Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021346--09776-3034222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 358 zu einer geradezu unerträglichen geworden. Und da man nun einmal in Rumänien wenigstens für absehbare Zeit auf keine Aenderung der Verhältnisse zu Gunsten der Israeliten rechnen kann, so möchten die auf einen harten Winter voller Entbehrungen zurückblickenden armen Juden bei Beginn der schönen Jahreszeit ja gern auswandern, wenn sie nur über die hiefür erforderlichen Mittel verfügen würden. Was einzelne Wohlthäter und einzelne Vereine zu diesem Zwecke aufbringen, fällt aber gar nicht ins Gewicht, den vielen tausenden von rumänischen Israeliten gegenüber, welche in der Auswanderung ihre letzte Hoffnung erblicken. Wie verlautet, soll nun einer von Bukarest ausgegangenen Anregung gemäß durch ein gemeinsames Vorgehen aller israelitischen Wohlthätigkeitsvereine Rnmänieus der Gang der Auswanderung geregelt und dafür gesorgt werden, daß nicht, wie bereits in vielen Fällen geschehen ist, die Auswanderer aus dem Regen in die Traufe kommen und sich aufs Gerathewohl nach Ländern wenden, wo sie noch schlechteren Existenzbedingungen begegnen, als diejenigen waren, welchen sie durch ihre Auswanderung aus Rumänien entgehen wollten. Als Auswanderungsziele werden in erster Linie Cypern und Südamerika in Aussicht genommen und sollen namentlich die aus Cypern eingelaufenen Informationen den israelitischen Ansiedlungen sehr günstig lauten. Nach den niedrigsten Schätzungen .sind gegenwärtig mindestens 6000 rumänische Israeliten zur Auswanderung bereit, und wird es sicherlich keine leichte Aufgabe sein, für diese durchwegs den ärmsten Bevölkerungsschichten ungehörigen bedauernswerthen Leute die finanziellen Mittel zur Bestreitung der Reise und der ersten Ansiedlungskosten aufzubringen. Während sich aber infolge ihrer Nothlage Tausende von armen rumänischen Juden zur Auswanderung drängen, wird in den intelligenteren und wohlhabenderen israelitischen Kreisen Rumäniens darüber Klage geführt, daß die Regierung durch das in neuester Zeit erlassene Verbot der unter dem Namen der ,Gebela" von den me-sten israelitischen Cultusgemeinden des Landes eingehobenen Fleischsteuer zahlreiche israelitische Gemeindeschulen zur Schließung zwingt. Denn in den weitaus meisten Fällen waren cs die Ergebnisse dieser Selbstbestenerung, aus welchen die Erhaltung der israelitischen Schulen bestritten wurde, und würde die durch das Verbot der „Gebela" herbeigeführte Schließung der letzteren umso schwerer empfunden werden, als die Kinder der nicht naturalisirten rumänischen Israeliten ebenso wie die aller Fremden nur ganz ausnahmsweise und auch dann nur gegen Entrichtung eines hohen Schulgeldes in den staatlichen Volksschulen des Landes Aufnahme finden können." Eine anderer Correspondent berichtet: Den Vernichtungskampf gegen die jüd. Schulen führt die Regierung mit allen Mitteln. Der bitteren Noth gehorchend haben zahlreiche jüdische Gemeinden, nachdem durch das neue Schulgesetz die jüdischen Kinder aus den öffentlichen Unterrichtsanstalten fast vollständig ausgeschlossen wordeu waren, mit ungeheuren Opfern eigene Schulen errichtet und so jene Maßregel, welche das geistige und sittliche Niveau unserer Jugend herabzudrücken bestimmt ist, wenigstens zum Theil paralysirt Nun hat die Regierung zu einem neuen, noch brutaleren Gewaltstreich ausg-holt, um diese Durchkreuzung ihrer Pläne zu verhindern : sie hat eine Anzahl dieser Schulen mit der Ausflucht geschlossen, daß dieselben nur fünf Tage geöffnet sind, während das Gesetz vorschreibt, daß Elementarschulen sechs Tage geöffnet sein müssen. Die Thatsache selbst trifft zu: in den jüdischen Schulen findet, wie am Sabbath, auch am Sonntag kein Unterricht statt, weil dies staatsgesetzlich verboten ist; aber sie erreichen in fünf Tagen dasselbe, ja ein größeres Pensum, als die Regierungsschulen in sechs, und genügen somit inbezug auf das Wissensausmaß den Forderungen, deren Erreichung der Zweck des sechstägigen Unterrichtes ist. Widerstrebend entschloßen sich die Schulleiter nach Einholung rabbinerischer Gutachten, auch am Sabbath die Anstalten offen zu halten und die specielljüdischen Disciplinen (Hebräisch, Pentateuch, Biblische Geschichte) auf diesen Tag zu verlegen. Man hätte meiuen sollen, daß nun, wo allen gesetzlichen Bestimmungen genügt war, die Chikanen ein Ende haben würden; aber die erfindungsreiche Raffinirtheit fand einen neuen Vorwand zur Fortsetzung der satanischen Campagne: die Regierung stellte nunmehr die Forderung, daß am Sabbath genau wie an den Wochentagen, d. h. auch in solchen Disciplinen unterrichtet werden müsse, bei denen geschrieben wird! Unsere Staatslenker wissen genau, daß sie uns damit ins Herz getroffen haben, daß kein jüdischer Vater sich dazu entschließen wird, die schulgemäße Ausbildung seines Kindes mit einer Uebertretung des Religionsgesetzes zu erkaufen, daß keine jüdische Gemeinde in ihren Schulen die Entweihung des Sabbaths officiell legitimiren kann und wird. „Du hast's erreicht, Octavio!" Gelingt es nicht — und leider sind die Aussichten dafür sehr gering — jene drakonische Maßregel abzuwenden, oder doch wenigstens insofern zu mildern, daß der Samstag-Unterricht auf die jüdischen Lehrgegenstande beschränkt bleiben darf, dann werden alle jene Schulen geschloffen werden müssen nnd unseren Kindern auch nicht das bescheidenste Maß von Elementarwissen vermittelt werden können. Man wird in die Zeiten des finstersten Mittelalters zurückgehen muffen, um eine Analogie für den grausamen Gewissenszwang zu finden, wie er jetzt seitens der rumänischen Regierung geübt wird. Und das geschieht unter der Ministerpräsidentschaft desselben Herrn Kantacusin», der mit Judenfreundschaft coquettirte und, als er sein Amt antrat, Gerechtigkeit auch für die Juden in tönender Beredtsamkeit verhieß! Das geschieht in einem Staate, der in der Toga der „Freisinmgkeit" einherstolzirt, sich als das „Belgien des Ostens" spreizt I Das geschieht vor den Augen Europas, desselben Europa, dessen Großmächte in dem „Berliner Vertrag" von 1878 die Unabhänglichkeit Rumäniens mit so feierlicher Nachdrücklichkeit an die Bedingung völliger Gleichberechtigung der jüdischen Unterthanen geknüpft hat und nun duldet» daß diesen jüdischen Unterthanen das elementarste aller Menschenrechte geraubt wird! Das geschieht vor den Augen der europäischen I u d e n h e i t, ohne daß eine Hand sich rührt, oder ein Mund sich aufthnt, um diese Verhöhnung nicht nur von Recht und Gerechtigkeit, nein, von Civilisation und Menschlichkeit an den Schandpranger zu stellen und ihr unter dem Enlrüstungssturm der gesitteten Welt ein Ende zu machen, wenigstens den rumänischen Gewalthabern die Maske „europäischen Fortschritts", hinter der ihre Verfolgungswüthigkeit sich verbirgt, vom Antlitz zn reißen! Die „Judenpreffe", so heißt eS im Jargon der antisemitischen Internationale, beherrscht und bestimmt die öffentliche Meinung — ihr Schweigen, während Hunderttausende von Juden materiell und geistigtzermalmt werden, bildet die schneidendste Ironie auf diese Legende nnd beweist, was diese „Judenpreffe" in Wahrheit für Juden und Judenthum leistet. ThatsächÜch nichtweiter, als daß für all' ihre Tactlosigkeiten und Ungeschicklichkeiten die jüdische Gesammtheit verantwortlich gemacht wird. „Die Juden sind die Könige der Börse, der Großfinanz, die Gläubiger Europas* — so und ähnlich lautet ein weiteres Schlagwort in dem Schimpfregister unserer Hasier, das sein Echo auch in minder befangenen Kreisen findet. Ja, die rumänischen Juden haben es, wie schon so oft, abermals bestätigt erhalten, daß „das jüdische Großkapital" seine Macht nur zu „zu Gunsten der Juden" ausbeutet; soeben hat Rumänien eine neue Staatsanleihe ausgenommen; die ihm das Geld vermittelten, waren jüdische Bankhäuser, und wer weiß, wie Biele unseres Stammes ihr Geld für den Staat und die Regierung hergegeben haben» welche mit einer Grausamkett, an die keine Hyperbel heranreicht, ihre Stammesgenoffen verfolgen und vernichten! Wer mag es den rumänischen Juden verdenken, wenn Angesichts der Theilnahmslosigkeit der Brüder im Westen ein Gefühl der Bitterkeit in ihnen aufquillt und den Jammer über die Trostlofigkett ihrer Lage noch verschärft. Laut eerti äoniqns Lues! Man täusche fich nicht: Die Opfer der jahrzehntelangen Drangsalirung find am Ende ihrer Ertragungskraft angelangt, und die Zustande drängen mit elementarer Nothwendigkeit auf eine Katastrophe hin. Schon melden fich unheildrohend ihre ersten, verhängnißvollen Anzeichen: Die Auswanderung nimntt in allen Theilen des Landes immer größere Dimensionen an; die Lawine ist im Rollen, uud keine Gewatt der Erde wird sie meistern können, wenn es nicht gegenwärtig gelingt, sie aufzuhalten. Denn nicht Abenteuersucht, nicht Wanderlust treibt die Unglücklichen über die Grenzen, sondern die Verzweiflung, welche ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzieht. Diese Misere der rumänischen Juden erheischt eine ebenso schleunige Hilfe, wie die der russischen Glaubensgenossen während der Zeit der Krawalle, denn während diese durch ihre barbarischen Austritte die Augen der civilisirten Welt auf fich zogen, wüthet das jüdische Elend in Rumänien noch schauderhafter infolge der raffinirten, ruhigen und weniger in die Augen springenden Taktik der rumänischen Machthaber Rettung und zwar schleunige Rettung ist nüthig, um ernsten, herzerschütternden Katastrophen vorzubeugen. Sollen wir Ihnen da- Elend mit allen haarsträubenden Einzelheiten schildern, wie Wische Säuglinge in der Wiege erfroren, wie Juden aus Noth Brot stahlen» wie andere aus Nahrungsmangel dahinfiechten und förmlich Hungers starben rc.?" Mit welcher Grausamkeit die rumänischen Machthaber gegen die Juden Vorgehen zeigt jenes furchtbare Verbrechen, welches vor zwei Jahren an ausgewiesenen rumänischeu Juden verübt wurde und erst jetzt zur Kenntniß der Oeffentlichkeit gelangt. Damals wurden sünfzigrumänischeJudengefesselt auf ein Floß gebracht und von zwei rumänischen Gendarmen, sowie von vier Ruderknechte» donauabwärts eskortirt. Des Nachts verli ßen Gendarmen uud Ruderknechte dasFloß, nuchdem sie vorher die Stricke gelöst hatten, welche die FloßpflScke mit dem Floß verbunden hatten. Das Fahrzeug zerschellte und die fünfzig Juden ertrunken.