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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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©eite Bl2 Dr. Bloch's Wochenschrift. König, während dieser doch die Dynastie Omris gestürzt hat. Gab er sich vielleicht beim König von Assyrien sür dei^ rechtmäßigen Erben aus? Was sonst die Denkmäler und Inschriften der assyrischen, babylonischen und persischen Herrscher zur Erläuterung der biblischen Geschichte bieten, wird von Driver auf vierzig Seiten behandelt, enthält aber nichts besonders Wichtiges oder Neues, obwohl die Details für den Fachmann interessant sind. Ueber die dunkelste Periode der jüdischen Geschichte, von der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft bis zu den Makkabäern, welche Renan im vierten Bande seiner Histoire du peuple d’Israel in nicht eben judenfreundlicher Weise behandelt hat, weiß uns das Sammelwerk der Engländer nichts zu sagen. Auch über die Beziehungen des jüdischen Staats zu den Römern finden wir darin nicht das Geringste. Erst in der dem Christenthum gewidmeten Abhandlung von Headlam finden wir auch einiges, das die Juden interessirt. Ist es doch für manche Grabschristen aus den ersten christlichen Jahrhunderten noch zweifelhaft, ob sie sich auf Juden oder Christen beziehen und über manche römische Proselyten, wie z. B. Flavins Clemens, wird noch gestritten, ob sie zum Judenthum oder zum Christenthum übergetreten sind. Indessen bietet uns „ Authority and Archaeology“ hier wenig Neues. Aus einigen (nach Professor Ramsay's Gities and Bishopries of Phrygia) mitgetheilten Grabschristen ersehen wir, daß Juden nicht blos in Hierapolis, wovon bereits in diesen Blättern (27. October 1899) die R de war, sondern auch in arckeren Städten Phryrigiens lebten. Eine Grabschrift in Acmonia (vielleicht noch aus der Zeit Neros oder Vespasians) lautet: „Das Haus vorbereitet von Julia Severa, Cajus Turrhonius Claudius, Borstand der Synagoge, Lucius Lucilius und Popilius haben auf eigene Kosten von Grund auf erbaut, die Säulen, die Wände und das Dach, haben sichere Thüren hergestellt und alle Kosten der Einrichtung bestritten. Für ihr tugendhaftes Leben, ihren Eifer und Sorgfalt für die Synagoge hat diese sie mit einem goldenen Geräthe beehrt." Die in derselben Gegend gelegene große Stadt Apamea führte den Beinamen Kibotos, angeblich w il sie die Form eines Kastens hatte, wahrscheinlich aber weil die Sage ging, die Arche Noas habe auf einem benachbartem Hügel gelandet und dieser fei.der Ararat. Im dritten Jahrhundert Prägte die Stadt Münzen mit dem Bilde eines schwimmenden Kastens, darüber ein Rabe und eine Taube mit dem Oelzweig und der Inschrift N o a. War die Stadt so stark von Juden bewohnt oder hatten die Phrygier und Griechen so viel Jüdisches angenommen? Man scheint sich dort sehr entgegengekommen und gut vertragen zu haben. Ueber die „Assimilation" der Juden im Phrygien wird schon im Talmud geklagt. L. Der Talmud und die Tortur Eine kurze kulturgeschichtliche Studie. Welch geringen Werth der Talmud den körperlichen Strafen in Ansehung der Moral, als Mittel zur Erzielung einer sittlichen Besserung beilegt, erhellt aus seinem Ausspruche: Besser die leiseste Regung des sittlichen Gefühls, die schwächste Reue des Gewissens, die von selbst im Heiden des Menschen entstehen, als eine hundertmal vollzogene Geißelstrafe ((Berachot, 7 b). Daß der Talmud die Todesstrafe fast gänzlich aufhebt, zum mindesten höchst selten in Anwendung gebracht sehen will, beweist der bekannte und oft citirte Ausspruch: Ein Gerichtstribunal, welches einmal in sieben oder auch nur in zehn Jahren ein Todesurtheil fällt, verdient ein mörderischer Gerichtshof genannt zu werden. (Makkoth, 7 a). Weniger bekannt ist ein anderer talmudischer Ausspruch, der ims darüber genau belehrt, wie der Talmud über die Beweiskraft eines durch die Tortur erzielten Geständnisses eines Verbrechers gedacht hat. Wenn wir von der Sage, nach welcher Abraham wegen seines Gottesglaubens und seiner Weigerung ein Götzenbild göttlich zu verehren von Nimrod in einem Feuerofen geworfen worden ist, ebsehen, so waren Ehananja, Mischael und Asarja die Ersten, welche wegen ihres Glaubens den Feuertod erlitten, oder richtiger da sie doch lebendig aus dem Feuerofen herauskamen, in den Feuertod gegangen sind. Der größte Talmudlehrer Babyloniens, der Begründer der dortigen Lehrhäuser, Rab (Aba-Areka), bemerkt hiezu: Hätte der König Nebukadnezar die drei Männer Ehananja, Mischael und Asarja nicht sofort in den Feuerofen werfen, sondern schlagen und martern lassen, so hatten sie das Bild angebetet, weil, wie der Talmud erklärend beifiigt, viel weniger Willenskraft und Standhaftigkeit dazu gehört, eine durch das Gesetz begrenzte körperliche Strafe und selbst einen schnellen, wenn auch qualvollen Tod zu ertragen, als unbegrenzte durch lange Zeit sich hinziehende Martern und Qualen; solchen gegenüber zeigt sich zuletzt auch der stärkste menschliche Wille zu schwach, erliegt auch die größte Standhaftigkeit (Kethuboth, 33 b). Tossefot zur Stelle weisen allerdings auf den martervollen Tod des R. Akiba hin, welcher dieser Behauptung zu widersprechen scheint. Immerhin ergibt sich aus dem Ausspruche Rab's, daß der Talmud der Meinung war, daß man mittelst langer Zeit fortgesetzten Martern und Qualen auch den festesten Willen, die größte Standhaftigkeit zum Wanken bringen kann, daß solchen gegenüber nicht einmal die Glaubenshelden Ehananja, Mischael und Asarja Stand gehalten hätten, und daß dahex dem, was der Mensch unter dem Einflüsse solcher, spricht oder thut, gar keine Bedeutung beizumessen ist, da er unter' einem unwrderstehlichen Zwange steht. Wahrlich diese 1800 Jahre alte Ansicht des Talmud über die Beweiskraft lange dauernder grausamer Martern und Qualen ist ist allein schon für ihn. ein glänzendes Zeugniß seiner humanen Gesinnung und seiner richtigen Beurtheilung der menschlichen Natur und erhebt ihn nach beiden Richtungen weit, weit über die christlichen Tribunale, sowohl die weltlichen als auch die geistlichen, welche bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein die Tortur als die ultima ratio des Gerichtsverfahrens ansahen, dieselbe mit Vorliebe iu Anwendung brachten und auf Grund durch sie erzielter Geständnisse Tausende und Abertausende von Menschen dem Tode überlieferten. Gegen die Juden wird übrigens im gewissen Sinne auch jetzt noch die Tortur in Anwendung gebracht. Denn all die lügenhaften Blutbeschuldigungen, unter welchen die Juden noch immer zu leiden haben, versuchen clericale und antisemitische Blätter durch historische Thatsachen zu begründen, welch letztere wiederum ihrerseits einzig und allein durch die Tortur erzwungene Geständnisse zur Grundlage haben. Unter all den „historischen Fällen" gibt es keinen einzigen, der durch etwas anderes, als dnrch die Aussage eines zu Tode Gemarterten erwiesen wäre. Welcher Werth den Geständnissen und Aussagen solcher unter den furchtbarsten Schmerzen sich Windenden beizulegen ist, das hat uns der Talmud schon vor 1800 Jahren gesagt. Den Juden Oesterreichs kann es indeß zur Genugthuung gereichen, daß es ein aus ihrer Mitte hervorgegangener Mann war, dem hauptsächlich das Verdienst zufällt, daß die Kaiserin Maria Theresia die Tortur aus dem Gerichtsverfahren in Oesterreich gänzlich beseitigt hat. Dieser Mann war der Sohn eines böhmischen Rabbiners, und zwar der berühmte und um den Staat hochverdiente Rath der Kaiserin Josef v. Sonnenfels. Wie sehr der Talmud recht hat, daß nicht so leicht Einer, und wäre es auch der Heldenmüthigste, bei langen Martern und .Qualen ungebeugt bleibt, zeigt folgendes ergötzliches Geschichtchen, welches uns Menasse b. Israel in seiner 1556 in London in englischer Sprache verfaßten Schrift: Teschuath Jisrael erzählt. Ein portugiesischer Fürst, erzählt er, habe einen christlichen Leibarzt gehabt, welcher bei. dem Jnquisitionstribunal angeklagt worden ist, daß er im Geheimen Jude sei. Vor Gericht gestellt, betheuerte der Arzt, daß die Beschuldigung grundlos sei. Aber seine Betheuerungen fanden keinen Glauben und es wurde zur Tortur gegriffen. Unter furchtbaren Schmerzen gestand er nun, daß er wirklich rin Jude sei und darauf wurde er hingerichtet. Der Fürst aber, der wußte, daß sein Arzt ein Christ gewesen und nur die Tortur das unwahre Geständniß ihm entreißen konnte, lieferte nun einen drastischen Beweis für die Unschuld seines Arztes. Er ließ nämlich das Gerücht verbreiten, daß er sehr schwer erkrankt sei und ließ nach einigen Tagen den Großinquisitor zu sich bitten, damit dieser ihm die letzten Tröstungen der Religion spende. Der Großinquisitor kam, aber gleich nach seinem Eintritt in den fürstlichen. Palast wurden dessen Thüren abgesperrt. Der scheinbar im Sterben liegende Fürst erhob sich plötzlich von seinem Lager und forderte den erschrockenen Großinquisitor auf, sofort schriftlich zu erklären, daß er, der Inquisitor, ein Jude sei und diese Erklärung mit seinem Namen zu fertigen. Als der Inquisitor sich dessen weigerte, rief der Fürst einen Diener und befahl :hm einen glühenden Helm zu bringen und dem Inquisitor aufs Haupt zu setzen, Aber schon beim Anblicke des glühenden Helmes kühlte sich der feurige Glanbenseifer des Großinquisitors ab, und er fügte sich der Aufforderung des Fürsten. Nun erinnerte ihn der Fürst an das Verfahren mit seinem Arzte.'tMchtsdestoweniger hat der Inquisitor, welcher die Beweiskraft der Tortur an sich selber erfahren, dieselbe auch später zur Erpressung von Geständnissen in Anwendung gebracht. Die Schrift Menaffe's b. Jisrael ist im Jahre 1803^von S. Bloch zum ersten Mal ins Hebräische übersetzt worden und' bei Anton Schmidt in Wien, in dessen großer Druckerei Bloch Factor und Eorrector gewesen, erschienen. Bloch, ein gelehrter Pole, versah Menaffe's Werk mit einer größeren Vorrede, an deren Ende er folgende interessante Mittheilung macht. In seiner Jugend (1780) habe ihn der Lemberger Rabbiner R. Zeni Hirsch Rosanes, ein Enkel des Verfassers des berühmten talmudischen Werkes Pne-Jehoschua, aufgefordert die deutsche Sprache ordentlich zu erlernen und dabei auf seinen Großvater, welcher Rabbiner in Frankfurt am Main gewesen, hingewiesen. Dieser habe nämlich letztwillig angeordnet, daß alle seine Nachkommen die Sprache ihrer nichtjüdischen Mitbürger gründlich erlernen und correcten Sprechens sich befleißen sollen. Denn, meinte er, die Fluchandrohung im 5. C. M.: „Ich werde über dich ein Volk bringen, dessen Sprache du nicht verstehen wirst", kann doch ebensowenig als ein dahingehendes Gebot aufgefaßt werden, daß man die

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