Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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geile 596 Nr. 16 Dr. Bloch's Wochenschrift. Berücksichtigung aller materiellen Eigenthümlichkeiten der Hilfsbedürftigen möglichst schonend und discret verfuhr. Es kommt oft vor, daß ein Mann, der seiner Erziehung und seiner Vergangenheit nach auf einer höheren socialen Stufe zu stehen berechtigt ist, durch irgend einen Unfall in eine bedrängte Lage geräth. Die echtjüdische Wohlthätigkeit, die schon im Talmud begründet ist. geht von dem Standpunkt aus, einem solchen Hilfsbedürftigen muß nach seiner Art geholfen werden, man dürfe ihn nicht social herunterdrücken. Thatsächlich hat man in unserer Mitte stets in dieser Weise mit sehr gutem Erfolge gewirkt. Die neueste jüdische Ethik fordert aber, daß wir mit allen Mitteln bestrebt sein müffen, ein jüdisches Proletariat zu schaffen. Wendet sich ein Glaubensgenosse an uns und verlangt Hilfe, so weisen wir ihn an das Arbeitsnachweisbureau, das stets gute Stellungen, nämlich sol^e für Adressenschreiber, Schneeschaufler, Hausdiener und dergl. auf Lager hat. Schadet nichts, „Arbeit schändet nicht", wie die bekannte Phrase lautet. Jedenfalls wird dadurch erreicht, daß für die reichen Glaubensgenossen als Staffage eine Schichte armer Juden geschaffen wird. Wenn so viele jüdische Mädchen der dienenden Claffe angehören, darf die reiche jüdische Dame mit ihren Brillanten als Lady Patroneß auf einem vornehmen Balle glänzen. Wenn ein paar arme Juden die Straßen reinigen, fühlt sich die jüdische j6im6886 dor^e berechtigt, am Turf und hinter der Couliffe eines Kunsttempels für die jüdische Gleichberechtigung thätig zu sein. Nichts geht über das bewährte Princip: Theilung der Arbeit! Jndeffen fand man es bei uns in der letzten Zeit, daß es den jüdischen Annen, im Vergleich zu seinen christlichen Zunftgenoffen, noch immer zu gut geht. Was die Armenpflege m der Gemeinde durch ihre, von mir in diesen Blättern bereits geschilderten „gründlichen Recherchen" verdirbt, das machen die privaten Wohlthätigkeitsanstalten zum Theil wieder gut. Nein, das geht aber nicht! Uns fehlt der Nasenring, ohne den unsere bürgerliche Gleichberechtigung nicht voll ist. Und so entstand in den letzten Jahre in unserer Gemeinde eine Bewegung zu Gunsten der Centraüsirung der Wohlthätigkeit. Man gab keine Ruhe bis eine „Centralstelle" geschaffen wurde, durch die alle Wohlthätigleitsvereine mit einander correspondiren und „ihre Erfahrungen austauschen" können. Erst mit dem war der Jammer voll. Man denke sich einen jüdischen Familienvater, der durch eine Reihe widriger Zufälle in eine bedrängte Lage gerathen ist, und — nahe vor dem Quartalwechsel — sich außer Stande sieht, den fällig werdenden Miethzins pünktlich zu entrichten. In Berlin — vielleicht auch anderswo — ist dies oft recht schlimm. Ehe man sich's versieht, ist man executirt und abgepfändet. Schweren Herzens entschließt sich der hartbedrängte Faunlienvater, den Miethhilfsverein um ein Darlehen anzusuchen. Daß in diesem „gründlich recherchirt" werden muß ist ja selbstverständlich. Aber nun besteht ja die Möglichkeit, daß der Arme vielleicht auch einen anderen Verein um Hilfe angegangen hat. Dies muß in Erfahrung gebracht werden, und zu diesem Zwecke hat man ja die Controlstellen. Rasch wird Anfrage gehalten, und so erfahren dies bisher peinlich geheim gehaltene Leid, natürlich „unter dem Siegel der strengsten Discretion", ein paar Hundert Menschen. Und was ist die Folge dieser weisen und humanen Einrichtung? Erstens, daß sich ein anständiger der professionellen Bettelet noch nicht verfallener Mensch überhaupt nicht mehr entschließt, irgend einen Verein um Hilfe anzugehen, da seine Person das moralische Spießruthenlaufen durch Hundert von Vereinsvorständen nicht vertrage. Zweitens, thut er's in der Noch doch, kann ihm manche große Unannehmlichkeit widerfahren. Mir ist ein- Fall bekannt, wo einem anständigen Bürger die Aufnahme in einen geselligen Verein verweigert wurde, weil in Folge der „gründlichen Recherche" ruchbar geworden, daß er sich vor nicht lange an einen Wohlthätigkeitsverein um Unterstützung habe wenden müffen. Es gibt noch Vereine in unserer Gemeinde, welche die an sie ergangene Aufforderung, sich der „Centralstelle" anzuschließen, mit vornehmer Ironie zurückgewiesen haben. Sie fanden diese Art Wohlthätigkeit unjüdisch. Jndeffen ist leider zu bemerken, daß die Centralisirungswuth im Zunehmen begriffen ist, woran unsere Gemeindeverwaltung in erster Reihe schuld hat. Sie verhätschelt dies in Lieblosigkeit erzeugte Kind allzu auffallend. Nicht nur betheiligen sich Gemeindeorgane an dieser „humanen" Einrichtung, auch der Gemeindesaal wird alljährlich der „Centralstelle" zur Verfügung gestellt. Bezeichnend für den Marasmus, in dem sich unsere Gemeinde seit Jahren befindet, ist wohl der beschämende Umstand, daß noch keine Vereinigung von jüdischen Gemeindemitgliedern gegen die Ueberlassung des Gemeindesaals an diese nicht unjüdische, sondern widerjüdische Gesellschaft protestirt hat. Ich gestehe, ich hätte es als würdiger befunden, der Saal wäre einer Baptistengemeinde zu Andachtsübung überlassen worden, als einem Verein, der sich so 'gegen den Geist des Judenthums versündigt. Erfreuliches! aber, daß der Vorsteher unserer officiellen Armencommission nicht mehr den Vorsitz in dieser Bereinigung führt. Im Uebrigen thäten unsere „Schnorrerschnüffler", die stets von der Sorge geplagt werden, den Armen geht's bei uns zu gut, viel besser, ihre Aufmerksamkeit den bekannten Wohlthätigkeits-Monopolisten, dieser Sumpfpflanze unseres großstädtischen Wohlthätigkeitswesen, zuzuwenden. Es ist für alle Eingeweihten ein offenes Geheimniß, daß manche „Großalmoseniere", die ständig mit dem Klingelbeutel herumgehen und für die „armen Glaubensgenoffen" hier und auswärts sammeln, den größten Theil der ges ammelten Gelder gar nicht an die gehörige Stelle abliefern. Die rechte Hand weiß da niemals, was die linke genommen hat. Alle Welt spricht von diesen Leuten, ärgert sich über ihr Gebühren, verlangt Rechenschaft — natürlich ohne Erfolg. Diese Zustände wirken viel demoralisirender, als wenn ein Armer 'mal ein Paar Groschen zu viel bekommt. Eine Million hat sich noch kein Mensch zusammengebettelt, bemerkte einst Ludwig Börne mit Recht. Hingegen ist man, wenn man für Andere bettelt, von einer solchen Summe nicht allzuweit entfernt. Durch die neugeschaffene „Centralstelle" wird aber dieses Unwesen sehr gefördert. An einen Verein wagt sich kein anständiger Mensch mehr heran, dafür blüht aber die Sammlung „ä discretion“ in Familienkreisen. Neulich sprach ich mit einem angesehenen Gemeindemitglied über diese Mißstände. Mein Freund gestand mir ein, daß dies für ihn keine Ueberraschung wäre, aber was thun? Ich gab ihm den Rath, stets, wenn er um Hilfe für eine „würdige Familie" angegangen wird, keinem Verein und keinem gewerbsmäßigen Sammler auch nur einen Pfennig zu geben, sondern sich selber hinzubemühen und zu sehen, wo ferne Spende noththut. Er wird Manches erleben. Ja, aber wo wäre dann unser Nasenring? Berlin. Dr. S. Bernfeld. Gin französisches Nrthell über Dr. Lueger. Ein ebenso unbefangenes wiehochangesehenes Pariser Journal „Le Temps", in welchem die Anschauungen der Bourgeoisbevölkeruug von Frankreich am getreuesten zum Ausdruck gelangen, hat dieser Tage über die Wiener Politik des Ministeriums K o e r b e r und über Dr. Lueger ein Urtheil gefällt, dessen Inhalt wir unseren Lesern mitzutheilen uns für verpflichtet erachten: „Sei es aus den Bedürfnissen seiner Lage — schreibt das Pariser Blatt — sei es aus Schwäche seines Temperamentes hat das Wiener Cabinet Herrn Lueger und dessen Partei gegenüber nicht jene männliche Haltung eingenommen, die für eine pflichtbewußte Regierung erforderlich gewesen wäre. Der nahezu unverbesserliche Hauptfehler war von Badeni gemacht worden, als er es unterließ, den antisemitischen Führer und dessen Anhang als Ruhestörer zu behandeln und ihn sozusagen dem Kaiser vorstellte, damit er dessen Wahl als Bürgermeister von Wien bestätige. Seither mußte man eine unglückliche Bewegung auf der schieferen Ebene wahrnehmen. Seit sich Dr. Lueger im Rathhause eingenistet hat, hat er nicht nnr mit allen. Mitteln einen wüthenden Kampf gegen das Volk und die Religion, die er aus die Proscriptionsliste gesetzt hat, sondern gegen den Liberalismus und die Demokratie in all deren Formen geführt. Zugleich aber erfuhren die Verwaltung und die Finanzwirthschast der Gemeinde ein Regime, das dem des T a m m a n y r i n g in New-Iork analog ist.