Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochrnfchrifl. Seite 321 Dr. Oppenheim aus Olmütz den schönen Lebenslauf der Dahingeschiedenen in tief empfundener Rede- Gin unverwelklicher Kranz der herrlichsten Tugenden zierte die Verblichene. Ihr ganzes Dasein war von wahrhafter Gottesfurcht erfüllt; der höchsten Achtung und unbegrenzten Wertschätzung erfreute sie sich im Kreise ihrer Familie; ihr edles Herz fand immer den rech en Weg und das richtige Verständniß zu werktätiger Menschenliebe, besonders gegen verschämte Arme. Als das Muster eines biederen jüdischen Weibes wird sie stets ihren Angehörigen vorschweben und darum ihr Andenken nie aus ihrem Herzen verlöschen. Zum Schlüsse nahm ihr Enkel vrä. Siegm. Ezeczow i c z k a mit bewegten Worten im Namen der ganzen Familie Ab schied von der Verstorbenen, er dankte für die zahlreiche Betheiliguug an der Leichenfeier; der Bauerndeputation aus Lippan sprach er in slavischer Sprache seine Anerkennung aus. O-Tura. 22. April. Heute wurde hier Herr Bernhard B u st i n von einer imposanten Volksmenge, ohne Unterschied der Konfession, zur ewigen Ruhe geleitet. Der Nachruf wurde ihm im Tempel, den der Verewigte erbaute, in tiefergreifender Weise von seinem Schwager Herrn Moriz Haas aus Welka, Ehrwürden Herrn Rabbiner Lippe aus Csejte, Herrn Rabbiner Stein aus Tyrnau, Herrn Dr. Schweiger aus Bagh- Ujhely seinen Verdiensten entsprechend gewidmet. Er war ein Vater der Witwen und Waisen, ein Mann, der Wohlthaten in Fülle ausübte. Er nahm die Nachkommen seines Bruders an Kindesstatt an, und war ihnen der liebevollste Erzieher, der zärtlichste Vater. An seiner Bahre stand eine tiefgebeugte Witwe, die durch 52 Jahre der glücklichen Ehe sich erfreute und viele seiner edlen Schöpfungen in's Leben rufen half. Die israelitische Gemeinde verlor nicht nur ihr Oberhaupt, sondern gleichzeitig den Erhalter aller ihrer Gemeindeinstitutionen. Unter Anderem errichtete er im Jahre 1891 aus Eigenem eine Mauer um den Friedhof und das Andachtshaus anschließend. Er erwarb sich im edelsten Sinne des einen wahren Schem tow, sein Andenken wird in unserer Mitte immer gesegnet bleiben. Er ruhe in Frieden. H. Leopold Eisler. Feuilleton. Alle Neweres. Skizze von weiland Dr. Ehrentheil. III. Es war ein schöner lauer Spätsommermorgen angebrochen, das nette Haus Rebb Simche Bichler's stand von der Sonne herrlich angeglüht, wie von Gold übergossen da, aber dieser äußere glänzende Schimmer paßte gar so wenig zu der trüben Stimmung, die mit dem heutigen Festmorgen über die guten, frommen Insassen des Bichler'schen Hauses gekommen war; wie war doch der erste Festabend in der Laubhütte so gemüthlich schön und feierlich fromm gefeiert worden, der blendende Lichtschimmer, und die frommen Klänge des Jomtowkidusch drangen in die stille dunkle Gaste hinaus, Bichler's Laubhütte hatte sich auch den Dorfbewohnern festlich angekündigt —; man war froh und fröhlich zu Bette gegangen, und auch im Traume noch mug das liebenswürdige Gustchen die rothen Hagebutten-Guirlanden und die goldumzogenen Rüste der Laubhütte mit Endlich frommer Freude gesehen haben; — welch ein Schrecken jedoch für das gute sonst so muntere Mädchen als es bei Tagesanbruch schon, geweckt vom Dienstmädchen des Hauses, nur halb ungekleidet in den Hof trat, und dort die so schön geschmückte, freilich nur lose gefügte Sukko um gestürzt, auseinandergeri^ssen, und in boshafter Weise verunreinigt auf dem Boden liegen sah.-Stromweise stoßen die hellen heißen Thränen über ihr jugendliches Antlitz, und schluchzend warf sie sich an den Hals ihres bald darauf in Begleitung des Großvaters auf den Hof kommenden Vaters mit den Worten »das haben die bösen sündigen Antisemiten gethan" .... »Schweig Narrele!" »Alte Neweres" nix Neues sagte der Großvater... „Alte Neweres!" das haben, als wir noch in Czatz .... a im Kirchdvrfe wohnten, vor dreißig Jahren die dortigen Reschoim gethan, lange bevor noch das Wort Andynamiten, oder wie es heißt, erfunden, »alte Neweres" sterben nicht aus'' .... Hab' damals gemeint es drückt mir das Herz ab, als sie meine Sukko, die meine selige fromme Frau so schön geschmückt hatte, über Nacht in Stücke gerristen. Hab's überwunden, wirst es auch überwinden, wenn der liebe Herrgott zusehen kann, muß es uns auch recht sein ... wir haben den ersten Jomtow- Abend gut jüdischlich gehalten, haben die Brocho und den Kidusch in der Sukko gemacht, die Sukko haben sie uns zerstört, den Jomtov sollen sie uns nit verstören, uns ist unser lieber Jomtow geblieben, und die Reschoim haben zu ihren „alten Neweres" noch eine neue große Aweroh aufs Gewissen geladen. Gott verzeih' es ihnen. Kommt Kinder in die Stube" — — — — Kaum zwei Stunden später, Gustchen hatte in trauriger Stimmung ihre Jomtow-Toilette gemacht, nnd wieder standen die sukkolosen Bichler'schen wehmüthig im Hofe, die Trümmer ihrer Sukko betrachtend, als auch schon der junge Groß wieder ins Haus trat, und beim Anblicke des Sukkowrackes in tiefer Entrüstung ausrief: „Das ist der hiesigen Antisemiten Werk! Herrgott hast du keinen Blitz'.für Idiese^ Frevler?" „Blitze genug hat unser Herrgott", sagte der alte Bichler, „aber.ein Blitz ist viel zu nobel für diese „D y n a m i t e n" oder wie sie jetzt heißen, stehen lang nit dafür die Hallunken, eirfache Vierundzwanzig auf das Sitzfleisch, nach, alter ungarischer Manier thun's; solche „a l t e N e w e r e s" müssen nach dem alten Gesetze bestraft werden." »Ja wohl! Man ist jetzt zu^milde dem antisemitischen Gesindel gegenüber, man sollte" — — »Na, na, lieber junger Brausekopf! Nur nicht so hitzig und rachgierig, die Strafe für die Sünder gegen unsere Sukko darf doch nicht allzuschwer werden, es wäre denn, Sie wollten annehmen, daß unsere sukkofeindlichen Nachbarn zu den Hochverräthern gehören, weil sie durch das Umstürzen unserer Sukko bewiesen, daß sie zur U m st u r z p a r t e i gehören." Kaum hatte der Hausherr diese Worte gesprochen, als die bewaffnete Mannschaft des wohllöblichen Ortsgerichtes, bestehend in zwei Panduren mit hochwichtiger Amtsmiene in die Stube trat, und Bichler Vater und Sohn ins Amthaus rief, um daselbst über den Angriff auf ihre »L a u b e r h ü t t e" Bericht zu erstatten. — Vater und Sohn gingen begleitet von dem jungen Groß alsbald aus dem Hause, um dem gestrengen Befehle nachzukommen und das wieder in wahrer Kinderart munter und heiter gewordene Gustchen ries den Abgehenden scherzend nach: »Wißt ihr, was ich indeß thun will"? »Ich schlage mir im Gebetbuche jene Brocho auf, die man am Sukkosfeste beim Tischgebete zu sagen hat, nämlich die Stelle, die da lautet: »Der Allerbarmer wolle uns die umgftürzte Davidshütte wieder auf richten." — »Ich habe diese Worte von der umgestürzten Sukko lange genug nicht verstanden — jetzt weiß ich, was sie bedeuten. — Die Männer gingen lachend ihren Weg und Gustchen schlüpfte ins Haus. IV. Bier Jahre waren seit dem Erzählten verflossen und wieder war die Sukko im Bichler'schen Hause aufgestellt. — »Sag' mir doch Dedecko. was mag nur mein guter, liebevoller Vater gegen den armen so braven Groß haben, daß er ihm, als er jüngst bei ihm um meine Hand geworben, bei aller Anerkennung seiner weisen Vorzüge, einen Korb gegeben? Was hat mein Väterchen nur gegen den braven tadellosen jungen Mann einzuwenden", frug hocherglüht das zur herrlichen Jungfrau heraugereifte Gustchen ihren noch immer rüstigen Großvater, dem sie in der Sukko soeben den Kaffee einschenkte." »Ja mein Kind!" »Das find alte Neweres", sagte der freundliche muntere Greis, »sieh nur mein Kind! Diese alte Neweres, die kommen wie die Fettflecken in einem Gewände, so viel auch daran geputzt und gesäubert wird, immer wieder zum Vorschein. Da war vor mehr als vierzig Jahren, der jetzt längst seinen Erdenrausch im kühlen Grab' ausschlafeude Großvater des braven jungen Groß ein Trinker, so was man damals bei uns Juden ein Schickernik nannte, man nannte ihn, da die Trunkenheit bei uns Juden Gottlob eine sehr seltene Erscheinung, nicht anders als »S ch i k e r N o ß e l e", obwohl er mit seinem ehrlichen Namen »Noßele Groß" hieß, und man erzählte sich damals allerhand lustige Geschichten von Schicker Noßele"; so sagte er einmal, als man ihn frug, ob es wahr sei, daß sein Sohn, der Vater des jungen Groß, der uns zu besuchen pflegt, nach Amerika gehen wolle, und was den jungen Mann, der es doch im Vaterhause so gut habe, in die Fremde treibt? Man fragte ihn aus Bosheit, obwohl man ganz gut wußte, daß der Sohn sich der öfteren Trunkenheit des Vaters schäme. Schicker Noßele aber ganz unverfroren, sagte lachend: »Es ist der Thatendurst, der meinen Sohn in die Fremde treibt, ja! ja! der T h a t e n d u r st, das heißt der Durst des Taten. Ja! ja! weil ich zu oft übern Branntwein geh', geht er gar übers Wasser." Da sagte einmal der alte Schames im Orte zu ihm: »Noßele! euer Sohn muß sich tummeln übers Jam (Meer) zu kommen, wenn er noch lang da