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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Date
1900-03-30
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Blvch's Wochrnschcifu Seite 34? war ihnen auch cn Intelligenz sehr überlegen, trotzdem, oder richtiger vielleicht, weil er kein juristisch gelehrter Philister war. Im persönlichen Umgang kehrter er weniger den Orthodoxen hervor, in seiner Häuslichkeit aber war er der fromme Jude von patriarchalischen Gewohnheiten; er wich auch nicht um Haaresbreite von dem überlieferten Judenthume. Jedenfalls war sein Verhalten sympathischer als das der Schinkenorthodoxen und über seine Orthodoxie ärgerte man sich wenigstens nicht, da er nicht die Verfrommung nur für Andere forderte. Goldschmidt hat ein Alter von 66 Jahren erreicht. Er war der Sprößling einer alten angesehenen Familie Berlins. Im Hause seiner Eltern haben Michael Sachs und David Cassel intim verkehrt. Seine Mutter war eine geistig sehr hervorragende Frau, die an sich noch etwas vom „Salon" der früheren Jahren hatte. Berlin, 20. März. In dem Areopag illustrer Gelehrter, welche die zweihundertjährige Jubelfeier der Akademie der Wissenschaften in den Mauern unserer Stadt vereinigt hat, befinden sich zwei Glaubensgenossen, die Herren Rabbiner Doctor Gaster, welcher von der „Asiatischen Gesellschaft" in London deputirt wurde, und Prof. Graziadio Ascoli, welcher als Vertreter der italienischen Akademie der Wissenschaften erschienen ist. Hamburg. Der antisemitische Schriftsteller Carl Alexander Wald hatte sich, wie bereits gemeldet, wegen Betruges und qualificirter Urkundenfälschung, die er hier im Jahre 1895 verübt hat. zu verantworten. Nach Eingang der antisemitischen Zeitung „Die Abwehr" gründete der völlig mittellose W. im Jahre 1895 hier die „Norddeutsche Volkszeitung". Für dieses Unternehmen engagirte er Cassirer, Boten, Expedienten rc., die sämmtlich Cautionen stellen mußten und er erhielt im Ganzen 900 Mark, wogegen er den Engagirten mit dem Accept des Goldschmidt Pavy und den Jndossos eines gewissen M. und G. versehene Wechsel in Höhe der hinterlegten Caution als Sicherheit gab. Als die W.'sche Zeitung nach zweimonatlichem Bestehen wieder ausflog, konnten die Angestellten ihre Cautionen nicht zurück erhaten, und im Laufe eines gegen W. angestrengten Civilprocesses stellte es sich heraus, daß die Accepte und Jndoffos auf den Wechseln gefälscht waren. W. fühlte sich nun hier nicht mehr sicher und verduftete am 25. November 1895. Man nahm an, daß W. nach Amerika geflüchtet sei, während er in der That in der Redaction eines Dresdener Blattes unter falschem Namen arbeitete. Dem seit dem Jahre 1895 steckbrieflich verfolgten W. gelang es dann auch, sich bis zum 30. October 1899 unerkannt und unangemeldet in Dresden aufzuhalten. An diesem Tage wurde W. verhaftet, in Dresden wegen Meldecontravention zu einer Woche Haft verurtheilt und nach Verbüßung dieser Strafe hierher transportirt. W. ist geständig, sich in der Noth der Wechselfälschung und des Cautionsschwindels schuldig gemacht zu haben. Er wurde zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängniß, 2 Jahren Ehrverlust verurtheilt. Auf die Strafe werden drei Monate Untersuchungshaft in Anrechnung gebracht. Myslowitz. (Abermals ein Ri tu a lmär ch e n.) In Myslowitz verschwand vor einigen Tagen das Dienstmädchen Marie Krucks, das bei der verwitweten Frau Bürgermeister in Diensten stand. Das Mädchen wurde von ihrer Dienstgeberin nach dem benachbarten, auf russischem Gebiete gelegenen Modczejow geschickt, um dort Mehl einzukaufen. Das Mädchen war in Modczejow, ist aber über die Grenze nicht zurückgekommen und seitdem spurlos verschwunden. Die Ermittlungen nach dem Verbleib des Mädchens hatten bisher keinen Erfolg. Als nun das Verschwinden der Krucks in der Stadt bekannt wurde, tauchte das Gerücht auf,ß daß dieselbe in Modczejow das Opfer eines Ritualmordes gewesen sei. Das Mädchen war schon einmal eine Zeit lang verschollen. Plötzlich ers chien sie wieer und gab an, im Elternhause krank gelegen zu haben. Sie hatte aber, wie später offenbar ward, die Zeit in angenehmer Gesellschaft verbracht. Petersburg. Die letzte Statistik über die Bevölkerungsbewegung liefert merkwürdige Resultate in Bezug auf die Ziffer der jüdischen Bevölkerung Rußlands. Es fanden nämlich im Jahre 1894, dem letzten, von dem die Ziffern vorliegen, Eheschließungen statt bei der Bevölkerung überhaupt auf 1000 Seelen 9'4, bei den Juden 27.328, dies würde auf eine Gesammtseelenziffer von 2,907.000 Juden schließen lassen. Geburten kamen bei der Gesammtbevölkerung auf 1000 Seelen vor 48'7, bei den Juden 117.493, dannach gäbe es 2,413.000 Juden, endlich kamen Sterbefälle bei der Gesammtbevölkerung vor 34 auf 1000 Seelen, bei den Juden 63.761, danach sind in Rußland gar nur 1,875.000 Juden zu rechnen. Aus alledem geht nur hervor, daß diese russische Statistik trotz ihres amtlichen Charakters sehr mangelhaft ist, denn daß es mehr Juden gibt, unterliegt gar keinem Zweifel. Petersburg. Ueber „Juden und Kalmücken" sprach der Rechtsanwalt I. H e i l p e r n in der letzten öffentlichen Versammlung des „Vereins zur Verbreitung von Bildung unter den Juden Rußlands." Der Vortrag behandelte ein überaus interessantes Capitel aus der Geschichte dersibirischen Juden im ersten Viertel des abgelaufenen Jahrhunderts. Ausgehend von den ersten jüdischen Ansiedelungen in Moskau, die ins 16. Jahrhundert zurückgehen, kam der Vortragende auf das Decret des Czaren Alexei Michailowitsch (1645—1676) zu sprechen, welches die Verbannung aller im deutschen Viertel von Moskau wohnhaften Juden nach Sibirien anordnete. Der Grund dieser kaiserlichen Verordnung läßt sich heute nicht mehr ermitteln. Daß dieselbe aber durchgeführt worden ist, geht daraus hervor, daß dem betreffenden kaiserlichen Handschreiben, welches im Archiv des Justizministeriums in Moskau aufbewahrt wird, eine Meldung der sibirischen Ortsvorstände beigefügt ist, die von der erfolgten Ankunft der verbannten Juden Kunde gibt. Demzufolge ist der Vortragende der Ansicht, daß die erste Ansiedelung der Juden in Sibirien vom ersten Viertel des 17. Jahrhunderts datirt. Den sibirischen Juden ging es viel besser als ihren Brüdern in europäschen Rußland, und sie waren, wie der Vortragende nachwies, politisch den anderen Bewohnern des Landes vollkommen gleichgestellt. Jndeß litten sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter einem Uebelstande ganz eigener Art. Es machte sich um diese Zeit ein Mangel an — Frauen unter ihnen bemerkbar. Im Laufe der Jahre hatte sich nämlich ein auf die Dauer unhaltbares Zahlenverhältniß zwischen den beiden Geschlechtern herausgebildet, dergestalt, daß die Zahl der Männer die der Frauen um ein Viertel überstieg. Die sibirischen Juden versuchten daher zu wiederholten Malen, Juden aus anderen Theilen des russischen Reiches zur Uebersiedelung nach Sibirien zu bewegen, doch schlugen diese Bemühungen jedesmal fehl. In dieser kritischen Lage wandten sich die Juden der Stadt K a i n s k (Gouv. Tomsk) an ihren Gouverneur mit der Bitte, dieser möge ihnen bei der Regierung die Erlaubniß erwirken, gleich den anderen B'wohnern von Sibirien „kalmückische Frauen heidnischer Religion gegen Landesproducte einzutauschen oder für Geld käuflich an sich zn dringen, sie zur hebräischen Religion zu bekehren und sodann als Ehefrauen heimzuführen." In ihrer Bittschrift legten die Kainskerjuden ausführlich die unleidlichen Umstände dar, die sie bewogen hatten, eine so absonderliche Bitte zu stellen. Der Gouverneur von Tomsk leitet das Gesuch mit einem warmen Fürwort an die sibirische Section, und diese beschloß denn auch mit 10 Stimmen gegen 5. dem Ansuchen der Juden Folge zu geben. Allein die Minorität der Section wußte es durchzusetzen, daß diese Entscheidung dem Czar Alexander I. zur Ueberprüfung unterbreitet ward. Die Entscheidung des Czaren fiel für die Bittsteller wider alles Erwarten äußerst günstig aus, indem Alexander I. in einem Ukas vom 12. April 1817 nicht nur den Kainsker Juden, sondern „allen Hebräern der Provinz Sibirien" gestattet, „kalmückische Sklavinnen, die aus dem Auslande gebracht werden und keiner christlichen Confession angehören, zum Judenthum zu bekehren und sie hernach zu ehelichen." Um die zahlreichen Gegner dieser kaiserlichen Verordnung einigermaßen zu beschwichtigen, traf der Czar Alexander I. die Verfügung, daß der genannte Ukas nicht öffentlich im ganzen Reiche verlautbart und anch nicht dem Gesetzescodex einverleibt werde. — Es ist schade, daß über die Folgen des Ukas nichts bekannt geworden ist. Dieser selbst wurde erst vor Kurzem im Regierungsarchiv zu St. Petersburg ausgefunden. London. Das Ereigniß dieser Woche ist ein Bankett der Makkabäer zu Ehren des jüdischen Lord-Mayor von Liverpool Mr. Louis S. Cohen. Der ehemalige Lord-Major von Lonvon Sir Faudel Phillips präsidirte einer großen Corona, in der die Finanzwelt ebenso, wie die Größen der Literatur, der Kunst, der Wissenschaft und hohe Beamte rc. vertreten waren. Eine große Zahl von Reden wurden gehalten und eine Menge von Toasten ausgebracht, die indessen nur den engeren Kreis interessiren. Biel wichtiger und von allgemeinerem Interesse war die Monatsversammlung der Anglo-Jewish-Assvciativu, welche am 5. März

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