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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-04-20 · 16 (20.4.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 800 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 16 zwar zurückgewiesen wurden, nichtsdestoweniger aber durch gewissenhafte Massoreten uns bewahrt blielen. Ich habe sie ge- *• sammelt und textkritisch behandelt in einer Schrift: „Die Sebirin } der Massoreten von Liberias, gedruckt Breslau 1895, woselbst .4 die Beweise für diese Ansicht durchgeführt sind". [>t Aehnlicher Kategorien gibt es viele. Die Bemerkungen der; Massorah sind in aramäischer Sprache, kurz, eliptisch, ähnlich den , „Simauim" im Talmud, gegeben und darum nur schwer verständlich. Leider haben sie sich uns nicht immer correct erhalten; sie ivurden verstümmelt und lauten darum oft widerspruchsvoll. 1 Darum wurde in späterer Zeit gerade durch unrichtige Massorahangaben sogar die Einheitlichkeit der Textesüberlieferung arg bedroht. Namen einzelner Massoreten sind uns unbekannt. Elia Levtta sagt in Massoreth ha massoreth, sie wären nach Hunderten und nach Tausenden (unzählige) gewesen, Generation nach Generation, doch wisie man nicht, wann sie begonnen, wann aufgehört hätten. Eine, historisch nicht zu belegende, Notiz am Ende des Codex De Rossi Nr. 196, der aus dem 14. Jahrhunderte stammt, berichtet, daß ein Palästinenser namens Menachem die Mafforah nach * Nehardea gebracht und in ihr die Amoräer R. Adda und R. Hammenuna unterwiesen habe. Zwei Generationen später wäre ihre Kenntniß durch den Babylonier R. Jehuda nach Palästina rückverpflanzt worden und drei Generationen später, also etwa um 500 n. Ehr. wäre sie dortselbst von einem gewissen Chasa ben Elieser gelehrt worden. Erst der Karäer Salomo ben Jerucham, der Gegner Saadia's ist es, der positiv auf Liberias am See Genezareth als den Sitz und Pflegestätte der Mafforab verweist und Mar Mocha und dessen Sohn Moses als die Erfinder unseres.. d. h. des ttberiensischen Bocalsystems bezeichnet. Nach karäischen Quellen, denen übrigens nicht immer zu glauben ist, lebte Mar Mocha um das Jahr 780. Aber auch Machsor Bitry . nennt unser Bocalsystem „tiberiensisch". Ferner findet sich am Schlüsse des Codex De Rossi Nr. 12 die Bemerkung, R. Nathan ben Machir, ein Zeitgenosse Raschi's, habe einen Codex, der die assyrisch-babylonische Punctation hatte, transcribirt in die tiberiensische. Liberias muß noch zu Beginn des 10. Jahrhundertes die Pflegestätte der Mafforah gewesen sein. Der bedeutendste Massoret, der damals dort lebte, war Ben Ascher, oder richtiger Ahron ben Moscheh ben Ascher. Maimonides setzte ihm in Hilchot sefer thora Cav. Vffl folgendes Denkmal: „Da ich wahrnahm, daß in diesen Dingen große Fehler obwalten und auch unter den Massoreten Meinungsverschiedenheiten herrschen, sehe ich mich veranlaßt, hier ein Verzeichniß der Abschnitte (Paraschen) der Thora zu geben, der offenen sowohl, als auch der geschlossenen, damit man nach demselben die Rollen alle wiederherstellen und verbessern könne. Das Buch aber, auf welches ich mich in dieser Angelegenheit stützte, war das in Egypten bekannte, die 24 Bücher umfassende Werk, das ben Ascher verfaßt hat; auf dieses stützt fich alle Welt, und auf dieses verließ auch ich mich, als ich meine Thorarolle mir schrieb nach Vorschrift". Leider besitzen wir diesen Mustercodex heute nicht mehr, er war bereits im 16. Jahrhunderte verschwunden; hingegen erhielt sich uns von ben Ascher ein grammatikalisch-massoretisches Werkchen, das zum erstenmale 1526 in Venedig und neuerdings von Bär und Strack herausgegeben wurde. Seine Ueberschrift lautet: , „dieses Buch verfaßte Ähron ben Ascher aus Mafia, d. i. Liberias, welches am See Genezareth in Palästina gelegen ist". Ben Ascher war ein Zeitgenosse Saadia's, der gegen ihn polemisirte. Die nun folgende Epoche, die der Nakdanim, reicht uns bereits ihre Erzeugnisse. Nakdanim sind die Epigonen der Massoreten, die Codices schrieben, punktirten und die Ränder derselben mit Massorahangaben verzierten, oder diese am Schluffe der Codices verzeichneten. Sie waren nicht mehr productiv, sondern hielten sich treu an bereits Gegebenes. Wie sie ihre Copistenaufgabe auffaßten, dafür zeuge eine Bemerkung (allerdings sehr corrumpirt uud vielleicht späterer Zusatz) zu Cod. Kennicott 590 in der kais. Bibliothek in Wien aus dem Jahre 1019. Sie lauter: „Ich hatte auf mich genommen nicht zu schlafen, außer in der Nacht des Sabbats, des Sabbatausganges und der zum Mittwoch". So beschaffen waren die Männer, die das theuere Panier wort- und zeichengetreu erhalten, bewahrt und weitergegeben habttr .von Jahrhundert zu Jahrhundert. Vollständig geborgen und in Sicherheit gebracht war die Gotteslehre erst, als die Buckdruckerkunst sich auch in Israels Dienst stellte und 1476 die erste vollständige Pentateuchangabe (in Mantua) erschien. Rasch folgte Druck auf Druck; in Ferare, Neapel, in Soncino und 1513 wurde bereits in Prag hebräisch gedruckt. Bei diesen Drucklegungen stellte es sich nun heraus, daß den Nakdanim bei aller Vorsicht und Achtsamkeit hie und da in; den Handschriften Fehler und Verstöße unterlaufen sind. Die ' Handschriften divergirteu. Da unternahm es der edle, christliche Druckereibesitzer Daniel Bömberg in Venedig eine ll. Ausgabe der Biblia rabbinica zu veranstalten (1525—28). Er ließ so viele Handschriften, als nur zu erlangen waren, aufkaufen. Die Sichtung derselben übernahm Jacob bar Chajim ibn Adoniah, unterstützt von Elia Levita und anderen jüdischen Gelehrten. Diese Männer stellten, mit Berücksichtigung der Mafforah, nach bestem Gewissen, gemäß den Handschriften einen Text her, der seitdem mustergiltig für alle nachfolgenden Drucklegungen wurde und als Ersatz für fehlende Rolle ben Ascher's, ja für den Archetypus Rabbi Akiba's und seiner Genossen gelten muß und auch gelten kann. Aber nicht uur den zuverlässigen Text boten uns die Herausgeber der II. Biblia rabbinica; sie haben auch das große Verdienst, die Mafforah aus dem Schutte der Handschriften ans Tageslicht gezogen zu haben. Gerne glaubt Jeder, der solche Handschriften kennt, der Betreuerung bar Chaims: „Der Herr kennt allein die Mühe, die ich hatte und jeder kennt sie, der Gelegenheit hatte, mich bei der Arbeit zu sehen; aber ich schreckte vorder großen Mühe nicht zurück, ich gab meinen Augen nicht Schlaf zur Sättigung, weder im Winter noch im Sommer und es kam nicht darauf an, aufzustehen des Nachts und zu wachen, und dies war meine ganze Freude". Bar Chajim setzte die Angaben der Massorah, wenngleich sehr fehlerhaft und kritisch nicht gesichtet, theils als zusammenhängendes großes Werk an den Schluß des I. der 4 Bände der biblia rabbinica (Massora sofis), theils als Marginalglossen, den Text fortlaufend begleitend, an den oberen und unteren, auch äußeren Rand der Columen (Nassora marginalis.) Beide zusammen nennt man die Nassora magna, zum Unterschiede von der. „kleinen" Massorah, die sich in kurzen Zahlenangaben zwischen den Columnen des Textes vorfindet. Bis heute ist jedoch die Massorah, diese Fundgrube für hebräische Grammatik, dieser Führerin in graue Vorzeit, die uns emporleitet zu Epochen der Textgeschichte, aus welchen nur spärliche Nachrichten über denselben und keine Handschriften desselben auf uns herabgelangt sind, nicht gesichtet und kritisch nicht bearbeitet. Zwar hat in jüngster Zeit ein russicher Apostat Chajim D. Ginsburg es versucht, sich dieser Aufgabe zu unterziehen. Das Werk ist trotz der großen Opfer, die Andere für die Ausstattung desselben gebracht hatten, recht mangelhaft ausgefallen; eine vernichtende Kritik übte über dasselbe Baer in der Z. D. M. G. Bd XL. Auch der gelehrte Frensdorff wollte sich der Arbeit unterziehen, die Massorah kritisch zu bearbeiten. Er schuf blos ein „Mafforetisches Wörterbuch", das gewissermaßen einen Index zur Massorah bildet. An der eigentlichen Arbeit selbst wurde er durch den Tod verhindert. Auch die kürzlich verstorbenen Bär und Delitzsch hatten es versucht, auf Grund der Mafforah die 24 Bücher der heil. Schrift neu herauszugeben; auch sie Beide ereilte der Tbd vor Vollendung des Werkes. So liegt der „Zaun um das Gesetz", die Massorah, heute niedergetreten. Was liegt aber auch daran, wenn der Zaun selbst in Trümmer ging;1 der herrliche Garten, den er zu schützen bestimmt war, blüht und prangt in unverwüsteter Pracht und unvergänglicher Schönheit. Ich habe es versucht, ein Stück bewundernswerther, jüdischer Geistesarbeit vor Ihnen zu entrollen; Ihnen zu zeigen, welcher Aufopferung jüdische Treue fähig ist; sollte ich „die Wächter des Gesetzes" Ihnen näher gebracht haben, daß Sie in Ihrem Herzen nur leise nachzuempfinden vermöchten jene gewaltige Liebe für das Gotteswort, welche die Massoreten, Israels treue Fahnenwacht, erfüllte, dann fühle ich mich reichlich belohnt.

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