Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 Seite 298 allen Völkern der Erde, dessen Psalmist schon klagt: „Um Deinetwillen, o Herr, werden wir erschlagen jeden Tag" (Ps. 44, 23), das der Welt von vor Jahrtausenden her nicht einzelne Bruchstücke, zusammenhanglose Sätze oder Capitel des Gotteswortes, nein» die ganzen 24 Bücher der heiligen Schrift erhalten hat; nicht in von einander abweichenden Textformen und Recensionen, sondern einheitlich, so daß eine feindselige Kritik, die sogerne das Alte als fehlerhaft darstellen möchte, um dann auf dessen Kosten neueres emporzuheben, beschämt, oder bester gesagt verzweifelt sich gestehen muß: „Varianten des hebräischen Textes der 24 Bücher aufzufinden, die uns in eine höhere Zeit emporführen würden, als jene, in welche der Abschluß des heute uns vorliegenden Textes fällt und mit deren Hilfe eine durchgreifende kritische Ausgabe des Alten Testamentes veranstaltet werden könnte, ist eine unlösliche Aufgabe, eine Unmöglichkeit." Fragen wir uns nun, meine Verehrten, westen Werk war die Herstellung dieser Einheit und wessen Verdienst die Erhaltung derselben durch den Sturm der Zeiten bis in die Neuzeit? Meine Verehrten, mannigfaltig sind die Gesichtspunkte und Methoden, nach welchen der Text der heiligen Schrift von Spätern behandelt wurde. Die Erklärungsweise desselbeu liegt uns halachisch im Talmud, ethisch und historisch in Midrasch und Agada, mystisch in kabbalistischen Schriften, philologisch in der -neueren grammatischen und lexicalischen. auch in der exegetischen Literatur vor. Alle genannten Wissenszweige beschäftigen sich mit der heiligen Schrift ihrem Inhalte nach. Die Massorah aber ist jener Zweig der durch die Bibel gezeitigten Literatur, der sich ausschließlich blos auf die äußere Textgestalt der heiligen Schrift bezieht. Sie überläßt es den anderen Zweigwiffenschaften in den Inhalt sich zu vertiefen; das, was sie dargereicht hat, zu deuten, aus ihm die Gesetze der hebräischen Sprache abzuleiten und deren Normen unter höhere Gesichtspunkte zu subsummiren. Aber in ihrem Bereichei st die Massorah inappellabel. Sie tritt kategorisch auf und befiehlt: „fo ist hier, so dort zu lesen." Fest und sicher schreitet sie einher, ohne Zweifel und ohne Schwanken. Sie ist die höchste Autorität in Bezug auf den Bibeltext und gebietet in ihrem Reiche einer Königin gleich. Als dem biblischen Schriftthume, das, unfern Thorarollen gleich, in bloßem Consonantengefüge vorlag, Gefahr drohte, von Späteren nicht mehr recht verstanden zu werden, da war es die Mastorah, welche durch ein fein erdachtes Cantillationssystem nicht nur die Verse abtheilte, sondern auch die Stellung lehrte, welche die einzelnen Worte, qualitativ, dem Sinne nach, zu einander einzunehmen haben, die durch Punktirsysteme den Buchstaben Leben einhauchte und Epigonen lehrte, wie die Ahnen die Worte einst gesprochen haben. Die Massorah ist die Tradition sowohl des Textes selbst, als auch der Aussprüche über denselben in Zahlen, Parallelstellen, Merkwörtcrn und Merkversen und die Massoreten, das sind die Tradenten derselben von Geschlecht zu Ges chlecht. Unwillkürlich drängt sich uns die Frage auf, wann wurden wohl die ersten Bemerkungen bezüglich der äußeren Textgestalt der Bibel gemacht, oder, mit anderen Worten, wie alt ist die Mastorah? Nun, die Antwort ergibt sich eigentlich schon aus der Definition. Die Bemerkungen über den Text sind in ihren ersten Anfängen so alt, als der schriftlich gesicherte Text der 24 Bücher überhaupt. Um die ersten Wurzeln von Massorahangaben aufzudecken, müssen wir zurückgehen, bis hinauf in die Zellen der Urheber von Bibelworten selbst, bis in die Epoche Esra's des Sopher und Chaggais, zu dessen Füßen ja Mischnalehrer (Sopherim) saßen und dessen Worte Cap. II, Vers 10 bis 13, wie eine Mischnah anmuthen. An jenem 1. Tischri, als Esra dem weinenden Israel das Gottesbuch zeigte und vorlas, waren bereits die ersten Angaben der Massorah, die 18. Tikkune Esra d. h. Aenderungen des ursprünglichen Textes, welche die Mastorah der religiösen Empfindsamkeit Esra's zuschreibt, gegeben. Ich will ein Beispiel derselben anführen und erläutern. 1 Mos. 18 beginnt: „Und der Herr erschien Abraham ... und Abraham sah drei Männer vor sich stehen." Später (Vers 22): „Und es wandten sich von dort die Männer nach Sodom und Abraham st and noch vor dem Herrn". Nun waren jene Beiden nach dem Context die, im Cap. 19 angeführten beiden Engel, die am Abend in Sodom eintrafen und das Rettungswerk an Lot Vornahmen; analog Vers 2 hätte es nun auch im Verse 22 lauten müssen: „Und .. . stand noch vor Abraham" und so habe nach der Massorah (Ochlah weochlah Columne 168, Dikduke ha teamim Nr. 57) ursprünglich auch gestanden, Esra jedoch änderte es, in richtigem religiösen Empfinden. Der Talmud versetzt ebenfalls die Uranfänge massoretischer Bemerkungen bereits in die Zeit Esra's.. Zu Nehemias 8, 8 „Und sie hatten Verständniß in der Schrift", bemerkt er im Tractate Nedarim, Folio 37 b.: „Dies wäre nach Einigen auf das Zusammenfassen des unabgetheilten Consonantentextes in Verse (Piske teamim), nach Ander auf die Massoroth zu beziehen". An anderer Stelle (Kiduschin 30 b) berichtet er; „die Altvorderen hätten darum (gleich Esra) den Namen „Soferim" geführt, weil sie „gezählt^ haben (safar bedeutet zählen, also Sofer der „Zähler" nicht aber der „Schreiber") die einzelnen Buchstaben, Worte und Verse der Schrift" Die Zahl der Verse der Pentateuch habe nach ihnen 5888 betragen — wir zählen 5845 — die Verszahl des Psalters 5896, wir zählen 2527, die Zahl der Verse der Chronikbücher, oder wie Elia Wilna corrigirt, der Bücher Daniel und Chronik 5880, während wir blos 2013 kennen. Diese auffällige Divergenz in den Zahlenangaben zwischen den Soferim und dem heutigen Texte wird im Talmud dadurch erklärt, daß die Verse früher viel kürzer angenommen wurden. Halbverse wurden für ganze genommen; ja der Amoräer Acha bar Adda berichtet, daß noch zu seiner Zeit die Palästinenser beispielsweise den Vers 2 Moses 19, 9 für drei Verse annahmen. Aus der Epoche der Soferim ist noch ein Bericht, den Text der Bibel betreffend, auf uns herabgelangt, und zwar Talmud Jeruschalmi Taanith, Abschnitt 4 : „Man fand," so lautet er, „in der Tempelhalle drei Thoracodices; Codex Maon, Codex Saatute, Codex Hi; in einem stand 5 Mos. 33. 27 Maon. während die beiden andern Meonah lasen; ein Codex enthielt 2 Mos. 24, 5 Saatute, während die beiden Andern Naare hatten; ein Codix enthielt 3 Pers. sing. fern, des Pronomen personale neunmal mit Jod statt der üblichen Schreibweise mit wav, während die beiden anderen Codices diese Schreibweise elfmal hatten; in allen Fällen hielt man sich an den Zweien und verwarf den Einen." Die Epoche der Soferim muß die Geschichte der Massorah bis in die Zeit und den Kreis der Schüler R. Jochanan ben Sakkais hinabreichend annehmen. Diese Männer (R. Elieser der Gebannte, R. Josua ben Chanania, R. Gamaliel, R. Akiba), welche den Tempel noch in seiner Herrlichkeit geschaut hatten, diese Organisatoren des Judenthums der Diaspora bestimmten, daß an Stelle des täglichen Opfers zur Befriedigung und Beruhigung der nach ihrem Gotte sich sehnenden, nach Sühne und Versöhnung mit der Gottheit schmachtenden jüdischen Volksseele ein tägliches Gebet — Tefillah genannt — zu treten habe. Simeon hapikuli war es, der dieses Gebet — wir beten es bis heute — vor R. Gamaliel verfaßte. Hören wir, wie er betet: „Die Barmherzigkeit des Herrn möge rege werden ... über dem letzten Ueberbleibsel, dem Reste von Israels Soferim." Wohl war es nöthig, für d i e s e n R e st zu beten! Denn jene Sturmeswoge, die damals über unser hartgeprüftes Volk dahingebraust ist, seinen Tempel, seine Selbstständigkeit hinabspülend, sie hätte gewiß, wenn Gottes besondere Hilfe Israel nicht beigestanden wäre, auch seine Bibel sammt dem Zaune um dieselbe, die Massorah, mit hinabgerissen, hätte nicht gerade dieser schwacheRest in jenen Tagen das Panier umso höher emporgehalten, der schwache Rest von Soferim, der seinen herrlichsten Vertreter uns bietet in einer idealen Lichtgestalt, die der Talmud Israels großen Lehren Moses selbst gleichgesetzt hat, in Akiba ben Joses. Drei Momente sprechen dafür, daß R. Akiba besonderen Werth darauf legte, die Bibel in „massoretischer Treue" und nicht blos dem Sinne nach tradirt, dem Judenthum der Diaspora zu bewahren. Wir finden, daß im Talmud Verse häufig blos ihrem Inhalte nach citirt werden; das dürfte in Akiba's Zeiten gang und gäbe gewesen sein; sein Scharfsinn bemerkt die große Gefahr, die der Integrität des Textes durch solche Unbedachtsamkeit drohte, daher sein Wahlspruch in Pirka Aboth: „Die Massorah ist der Zaun um die Thora", daher seine Methodik, gerade aus scheinbaren Nebensächlichkeiten, wie etwa einem überflüssigen Waw des Textes die feststehende mündliche Ueberlieferung der Halacha gewissermaßen neuerdings abzuleiten, daher drittens seine Einflußnahme auf Akylas zur Herstellung einer