Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Bloches Wochenschrift Seite 397 Als die Gasgeschichte. und andere Unternehmungen gleicher Art den Steuerträgern, welche die Erfolge der reactionären Demagogie Lueger's theuer bezahlen müssen, die Augen zu öffnen begannen, fand er zu seiner Rettung kein anderes Mittel als eine vollständige Umwälzung der Wahlordnung und des Gemeindestatuts. Mit Hilfe dieses Mittels will er die letzte Schutzwehr, die letzten Spuren des Wahlrechtes der nicht auf den Ant semitismus eingeschworenen Bürger verschwinden machen. Eine ihrer hohen Aufgabe bewußte Regierung hätte ihren Vertreter, den Statthalter von Niederösterreich, beauftragt, gegen diese Anmaßung der Volksrechte ein unbedingtes Veto einzulegen, dessen hat sich aber das Ministerium wohl gehütet. Es fürchtet den Dr. Lueger, esfürchtet den Fürsten Liechtenstein, der sich im Hintergründe hält und es fürchtet die berüchtigte christlichsociale Partei, deren Christenthum nichts gemein hat mit dem Evangelium wie deren Socialismus die Interessen der arbeitenden Classen nicht schützt. Das neue Gemeindestatut wurde sanctionirt. Vierzig Mitglieder des Gemeinderathes gaben hierauf ihre Demission, Sie legten dadurch Protest ein und verwahrten sich gegen die Verantwortlichkeit. Sie kämpfen muthig gegen die Verhältnisse, ohne sich über den Ausgang des verfälschten Kampfes einer Täuschung hinzugeben. Mit Zustimmung der Behörden ist und bleibt der Antisemitismus trotz des Erwachens des Volksbewußtseins, trotz der Scandale seiner Führer und Anhänger, Herr der Situation. Und er darf sich straflos alles erlauben. Jüngst hatte ein Mitglied des niederösterreichischen Landtages die Frechheit, einen Antrag zu stellen, daß die Polizei vor Ostern die Inden in einer besonderen Weise überwachen solle, um sie an Ritualmorden zu verhindern. Diese Verleumdung, die so viele beklagenswerthe Schauspiele verursacht hat, hat ja-vor Kurzem in Böhmen eine gerichtliche Sanction erhalten. Obwohl sie schon im Mittelalter von Päpsten, Gelehrten, Heiligen, Legisten und Weisen gebrandmarkt wurde, läßt man sie jetzt, um die mörderischesten Leidenschaften zu erwecken, wieder aufleben. Und als im niederösterreichischen Landtage ein Jude und ein Liberaler es als ihre Pflicht erachteten, gegen die Zumuthung eines Abgeordneten, der in Ausbeutung der Unwissenheit und des Volkshasses „macht", Verwahrung einzulegen — wurden sie die Opfer des präsidentiellen Blitzstrahles. Sie wurden zur Ordnung gerufen. Es scheint, daß die Zeiten reif geworden sind, daß Hexenprocesse und Ritualverbrechen in Versammlungen und vor Gericht wieder auftauchen. Wer trotz der vielfachen Zeugnisse und entgegen allen Gesetzen der Thatsachen die Existenz derselben als wahr annimmt, der muß logischer Weise auch die Bündnisse mit dem Teufel und die Verführungen durch Hexen zugeben. Während so Oesterreich abwärts gleitet auf der schiefen Ebene, lehnt es sein Compagnon, Ungarn ab, ihm auf diesem Wege zu folgeu. Ein Mitglied der Volkspartei (d. h. der clericalen Partei) hatte das Ministerium aufgefordert, die Gesetzgebung umzustürzen, welche mannigfache staatliche Einrichtungen in Ungarn, namentlich die Ehe, verweltlicht hat, von der es behauptete, daß durch sie die Rechte der Kirche verletzt, das Volksgefühl beleidigt werde. Der Ministerpräsident, Koloman von Szell, gab ihm eine kräftig ablehnende Antwort in einem meisterhaften Expose, in welchem das Parlament den liberalen Geist mit Freude wiederfand und mit enthusiastischem Applaus begrüßte, jenen edlen Hauch, jenen mächtigen Glauben an den Fortschritt, den dic Revolution hervorgerufen hat und ohne den dies r Glaube nicht bestehen könnte". Die Wafforeten, Israels Fahnenwacht Vortrag, gehalten im Verein zur Förderung und Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums »Afike Jehuda" in Prag, am 15. Februar 1900 von Dr. Julius Reach, Rabbiner in Raudnitz. Meine Verehrten. Wenn wir unfern Blick kritisch prüfend der profanen Literatur zuwenden, die der Menschheit aus grauem Alterthum erhalten ist, den griechischen und römischen Historikern, Philosophen und Dichtern, so werden wir finden, daß ihre Werke entweder als verstümmelte Bruchstücke auf uns gekommen find, oder — wenn es gar der glückliche Zufall wollte, daß sie sich in von einander unabhängigen Handschriften erhielten — wir hören die Gelehrten von verschiedenen Relationen und Recensionen sprechen; die einzelnen Handschriften desselben Werkes stimmen mit einander nicht vollständig überein; es entstehen sogenannte „kritische Ausgaben", in welchen die einzelnen Varianten verzeichnet find und der lücken- oder fehlerhafte Text oft durch mehr oder minder glückliche Conjecturalkritik wieder hergestellt wird. Wenden wir uns nun jenem ältesten Schriftthume der Menschheit zu, das auf ihre Entwicklung den entscheidendsten Einfluß genommen hat und ihn auch behalten wird, solange „gut" und „sittlich" feststehende Begriffe bleiben werden, jenem Werke, durch dessen Übertragung (Luther's Bibelübersetzung und Krälickä Bible) beispielsweise die beiden großen Volksstämme, die unser Vaterland bewohnen, die eigene Sprache correct zu sprechen lernten, jenem Werke, welches alles Heil und allen Segen, dessen die Menschheit sich erfreut und noch erfreuen wird, über diese gebracht hat und noch bringen wird, wenden wir uns der heiligen Schrift der Israeliten zu, die uns in unfern 24 Büchern der Bibel vorliegt und fragen wir uns: hat jemals Jemand eine „kritische" Ausgabe derselben gesehen? Niemand! Alle Ausgaben bieten mit peinlicher Genauigkeit denselben Text. Bon Kennikott und De Roffi wurde es unternommen, mehr als 1100 Bibelhandschriften, die sich zerstreut in Bibliotheken und in Privatbesitz befanden, zu vergleichen; das Resultat ihrer Arbeit liegt in den Variae lectiones, Parma 1798 vor, und nur die Erfolglosigkeit seiner Bestrebungen, wirkliche Varianten aufzufinden, muß De Roffi die Worte zur Einleitung seiner Lupplernenta abgerungen haben: „Nunquam sane cogitassem, salebrosam hanc ac laboris taediique plenissimam provinciam mihi denuo esse peregrandam.“ Die älteste Bibelhandschrist, die wir besitzen, den Codex Babyloniens Petrovolitauus aus dem Jahre 917 und die jüngste Bibelausgabe, die sich in den Händen unserer Schuljugend befindet, sie congruiren fast vollkommen. Wie, fragen wir uns. hat denn das jüdische Volk, dem dieses Buch von der göttlichen Vorsehung überantwortet wurde, gar keine Stürme erlebt? Hat es etwa, abgeschieden von der übrigen Menschheit, in seiner Einsamkeit von unerklimmbaren Bergen umschloffen, überwölbt von ewig heiterem Himmel, von stets golden lachendem Sonnenglanze umstrahlt, sich entwickelt, entfaltet, erhalten bis zumheutigen Tage, so daß es seine ganze Sorgfalt einzig dem Zwecke widmen konnte, das ihm überantwortete Kleinod zu hüten? Ist denn nicht Israel gerade jenes Volk, das, seitdem es diese seine Fahne, das Gottesbuch hochhält, gekämpft und blutig gestritten hat gegen Chaldäer, Meder und gegen hellenische Kosmopolitie? Ist Israel nicht jener Held, der, aus vielen Wunden blutend, mit seinem Leibe das theuere Panier gedeckt hat, als das weltbeherrschende Rom ihn nach hartem, schwerem Kampfe niedergerungen hatte? Und als von Rom her in den folgenden Jahrhunderten das immer wieder erhobene Banner erniedrigt wurde, als deffen Träger flammenden Scheiterhaufen übergeben wurden, war es nicht ein über den ganzen Erdball zerstreutes Israel, das todesfreudig den Kampf um sein heiligstes Gut geführt hat? Zählen sie nicht nach Tausenden die heldenhaften Kämpfer, die dem heiligen Banner noch angesichts des Todes ihre Verehrung zollten, sich glücklich preisend, daß sie für dieses fallen durften, nachdem es ihnen geglückt war, die Fahne, das Gotteswort, makellos und unversehrt den Nachrückenden zu übergeben? Wahrlich, wären durch Israel nur verstümmelte Bruchstücke, nur einzelne Sätze der Bibel im Urtexte erhalten worden, eine dankbare Welt dürfte den Trägern derselben ihre Bewunderung nicht versagen! Welche Bewunderung aber verdient erst jenes Volk, das meist gequälte, am meisten verfolgte unter