Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021347--09800-3034247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 278 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 15 ihrem höheren inneren Wesen die angemessenste ist, sehr weit gebracht hat. Dieser lud ihn manchmal zu Tische ein, und ein sicheres Zeichen der Bortrefflichkeit Chilf's war die Zuneigung, die die Kinder im Hause dort zu ihm faßten. Da habe ich ihn Abends sitzen sehe», wenn Joachim spielte, den Frau von Kendell begleitete. Seine Füße gingen vom Stuhle kaum auf den Fußboden herunter. Die Aufmerksamkeit, mit der er behandelt wurde, ließ die übrigen Anwesenden empfinden, welcher Werth auf den kleinen Mann gelegt werde, der still beglückt sich ruhig auf seinem Platze hielt. Als Joachim zum letzten Male nach Budapest ging, suchte er Chilf auf, um ihm ein Billet zu seinem Concerte^zu bringen. Aber er sah ihn nicht, denn eine Brustkrankheit machte ihn bettlägerig. Bald darauf starb er. Seine letzte Stellung war die eines Lehrers in einer Mädchenschule gewesen. Sein Schülerinnen hingen an ihm. „Ich unterrichtete", schrieb er mir im November 1897, „tm hiesigen Mustergymnasium und habe meine Schüler recht lieb. Gegenseitiges Zutrauen verbindet uns, und es träumt sich so gut in die selige Kinderzeit zurück." Ich empfand einen Drang, über das kurze Leben des jungen Mannes einige Worte niederzuschreiben. Ende December 1899. Hermann Grimm. Die Conferenz der in Palästina arbeitenden jüdischen Vereine. Von einem Theilnehmer. Vor mehr als Jahresfrist tagten in Paris die Vertreter der Chowewe Zion von Westeuropa. Eine Anzahl concreter Fragen mußte besprochen werden, zugleich aber stellte man fest, daß um die Thätigkeit dieser Vereine neu zu beleben, ein starker Anstoß von außen geboten war. Trübe genug sah es damals um die weitere Entwicklung der Colonisation aus. In Europa bekämpfte der Herzlismns die Fortführung der gegenwärtigen Colonisation, machte die Z'vnisten den Vereinen abspenstig und störte andererseits die Arbeiten in Palästina durch sein Geschrei, das die türkische Regierung zu immer neuen Verschärfungen der Maßregeln gegen die Juden bewog. In den Colonien selbst machten sich thörichte Hoffnungen geltend auf die mit so großem Tamtam in Scene gesetzte Colonialbank rc. und hinderten die Colonisten, den Ernst der Situation energisch ins Auge zu fassen. Der Verkauf der Producte dieser Colonien ging auch nicht, wie man gehofft hatte, und dieser Mißerfolg verbreitete in vielen Kreisen Muthlofigkeit, obzwar bei einem so jungen Unternehmen gewisse Schwierigkeiten gerade in dieser Richtung unausbleiblich waren. Die Chowewe Zion ihrerseits waren in ihrer Arbeit behindert durch die stete Rücksichtnahme auf den Zionismus, durch die Furcht, von den Herzlisten als Friedensstörer verschrieen zu werden, und hatten deshalb seit zwei Jahren außer in Deutschland beinahe jede selbstständige Agitation unterlassen. Diese Rücksichtnahme ging soweit, daß man sogar das schon recht weit gediehene Project einer Agrar- und Jndustriebank in Palästina aufgab. als die Colonialbank Dr. Herzl's auf der Tagesordnung erschien, aber Dank fand man für diese zarte Rücksichtnahme weder bei den Herzlisten noch bei den eigenen Anhängern. Alle diese Momente erwogen die Delegirten in Paris und man beschloß, da von der zionistischen Partei für die Colonisation doch nichts zu erwarten war, in Zukunft wieder sebstständig activ vorzugehen, man reorganisirte das „Comite Central des Hobebe Sion" in Paris und man schuf eine Propogandacommission desselben in Berlin, die die Hauptaufgabe übernahm. Sofort nach Ablauf des Sommers trat die neue Organisation in Thätigkeit, die einzelnen Vereine fanden bald wieder engere Fühlung mit einander, und als nun das große Ereigniß in der Colonisation eintrat, das schon lauge seinen Schatten vorausgeworfen hatte, als der Baron Rothschild seine Colonien der Jewish Colonisation Association übergab, da machte sich -auch das Bedürfniß geltend, mit den anderen Vereinen und Körperschaften, welche in Palästina arb iten, Fühlung zu nehmen, und man berief die Conferenz, welche am 26. und 27. März in Frankfurt am Main getagt bat. Diese Vorgeschichte ist vielleicht nicht unwichtig zum Verständniß der Bedeutung, welche die Conferenz für die Colonisationsbewegung haben wird. In Frankfurt am Main tagten die Männer der praktischen Arbeit und diese Thatsache gab der Conferenz ihren Charakter. Obwohl oratorische Talente zur Genüge unter den Anwesenden waren, ich brauche nur Namen, wie Dr. Hildesheimer, Dr. H o r o w i tz, Dr. Werner, Bernard L a z a r e zu nennen, so verzichtete man doch allseitig darauf, rednerische Lorbeeren zu zu ernten, man discutirte streng sachlich und gerade diese Sachlichkeit verlieh den Debatten ihr Gepräge. Denselben Charakter haben auch die Beschlüsse, in denen man sich von jeder nebelhaften Zukunftsmusik ferne hielt, und nur beschloß, was in der nächsten Zeit bereits als möglich erscheint. Daß trotz dieser weisen Selbstbeschränkung die Beschlüsse nicht allzu kleinlich sind, beweist zur Genüge die Thatsache, daß ihre Durchführung, von ihrer Wirkung in der Zukunft ganz abgesehen, sofort einigen hundert unserer Glaubensgenoffen im heiligen Lande Brod schaffen wird. Alle Beschlüffe aber sind so abgefaßt, daß sie innerhalb eines oder zweier Jahre verwirklicht werden können. Nicht weniger wichtig sind auch die Beschlüffe auf dem Gebiete des Schulwesens, die ebenfalls bald verwirklicht werden dürften. In principieller Beziehung am wichtigsten sind diejenigen Resolutionen der Conferenz, welche sich auf das Gebiet der industriellen Colonisation beziehen. Damit ist zum ersten Mal in den Kreis unserer Thätigkeit ein ganz neues weites Gebiet einbezogen worden, das man bisher zum Schaden der allgemeinen Verhältnisse vernachlässigt hat. Es besteht vielfach die Auffassung, daß Colonisation nur die landwirthschastliche sei. während doch die Förderung der Industrie und des Handels nicht weniger wichtig ist. Wohl haben einige Freunde Zions seit vielen Jahren für die letztere Auffassung in Wort und Schrift gekämpft, aber in die Praxis übersetzt ist dieser Gedanke zum ersten Male durch unsere Conferenz. Nach drei Richtungen hat man dieses Gebiet der Thätigkeit in Angriff genommen. Man hat eine Commission eingesetzt, welche nacheinander einen Bazar für den Fremdenverkehr in Jerusalem, dann eine Herrenkleiderfabrik, endlich eine Seifen- und Parfüm-Fabrik in das Leben zu rufen hat. Man hat ferner die Aufmerksamkeit der Jewish Colonisation Association auf gewisse landwirthschastliche Hilfsindustrien gelenkt und man hat drittens die Vorarbeiten beschlossen, welche eine planmäßige und gründliche Bearbeitung der industriellen Verhältnissen Palästinas erst ermöglichen sollen. Dieser letzte Beschluß ist vielleicht der wichtigste von allen und die Propagandacommission, der die Durchführung desselben anvertraut ist, hat keine leichte Aufgabe erhalten. Wohl haben wir von den Verhältnisse einiger Fabrikationszweige genügende Kenntniß, wie von den obengenannten, und können beurtheilen, ob dieselben in rationeller Weise ausgedehnt oder jüdischen Kräften neu erschlossen werden können, aber wir wissen so gut wie gar nichts von den Bodenschätzen Palästinas und Syriens, von der Möglichkeit, die Wasserkräfte zu verwerthen, von den Chancen großer Textilindustrien, sowie vieler anderer Erwerbszweige, ja wir wissen zur Z-it noch nicht einmal, unter welchen rechtlichen Verhältnissen die Ausbeutung solcher Bodenschätze, Wasserkräfte rc. vor sich gehen könnte. Diese Seite, die man die wissenschaftliche nennen könnte, wenn sie nicht zugleich so eminent praktisch wäre, klarzustellen, ist die neue, schwere, aber dankbare Aufgabe, welche der Propagandacommission überwiesen wurde, und welche dieselbe denn auch sofort in Angriff genommen hat. Von geringerer principieller Tragweite, aber von größerer materieller Bedeutung sind die Beschlüsse, welche die landwirthschaftliche Colonisation betreffen. Nach reiflicher Ueberlegung, nachdem ausgezeichnete Darlegungen über die Verhältnisse der Colonien Machnaim und Bnei Jehuda vorgetragen und sorgfältig geprüft wurden, hat die Conferenz beschlossen, an alle Vereine die dringende Bitte ergehen zu lassen, zunächst diese beiden Colonien ausgiebig zu unterstützen. Aus den-Zusicherungen, die von den verschiedenen Seiten gemacht wurden, dürfen wir die Hoffnung entnehmen, daß in diesem Jahr Machnaim, im nächsten Bnei Jehudah völlig selbstständig gemacht werden können. Besonders erfreulich ist, daß auch Wien sich an der Arbeit für Machnaim reichlichbet heiligt und weitere kräftigeBetheiligung zugesagt hat. Von durchgreifender Bedeutung werden die Beschlüsse über das Schulwesen in Palästina werden. Von allen Zeiten wurde anerkannt, daß dasselbe verbesserungsbedürftig sei. Da die sämmtlichen Schulen spontan aus localen Bedürfnissen heraus entstanden sind, so ist jedes System zu vermissen. Es gibt zu viel Mittelschulen mit fremden Sprachen und es fehlen die niederen Schulen, die erst das Fundament bilden müßten. Mit großer Energie hat sich die Conferenz, und zwar einstimmig für die Förderung des Hebräischen ausgesprochen. Die Wahl einer Commission, welche zunächst einen Plan für die Schulen schaffen soll,