen hängen, da trat Bichler junior, der Vater, strahlenden Angesichts in die Sukko und legte zwei herrliche Weintrauben, die Eine vor seinen alten hochverehrten Vater, die Andere vor sein geliebtes Gustchen hin. Dankend nahm der Großvater die süße Gottesgabe und nachdem er andächtig die Broche gesagt, genoß er freudig die füße Frucht, doch Gustchen dankte blvs mit einem wehmüthig freundlichem Blicke und ließ die Traube unberührt. „Aber Gustchen!", sagte der Vater bestürzt, „ist das ein Jomtowgeficht das Du mir da zeigst?" „Laß das Madl", sagte der alte Großvater, „der Wein den Du gebracht hast ist am rechten Platz, denn es steht geschrieben „VL2 •"■w pi" „W ein für die Betrübten" und das arme Gusterl ist wirklich betrübt, ihr Schmerz ist G r o ß." Das kluge Mädchen verstand' die Anspielung und ward seuerroth, der Vater aber nahm ihren schwarzen Krauskopf zwischen seine breiten Hände und sprach: „Mädl! Mädl! mein guter Vater spricht immer von „alte n N ewer es" ich bin ein so hartgesottener Sünder, daß ich alle meine „alten Neweres", deren ein hübsch großes Häuflein sein muß, nicht so sehr bereue, als eine meiner jüngsten Neweres, die ich gegen Dich und gegen den braven Groß begangen — ich habe ihn bei seiner Werbung um Deine Hand abgewiesen, und zwar befangen vom Vorurtheile, wie mein lieber Vater sagt, wegen „alte Neweres", wegen eines Lasters seines längst verstorbenen Großvaters — und doch hat auch sein Großvater viel Gutes gethan — ja! er hat gar oft des Guten zu viel gethan — ich Hab' gefehlt, aber bald wieder bereut, ich habe-— —" Der gute Mann konnte den Satz nicht vollenden, denn die einfache aus einem schlichten Teppiche bestehende Portiere der Sukko wurde bei Seite geschoben, und eintraten Groß, Vater und Sohn. Ueberrascht erhob sich der alte Bichler von seinem Sitze, um die geehrten Gäste zu begrüßen. Er ging ihnen entgegen und zog unbewußt das den Tisch bedeckende Tuck mit sich, so daß die noch vor ihm stehende Kaffeeschale zu Boden fiel und zerschmettert wurde. Die ohnehin vor Aufregung bebende Gusti lief zur Thüre, bewillkommte verlegen zu Boden blickend die Angekommenen. Der gute, greise Großvater aber sagte: „Laß gut sein, mein Kind! Besser gebrochene Schalen als gebrochene Herzen." .„Ich habe die Herren eingeladen, nehmen Sie Platz meine Lieben! Es ist heute Cholhamoed — wir Väter haben einander nichts mehr zu sagen, etwaige „alte Neweres", wie mein Vater sagt, seien gesühnt durch diese Stunde, die jungen Leute hier hätten einander dagegen recht viel zu sagen. Doch dazu ist Zei", wir haben ja Jomtow und gar solch junges verliebtes Volk hat jeden Tag Jomtow. Die Schale aber, soll nicht umsonst zerbrochen worben sein, der Schaden ist klein, und der Gewinn ist — Groß. Eine Schale zerbrechen heißt manchmal so viel als — „M a s o l t o w!" Der Vater legte segnend Gustchen's Hand in die des jungen Groß und der Großvater sagte zu seiner glücklichen Enkelin: „Groß sollst Du werden in den Augen von Freund und Feind und Groß wirst Du werden." — — — Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Dreiun d zwanzig st es Capitel. Aron Brack lvar, als Sara und Michael sein Haus verlassen hatten, in großer Aufregung zurückgeblieben. Es besteht zwischen den Eigenschaften des Körpers und jenen der Seele zuweilen eine weit größere Wechselwirkung als man gewöhnlich anzunehmen Pflegt. Große Körperkraft stärkt das Selbstbewußtsein, läßt das Andrängen peinlicher Lebensereignisse minder furchtbar als dem Schwachen erscheinen. Körperschwäche, Unbehilflichkeit, Unselbstständigkeit wirken auch auf einen starken Geist bedrückend. Als sich Aron Brack von den beiden einzigen Stützen seines Lebens, wenn auch nur auf kurze Zeit verlassen sah, überfiel ihn plötzlich ein intensives Gefühl entsetzlicher Angst. Er konnte wohl auf seinem Stelzfüße mit einer Krücke allein gehen, aber sich, seine Person, sein Eigenthum zu schützen, vermochte der arme Mann nicht. Ein Kind, das ihm seine Krücke aus der Hand schlug, konnte ihn widerstandsunfähig machen, ihn in den Zustand größter Hilflosigkeit versetzen. Es gibt Momente im Leben, die vollkommen geeignet sind, den Menschen trübe zu stimmen, ihm Alles im ungünstigsten Lichte erscheinen zu lassen. Ein solcher war eben über Aron Brack gekommen. Er lebte in einem civilisirten Staate, er mußte Steuern und Abgabenzahlen und Pflichten erfüllen, wie alle andern Staatsangehörigen — aber er besaß nahezu keine Rechte, und was ihm jetzt noch härter erschien, auch keinen ausreichenden Schutz. Wenn er die Sachlage mit klarem Auge betrachtete, mußte er sich's gestehen, daß er sein einziges, herrliches Kind wegschicken mußte, weil er befürchtete, ein frecher Bube, nicht einmal ein Mensch von hochhervorragender Lebensstellung, könne es wagen, einen unerhörten Schurkenstreich zu verüben! Es war schon das allein ein Gedanke von demüthigender Peinlichkeit. An diesen reihte sich, scheinbar außer Zusammenhang, ein zweiter eigen» thümlicher an. Seine Batergemeinde war schon zweimal in seinem Leben von Elementarereignissen von Wasser und von Feuer heimgesucht worden. Beidemal hatte er durch seine Energie, seine körperliche Rüstigkeit, großes Unglück verhütet, das zweitemal dabei seinen Fuß, die Integrität seines Körpers eingebüßt. Wenn jetzt in dem Momente, wo er sich allein in seinem Hause befand, plötzlich eine Überschwemmung eintrat, eine Feuersbrunst ausbrach, so konnte er nicht nur nicht Anderen helfen, sondern bei dem geringsten unglücklichen Zwischenfalle, der eintreten konnte, in elendester Weise verderben, in den Fluthen, in den Flammen umkommen. Dabei fiel es ihm ein, — daß alles Uebel, das er in seinem Leben erfahren, stets unerwartet über ihn gekommen. Als sein lieber kleiner Knabe, sein erster Michael, so blühend, so anmuthig, so klug, sein liebend Vaterherz entzückend, die Freude, das Glück seines Lebens, die Hoffnung seiner Zukunft geworden war, ward er ihm mit unerwarteter- Plötzlichkeit entrissen. — Als ihm seine Frau, seine erste Sara, mit einem herrlichen Töchterchen, mit Sara, beschenkte, da hatte er wieder froh aufgeathmet, sich glücklich gefühlt, und inmitten dieser. Seligkeit, hatte ihn wieder ein Donnerschlag zu Boden geschmettert, hatte er sein ewig unvergeßliches Weib verloren. Er war vor einigen Jahren als gesunder, kräftiger Mann zu Bette gegangen, war in der Nacht von Wellenrauschen geweckt worden; — und hatte bei seinem Rettungswerke einen Fuß verloren, war für immer ein Krüppel geworden! Wenn ihm jetzt der unerforschlichx Gott eine neue Prüfung auferlegen, ihm ein neues Leid zuschicken wollte, war ihm /noch