Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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eeüc 276 Nr. 16 Or. Vloch's Dem hochgeehrten Herrn Victor Schwarz, Großgrundbesitzer, Vereins-Präsident p. t, Lidkowitz, Post Sedletz, Franz Josefs-Bahn. Hochgeehrter Herr! Mit Ihrem Briefe vom 20. März l. I. (raett Iste^ beliebten Sie mich in einer sehr freundschaftlichen, milden Art aufzufordern, mich der Juden in der Frage des Ritualmordes anzunehmen. Es ist dies nicht die erste Stimme aus Ihren Kreisen. Auf alle andern habe ich überhaupt nicht geantwortet, Ihnen antworte ich für den so freundschaftlichen Ton, mit dem Sie sich an mich wenden. Daß ich ein auftichtiger Freund Ihrer Nation bin, werdet Ihr selbst einsehen und ich gab hiefür in meinen Werken und meinen AeußerungeN genug Beweise. Bitte aber selbst freundlichst einsehen zu wollen, daß ich mich in diese Frage nicht einmischen kann, denn ich bin blos Dichter und es fehlen mir die liefern Eruditionen (erudice) begründet auf ersten Quellen und nur mit diesen kann man den verführten Massen (svedeneurn davu) imponiren und nicht mit dichterischen Fiktionen und Conceptionen. Für m i ch habe ich mein Urtheil, daß jede Beschuldigung des Ritual- '"Jlödsinnund Unverstand (dttistvi' a nejapnost, aber wissenschaftlich kann ich diese meine Ueberzeugung nicht begründen. So Manches habe ich hierüber gelesen, aber dies ist zuwenig und aus zweiter Hand mittelst Uebersetzungen. Der Schwerpunkt meiner literarischen Arbeit liegt anderwärts und ich darf meine Kräfte nicht zerstreuen, will ich das mir gesetzte Ziel wenigstens theilweise erreichen. Ich hoffe, daß Sie dies einsehen werden. Sie verlangen von mir, der neben seinem Amte an der Universität und an der Akademie nur noch die Nachtstunden für seine eigenen Arbeiten abstiehlt, Studium in dieser Richtung, das ist unmöglich. Es oberflächlich abzufertigen, kann ich und will ich nicht, für mich habe ich Klarheit in dieser Sache, aber womit man öffentlich auftreten will, das muß anders vorbereitet und begründet sein und das liegt außer meinem Berufe vollkommen. Der Rechtskundige, Sociolog, Arzt oder Philosoph sollen es unternehmen, ich kann darum nicht, well mir Alles fehlt, womit die Genannten schon ausgerüstet kommen können. Um meine Popularität fürchte ich nicht (minejäe). Ich habe um diese uie gesorgt, auch nicht als ich Eure Mythen und Sagen, Eure Dichter und Propheten paraphrasirte, auch nicht als ich die »Rabinska mondrost" (welche man nur darum am Nationtheater nicht aufführt, weil das Stück »für die Juden" ist) auch damals nicht, als ich »Lar Kochba"*) schrieb. Ich ging immer nur der reinen Wissenschaft nach. Mehr sagen kann ich nicht und ich hoffe, daß Sie als beurtheilender und rechtschaffener Mann mich begreifen und mir die Wahrhell zugestehen werden. Mll dem Ausdrucke vollkommener Hochachtung zu Ihnen verbleibe ich, Ihnen für die Zuneigung, die aus ihrem Briefe athmet, vom Herzen dankend Jar. Brchlicky. Prag, den 24. März 1900. Auch ei» Denkmal. Wie die „Radikälm Listy“ berichten, hat sich ein Comitä, att deffen Spitze der Polnaer Bürgermeister Herr Sadll steht, gebildet, um der ermordeten Agnes Hruza im Bkezina-Walde bei Polna ein Denkmal zu errichten. Die Agnes wird zweifellos noch eine Nationalhellige im böhmisch-katholischen Kalender. Die Bedeutung des Polnaer Verbrechens für den Ritualaberglaube. Von Professor T. G. Masaryk. Berlin, Verlag v on H. S. Herrman. *) Bar Kochba ist die neueste, große, epische Dichtung dieses böhmischen Heros, behandelnd die Blüthezett des geschichtlichen Judenthums. Wochenschrift. Unter jenen Männern, die es sich zur Aufgabe gestellt haben, die Bevölkerung über die Polnaer Agitation aufzuklären, nimmt der Prager Universitätsprofefsor Masaryk die hervorragendste Stelle ein. Man weiß, mit welcher Unermüdlichkeit er die Facten zusammengesucht und zusammengestellt hat, aus denen sich die Nothwendigkeit einer Revision des seinerzeit vor dem Kuttenberger Schwurgericht durchgeführten Processes ergibt. Weder die erbärmlichen Angriffe einer lügnerischen Hetzpresse, noch die bübischen Demonstrationen unreifer Studenten konnten ihn von seinem Kampfe gegen die Verbreiter des Ritualmordmärchens abschrecken. Wiederholte, an Ort und Stelle vorgenommene Studien, Berathungen mit hervorragenden medicinischen und juristischen Gelehrten, schließlich eingehende Forschungen auf dem einschlägigen Gebiete führten den Gelehrten zu dem Schluffe, daß das Urtheil, welches in Kuttenberg gefällt wurde, der Revision bedürfe. Ohne Leopold Hilsner auch nur im Geringsten vertheidigen zu wollen, hat Professor Masaryk bereits zu wiederholten Malen seiner Meinung über den Proceß öffentlich Ausdruck gegeben. Nunmehr hat Masaryk alle seine diesbezüglichen Studien in einem bei H. S. Hermann in Berlin erschienenen Buche vereinigt, welches den Titel führt: »Die Bedeutung des Polnaer Verbrechens für den' Ritualaberglauben." Das Schlußresultat der Arbeit aber läßt sich wieder in jene Worte zusammenfassen, welche Masar y k seinerzeit den demonstrirenden Studenten, die ihn nicht zu Worte kommen ließen, auf die Tafel geschrieben hatte: Der ganze Polnaproceß und seine Ausbeutung von clericaler und antisemitischer Seite ist ein Attentat gegen den gesunden Menschenverstand und gegen die Menschlichkeit. Masaryk's literarische Kritik des Polnaer Processes beginnt mit einigen Capiteln streng medicinischen Inhalts. In allgemein verständlicher Weise widerlegt zunächst der Verfasser die bekannten Ausführungen der Kuttenberger Sachverständigen und deckt schonungslos die zahllosen Widersprüche auf, von denen die seinerzeit im »Deutschen Volksblatt" erschienene »Antwort" der Polnaer Gerichtsärzte auf M a s a r y k's Broschüre: »Die Nothwendigkeit der Revision des Polnaer Processes" wimmelt. Es wird da unter Anderem der stricte Beweis geführt, daß die Erklärung der Aerzte bezüglich der Krümmung des Körpers der Hruza unmöglich ist, es wird nachgewiesen, daß die Behauptung, der Halsschnitt sei mit einem Schächtmesser geführt worden, unsinnig ist, es wird ferner an der Hand der Obductionsprotokolle auf die ganz eigentümliche, willkürlicher Interpretation freiesten Spielraum einräumende anatomische Philologie der Gerichtsärzte hingewiesen. In dem nächsten Capitel, welches sich mit der angeblicyen Ausblutung der Leiche beschäftigt, weist Professor M as a r y k auf Grund seiner medicinischen Beobachtungen, welche übrigens aus M a s a r y k's früheren diesbezüglichen Arbeiten in ihren Grundzügen bekannt sind, nach, daß von einer durchdachten Blutentleerung nicht die Rede sein könne. Und hier wirft der Verfasser die inhaltsschwere Frage auf, ob man es im Falle Hruza am Ende nicht mit einer Simulirung des Ritualmordes zu thun habe? Der weitere Abschnitt dieses Capitels verdient es, vollinhaltlich citirt zu werden. Es heißt da: »Peinlich und niederdrückend wirtt die Einsicht, die mir die Kritik des Processes in unsere böhmisch-österreichischen Verhältnisse im Allgemeinen, in die Sittlichkett und die Bildung der Bevölkerung, der Juristen, Richter und Aerzte und besonders auch der Journalistik verschafft hat. Letzteres fühle ich, selbst Schriftsteller und Journalist, sehr schwer. Die allgemeine Aufmerksamkeit ist jetzt der politischen Misöre meines engeren und weiteren Vaterlandes zugewendet; die Kritik des Polnaer Processes belehrt mich darüber, daß die politischen Zustände in inniger Wechselbeziehung stehen zu den weiteren socialen Verhältnissen. Wie unsere Politik, so sind alle unsere Verhältnisse beschaffen. Als Sociologe muß ich allerdings diesen innigen Consensus von vornherein annehmen und ihn deduciren; aber hier habe ich ihn in einem concretem Falle in all' seiner Fülle und ganz lebendig erfassen können und müssen ... Während meiner Arbeit ist es mir immer klarer und klarer geworden: Der Ritualaberglaube ist geradezu eine Anklage gegen das böhmische Volk. Die Juden Böhmens und der böhmischen Länder überhaupt (das bestätigen mir gebildete und sehr kritische Kenner des Judenthums) gehören zur Elite nicht nur des österreichischen, sondern des Judenthums überhaupt — wie kann man ihnen den barbarischen Ritualmord imputiren! Und wenn diese so gebildeten und moralisch hochstehenden Juden Böhmens wenn auch nur eine Ritualmordsecte in ihrer Mitte hätten, wie barbarisch müßten da nicht die allgemeinen Culturzustände von uns Christen sein, in denen eine solche Secte sich hätte entwickeln und. erhalten