Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 270 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 14 Emund P l a ch t e, Mar Storch, Leopold Singer, Josef Lieber mann, Anton Wohlmuth, Leopold Rosenberg als Vorstandsmitglieder gewählt. Die Generalversammlung, welche die 24. Jahreswende feierte, war zahlreich besucht. Herr I. F l e i s ch m a n n, der die Leitung der Gemeinde bei deren Gründung übernahm, verstand es durch zielbewußte Energie und rastloser Thätigkeit, dieselbe gedeihlich, zu entwickeln. Die Bezirksgemeinde die bei ihrer Constituirung 30 Mitglieder zählte, umfaßt heute über 250 zahlende Gemeindeglieder und war es stets ein festes und inniges Band der Eintracht und Zusammengehörigkeit, welches dieselben umschloß. Mit dem eiumüthigen und aufrichtigen Wunsche, möge es die gütige Vorsehung nach lange, lange gestatten, in der geachteten Person des Herrn F l e i s ch m a n n den Führer der Gemeinde besitzen zu dürfen, schloß die Versammlung. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Die frische Winterluft schien insoferne günstig auf Nckolauer einzuwirken, als der Weinrausch sich nach und nach zu verflüchten begann, und er jetzt schon etwas zusammenhängender sprechen konnte. „S)er Teufel werde aus dem verrückten Menschen klug! Ich hatte mich ihm, wie Ihr wißt, nur zur Hinausfahrt verdungen, ich bin ja ein ehrlicher Kerl und Hab ja Euch, Herr Klein, zugesagt. Euch heute nach Neuhof zu fahren. Ich ließ Euch ja durch meine Alte sagen, daß ich Euch um 9 Uhr Abends holen wüicke, da hätte ich ja längst schon vor Euerer Hausthür stehen können, wenn mich der Lieutenant nicht mit Gewalt zurückgehalten hätte." Während des Sprechens waren bei Nikolauer die Folgen des Rausches fast ganz verschwunden und als einziger Rest war ihm nur noch eine große Schwatzhaftigkeit, das Bedürfniß, sich mitzutheilen, zurückgeblieben und er fuhr mit großer Ausführlichkeit fort: „Ich hatte den Auftrag, ihn Schlag fünf Uhr von seiner Wohnung, dem Hause des Bürgermeisters, abzuholen. Ich kam pünktlich, fuhr schnell wie der Teufel und setzte ihn Schlag sieben Uhr in Posewitz ab. Als er aus dem Wagen stieg, nahm ich, wie es sich schickt, hübsch manierlich meinen Hut ab, und streckte die Hand aus, wie ich das so gewohnt bin, weil ich erwartete, er werde mich, wie jeder solide Fahrgast, beim Aussteigen bezahl«». Aber der Mensch machte Augen, als wolle er mich lebendig mit Haut und Haaren verschlingen und gröhlte mich mit einer Stimme an, als ob ich stocktaub wäre und tausend Schritte von ihm entfernt stünde." „Geld willst Du? Hundeseele! Nichts bekommst Du jetzt — Du mußt hier bleiben, wär' mir grad recht, wenn Du mir die schöne Jüdin — da meinte er Sie, Jungfer Sara — wegführen wollest, dagegen kriegst Du statt eines Thalers zehn Ducaten Fuhrlohn!" „Dabei zog er eine Handvoll Goldstücke — wie ich später in der Bedientenstube hörte, hatten alle Ofsiciere des Spiels wegen Goldstücke mitgebracht — und ließ sie im Scheine der Pechfackeln, die im Hofe brannten, vor meinen Augen glänzen, und das hatte mich seine vermaledeiten Flegeleien ganz vergeffen laffen und ich sagte ganz erfreut: Wenn Sie, Euer Gnaden, Herr Baron, befehlen, muß ich halt gehorchen." „Uebrigens hätte Widerspruch auch nichts genutzt," fügte er, sich entschuldigend, hinzu, „denn auf Befehl des Lieutenants spannten die fürstlichen Lakaien mein Pferd aus, führten es in den Stall, mich in das Bedientenzimmer, wo viele fremde Diener, Reitknechte, Kutscher und Dienstleute an langen Tischen saßen und reichlich bewirthet wurden." „Ist das Fest zu Ende? Ist Baron Hornek noch in Posewitz?" trug Michael. „Das Fest ist nicht zu Ende, und der Baron ist nicht mehr in Posewitz," erwiderte Nikolauer, der jetzt schon vollkommen nüchtern war. „Ich habe, weil er mich dort zurückgehalten, geglaubt, daß er meinen Wagen bei der Rückfahrt benützen würde und war daher nicht wenig erstaunt, als um 9 Uhr doch Martin Tuschek, der Officiersdiener des Lieutenant Hornek, angeritten kam und auch das Pferd seines Herrn mitbrachte. Ich erschrack, Lieutenant Hornek, den hier in W. Jedermann von Kindheit auf kennt, ist ein gewaltthätiger Mann, und wenn mir jetzt Jemand für die versprochenen zehn einen einzigen Ducaten gegeben hätte, wäre ich in Gott froh gewesen. „Nur eins war mir auffallend. Martin Tuschek, eine ehrliche Haut, der sich das Leben verwünscht, weil er dem Lieutenant als Diener zugetheilt ist, sagte, er müsse nach dem Befehle seines Herrn sofort nach W. zurückreiten. Warum wollte der Lieutenant den weiten Weg in der Nacht allein zurückreiten? „So vor einer Stunde kommt der Lieutenant in den Hof herunter und läßt mir befehlen, gleich anzuspannen; das war bald geschehen, und ich warte mit meinem Wagen auf dem Hofe. Aber der Lieutenant schwingt sich auf sein Pferd und befiehlt mir, ihm langsam nach dem einschichtigen Wirthshause „zum goldenen Bären" nachzufahren. Ich Ihn das. Dort angekommen, finde ich ihn vor dem Hausthore neben seinem Pferde stehen. Im ersten Augenblicke Hab ich ihn gar nicht erkannt, er hatte die Uniform abgelegt und trug die Uniform eines Försters. „In der Nähe des Hauses standen drei Männer in weite Mäntel gehüllt, die Mützen tief ins Gesicht gedrückt, und hielten sich im Schatten des Hauses, als wollten sie nicht erkannt werden. Zuerst glaubte ich, daß sie nicht zum Baron Hornek gehörten, aber dann rief er einzelne Worte hinüber und erhielt Antwort. „Ich werde nicht fahren," sprach der Baron, „aber Du sollst statt der versprochenen zehn, zwanzig Ducaten bekommen, wenn Du zu Fuß nach W. gehst, und mir Deinen elenden Karren und Deine Schindmähre bis morgen zurückläßt. Du mußt mir dieses Packet mit»»ehmen," fuhr er fort, „es enthält meine Uniform, Du mußt mich vor der Stadt beim Mauthhäuschen erwarten. Ich werde dort wieder meinen Anzug wechseln und wieder die Uniform anlegen. Hier hast Du zehn Ducaten, die zweiten zehn Ducaten bekommst Du, sobald Du mir das Packet übergibst — habe auf das Packet Acht, es enthält meine Uniform. Du hast, wie ich fürchte, mehr getrunken als Du solltest, wenn Du meine Kleider verlierst, renne ich Dir den Degen durch den Leib — und jetzt marsch, vorwärts!" „Was wird denn mit meinem Wngen und meinem Pferde geschehen?" hatte ich verwundert gefragt. „Das geht Dich gar nichts an," hatte er zornig geantwortet, „wenn der Karren zerbricht und die Schindmähre crepirt, bezahle ich Dir den zehnfachen Werth," .... dann aber nach kurzem Bedenken fügte er hinzu: „Wenn Du gar so neugierig bist, will ich Dir's sagen: ich erwarte auf der Landstraße eine Person, mit der ich eine Lustfahrt zu machen beabsichtige!" „Ich empfahl mich und ging meiner Wege. Ich will's Ihnen nur ganz offen gestehen, der Baron Hornek hat nicht ganz Unrecht gehabt, es kam von der fürstlichen Tafel viel Wein ins Bedientenzimmer herunter, und so herrliches Getränke Hab' ich selbst gespürt, daß ich die Zügel meiner fünf Sinne nicht ganz fest halte. Ich habe gefürchtet, geträumt zu haben, oder im Rausche die Sachen nicht recht gesehen und gehört zu haben — aber jetzt bin ich durch den Gang in der frischen Nachtluft wieder ganz nüchtern, und ich habe ja die zehn Ducaten in meiner Westentasche," er zog sie aus derselben, „und ich stehe ja da ohne meinen Wagen, meinen Braunen und meiner Peitsche, und habe hier das Packet, das die Lieutenantsuniform enthält, unter dem Arme, also Hab' ich nicht geträumt und habe noch Aussicht, zehn Ducaten zu bekommen." Nikolauer machte eine kurze Pause. Er hatte vollkommen Recht, er war vollständig ernüchtert, und die Begebnisse der letzten Stunde traten mit vollständiger Klarheit und in richtigem Verständniß in sein Bewußtsein, er schlug sich plötzlich mit der Hand vor die Stirne und schrie: „Sakkerment hinein! Da Hab' ich was Schönes angestellt. Der Lieutenant hat mir ja befohlen, reinen Mund zu halten, und jetzt habe ich dummer Tölpel Alles ausgeplaudert. Wenn's der Baron erfährt, der Barbar ist im Stande, mich wie einen tollen Hund über den Haufen zu fchießen. Die Recruten, die der Wütherich einexerciren soll, wissen von seiner grausamen Wildheit zu erzählen ... Herr Michael Klein, um Gottes Barmherzigkeitwillen, verrathet mich nicht — und der gnädige Herr Baron kann vielleicht des Weges daher kommen, und wenn er mich mit Euch plaudern sieht, bin ich verloren," und so sprechend lief Nikolauer so schnell er es vermochte, in der Richtung nach der S tadt. (Fortsetzung folgt.)