Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 296 zweifellos die Abgeordneten jener devastirten Gegenden, in Erfüllung ihrer Pflicht, die Hilfe des Landes angerufen und vermuthlich nicht vergeblich angerufen haben; denn auch ein Landtag, mag er noch so hoch sitzen, kann sich einer öffentlichen Anforderung der Humanität nicht verschließen. Aber daß Hunderttausende galizischer Juden bis zum effectiven Hunger verarmt sind — das ihre trostlose Lage immer trister wird — daß das Land verpflichtet sei gegenüber dieser Misöre die Initiative zu einer Hilfsaction zu ergreifen — dies hätten doch die jüdischen Abgeordneten, die gewählten Anwälte ihres Stammes, in solidarer Weise aufs Tapet zu bringen nicht unterlassen sollen! Thäten sie es, so hätten sie entweder einen Erfolg, jedenfalls aber das Bewußtsei erfüllter Pflicht und nicht blos die Rolle schweigender Statisten zur Decoration des Landtages gespielt, wie dies leider der Fall ist. Der Kleinmuth der Juden ist ihr Verhängniß und ihre Schwäche. Hätten sie die Organisation und die Zuversicht der Polen oder Czechen, man würde nicht wagen, über sie hinweg zu sehen, wie im galizischen Landtage oder sie in so schamloser Weise anzugreifen, wie es dieser Flickschneider im niederösterreichifchen Landtage zum Gaudium aller Gassenbuben thai. Wir haben eine Armee, aber keine Führer; ein großes zahlreiches Volk aber keine Repräsentanz. Wir brauchen einen jüdischen Grocholski oder einen ins Hebräische übersetzten Lueger! Das „verjudete" miUtärKrztliche Offtriersrorps. Wien, April. Ausmerksamen Beobachtern dürfte es wohl nicht entgangen sein, daß längere Zeit schon jüdische Mediciner, welche ihr Einjährig-Freiwilligen-Jahr absolvirt haben, wohl als Assistenz- Aerzte in die Reserve eingereiht werden, die Ernennung derselben als Ober-Aerzte in den activen Stand aber nur sehr spärlich erfolgt. Es ist dies zweifelsohne darauf zurückzuführen, daß antisemitischerseits in den Delegationen und, bei Berathung des Etat des österreichischen Landesvertheidigungs-Ministeriums auch im Reichsrathe, ein Geschrei erhoben worden war, das militärärztliche Corps sei gänzlich verjudet. Ob dieser Wink mit dem Zaunpfahl bei der Kriegsverwaltung inniges Berständniß gefunden hat, kann mit apodictischer Gewißheit nicht behauptet werden, allein die Thatsache besieht, daß geraume Zeit schon jüdische Aerzte Aufnahme in den Activstand der Armee nicht finden, und daß Gesuche jüdischer Aerzte, die das Einjährig-Freiwilligen-Jahr zurückgelegt haben, um Activirung als Oberärzte unerledigt bleiben. Stipendien, mit der Verpflichtung, nach absolvirten medicinischen Studien sich durch eine Reihe von Jahren der militärärztlichen Laufbahn zu widmen, können Juden schon lange nicht mehr erlangen. Es mag ja richtig sein, daß das militärärztliche Ofsicierscorps von Juden stark durchsetzt, oder, um einen antisemitischen terminus technicus zu gebrauchen, „verjudet" ist. Die Schuld daran trifft aber nicht die jüdischen Mediciner, sondern die judenfeindliche Strömung. In der Civilpraxis werden jüdische Aerzte angefeindet und boykottirt. Stellungen bei Gemeinden, autonomen Körperschaften, Landes- und Staatsämtern sind ihnen unerreichbar; darf es dann Wunder nehmen, wenn ein jüdischer Mediciner, nachdem er fünf oder sechs Jahr ander Universität den Studien obgelegen und eine drei bis vierjährige Spitalspraxis als unbesoldeter Aspirant persolvirt hat, endlich zum letzten Rettungs-Anker greift und sich dem militärärztlichen Dienste widmet, zumal wenn er, wie dies zumeist ja der Fall, ohne Subvention vom Elternhause ist und von Jugend auf darauf angewiesen war, sich durch Privat-Unterricht oder n anderer Weise des Lebens Unterhalt zu erringen. Besondere Anziehungskraft und greifbare Vortheile bietet der militärärztliche Stand für einen ideal angelegten Mediciner ja ohnehin nicyt; die Gage ist kärglich und das Einkommen eines halbwegs routinirten und renommirten Civilarztes übersteigt sie thurmhoch. Die Möglichkeit stch fachwissenschaftlich fort- und auszubilden, ist nahezu ausgeschlossen, namentlich eines Militärarztes, der das Malheur hat, in die Garnison einer obscuren Provinzstadt verschlagen zu werden, wo es an Krankenmaterial und jeder Anregung fehlt, und man der Berpöblung und Verflachung unrettbar anheimgefallen ist. Noch weniger glänzend sind die Avancement-Verhältnisse. Die Stabsarztensecke ist eine gefährliche Klippe, die gewöhnlich erst nahe dem Greisenalter glücklich und heil überwunden erscheint und dies auch nur dann, wenn besondere Befähigung zur Seite steht. Man hat dann das dreißigste oder vierzigste Dienstjahr erreicht und tritt mit einer bescheidenen Pension in Ruhestand. Welch glänzendes, reiches Einkommen erzielt dagegen ein hervorragender Arzt in der Civilpraxis. Ein irgend greifbares plausibles Motiv für die Kriegs- Verwaltung, jüdischen Aerzten die Aufnahme in den Activstand des Heeres zu versagen, ist nicht vorhanden. Jüdische Militärärzte nehmen in der Armee eine sehr angesehene Stellung ein, wiederholt gab es welche in der höchsten erreichbaren Charge (Generalstabsärzte). Derzeit fungiren als Oberstabsärzte erster, zweiter Claffe, Stabsärzte u. s. w. viele hunderte jüdische Militärärzte, was wohl als das elastischeste Zeugniß für deren ausgezeichnete Conduite und hervorragende militärärztliche Befähigung gelten kann. Die Verjudung hat demnach dem militärärztlichen Öfficierscorps augenscheinlich nicht zum Nachtheil gereicht. Wie unendlich groß muß daher der Einfluß, resp. die Furcht und Angst vor der antisemitischen Strömung sein, wenn die Militär-Verwaltung vor ihr die Segel streicht. Demnächst treten die Delegationen zusammen, hoffentlich wird sich in der österreichischen, und wenn nicht in dieser, so doch in der ungarischen Delegation ein Parlamentarier finden, welcher den Muth besitzt, die allerneueste Frage aufs Tapet zu bringen und die Militärverwaltung im Wege einer entschiedenen Interpellation zu veranlassen, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Der Schlag, der gegen die jüdischen Aerzte geführt wird, muß abgewendet werden, damit das jüdische Intelligenz-Proletariat nicht noch weitere Vermehrung erfahre, denn schon das bisherige ruft das Mitleid und Erbarmen reichlich genug wach. An maßgebendster Stelle wurde bisher die Armee als ein no1i me tangere, als unverrückbares Symbol der Einheit und Großmachtstellung der Monarchie hochgehalten und mit eifersüchtiger Peinlichkeit vom Eindringen aller centrifugen Elemente bewahrt. Will man auch dieses Bollwerk dem Moloch des Antisemitismus opfern! Wie gefährlich, zersetzend und zerstörend diese unheilbringende Strömung wirkt, zeigt wohl der niederösterreichische Landtag und der Wiener Gemeinderath zur Genüge. Eduard Beer. Centrat-Wohlkhäligkeit. Vor einigen Jahren gingen bei uns in Berlin die Wogen der Parteikämpfe sehr hoch. Es handelte sich damals um die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichtes für die jüdische Schuljugend. Die Liberalen von der alten Schule fanden den bisherigen Zustand viel würdiger und sträubten sich mit aller Entschiedenheit gegen die neue Einrichtung. Hingegen meinte einer aus der jungliberalen Partei, man müsse den obligatorischen Religionsunterricht „im Princip" bekämpfen, aber so lange er für die Schuljugend der anderen Confeffionen besteht, dürfe er der jüdischen vom Standpunkte der bürgerlichen Gleichberechtigung nicht vorenthalten werden. Wenn alle Staatsbürger einen Nasenring trügen, müßten wir dahin streben, daß auch wir einen solchen durch die Nase zögen; wir dürfen in keiner Beziehung den anderen Mitbürgern nachstehen." So begründete der weise Mann sein Eintreten für den obligatorischen Religionsunterricht der jüdischen Schuljugend unter den obwaltenden Verhältnissen. Was ich da erzähle, ist wahrlich kein Witz, fals solcher wäre er nicht einmal gut. Diese Worte sind in der That in einer Versammlung jüdischer Staatsbürger gefallen, sie bezeichnen den Geist, der in unserer Gemeinde herrscht, recht zutreffend. Wir dürfen uns durch Nichts von den christlichen Staatsbürgern unterscheiden, und da die öffentliche Wohlthätigkeit bei jenen mangelhaft, bei uns aber seit jeher mustergütig ist, so ist es natürlich unsere Pflicht und erfordert es unsere Ehre, die Armenpflege nach dem Muster der städtischen zuzuschneiden. Man soll uns nicht nachsagen, daß wir keinen Nasenring trügen, während die Mitglieder der anderen Confeffionen einen solchen an ihren ehrenwerthen Nasen aufzuweisen haben. Gesagt — gethan. Ein Ruhmestitel der jüdischen Armenpflege war es stets daß sie rasch eingriff, wo Hilfe nöthig war, und daß sie bei,