Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 277 Nr. 15 Dr. Vlock's Wochenschrift. könnend! Je mehr man über den Ritualaberglauben nachdenkt, umso absurder und für unser Volk gefährlicher muß er erscheinen. Siciliens Maffia ließe sich kaum mit einer solchen Ritualsecte vergleichen. Den kulturellen, religiösen, medicinischen und juristischen Schandfleck von Kuttenberg kann nur eine energisch geführte sachliche Revision des Processes beseitigen." Die Affaire Avalen. Alle Bemühungen des unglücklichen Vaters, die von den Krakauer Felicianerinnen gewaltsam im Kloster zurückgehaltene minderjährige Michalina Araten wiederzuerlangen, sind bisher fruchtlos geblieben. Das Mädchen wurde bekanntlich von Krakau nach Podgorze, von da nach Stanislau entführt, und nun ist jede Spur derselben verloren gegangen. Es muß anerkannt werden, daß der Justizminister Frecher v. Spens- Boden, so weit es an ihm lag, nichts unterlassen hat, um dem schwergebeugten Vater zu seinem Kinde zu verhelfen. Die Staatsanwälte haben die gemessenen Weisungen, die ihnen vom Justizminister zukamen, ausgeführt, die Gerichte aber haben deren Anträge auf Erlassung eines Gerichtsbefehles zur Auslieferung abgewiesen. Wie hiebei vorgegangen wird, lehrt folgendes Decret, welches das Krakauer Landesgericht in Strafsachen dem Vertreter des Israel Araten, Prof. Dr. Josef Rosenblatt in Krakau, auf dessen Ansuchen um Gestattung der Einsichtnahme in die Acten zugemittelt hat: „Zahl VIII, 395/900 155 Herrn Prof. Dr. Josef Rosenblatt, Landesadvocat, Krakau. „Ohne die Frage zu entscheiden, ob Israel Araten in dieser Sache als Privatbetheiligier anzusehen, ob er der Vater (!) und ob er überhaupt als solcher zu betrachten ist, verweigern wir Ihnen die Einsichtnahme in die Acten in Angelegenheit der Michalina Araten, weil wichtige Gründe (!) dem im Wege stehen. — Ihre Vollmacht wird zur Kenntniß genommen." K. k. Landesgericht in Strafsachen Krakau, den 29. März 1900 Wawrausch m. p." Das Krakauer Landesgericht würde also auch dann, wenn angebliche wichtige Gründe, die nicht näher bezeichnet werden, der Einsichtnahme der Acten nicht im Wege stünden, die Erlaubniß hiezu erst davon abhängig machen, daß Israel Araten seine Vaterschaft beweise. Das Preßgesetz verhindert uns, an dieser interessanten Probe galizischer Justizpflege die entsprechende Kritik zu üben. Man wird es aber hiernach begreiflich finden, daß der unglückliche Vater der Verzweiflung nahe ist. Er will noch ein letztes Mittel versuchen und sich Sr. Majestät dem Kaiser zu Füßen werfen. Es ist aber zu befürchten, daß mittlerweile Michalina Araten außer Landes gebracht worden ist und erst nach den 27. Mai, an welchem sie ihr 14. Lebensjahr vollendet und damit ihre Religionsmündigkeit erreicht, zum Vorschein kommt. Das entführte Mädchen hat an die Oberin des Krakauer Klosters, eine geborene Gräfin P ot o ck a, einen flehentlichen Brief gerichtet, in welchem sie bittet, ihren Eltern wiedergegeben zu werden. Der Jammerruf des Kindes blieb unerhört. Wie könnte man auch Erbarmen von einer Frau erwarten, die auf die Bitte der todtkranken Mutter, sie wolle vor ihremTode ihr Kind noch einmal sehen, die herzlose Antwort gab: „Sie wird sie im Himmel Wiedersehen." Zur Interpellation im Herrenhause. In Beantwortung der Interpellation der Abgeordneten Dr. Zoll und Genossen im galizischen Landtag theilte der Regierungsvertreter mit, daß die Bezirkshauptmannschaft in Biala durch eine unklar und in allgemeinen Ausdrücken abgefaßte Weisung wegen der Nachforschung nach dem Verbleiben der Michalina Araten Anlaß dazu gegeben habe, daß diese Revision auch auf das Kloster in Kenty ausgedehnt wurde. Deswegen sei auch der Bezirkshauptmannschaft in Biala eine Rüge (?!!) ertheilt worden. Im Uebrigen wurde constatirt, daß der Gendarm, welcher der Revision im Kloster beiwohnte, in das Innere desselben nicht eingedrungen sei und daß der bei der Hausdurchsuchung anwesende Israel Araten, wie die Klostervorsteherin bestätigte, keineswegs den Anstand verletzt und sich auch nicht arrogant im Kloster genommen habe. Die Interpellation der Herrenhäusler Graf Tarnowski und Lammasch enthielt sonach einfache Lügen. Eine Krakauer Kloster-Affaire vor Gericht. Vor dem Krakauer Sttafgerichte fand kürzlich die Verhandlung gegen Bernard Jacob und Genoffen statt, welche die Neophytin Lea Jacob, die 19jährige Tochter des Hauptangeklagten Bernard Jacob, die aus Liebe zum Magistratsbeamten Swierczek und um denselben zu heiraten, in das Felicianerinnenkloster flüchtete und sich daselbst taufen ließ, wegen ihres Uebertrittes zum Christenthum mißhan lt haben sollen. Nach dem Anklageact wurde das Mädchen in einem Möbelgeschäfte von ihrem Vater Bernard Jacob und 15 anderen Personen überfallen nnd geschlagen. Der Vater des Mädchens wurde als Hauptangeklagter zu fünf Monaten Kerker verurtheilt, zwei seiner Genoffen erhielten zwei, bezw. drei Monate Kerker. Der angeklagte Möbelhändler, in dessen Geschäftslocal der Ueberfall stattfand, sowie dessen Frau wurden freigesprochen. Hermann Grimm über einen jüdischen Gelehrten. In der „Berliner Nationalzeitung" von Samstag, den 7. April 1900, schreibt Hermann Grimm unter der Ueberschrist: Der kurze Lebensweg des Professors Dr. Marc Chilf. Im Winter 1896—97, als ich über Raphael las, bemertte ich auf einer der vordersten Bänke, links am Fenster, eine kleine Gestalt, deren angestrengte Aufmerksamkeit sich mir allmälig bemerklich machte. Wie armselig zusammengeschoben er war, sah ich erst bei seiner Meldung. Er stellte sich mir als Dr. Marcus Chilf aus Ungarn vor und producirte ein Schreiben des Professors Weiß- Schrattenthal zu Preßburg, der ihn mir als seinen besten Schüler empfahl. Daß Chilf damals erst eben zwanzig Jahre alt geworden war, sah ihm gewiß Niemand an. Er hatte eine Stirn und eine Sprache, welche verriethen, viele innere Schicksale seien schon durch ihn hindurchgezogen, wie eine Armee, die ein Land aussaugt. Bucklige haben oft keine sichtbare Jugend, sie treten als alte Leute ins Leben. So lud ich ihn mehrfach, zum Essen ein und bemerkte, wie er in großer Zurückhaltung, immer jedoch in voller Gutmüthigkeit sich äußernd sich die Zuneigung derer erwarb, die mit ,'zu Tische saßen. Ich erfuhr, daß er auf ein Examen hin sogar schon das Recht besaß, sich Professor zu nennen. Heute, wo ick zum erstenmale sein wirkliches Alter erfahre, da er im 25. Jahre seines Lebens starb, erstaune ich über die Bescheidenheit und frühe Reife Chilf's, der, wenn er sprach, präcis und einfach und ohne Persönliche Ueberhebung seine Meinung vorbrachte. Daß er auf dem israelitischen Friedhofe in Budapest den 19. December 1899 (am Tage nach seinem Tode) begraben ward, überraschte mich, denn er hatte nichts Jüdisches in seinem Wesen. Er war der Sohn eines nicht mit Glücksgütern gesegneten Schauspielers. Niemand in seiner Familie begriff den Gang, den er bei seinen Studien einschlug. Er sprach mit mir einmal darüber, aber als liege das längst hinter ihm. Nach Berlin kam er mit einem Stipendium der Regierung. Es sei ihm, berichtete er weiter, eine Bibliothekarstelle in Budapest bereits zugesagt. Seine Absicht in Betreff einer Lebensarbeit sei, ungarische Dichter durch Uebertragung ins Deutsche außerhalb Ungarns bekannter zu machen. Sein Hauptstudium war deutsche Literaturgeschichte. Er hatte viel gelesen und ein richtiges Urtheil. Ich merkte bald wie werthvoll ein Schüler dieser Art Prof. Weiß-Schrattenthal gewesen sei. Das Studium der deutschen Literatur wirkt erhebend und veredelnd. Durch Goethe ist sie zu einer Höhe erhoben worden, die man heute noch bei weitem nicht allgemein genug empfindet. Es wird erst noch starker Schicksalswendungen bei uns bedürfen, bis die Macht unserer Dichter, die Menschheit über das Alltägliche emporzutragen, in vollem Umfange erkannt werden wird. Diesem von der Natur mißhandelten ungarischen Juden war der Adel derer mit zu Theil geworden, die, gleich ihm, im Umgänge mit Goethe und den Seinigen emporstreben. Chilf war an Existenzmitteln viel ärmer, als ich wußte. Aber er brauchte fast nichts. Er wohnte in Moabit in einem Hinterhause, dessen Fenster in den Garten gingen. Oft verschwand er auf längere Zeit, weil er krank war. Und doch hat er sicherlich in Berlin die schönste Zeit seines Lebens zugebracht. Ick machte ihn mit seinem Landsmanne Joachim bekannt, worauf sich dann zeigte, daß Musik ihm ein Hochgenuß war. Dieser konnte ihm nun oft verschafft werden. Dann wurde er Frau von Kendell von mir vorgestellt, der edlen Frau, die es in der Macht, Leute unmerklich in diejenige Luftschicht zu versetzen, die