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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Date
1900-04-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 274 Dr. Blocht MochenschrM Nr. 15 vorurthettslvser Gesinnung gab, indem er die Organe der Staats-- verwaldmg anwies, ihre .Entscheidungen in allen Fällen mit vollster Sachlichkeit und strengster Gesetzlichkeit zu treffen. Be- . ruhigung zum Zwecke des kulturellen Fortschritts und der materielle» Wchlfahrt — wer hatte dieser Parole n cht freudig zugestimmt? Und fürwahr, wir Juden zuerst hatten volle Ursache zu solcher Zustimmung, waren doch die Enunciationen der neuen Regierung der erste Hoffnungsschimmer, der die lange Nacht unserer Leiden erhellte! Auf den Friedensruf des Ministers durften, ja mußten w i r m i t dem Ausdrucke unserer tiefen F r i e d e n s s e h-n- .. sucht antworten. Denn das Schicksal unserer Glaubensgenossen ist enge verschwistert mit dem Schicksal des Staates, und unter den Wunden, die uns geschlagen werden, blutet auch das Vaterland. Ein Mitglied des Cabinets K o e r b e r war es, das die allgemeine Verhetzung als den „inneren Feind" bezeichnet hatte. Die allgemeine Verhetzung — darunter war ja ueben der nattonalen und socialen Verhetzung auch die c o nfessiö uellezu verstchen! Es ist schwer, die Scheidelinien zwischen der einen und der anderen zu ziehen. Der Judenhaß wurM ja zum großen Theile auch in den Borurtheilen der Race und in wirthschaftlichen Mißständen. Den nationalen Hader besänftigen und die konfessionelle Hetze bestehen lassen, hieße das Feuer im Erdgeschoß dämpfen, den Dachstuhl aber den Mammen preisgeben. Die Antwort nun, die der Ministerpräsident der Deputation der „Oesterreichisch - Israelitischen Union" ertheilte, bringt eine peinliche Ueberraschung. /Ja ganz unvermittelter Weise wird darin die Wiener Frage mit der Judenfcage, oder sagen wir besser, mtt der Frage der Rechtsgleichheit im Zusammenhang gebracht^ und den Juden ein Antheil an der momentanen Verlegenheit^ in welche die Regierung durch den Austritt der fortschrittlichen Gemeinderäthe gerathen sein mag, zugemessen, j Der Ministerpräsident spricht von einer Verschärfung der Gegensätze, einer Wiederentfachung des Kampfes, wie wenn die Juden hiefür verantwortüch wären.^Jm Wiener Gemeinderäthe saßen sechs jüdische Gemeinderäthe. Man wird doch nicht im Ernste glauben, daß diesen sechs Herren ein bestimmender E influß auf die Entschließungen des fortschrittlichen Parteiverbandes, der 42 Mitglieder zähtte, zustand? Hätten vielleicht die sechs jüdischen Gemeinderäthe sich gegen den Clubzwang und gegen den Willen der Wählerschaft auflehuen, hätten sie ihre Mandate behalten sollen? Wir können nur eine solche Eventualität denken, wenn es sich um eine große Frage des Rechtes, der Gewissensfreiheit, des kulturellen Fortschrittes handelte, wenn die Liberalen christlicher Confeffion die Grundsätze des Liberalismus verleugnet hätten! Aber man kann doch den sechs Juden nicht im Ernste zumuchen, daß sie, gerade sie, mit ihren geschworenen Feinden - hätten pacttren sollen, während die christlichen Liberalen einen solchen Pakt für unwürdig hielten. Man denke nur, welche Rolle die sechs jüdischen Dissidenten in einer Körperschaft gespielt hätten, welche die Mittheilung von dem Austritte der Oppofiüon mit dem Jubelrufe: „Endlich judenrein!" begrüß^/ Mtt Hohn und Spott, mit Schimpf und Unglimpf wären sie überschüttet worden, ohne daß ihr Verbleiben an der thatsächlichen Wirkung des Mandatsverzichtes ihrer Genoffen etwas ge* ändert hätte. Nein, die jüdischen Gemeinderäthe trifft fürwahr kein Berschulden einer etwaigen Verschärfung der Gegensätze und es ist unbMg, ihnen aus ihrer Parteitreue einen Vorwurf zu machen. Wir wiffen die Schwierigkeiten wohl zu würdigen, die sich Herrit v. Koecher in der-Ausführung seines Programmes in den Weg stellen. Aber aus dem engen localen Gesichtspunkte der Vorgänge im Wiener Gemeinderäthe ist das schwere Uehel, an dem Oesterreich krankt", nicht , zu heile»? Es gibt dafür nur ein.einziges, aber Untrüglichwilksamrs Receptdie Erziehung aller Faktoren im Staate zur Achtung vor dem Gesetze! In diesem Bemühen Wird Herr v. Koerber jederzeit auf die eifrige Mithilfe unserer Glaubensgenossen rechnen können. Die alte Fabel aber, daß das Lamm dem Wolfe das Wasser trübt, glaubt Niemand mehr. ~ . Israel feiert morgen das Pesachfest, den Erinnerungstag der Befreiung aus Bedrückung und Knechtschaft. Wohl erneuert vor unserem Geiste dieses Fest auch düstere Bilder blutiger Verfolgung, unversiegbar ist aber auch der Quell des Trostes und der Erhebung, die wir daraus schöpfen. Und wie wir vor Jahrtausenden aus eigener Kraft, nur unter Gottes mächtigem Schutze, den Weg zur Freiheit gefunden, so werden wir auch jetzt, im Vertrauen auf die Gnade des ewigen Gottes, nur durch uns selbst zur Erlösung gelangen. Die Knechtschaft, in die man uns heute zwingen will, ist tausendmal schlimmer als die der Egypter und selbst. als jene, unter der noch unsere Väter seufzten; denn seither sind wir umso empfindlicher für jede Demüthigung und Mißhandlung geworden. Aber auch unsere Waffen sind schärfer geworden, denn wir heben sie gehärtet und gestählt an den lodernden Feueressen des menschlichen Fortschrittes. Und aus der Gluth dieser Essen leuchtet uns noch immer Gottes Wort entgegen : „Ich bin der Ewige, Dein Gott, der Dich herausgeführt hat aus dem Lande Mizraim." Gin Memorandum des Wiener isr. CultusvoWandes - und die Enunriation des n-ö. Statthalters vom 11. April 1900. Wie wir erfahren, wurde die in der außerordent-- lichen Plenarversammlung des Cultusvorstandes am 4. April l. I. beschlossene Eingabe betreffend die. Vorgänge im n. ö. Landtage am 3/- d. M. dem Minister-Präsidenten, sowie dem Justiz-Minister überreicht. Die Eingabe enthält den Hinweis auf zahlreiche Vorkommnisse des letzten Jahres und verlangt in dringender Weise Präventivmaßnahmen zum Schutze unserer Glaubensgenossen insbesonders auf dem Lande. Und so ist denn endlich ein klares, scharfes, entschiedenes Wort der Staatsregierung erfolgt gegen die fluchwürdige Bluthetze und deren Urheber. Was in Ungarn schon vor zwanzig Jahren geschehen ist, was in Deutschland anläßlich der Xäntener Affaire erfolgt ist, dazu hat man sich nunmehr auch in Oesterreich entschlossen-! , , Freilich erst, nachdem eine zügellose Agitation, eine beispiellose Aufreizung der Bevölkerrng unsägliches Unheil heraufbeschworen, nachdem die parlamentarische Tribüne geschändet, die' heilige Stätte der Rechtsprechung entweiht, das Ansehen des Staates nach Außen- und seine-Autorität im Innern schwer geschädigt worden, war. Ströme von Thränen des Zornes und des Schmerzes mußten erst fließen, der Aufschrei unschuldig Verfolgter mußte erst gegen Himmel dringen, Leben und Eigenthum -der treuesten Bürger dieses Reiches mußten erst bed-roht werden, ehe das Verdammungsurtheil ausgesprochen wurde über die Frevler und ihre Frevelthat. Es ist ein entschiedenes Wort, das der Statthalter in Beantwortung der Interpellation des Abgeordneten. Doktor Ofner gesprochen,-aber es ist noch kein entscheidendes. Der Statthalter beruft sich auf das Zengniß der hervorragendsten christlichen Kenner der jüdischen Religion und Literatur und der obersten kirchlichen Autoritäten, die betheuert haben, daß weder, in. der jüdischen Glaubenslehre noch im jüdischen Schriftenthum der rituelle Christenmord irgendwie begründet oder geboten wird. . :

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