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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Date
1900-04-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Dr» Bloch's WochrnfchriK- Seite 275 Die Dinge sind heute leider schon so weit gediehen, daß man die Frage aufwerfen muß, ob die Hetzer und die Verhetzten der Regierung mehr Glauben schenken werden, als jenen erleuchteten Päpsten, die gegen die Blutlüge auftraten und deren höchste Autorität Herr Schneider mit dem Zwischenrufe abzüthun suchte, daß sie ihre menschenfreundlichen Bullen, ebenso wie etwa Herr Vergant seine Pauschalien-Artikel gegen Bezahlung niederschrieben. An diesem einzigen Zwischenrufe mag man ermessen, zu welcher Erschütterung nicht des jüdischen, sondern des christlichen Glaubens bereits die Ritualmordhetze geführt hat. Das Ministerium Koerber ist nicht verantwortlich für die Unterlassungssünden seiner zahlreichen Vorgänger. Wir wissen es ihm Dank und rechnen es ihm zu hohem Verdienste an, daß es nicht gesäumt hat, sein Bedauern über die Ritualmordhetze, gerade an jener Stelle auszusprechen, wo durch die unverantwortliche Pflichtvergessenheit des Landmarschalls vor wenigen Tagen erst der brutalste und niedrigste aller Angriffe gegen die Juden erfolgt ist. Die optimistische Auffassung der Regierung freilich, daß die fortschreitende Aufklärung der Wirkung derartiger Wühlereien ein Ziel setzen werde, können wir nicht theilen. In unserem lieben Oesterreich schreitet nicht die Aufklärung, sondern die Finsterniß, nicht die Erleuchtung der Geister, sondern ihre Verdummung vorwärts, und fürwahr, man müßte lange warten, wenn man von dem freien und natürlichen Spiel der Kräfte allein den Sieg der Vernunft und der Menschlichkeit erhoffen wollte. Das scheint auch die Regierung zu fühlen, denn sie ist der Aufforderung des Abg. Dr. Ofner, die Ausstreuer solcher Gerüchte zur Verantwortung zu ziehen, wenigstens formell nicht aus dem Wege gegangen. Daß sie die Verpflichtung zu solcher Verfolgung anerkennt, daß sie zugibt, über gesetzliche Repressionen gegen die Hetzer zu verfügen, geht aus den Worten des Statthalters hervor. Mit sehr verständlicher Anspielung auf jeneer bärmliche Feiglinge, die das Gewerbe der Verhetzung unter dem sicheren Schutze der Immunität betreiben, bedauert sie, daß durch die geltenden Gesetze der Verfolgung dieser Leute gewisse Grenzen gesteckt sind. Diese Grenzen bestehen thatsächlich, soweit es sich um Aeußerungen in der parlamentarischen Körperschaft handelt. Aber gerade an dieser Stelle vermissen wir — und diesmal ist das Bedauern auf unserer Seite! — ein Wort der Zurückweisung oder Zurechtweisung gegen jenen Mißbrauch der parlamentarischen Amtsgewalt, deren sich der Landmarschall von Niederösterreich mit der Zulassung des Antrages Schneider und auch früher schon mit der Duldung feiger Beschimpfungen gegen die Juden schuldig gemacht hat. Es hätte das Gewicht der Regierungserklärung wesentlich erhöht, wenn diesem blinden Werkzeuge der clerical-antisemitischen Majorität die Augen über den Umfang seiner Befugnisse geöffnet worden wären. Das ist der eine empfindliche Mangel in der Enunciation des Statthalters. Der zweite, noch wesentlichere, tritt in dem Schlußsätze zu Tage, in welchem die Regierung betont, daß sie „in jedem einzelnen ihr zur Kenntniß gebrachten Falle" die bestehenden Bestimmungen auf das Schärfste und Nachdrücklichste zur Anwendung bringen werde. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der römische Papst und die Wiener Christlich-Socialen' Ist der Papst unfehlbar oder ist er einer jüdischen Bestechung zugänglich? Diese Frage müßte sich heute jeder Katholik vorlegen, angesichts der Constatirungen, welche Herr Ernst Schneider rm niederösterreichischen Landtage vom 6. April 1900, ohne Widerspruch bei seinen Parteigenossen zu finden, vorgenommen hat. Dr. Ofner und Genossen haben an den Statthalter die Anstage gerichtet, ob die Regierung geneigt ist, die gemeinschädliche Verhetzung der Blutlügner einzudämmen und die Urheber der Umtriebe welche noch jederzeit straflos blieben auf das Schärfste zu beaufsichtigen? Die Interpellation erwähnt, daß die lügnerische Blutbeschuldigung gegen die Juden in den Bullen der Päpste Jnnocenz IV., Gregor X., Martin V., Michael IV. und Paul 111., von vielen theologischen Facultäten, namhaften Kirchenfürsten und ausgezeichneten christlichen Gelehrten als Lüge erklärt worden. Da rief der Herr Abgeordnete Ernst Schneider dazwischen : „Weil 's a Geld braucht haben, die Päpste". Auch als der Statthalter in seiner Antwort vom 11. April 1900 der „obersten Autoritäten der römisch-katholischen Kirchen" erwähnte, rief Ernst Schneider dazwischen: „Gegen Bezahlung". Eine Zurechtweisung erfuhr Herr Schneider weder von dem Landmarschall noch von seinen Parteigenoffen. Es bleibt also bei dem, was Herr Schneider gesagt hat. Nur die antisemitischen Blätter haben sich nachträglich einigermaßen besonnen und haben diesen Zwischenruf Schneider's anfänglich unterschlagen. Allein nicht b;os alle andern öffentlichen Blätter, sondern auch die anwesenden Abgeordneten und zahlreiche Zeugen von der Gallerie bestätigen übereinstimmend die Worte Ernst Schneider's. Wir haben nichts hinzuzufügen, als daß dieser Ernst Schneider heute einer der ersten Führer ist der Wiener christlichsocialen Partei. Kirchenrath Professor Stade und das Judengeld. Der Geheime Kirchenrath Professor Bernhard Stade in Gießen hatte kürzlich in einem Briefe an einen Rabbiner gegen das Märchen vom jüdischen Ritualmorde energisch Stellung genommen. Kürzlich richtete Stade an das „Berliner Tageblatt" folgende Zuschrift : „Daß ich den Versuchen unwissender Menschen entgegengetreten bin, die jüdische Religion für abergläubische Praktiken verantwortlich zu machen, die man einzelnen Juden nachsagt, ohne die Nachrede je beweisen zu können, hat mir außer anderen duftigen Aufmerksamkeiten das folgende anmuthige Bekenntniß einer schönen Seele in Gestalt einer anonymen Postkarte verschafft. Ich bitte, wollen Sie es durch Abdruck niedriger hängen, damit man sieht, weß Geistes Kind diese edlen Ritter von der traurigen Gestalt sind, deren Verstand, wie es scheint, zu der Ueberlegung nicht ausreicht, daß man mit demselben Rechte der christlichen Kirche und Lehre zur Last legen könnte, was von der Verwendung von Kinderblut bei der „schwarzen Messe" erzählt wird." Die anonyme Postkarte ist aus Hannover datirt und beschuldigt den Geheimen Kirchenrath Stade, Geld von den Rabbinern erhalten zu haben. Dr. Engel über die Ritualmordfrage. Der Obmann der beiden czechischen Abgeordnetenclubs Herr Dr. Engel sprach in Beneschau am 8. Nachmittags vor seinen Wählern aus der V. Curie. Fabrikant M. Steindler, Vorsteher der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, ein geschätzter Industrieller, welcher auch in seinem Wirken als Stadtrath und Bezirksausschuß, Handelskammerrath, sich allgemeiner Anerkennung erfreut, interpellirte den Abgeordneten Dr. Engel wegen des Verhaltens der Junzczechen zum Polnaer Morde und befragte ihn, wie er sich zu dem grassirenden Blutaberglauben stelle. Einzelne Stimmen in der Wählerversammlung protektirten gegen diese Anfrage, allein Herr Steindler erklärte, daß dieser Aberglaube zur Verdummung des Volkes beitrage. Dr. Engel antwortete präcis und klar mit dem Ausdrucke der innigsten Ueberzeugung. Abg. Engel sagte mit Bezug auf den Polnaer Mord : Eine solche Fabel aus dem Mittelalter glaube ich nicht. Jüngst haben Katholiken einer Leiche die Hand abgeschnitten und geglaubt, nun würden sich alle verschlossenen Thüren vor ihneu öffnen. Gewiß ist Niemandem eingefallen, zu glauben, daß es unter den Christen eine Secte gibt, welche zu solchen Zwecken Leichen brauchen würde. Geradeso unsinnig ist es zu glauben, daß Juden Christenblut brauchen. Der Dichter Jaroslav Brchlicky gegen den Blutaberglauben. Der Dichter Jaroslav Brchlicky, deffen Büste im böhmischen Nationalmuseum bei seinem Leben ausgestellt wurde, äußerte sich auf eine Anfrage über den Blutaberglauben mit folgendem Schreiben:

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