Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 294 Dr. Blocht Worlwnschrrft» Nr. 16 Apostel des Lügenpropheten zu Boden. Ihre Wirkung war eine unmittelbar greifbare. Sie überlieferten die antisemitischen Wortführer dem Hohne des Hauses und der Verachtung der gesitteten Welt. Nach jeder derselben trat ein deutlicher Stillstand in der Judenhetze innerhalb und außerhalb des Parlamentes ein, und so gefürchtet war dieser einzige Mann von der ganzen großen Schaar der Talmud- und Blutlügner, daß sie zuletzt, den Fürsten Liechtenstein an der Spitze, mit den verwerflichsten Mitteln alle Hebel in Bewegung setzten, um ihm sein Abgeordnetenmandat zu entteißen und so die Juden ihres tapfersten Vorkämpfers zu berauben. Von dem Tage an, als Dr. Bloch die Tribüne des Parlamentes entzogen war, datirt der erneute Aufschwung der Talmud- und Bluthetze.... Die Hallen der Gesetzgebung konnten nun ungestraft entweiht werden durch rohen Schimpf gegen die Juden, durch tausendfältige Verleumdungen, durch die gewerbsmäßige Ausschrotung der Rohling'schen Erdichtungen, denn Niemand war da, der die Frevler züchtigen und ihnen den Spiegel der Wahrheit entgegenhalten konnte. Das gelesene Wort kann das gehörte nicht ersetzen. Das ist uns klar geworden, als wir an die Zusammenstellung dieser Reden gingen. Es ist ein Surrogat der Abwehr, es ist ein Nothbehelf — wir wissen es! Und dennoch erachlen wir es als unsere Pflicht, sie aus den Protokollen des Reichsrathes zu neuem Leben zu erwecken. Denn es ist leider nur zu gut dafür gesorgt, daß ihnen auch heute die Actualität nicht mangelt. Führt man gegen uns die Trientiner und Damascener Torturprotokolle ins Treffen, so dürfen wir für uns diese streitbaren Reden zeugen laffen, in denen der Glanz der Wahrheit nicht verblaßt ist. Uns zur Ehr' — den Feinden zur Wehr mag das Büchlein in die Welt hinausziehen! Wien, am Paffahfeste 1900. Nemo. Die Polen und die Inden. Von Leo Herzberg-Frankel. Ich muß gestehen, daß ich die Polen überschätzt habe. Als ich noch unter ihnen lebte, galt ich ihnen als antinational, wurde bei jeder Gelegenheit angefeindet und als Gegner behandelt. Und doch habe ich so oft ihren ritterlichen Sinn, die Hochherzigkeit ihres Charakters hervorgehoben und versprach mir von diesen Eigenschaften einen günstigen Rückschlag für die Juden, wenn günstige Zeiten für die Polen tagen sollten. Ein Volk, das so viel litt, über dessen Existenz ein schweres Schicksal zermalmend hinrollte — dem man seine Selbstständigkeit, seine nationalen Eigenthümlichkeiten, seine Schulen, seine Lieder nahm, dessen Adel und Intelligenz expatriirt und exilirt wurden — dessen Besitz der Confiscation und der Verstaatlichung verfiel — ein Volk, das eine so schmerzliche Vivisection erlitt, werde in Tagen der Genesung, der wiedererlangten Freiheit und Actionsfähigkeit auch anderer Leute Leid und Weh achten und Mitempfinden. Ich sah in den Polen ein schicksalverwandtes Volk der Juden, wenn auch verschieden in Abstammung und Charakter. Wie wir, unterlagen sie der Uneinigkeit; wie sie, vertheidigten wir heldenmüthig unser Vaterland; uns wie ihnen nahm man die Herrschaft unserer Reiche, die politische Individualität^ und warf die zerstückelten Körpertheile unter andere Völker. Auch haben die Polen in Zeiten der Erniedrigung und der Enteignung sich freundlich den Juden genähert, wie Landsleute, die sich in der Fremde unter gleichem Leid tteffen; sie waren gute Nachbarn, sie vertrugen sich gut und halfen einander in freundlichster Weise. Die Edelleute, die in Paris conspirirten oder in Warschau revolttrten, ließen ihre Besitzungen von Juden verwalten und ihre Feudalrechte verwerthen. Es gab keiuen Edelhof ohne Juden, der nicht blos als Verwalter, sondern auch als Berather und als Famllienfactotum functionirte. In den Dörfern saß der Jude in Erbpacht generationenlang im Wirthshaus, in der Brennerei, in der Wassermühle, im Holzschlag. Der ganze Handel ruhte neidlos in seiner Hand; Niemand verlangte darnach, ihm das Brot zu nehmen und Niemand sah's scheel, wenn sich der Jude durch Fleiß, Sparsamkeit und Intelligenz zu selbstständigem Besitz emporarbeitete, wenn aus dem Pächter ein Grundherr geworden. Ich entsinne mich noch lebhaft einer Unterredung aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, die ich anläßlich einer Wahl mit dem damaligen Statthalter, dem vornehmen, in seiner Gesmnung und seinem Thun so edlen Graf Potocki hatte. „Wozu wählen Sie stets blos Advocaten zu Abgeordneten? Sie haben unter Ihnen fähige, erfahrene und achtbare Großgrundbesitzer, die sich durch ihre persönlichen Eigenschaften emporgearbeitet haben und die im Landtage und im Reichsrathe vermöge ihrer praktischen Erfahrung und gesunden Sinnes ganz gut am Platze wären." Ja, so wars damals, als die Polen, fast gleich uns noch rückwärts, im Schatten des Lebens standen und nicht viel mehr wie wir bedeuteten. Dann freilich wurde es anders. Dank der im glühenden Patriotismus gestählten Widerstandskraft der Polen, dann der decentralisirenden und experimentirenden Staatskunst von Taaffe bis Thun, welche so stümperhast die Nationalitäten gegeneinander mischten, bis sie das sündhafte Hazardspiel verloren, kamen die früher untersunkenen Polen an die Oberfläche, ihre Auserwählten in die großen Staatskörper und Bankinstitute; ihr Club in die vorderste Reihe der parlamentarischen Bereinigungen und zu einer Zeit saßen gleichzeitig fünf Polen im Rathe der Krone! . Hoffnungsfreudig begleiteten die galizischen Juden das Aufsteigen ihrer glücklicheren Landsleute, von ihnen eine Besserung ihrer eigenen Lage erwartend. Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Die Polen konnten oder wollten sich, trotz der gegentheiligen Versicherung des Herrn v. Jaworski in der Delegation, der allgemeinen Strömung nicht verschließen. Sie wollten in der modernen Cultur nicht hinter der deutschen Zurückbleiben und so strömte durch alle Schleußen lustig der Antisemitismus nach Galizien und zwar nicht der Antisemitismus der Tribüne, sondern der That und der niedrigsten Jnstincte! Jüdischen Pächtern, die erbgesessen waren, wurde gekündigt; das jüdische Capital durch schwindelhafte Banken und Sparcassen verdrängt; auf dem flachen Lande und in kleineren Städten durch Consortien der Handel entwunden und unter Führung des Landmarschalls, der schon früher auf seinen Besitzungen die Erzeugung und den Verkauf von Sodawasser seitens der Juden, weil dem Bierconsum abträglich, niederdrückte, der Salzhandel in das Monopol des Landes gestellt — ein Liebesdienst des verwichenen Finanzministers Steinbach! Nun ist zwar der Salzverkauf an und für sich kein lucratives Geschäft und nur von geringem Belang; er bietet aber Mtttel und Gelegenheit zu anderen Verkäufen. Der Bauer, der in den Laden tritt, um ein Stöckel Salz für sich oder ein Stück Lecksalz für sein Vieh zu kaufen, kauft auch schon daselbst andere Bedarfsartikel. Der Landesausschuß wußte ganz wohl, was er that, als er für sich und die Seinen des Salzhandels sich bemächtigte. Es galt die Bauern vom Juden abzudrängen, demselben den Nährboden abzugraben! Das ist praktischer Antisemitismus! Der allgemeine Nothschrei aus Galizien der durch die Presse aller Länder ging; die Constituirung verschiedener Hllftcomites im In- und Auslande zu Gunsten der unglücklichen galizischen Juden; die politische Anlehnung derselben an die Polen, unter Ausgabe jeder Sonderbestrebung und Verrichtung auf jede selbstständige Aktion; die unbedingte Unterordnung bei Wahlen; die völlige Abdication der jüdischen Abgeordneten zu Gunsten des alleinseligmachenden Polenclubs — dies Alles ließ erwarten, daß der galizische Landtag sich denn doch auftaffen werde, sich ein wenig mit der Judenfrage des eigenen Landes zu beschäftigen; daß Anträge eingebracht würden, welche dahin zielen, die trostlose Lage von mindestens 600.000 Menschen, die keine Fremden sind, einigermaßen zu bessern, den confiscirten Salzhandel freizugeben und die gegen die Juden gemünzten Concurrenzgeschäste antisemitischer Prägung einzuziehen. Ein solches Vorgehen des Landtages hätte für die getretenen Juden einen großen moralischen Erfolg, weit größer als es der materielle wäre. Das Land würde diesem Anstoße folgen und wie die höchste autonome Behörde zu einem humaneren und liberalen Verhalten zurückkehren, würdiger der Nachkommen Kazimir's, und Lelewel's und der Zeitgenossen Smolka's; würdig jenes hochherzigen polnischen Fürsten, der da im Jahre 1831 den Ausspruch that: que ceuix qui perissent de la meme mort, meritent vivre de la meme vie.“ Aber nichts von all dem! Wenn im Lande irgend eine elementare Katastrophe eingetreten wäre, die einige hundert Personen getroffen hätte — wenn eine Feuersbrunst einen Ort oder ein wild gewordenes Flüßchen einige Felder überschwemmt hätte, so würden ganz