Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 806 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 Lebe» so Vieles für unerlaubt ansah, was der freiere Geist oder auch nur der W a h n der heutigen Zeit für keine U e Vertretung, und daher nicht als A w e r o s, sondern als ganz bedeutungslos ansieht, so benennt mancher gewisse für ihn bedeutungslos gewordene Dinge spöttisch mit dem Collectivnamen „alte A w e r o s" oder wie der Volksmund spricht „alte Neweres". „Ich danke Dir, Tatinko," sagte Gustchen, „nun bin ich zwar um eine Erkenntniß reicher, aber dafür um eine Hoffnung ärmer geworden; ich hoffte nämlich in meinem gläubigen Festhalten an allen religiösen Vorschriften des Glaubens, in dem Du und meine gute selige Mutter mich erzogen, mich so viel als möglich frei von den jetzt unter uns Juden gebräuchlich gewordenen Gesetzesübertretungen erhalten zu haben, Gott weiß aber wie viel, unbewußt zwar, ich „alteAweros" schon auf mein jugendlich Haupt geladen/ „Mache Dir keine Scrupel, Du närrisches Kind, was man nicht weiß, macht uns das Herz nicht heiß, sagt man, anstatt Dir nun Dein junges Herz heiß zu machen, sieh, daß der Kaffee zur Jause heiß wird, und rufe den Großvater, der in der Oberstube, wie ich eben höre, schon wieder seine Rosch- Haschonogesänge einübt, mit einer Emsigkeit, als wenn er von diesem Borbeten leben müßte/ „Ja, Väterchen/ sagte Gustchen, „Großvater denkt eben, „wess' Brod ich esse, deff' Lied ich finge", und da wir Alle vom lieben Gott gespeist werden, ist's nichts als billig, daß wir auch sein Lied singen/ Sprach's und huschte rasch wie ein Eichhörnchen aus der Stube. ll. „Bravo, Mädel, das hast Du meiner Seel' gut zusammen gestoppt, Du Schwarzblattl, Du/ sagte der alte Großvater, Rebb Simche Bichler, als er heute zum ersten Male in die von seinem Enkelkinde G u st l mit wahrem Bienenfleiß, aus lauter kleinem Flittertand wunderbar hübsch hergestelltem Schmucke gezierte Sukko trat. „Was sagst Du, Vater, zu meiner Guste/ frug Rebb Feiwel mit gerechtfertigtem Baterstolze seinen alten Vater. „Was ich sag'? Wenn ich auf das Madl sch', denk' ich mir: Gelobt ist Gott! Mein Sohn ist baruch Haschem, ein O s ch e r, und wenn auch grad nit reich, doch kein armer Mann, wenn ich Dir auch nit in Deine Geschäftsbücher seh', w«ß ich's doch, weil Du eine Guste hast, und ich Hab' alleweil gehört, „ein armer Mann darf keine Guste haben", folglich mußt Du kein armer Mann sein/ Da standen sie nun, die drei glücklichen Menschen und schaueten, der Großvater stolz auf sein Enkelkind, der Vater glücklich im Besitze seines wohlgerathenen holdseligen Töchterchens, und dies selbst überglücklich im Anschauen der mit eigenen Händen und im kindlich frommen Eifer so schön geschmückten Sukko. Eben hatte Gustchen als Vorbereitung zum abendlichen Einzuge in die Sukko das blendend weiße Linnen über den bereits angebrachten Eßtisch ausgebreitet und die braun polirten Eichholzsessel postirt, als das ein wenig übermüthige Gustchen, indem es sich gleichsam probeweise niedersetzte, den Großvater mit komisch ernster Miene frug: „Dedecko! jetzt einige Stunden vor Jomtow brauch ich beim Sukkositzen noch nicht Brocho zu machen?" „Du bist ja ein studirtes Modemädl und an Solche ist kein Brocho", sagte der Großvater lachend. Gustchen warf den schwarzen Krauskopf schmollend in die Höhe und wollte eben aus der Sukko flüchten, als der die Eingangsthüre bildende Teppich rasch in die Höhe gehoben wurde, und ein junger elegant gekleideter Mann, Herr Groß, der Sohn des benachbarten jüdischen Gutspächters, mit freundlichem Gruße eintrat. „Halt! junge Dame! Bor mir entflieht man nicht", rief der junge Mann sich verneigend und das Haustöchterlein zurückhaltend, „ich habe wohl oft gesehen, daß in dieser oft recht sonnigen Jahreszeit hie und da ein sogenannter „Altweibersommer" vor einem raschen Windhauche entflieht, daß aber so ein „Iungmädchenfrühling" wie Sie, vor dem Lufthauche, den mein Eintreten verursacht, entflieht, ist mir neu". „Zu Gottes Willkomm, Herr Groß!" „Aber nur keine Complimente für die Kleine, wenn ich bitten darf", sagte der alte Bichler, „die Complimentredensarten kann ich nit leiden, das sind alte New eres, wir haben icher jetzt neue Geseres". „So? Und welcher Art sind diese, wenn ich fragen darf, meinen Sie vielleicht die moderne Landplage, die von Deutschland unverzollt eingeschmuggelte Windbeutelwaare, genannt Antisemitismus?" „Freilich meint mein Vater dies, und er sagt mit Recht „neue G -e s e r e s". da wir doch bis jetzt dies vielsilbige Wort, das ein gut jüdisch Kind ohne Erstickungsanfälle kaum aussprechen kann, gar nicht gekannt haben". „Ich habe aber auch gesagt „alte New eres", denn bei mein Leben, dies unaussprechliche Wort, das nur u naussprechlichen Haß bedeutet, ist wohl scheinbar eine ,.n e u e G e s e r e", gehört aber, sag' ich Euch, zu den „a l t e n Neweres", sagte Großvater Rebb Simche. Was macht man da heutzutag für Lärm mit den Paar Reschoim? Hat's die nit alleweil gegeben? Nur hat man sie bei uns Juden „R e s ch o i m" geheißen, unter sich haben sie damals noch keinen Namen gehabt". „Es war eben eine namenlose Bosheit", bemerkte Gustchen, den Großvater unterbrechend. „Ja, Bosheit, das ist das rechte Wort, wir haben es nur hebräisch „R i s ch u s" genannt", sagte der alte Rebb Simche, man hat uns gedrückt, verspottet, geschädigt, verleumdet, lang ehe noch das Wort „Antisemitismus" erfunden war, das sind keine neue Geseres! Ich sag Euch, das sind alte N e w e r e s von beiden Seiten; was sie uns von dem unsinnigen Vorwurfe des Blutopfers ins Gesicht schleudern, ist die älteste der „a l t e n N e w e r e s" ihrerseits, doch auch w i r haben noch manche Fehler abzulegen, die zu den „alten Neweres" unsererseits gehören". „Sehr gut, sehr wahr, was Sie da sagen, mein verehrter alter Herr! aber erlauben Sie mir Ihnen als bibelkundig e m Juden eine Frage vorzulegen", sagte der junge Groß, „seit einigen Tagen sehe ich Herrn Bichler mit Aufstellung und Fräulein Gustchen mit Ausschmückung der Sukko vollauf beschäftigt; nun ist aber auch mein Vater eben kein Verächter jüdischer Religionsvorschrift, aber eine Sukko haben wir längst nicht mehr in unserem Hause gesehen und selbst in größeren Gemeinden ist die Laubhütte selbst in gut jüdischen Häusern eine immer seltener werdende Erscheinung, während doch die Mazz o h am Pessach in keinem jüdischen Hause fehlt, wie kommt dies? Ist die Laubhütte weniger göttliches Gebot? Es will mir dünken, als wäre das Laubhüttengesetz doch nur so ein Stiefkind unter den religiösen Geboten Israels." „Schmähen Sie mir doch mein liebes herrliches Laubhüttengebot nicht", rief Gustchen eifrig, dem jungen Manne ins Wort fallend, „o, wenn am Festabend die funkelnden Sternlein durch das grüne Laubdach unserer Sukko glänzen, wenn des tagsüber ein goldiger Herbstsonnenstrahl durch das luftige Gezweige unserer Laubhüttendecke bricht, ist mir es immer, als blickte das milde Gottesauge auf uns hernieder; nein, es ist kein Stieffest, kein Stiefkind jüdischer Gebote, eher möchte ich mit meinem schwachen Kindesverstande die heutigen Juden zumeist S t i e f j u d e n nennen". Das brave Gustchen war hocherregt bei diesen ihren Worten und Herr Groß sichtlich entzückt von dem religiösen Feuereifer, mit dem das prächtige junge Mädchen ihre heilig gehaltene Laubhütte in Schutz nahm, sagte: „Auf Ehre! wenn nicht schon eine Stunde vor Jomtow wäre, würde ich, bekehrt durch Sie, mein Fräulein, sofort nach Hause eilen und eine regelrechte Sukko ausstellen lassen. Sie müssen mir aber auch sagen, ob auch ich es zu Stande brächte, meine Sukko auch nur im Entferntesten so zu schmücken, wie Sie mit feinem Geschmacke es hier in vollendeter Weise gethan". „Dazu gehört nichts als ein Bischen guter Wille, ein klein wenig Begeisterung für unsere jüdischen Feste"- Gustchen wäre in ihrem Sermon noch lange nicht zu Ende gekommen, wäre ihr nicht der Großvater rasch ins Wort gefallen mit den Worten: „der Jomtow ist vor der Thür', lassen wir anderen Leuten ihre „alten Neweres", wir wollen den lieben Jomtow vorbereiten und empfangen". Herr Groß verstand den Wink, bat nur noch um Erlaubniß, morgen zu Fuße wieder kommen zu dürfen, empfahl sich höflich, dankte der Haustochter nochmals in wohlgesetzten Worten für die ihn bekehrenden Worte und eilte dem in geringer Entfernung vom Bichler'schen Hause liegenden Meierhofe seines Vaters zu. (Schluß folgt.)