Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 810 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 17 und Anforderungen gerecht zu werden. Um derartiger wohlberechtigter Einwendungen willen dürfte jedoch die Sache nicht selbst leiden. Geht es nicht mit einer allgemeinen österreichischen Organisation, so müssen locale und provinzielle Organisationen geschaffen werden, die es sich zur Aufgabe machen, in erster Reche jüdische Dienstboten herauzubilden. An Material fehlt es durchaus nicht. Ohne gerade an dieser Stelle die schmerzliche Frage des Mädchenhandels berühren zu wollen, glauben wir doch darauf Hinweisen zu müssen, daß es ein dankbares Feld für Frauen sowohl wie für Seelsorger, Lehrer, Gemeind evorständ e u. dgl. wäre, aus den ärmsten Schichten jene Individuen zu ehrlicher und lohnender Arbeit heranzuziehen, die ohne diese Fürsorge in Noth und Elend verkommen. Wenn wir die Verhältnisse in manchen Provinzen betrachten, in denen der Taglohn auf dem niedrigsten Stande sich befindet, der Mangel an verläßlichen Arbeitern aber namentlich im Hauswesen sich empfindlich fühlbar macht, so glauben wir, daß die Heranbildung von Dienstboten einen umso größeren Erfolg erzielen würde, wenngleich von vorneherein auch der Zweck ausgesprochen würde, nicht blos die christlichen Arbeiter durch jüdische zu ersetzen, sondern auch für deren Zukunft in einer Weise zu sorgen, daß mit dem Berufe eines Dienstboten auch die Sicherstellung einer Versorgung im Alter verbunden ist. Es müßte mit einem Worte der Dienstbotenstand zu einem ebenso ehrenhaften als auskömmlichen gemacht werden. Wenn man von diesem Principe ausgeht, so wird man über manche Schwierigkeiten hinwegkommen, manchen Vorurtheileu vorweg begegnen und das rauhe Feld geebnet haben, das zu bearbeiten man sich anschickt. Was wäre also vor Allem zu thun? Es müßten sich Frauen und Männer mit gutem Willen bereit finden, die Heranbildung und Versorgung jüdischer Dienstboten in die Hand zu nehmen, sich es zur Aufgabe machen, die geeigneten Individuen selbst zu suchen, wenn sie sich nicht melden sollten, hinabzusteigeu in die Tiefen . des Elends und die Seelen zu reiten sich bestreben, die nicht verloren sind, wenn ihnen die rettende Hand gereicht wird, eventuell auch die Leitung von Dienstbotenschulen in, ihre Hand zu nehmen, ein jüdisches Dienstbotenheim, das zugleich eine Schule und ein Asyl wäre, zu gründen. Selbstverständlich müßte mit einem solchen auch die Dienstvermittlung vereinigt werden und auch in dieser Beziehung sind wir in Wien, wo der „Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung" bereits sein segensreiches Wirken entfaltet, um einen Schritt den Provinzhauptstädten vorangegangen. Asyl, Heranbildung und Vermittlung wären aber noch nicht genügend, um das Wirken der Dienstbotenvereine auszusüllen. Ohne daß diese Vereine eine Vormundschaft auszuüben brauchten, könnten sie doch ihre freundliche Fürsorge den in Dienst stehenden Personen auch weiterhin angedeihen lassen, ihnen mit Rath und That behilflich sein und ihnen Rechtsschutz und Beistand gewähren. Durch Gewährung von Prämien für besondere Dienste sowie für langjährige Dienste könnte eine bedeutungsvolle erziehliche Thätigkeit entwickelt werden; durch Zusicherung von Heiratsausstattungen die Hoffnung auf die Erlangung einer Selbstständigkeit belebt werden, durch Dienstbotensparcassen der Sparsinn angeeifert und endlich durch Dienstboten-Versorgungscassen die Furcht vor der Hilflosigkeit im Alter behoben werden. Die Nächstliegende Arbeit, die zu verrichten ist, wäre, daß die Frauen und Männer, die sich bereits mit diesem Gedanken beschäftigt haben, nur zusammentreten und ohne viel Zeitverlust die Ausführung in ihre Hände nehmen. Wir können sie versichern, daß sie allseitig vollsten Sympathien begegnen werden und sie dürfen überzeugt sein, daß ihr Werk ihnen selbst und ihren Mitbürgern, den Armen und den Reichen, zum Segen gereichen wird. A. Wiener. Jüdisches aus nichtjüdischen Nuellen. Während die Geschichtschreiber früherer Jahrhunderte fast keine anderen Quellen als die Aufzeichnungen und mündlichen Traditionen aus älterer Zeit hatten und in Bezug auf Inschriften und Münzen fast das nur offen zutage Liegende oder zufällig Gefundene benutzen konnten, haben sich im neunzehnten Jahrhundert durch die systematisch betriebenen Ausgrabungen. ganz neue, unser Wissen bereichernde Quellen eröffnet. Was ist nicht alles von Layard bis Schlieman entdeckt und ausgegraben worden, wie ist nicht unsere Kenntniß vergangener Jahrtausende durch die Entzifferung der Keilschrift und der Hieroglyphen bereichert und berichtigt worden! Und merkwürdig — wo immer der Spaten angesetzt wird, wo immer uralte Inschriften zu Tage gefördert werden — in Aegypten und Kleinasien, in den Katakomben Roms und in den Ruinen der Königspaläste von Babylonien und Assyrien, findet sich fast immer etwas, was auch einiges Licht auf die Geschichte des Judenthums wirft. Fast alle Großstaaten und auch manche Kleinstaaten, gelehrte Gesellschaften und Private senden Expeditionen aus, um Nachgrabungen anzustellen, Kunstwerke auszugraben, Inschriften zu copiren u. s. w. Manche thun es aus rein wissenschaftlichem Interesse, Andere mit politischen oder. religiösen Nebenzwecken; das für die Juden wichtigste, das heilige Land, wird fast nur zu speciell christlichen Zwecken durchforscht; eine jüdische Erforschungsgesellschaft fehlt. Und dies ist leicht begreiflich. Es gibt so vieles lebendes jüdisches Elend zu lindern, das keine Mittel für die Todten bleiben. Es ist dringender nöthig den jüdischen Colonien in Palästina, den bedrängten Glaubensgenossen in Rumänien, Rußland und Galizien zu Hilfe zu kommen, als nach den Gräbern der Patriarchen und Könige zu forschen. So müffen die Juden, die sich für die alte Geschichte ihres Volkes interessiren, sich gewissermaßen mit den Brosamen, die von den Tischen nichtjüdischer Forscher abfallen, begnügen. Gewiß sie sind nicht zu verachten, mitunter sogar recht nahrhaft, diese Brosamen, aber sie haben doch manchmal auch einen etwas christlichen oder antijüdischen Geschmack, sic scheinen manchmal mit gewisser Tendenz zubereitet worden zu sein. Aber oft läßt sich diese tendenziöse Zugabe leicht abstreifen und wir können uns an dem gewonnenen Resultat erfreuen. Doch nur der Fachmann kann selbständig das in den letzten Decennien massenhaft publicirte Material durchforschen, wir andern müffen uns mit dem von Fachleuten Bearbeiteten und Gesichteten, gewissermaßen mit dem Halb- oder Ganzfabrikat begnügen. Ein solches, das ganze Gebiet der südeuropäisch-orientalischen Alterthumsforschung umfassendes Werk, wie wir kein gleiches in deutscher Sprache besitzen, haben uns neuestens einige gelehrte Engländer geliefert. In diesem von dem Director der englischen Schule in Athen Dr. David G. Hogarth, herausgegebenen Werke „Autorität und Archäologie"*) wird von sechs Fachmännern in jedem Gebildeten verständlicher Weise die aus den Alterthümern, Denkmälern, Inschriften u. s. w. gewonnene Kenntniß der ältern und ältesten Zeiten mit dem verglichen, was wir aus heiligen und Profanen Schriften von diesen Zeiten wissen. Es wird untersucht, ob und in wie weit die erhaltenen und in neuerer Zeit wieder aufgefundenen materiellen Reste des Alterthums unser aus der Bibel und heidnischen Autoren geschöpftes Wissen bestätigen, modificiren oder bestreiten. In dieser Weisebehandelt der Canonicus S. R. Driver, Professor des Hebräischen an der Universität in Oxford, das alte Testament, dem mehr als ein Drittel des ganzen Werkes gewidmet ist, A. C. Headlam, ein anderer englischer Geistlicher, das neue Testament und die ältesten christlichen Autoren. Mil den heidnischen, griechischen und römischen Schriftstellern, beschäftigen sich Hogarth, der Redacteur des Werks, Francis L. Griffith, Herausgeber der archäologischen Revue, Ernst Gard- *) Authority and Archaeology sacred and profane. Essays on the relation of monuments to biblical und classical literature, by J. R. Driver D. D., Ernest A. Gardner M. A., F. L. L. Gritfith M. A., P. Haverfield M. A., CI. C. Headlam B. D., D. G. Hogarth M. Ä. Edited by David G. Hogarth, Fellow of Magdalen College, Oxford, Director of the British School ad Athens. London, John Murray 1899, XIV. und 440 Seiten.