Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Blvch's Wochenschrift. Sette 399 treueren griechischen Bibelübersetzung, als sie in der Uebersetzung der 70 (Septuaginta) vorliegt. Dieser Akribia Akiba's, die sich aus jeden Consonanten des hebräischen Textes, und wäre es auch nur eine mater leetionis, erstreckte, hat der Talmud (Tractat Menachoth) ein unauslöschliches Denkmal gesetzt. Als Moses emporstieg, um das Gotteswort zu empfangen, sah er den Herrn den Buchstaben der Schrift Kronen winden. Schöpfer der Welt warum dies Dein Thun? fragt Mofts (d. h. warum solch hohe Auszeichnung selbst geringfügigen Buchstaben?) Einst wird einer erstehen, erwiderte der Herr, Akiba ben Josef wird sein Name sein, der wird jeden Strich der Bibel deuten zu weit reichenden Lebensregeln. Zeige ihn mir, bittet Moses. Blicke hinter Dich, erwidert der Herr. Da sah er Akiba sitzen gleich einem Lehrer im Lehrhause und die Schüler in Reihen vor ihm. Moses setzt sich an das Ende der achten Reihe und horcht gespannt auf die behandelte Materie, doch er versteht nichts davon. Da wird Moses schwach, denn er glaubt nichts anderes, als daß seine Lehre durch eine ihm unbekannte, bessere ersetzt werden wird. Als er aber die Schüler den Meister fragen hört: „Rabbi, woher ist Dir dies Alles bekannt, da es doch nicht ausdrücklich in der Schrift so steht" und dieser antwortet, was ich Euch hier ableite, ist eigentlich nur die mündliche Ueberlieferung, die dem Moses am Sinai zutheil ward, da beruhigt sich Moses wieder, denn nun weiß er, daß er auch zum Vermittler der Letzteren auserkoren ist. Und Moses tritt hin vor Gott und fragt, ein Mann, wie dieser wird erstehen und dennoch werde ich und nicht er für würdig befunden, der Vermittler Deines Willens an die Menschheit zu sein? Schweig', gebietet der Herr, ich will es so. Und Moses bittet weiter: Du zeigtest mir ihn, zeige mir auch den Lohn, der seiner harret. Da sprach der Herr, blicke hinter Dich und als er hinter sich blickte, da sah Moses die ausgesucht grausame Todesart, welche die Römer R. Akiba bereiteten. Entsetzt fragt Moses: dies ist also die Thora, und solches der Lohn, den man durch sie erwirbt? — Schweig', ich will es so! Gewiß bis heute noch die bündigste Antwort für die, welche das große Räthsel gelöst wissen wollen, warum es denn hienieden auch Leiden gebe für die Guten. Warum wohl R. Akiba die griechische Bibelübersetzung des Akylas veranlaßt haben mag? Die Antwort ergibt sich leicht, wenn wir bedenken, daß die griechische Bibelübersetzung der Juden Alexandriens, die Septuaginta, die massoretifche Treue nicht kennt. Sie stammt aus einer Epoche, in welcher die Uebersetzer mehr auf schönen griechischen Stil, als auf peinlich wortgetreue Wiedergabe des Urtextes bedacht waren und wenn die Talmudlehrer nur 13 Varianten der LXX kennen, welche die Uebersetzer geflissentlich anbrachten, so lehrt uns heute ein oberflächlicher Einblick schon iu dieselbe, daß die Zahl der Stellen, wo sie vom massoretischen Texte abweicht, eine enorme ist und gewiß jederzeit auch war. Diese Freiheit des griechischen Textes bot aber ungehindert Spielraum für Aenderungen, Einschaltungen und Zusätze. Und wirklich wurde die Septuaginta die Mutter, zu welcher jene neue Lehre sich flüchtete, welche — nach unserer Ansicht — aus der Kreuzung des neuplatonischen Logosbegriffes und mißverstandener jesaianischer Prophetie entstanden ist. Schon die Apokryphen finden wir nur als Zusätze zur Septuaginta. Darum wird die verhängnißvolle Bedeutung, welche die LXX für das Judenthum erlangte, richtiger, als in Soferim 1, 8 und im Aristeasbrief, welche Beide die That der Uebersetzung glorificirten, gekennzeichnet in Soferim 1, 7: Fünf Gelehrte übersetzten dem Ptolemäer die Thora in das Griechische und dieser Tag ward für Israel so verhängnißvoll, wie der Tag des Sündenfalls beim goldenen Kalbe. (Die folgenden Worte: „weil sie nicht richtig zu übersetzen vermochten", sind gewiß ein späterer Zusatz, um den Gegensatz zwischen Soferim 1, 7 und 1, 8 aufzuheben.) Akiba's Sorge ging nun dahin, auch für die griechisch redenden Juden eine „massoretisch genaue" griechische Bibelübersetzung Herstellen zu lassen, welche durch ihr treues Anlehnen an den Urtext schon deswegen von Interpolationen geschützt war, weil sie von jedem Kenner des Hebräischen durch ein Vergleichen mit dem Urtexte leicht controlirt werden konnte. D Wir sehen also, daß auf Akiba die Würdigung der Mafsorah als Zaun des Gesetzes zurückging, daß er selbst Aeußerlichkelten des massoretischen Textes halachisch zur Geltung brachte, daß auf ihn die hexaplarische Uebersetzung des Akylas zurückzuführen ist (die Beweise.. hiefür stellt Strack in Herzog R. E. Bd. IX., S. 389 ff. zusammen); diese Umstände allein würden schon darauf Hinweisen, daß in Akiba's Zeit Großes sich zugetragen haben müffe in Bezug auf die Sicherung der äußeren Textgestalt der Bibel selbst, wie sie uns heute vorliegt. Aber wir haben noch andere, sprechendere Beweise hiefür. So berichtet der Amoräer R. Jehuda im Tractate Sabbath folio 13, Chanina ben Chiskija, den er identisch setzt mit R. Chanina segan Hakohanim hätte an „jenem Tage" — gemeint ist der Tag der Synode zu Jamnia, an welcher R. Akiba hervorragenden Antheil nahm — die Codificirung des Buches Ezechiel durchgesetzt. Ferner berichtet die Mischnah Jadajim, daß R. Akiba in rührender Weise für das Hohelied eintrat und daß auch in Bezug auf Kohelet Zweifel auftauchten. Ben Asai, ein Schüler Akiba's, behauptet später, daß Akiba blos nöthig hatte, für Kohelet einzutreten und ein Enkel Akiba's bestätigt die Richtigkeit der Behauptung Ben Asai's. Genug, wir dürfen in Würdigung all' dieser Quellennachrichten die Behauptung aufstellen: „Um die Zeit Akiba's und der Synode zu Jamnia, wurde, gestützt auf alte Mafforah - Angaben und Codices, die Mustervorlage des Textes der heiligen Schrift geschaffen, nach welchem sich alle späteren Schriftrollen der ganzen Diaspora in Bezug auf Paraschen (Abtheilen des Consonantentextes), plene und defective Schreibweise einzelner Wörter, große und kleine, verkehrte und Hangende Buchstaben richtete. Erwähnt sei, daß Paul de Lagarde die Schaffung dieses — wie er es nennt — Archetypus ebenfalls um die Regierungszeit Kaiser Hadrian's ansetzt (vgl. Materialien zur Kritik und Geschichte des Pentateuch, Leipzig 1867) Akiba's Beziehungen zu Bar Kochba, dem Führer der Juden in ihrem Berzweislungskampfe gegen Hadrian (132 bis 135) find aber bekannt. Meine Verehrten! Die Zeit der Abfassung dieses hypotetisch von uns angenommenen Mustercodex, fiele etwa um das Jahr 120 n. Die älteste Bibelhandschrift, die sich heute thatsächlich in unseren Händen befindet, stammt aus dem Jahre 917; es liegt also zwischen beiden ein Zeitraum von beiläufig 800 Jahren. Welche Vorkehrungen wurden denn getroffen, um den Text während jenen Jahrhunderten zu sichern, in welchen Roms Weltmacht zugrunde ging, die Stürme der Völkerwanderung in der Welt sich ausgetobt haben, Israel in Asien anzukämpfen batte gegen den fanatischen Neupersismus, über welchen der Talmud, der ihn gewiß sehr genau kannte, berichtet, Phiruz Schabur habe allein 13.000 Juden hinmorden lassen, anzukämpf'ii hatte gegen das mächtig im Orient und in Europa sich entfaltellde Christenthum und gegen den neu erstehenden Islam, deffen Chalifen der Bibel ebenso feindlich gesinnt waren, wie jedem anderen Buche, außer dem Alkoran? Daß man es versuchte, selbst in der Bibel Einschaltungen anzubringen, geht aus den polemischen Schriften der Kirchenväter gegen das Judenthum hervor. So wird in einer Psalmstelle Erwähnung gethan: „Und der Herr sprach vom Kreuze herab", ferner einer Stelle im apokryphen Buche Tobit: Nach jenen Begebenheiten wandelte der Herr viele Tage unter den Menschen", Stellen, die sich beute selbst in der Vulgata nicht mehr finden. Dieser Zeitraum war der schwerste, den Israel zu bestehen hatte; es war dies aber auch die Epoche, in welcher die Mafforeten ihre segensreiche Thätigkeit entfalteten. Sie begnügten sich nicht damit, wie ehedem, die Wortzahl oder den mittelsten Buchstaben festzuhalten; die Bemerkungen, die sie uns über die äußere Textgestalt hinterließen, zählen nach Tausenden, füllen ganze Bände. Sie geben uns bei den meisten Wörtern der heiligen Schrift an, wie oft es sich in jeder Form in den einzelnen Büchern und in deren Gesammtheit vorfindet und wurden so zur Vorläuferln der Concordanz. Sie stellten ferner Alphabete von Wörtern zusammen, die eine bestimmte Eigenthümlichkeit haben, z. B. eine alphabetische Aufzählung der Wörter, die sich nur zweimal in der heiligen Schrift finden, einmal mit und einmal ohne vorgesetztes Wav, z. B. Ochlah, weochlah. Mit dieser Aufzählung beginnt das älteste, das einzige, mafforetische Werk, das uns aus frühem Mittelalter erhalten ist. Genau kennen wir deffen Alter nicht, wir wissen blos, das Saadia aus demselben cirirte. Die Mafforah kennt nicht weniger als 78 Alphabethgruppen. Die Mafforah stellt ferner Eigenthümlichkeiten zusammen, die ganze Wortgruppen betreffen (Sugin), z. B. Wortpaare, die sich einmal mit, einmal ohne nota accusativi finden; solcher Sugin gibt es 147. Ferner kennt sie Sebirin; über diese habe ich, von meinem sel. Lehrer Prof. Grätz beeinflußt, die Vermuthung ausgesprochen, daß sie in ihrer ersten Anlage Lesarten waren, die um die Abfaffungszett des Archetypus