Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr» Bloch's Wochenschrift. Sette 383 Brünn. Der ehemalige Reichsrathsabgeordnete und jetzige Landtagsabgeordnete Pater Weber, bekanntlich ein wildwüthender Antisemit, der bei seinen Reden im Abgeordnetenhause selbst die Erzväter mit Beschimpfungen nicht verschonte, ist der dreitägigen Session des mährischen Landtages im vorigen Jahre ohne Entschuldigung ferngeblieben. Als er jedoch am 26. März im Landtage erschienen war, galt sein erster Gang der Landcasse, wo er seine Bezüge für die vorjährige Tagung verlangte. Nach den Bestimmungen des mährischen Landtages erhalten die Abgeordneten, wenn eine Vertagung eingetreten ist, noch Diäten für eine, der letzten Sitzung folgende als acht Tage anznrcchnende Woche Weber begehrte somit Diäten für elf Tage. Allein der Landesausschußbeisitzer Dr. Fux verweigerte die Ausbezahlung derselben mit der Motivirung, Pater Weber habe an der December-Session gar nicht theilgenommen. Pater Weber verlegte sich nun aufs Abhandeln. Er verzichte auf die Diäten für die drei Sitzungstage, beharrte jedoch auf der Ausfolgung der Diäten für die Zeit, welche die Abgeordneten nach verkündeter Vertagung in Brünn zuzubringen nicht verpflichtet sind. Auf diese habe er den gleichen Anspruch, wie diejenigen Abgeordneten, welche an der kurzen Vorsession theilgenommen haben. Dr. Fux verweigerte jedoch, einer solchen Argumentation unzugänglich, auch diese Diäten. Pater Weber soll nun entschlossen sein, seine Abstinenz, da sie nicht honorirt wird, aufzugeben und seinen Pflichten als Abgeordneter gewissenhaft nachzukommen. Bruchsal, 2. April. Dem amtlichen Theil der „Karlsruher Zeitung" entnehmen wir, daß Herrn Bezirksrabbiner Dr. Josef Eschelbacher von Sr.'Kgl. Hoheit dem Großerzherzog das Ritterkreuz erster Classe mit Eichenlaub Höchst ihres Ordens vom Zähringer Löwen verliehen worden ist. Es ist dies eine Ehrung, die in hiesigen Kreisen, ganz besonders aber in Kreisen der israelitischen Gemeinde, mit freudiger Genugthuung ausgenommen wird und als ein Beweis, daß die in langjährigem treuen Wirken erworbenen Verdienste des Genannten auch an höchster Stelle anerkannt und gewürdigt wurden. - . Frankfurt a. M. Nach kurzem Krankenlager verschied Hierselbst Herr Director Dr. Mendl Hirsch. Der Dahingeschiedene war ein würdiger Sohn und Geisteserbe seines großen Vaters Samson Raphael Hirsch und wie dieser ein durch Geist, Gelehrsamkeit, Ueberzeugungstreue und unermüdliches Wirken hervorragender Vertreter des gesetzestreuen Judenthums. Der Verblichene ist im Jahre 1833 in Emden geboren. Im October 1855 kam er als Lehrer an die Realschule der israelitischen Religionsgemeinschaft und wurde, nachdem sein Vater das Directorat im October 1877 niedergelegt hatte, zum Director gewählt. Dieses verantwortliche Amt hatte er bis zu seinem Hinscheiden inne. Er hatte vieles Gute zur Verbesserung in der Organisation der Schule geschaffen, außerdem machte er sich durch mehrere Einzelschriften pädagogischen Inhalts in weiteren Kreisen bekannt. Hirsch war Ritter des Rothen Adlerordens vierter Classe. Die Beerdigung fand am 23. März unter zahlreicher Bktheiligung statt. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Breuer. Er betonte den herben Verlust, den die Gemeinde durch den Heimgang des hochverdienten Lehrers erlitten habe, eines Mannes, der fast ein halbes Jahrhundert hindurch seine gesegnete Wirksamkeit ungeschmälert dem Wohl der Jugend widmete. Seine Gesänge, seine Lehren und sein Geist haben Generationen hindurch die Jugend mit sittlichem Adel geschmückt, er pflanzte den Kindern die Liebe zu allen Menschen ohne Unterschied des Standes und Bekenntnisses ein. Weitere Ansprachen hielten Louis Feist für Vorstand und Verwaltung der Synagogen-Gemeinde, Dr. Hirsch als Bruder, Rector Schnabel für den Verein kür Feriencolonien, Manfred Goldschmidt.für den Schulrath der vom Verstorbenen geleiteten Anstalt, Professor Dr. A. Sulzbach für das Lehrercollegium, Michael Rapp und Lehrer Kösterich für die israelitische Volksschule und Dr. Bondi als Freund und College. Coblenz. In den traurigen Zeiten des Racenkampfes, der den Antisemitismus zur höchsten Blüthe getrieben, berühren Ereignisse, die das harmonische Zusammenleben der Confessionen illustriren, selbst, wenn sie traurigen Anlasses sind, um so wohlthuender. Ein rührendes Beispiel confessionellen Friedens und patriachalischer Einigkeit gab vor kurzer Zeit das Begräbniß eines 18jährigen jüdischen jungen Mannes in Bassenheim bei Coblenz, des Sohnes eines Herrn Heymann. Der junge Mann erlag nach langer Krankheit dem Typhus, und wenn schon während seiner Krankheit unzählige Beweise herzlicher Antheilnahme seitens der christlichen Mitbürger den Kranken und seine Angehörigen erfreuten und trösteten, so bildete das- Leichenbegängniß geradezu einen noch nicht dagewesenen Act allgemeiner Antheilnahme. Die gesammte Dorfbevölkerung, incl. Geistlichkeit, sowie sämmtliche Insassen des von Kuffervw'schen Gutes und eine unabsehbare Menge Fremder aus benachbarten Orten bildeten einen Zug, denn man auch in der größten Stadt Vergebers suchen würde. Im Trauerhause selbst war kein Platz für die Anzahl Frauen und Mädchen, die den Hinterbliebenen in der schweren Stunde beizustehen gekommen waren. Am Grade selbst sprach der Pfarrer, der fich das nicht nehmen ließ, in brwegten Worten die Angehörigen zu trösten, derselbe würdige Herr, der während der Krankheit des ungemein beliebten jungen Mannes eine Messe für seine Genesung abgehalten und heiße Wünsche bei seinem täglichen Gebete zu Gott emporgesandt hatte! London. Am 1. April fand die monatliche Versammlung der Anglo Jewish Association statt, die diesmal nur schwach besucht war. Die Mädchenschule in Haskeni-Constantinopel berichtet, daß dort unterrichtet werden 429 Mädchen, davon 167 zahlende und 263 Freischülerinnen. Unter den letzteren befinden sich 8 Griechinnen, eine Armenierin und 2 Protestantinnen. Die Schule bittet um eine Bewilligung von Mark 4000, welche ausgesprochen wird, wie im Vorjahre. Die Knabenschule in Magnesia bittet um einen Zuschuß von Mark 400. In dieser Anstalt sind zur Zeit 182 Knaben, von denen nur 77 zahlen, während 102 Freischüler sind. Die Regierung bewilligt dieser Schule einen Zuschuß von jährlich 400 Francs für den Gehalt des Lehrers in der türkischen Sprache. Die Anglo Jewish Association bewilligt die verlangte Subvention von Mark 400. Dagegen wurde ein Vorschlag des Herrn E. S. Kelley abgelehnt, welcher fich erbot, ein Hospital in Bagdad auf eigene Kosten zu errichten, wenn die A. I. A. die Unterhaltung übernehme. ß London. Die Verlustliste der letzten Woche weist wieder eine Anzahl von jüdischen Soldaten auf. Es wurden verwundet in Mafeking die Gemeinen Bernard von Protectorate-Regiment und Eckstein von der Cap^Policy, ferner bei Ladysmith John Glückmann von der Jmperral Light Horse und I. Joseph von Manchester Regiment. Schwer erkrankt ist Sergeant R. Ahronsohn von den Northumberland Füsiliers. Oberst Goldsmith hat das Gefecht bei Paardeberg mitgemacht, sein Pferd wurde zweimal verwundet, er selbst erhielt zwei Streifschüsse, ohne ernstlichen Schaden zu leiden. Zur Zeit ist er Commandant in Nauuwport, dem bekannten wichtigen Eisenbahnknotenpunkt. Bei dem Corps von Cronje, das jetzt nach Sant-Helena überführt wird, befinden sich eine große Anzahl Juden, wie Manfred Nathan, der Correspondent des Jewish-Chronicle aus London berichtet. Zum Bürgermeister des wichtigen Platzes Alival-North in Capgebiet der aufständischen Capburen haben die Engländer Mr. Joseph Levy, einen dortigen Kaufmann ernannt, dessen Bruder Benjamin Levy in den Jahren 1883—5 dasselbe Amt schon bekleidet hat. New-Zork. (Rabbi Dr. I. M. W i s e.) Aus Amerika erhalten wir die Nachricht von dem Tode des bedeutenden jüdischen Theologen Rabbi Dr. I. M. Wise. Jsaac M. Wise galt als der Nestor der jüdischen Rabbiner in Amerika und nahm social die Stelle ein, welche einem Manne von seinen Fähigkeiten und Wissen zukommt. Wohl bewandert in rabbinischem Wiffen, verließ der junge Wise seinen Heimathsort Steingrub in Böhmen, wo er am 29. März 1819 das Licht der Welt erblickt hatte, und zog nach Prag, in welcher Stadt er nicht nur seine geistige Erziehung vollendete, sondern auch mit Männern von großem Wiffen in täglichem Verkehr stand, die ihm bei der Vervollkommnung seiner Kenntnisse behilflich waren. Von Prag ging er nach Wien, wo er nach Vollendung des üblichen akademischen Cursus an der Universität im Jahre 1843 graduirte. Wir finden ihn in den Jahren 1843 bis 1846 als Rabbiner in der kleinen Stadt Radnitz. 1846 ging er nach Amerika, wo ihm ein größeres und breiteres Feld der Thätigkeit sich erschloß. - Seit 1855 gab er den „Amerikan Jsraelite" heraus und die deutsche „Deborah", welche zumeist wissenschaftliche Artikel enthält. Er hat eine „History of the Israelite Nation“, eine „Historie of the Hehrew’s Second Commonwealth“, ein Gebetbuch „Minhag America“ und verschiedene andere Werke geschrieben, welche unter dem Titel „Essence of Judaism“, „Judaism, its Doctrines and Duties“, „The Gosmic God“, „The Wandering Jew“ wohl bekannt sind.