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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Date
1900-03-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 238 Dr. Bloch's Wochenschrift >Jtr. 13 Das projectirte Gesitz statuirt freilich gewisse Ausnahmen zu Gunsten Einzelner, aber unter den jetzigen Verhältnissen wird diese Bestimmung voraussichtlich nur arischen oder gar nur christlichsocialen Hausirern zustatten kommen. Sache der seßhaften jüdrschen Kaufleute müßte es dann sein, darüber zu wachen, daß diese Begünstigungen nicht mißbraucht werden, eventuell die Behörden darauf aufmerksam zu machen. Vielleicht finden sich die Herren Pfister und Gregorig bereit, dieses Ehrenamt zu übernehmen. L. Die Stellung der Rabbiner in Preußen. ll> Die amtliche Stellung der Rabbiner in Preußen ist. wie wir im vorigen Aufsatz beleuchtet, eine unsichere und zum Theil auch unwürdige. Aber auch ihr Verhältniß zu den Gemeinden gewährt uns ein interessantes Culturbild, das ich den Lesern vorführen will. In den kleinen Gemeinden leben die Rabbiner schlecht und recht, das heißt mehr schlecht als recht. Das Einkommen ist ein sehr beschränktes, namentlich wenn man in Betracht zieht, daß das Leben im kleinen Ort vielleicht noch theuerer als in der Großstadt ist. Der Rabbiner ist auf das sogenannte „Nebeneinkommen" angewiesen, d. h. auf die Trinkgelder — wir nennen das Kind beim rechten Namen —, die er gelegentlich von den Gemeindemitgliedern erhält. Eine bestimmte Norm ist für das Honorar bei Trauungen, Leichenbegängnissen, Confirmationen und ähnlichen amtlichen Functionen nicht vorhanden; der Rabbiner ist auf den guten Willen und das Wohlwollen der Gemeinde angewiesen. Außerdem bedenken ihn manche mit kleineren Geldgeschenken zu den Feiertagen. Es entsteht dadurch ein unwürdiges Verhältniß zwischen der Gemeinde und ihrem geistigen Oberhaupt. Oft suchen manche absichtlich Streit vor den Feiertagen, um einen scheinbar plausiblen Vorwand für die Nichtbeschenkung des Rabbiners zu finden. Es kommt auch vor. daß der Orts-Rothschild seine Tochter verheiratet, und dann steht es ihm nicht au, die große Dame vom Gemeinderabbiner trauen zu lassen, znmal wenn man „vornehme christliche Gäste" erwartet. In diesem Fall wird von der benachbarten Großgemeinde der Rabbiner geholt, der nicht soviel Corpsgeist besitzt, aus Rücksicht auf den zurückgesetzten Cvllegen die Mitwirkung einfach abzulehnen, der Localkrösus ist zwar in der Regel großmüthig genug, dem Octsrabbiner das ihm zukommende Honorar zu gewähren, aber das Geld allein macht es nicht; sein Ansehen leidet erheblich darunter und seine sociale Stellung ist untergraben. Ich habe viel in kleineren Gemeinden Preußens — Gott sei Dank als unabhängiger Mann — gelebt; ich kann sagen, daß ich selten etwas Gedrückteres und Bemitleidenswertheres gefunden habe, als das Leben des Rabbiners in der Kleingemeinde, der, von Armuth und Sorge gebeugt, noch dazu stets mit den kleinlichsten Plackereien und Zänkereien zu kämpfen hat. Ich konnte sehen, wie Ideale zertrümmert und zertreten werden. Oft kam ein jugendlicher, von der besten Absicht beseelter Rabbiner nach solcher Kleingemeinde; er trug sich sogar mit dem löblichen Gedanken, etwas für seine weitere Ausbildung zu thun. Aber es fehlt ihm da an Büchern, an gelehrtem Umgänge, an einer sorgenfreien und freudigen Thätigkeit. Die gelangweilten Kleinstädter betrachten den Pechvogel, der zu ihnen verschlagen wurde, als ein ergiebiges Object zu allerhand Bekrittelten und Klatschereien, und nicht nur er selbst, sondern auch seine Frau und seine Kinder müssen dabei herhalten. Stets pflegte ich mich darüber zu ärgern, daß die Leute nicht wenigstens so viel Anstaud besitzen, ihre Spottlust in der Gegenwart der Jugend zu zügeln, die Folge davon war immer, daß die schulpflichtige Jugend den Religionsunterricht mißachtete und dabei Allotria trieb. Nachher beklagten sich die würdigen Familienväter bitter über den jungen Rabbiner, „der sich in der Schule körnen Respect zu verschaffen verstände." Günstiger ist wohl die Lage der Rabbiner in den Mittelgemeinden,, wo sie ein auskömmliches Gehalt beziehen und auch freier leben können. Freilich müssen sie stets darauf bedacht sein, die Zufriedenhett der angesehenen Familien, der Gemeindeoligarchie, zu erlangen und zu erhalten. Aber im Allgemeinen herrscht in solchen Gemeinden ein besserer, oft sogar ein gebildeter Ton. Die Bewohner der Mittelstädte sind nicht übersättigt blasirt, wie die der Großstadt, aber auch nicht so kleinstädtisch versimpelt, wie jene in den Kleingemeinden. Ein guter Vortrag auf der Kanzel macht da Eindruck, noch mehr das gute vorbildliche Leben des Rabbiners, wenn er seinen Beruf von der idealen Seite auffaßt. Freilich hat er auch da manches Mal unter der Händelsucht einzelner Krakehler zu leiden, aber dies bildet die Ausnahme und nicht die Regel. Das Unangenehme in solchen Stellungen ist nur der Zug nach der Großstadt, unter der alle kleinen und mittleren Gemeinden in Preußen sehr schwer leiden. Mit Ausnahme einzelner Städte in den industriereichen Gegenden, wo die jüdischen Gemeinden eher anwachsen als zurückgehen, bieten die anderen mittleren Gemeinden keine gesicherte Lebensstellung. Ein Rabbiner, der mit einer zahlreichen Familie gesegnet ist, muß trachten, von hier wegzukommen und nach einer großen Gemeinde zu ziehen. Wird da eine Stelle vacant, da ist ein großer Andrang, und so mancher Rabbiner gibt sich bei der Bewerbung der Hoffnung hin, „vielleicht fällt die Gemeinde bei mir herein." Die Besetzung der Rabbinatsstelle in den großen Gemeinde ist in der That ein Lotteriespiel; sie hängt von der lächerlichsten Zufälligkeit ab. In Berlin z. B. besitzen wir eine Synagoge die eine sehr schlechte Akustik hat. Man sieht, oder richtiger gesagt man hört, deshalb bei der Wahl eines Rabbiners in erster Reihe auf dessen Stimmmittel. Außerdem spielt Familieuprotection eine große Rolle. Und da in einer großen Gemeinde mehr als eine Familie Macht und Einfluß hat, so entstehen in solchen Fällen Strömungen und Gegenströmungen, und schließlich kann man sich bei diesem Rennen auf keinen der Favoriten einigen, so daß zuguterletzt große Ueberraschungen kommen, irgend ein Outsioer trägt den Sieg davon. In der Zeit, als man in Berlin eifrig nach einem Rabbiner suchte, rieth ich einem befreundeten Rabbiner von außerhalb, der mich um Rath fragte, doch solange zu warten, bis sich alle Parteien recht müde gelaufen, dann nehmen sie den Erstbesten. In der That hieß es später bei allen Gemeindebehörden: Nur ein „Ssof"! Man war schrecklich müde, und man wollte daher der Sache ein Ende machen. Sie wurde auch danach. In der Großgemeinde werden mehrere Rabbiner angestellt und da beginnt so recht der Jammer. Wir haben nämlich in Preußen keinen Normaletat für die Besoldung der Gemeindebeamten. Alles ist da dem Ermessen des Vorstandes überlassen. Außerdem steht es jedem Gemeindemitgliede frei, sich im vorkommenden Falle nach Belieben den Seelsorger zu wählen. In diesem Kampf „der freien Concurrenz", der sich um die Erlangung einer „guten Praxis" eröffnet, gibt es so viele häßliche Einzelheiten, die ich lieber mit Stillschweigen übergehen will. Nur so viel muß ich sagen, daß dies in den meisten Fällen zur völligen Untergrabung des Ansehens des Geistlichen beiträgt und jedenfalls wird dadurch die Stellung der Rabbiner nicht besser. Indessen sind nicht diese letzteren an diesen unwürdigen Zuständen schuld, sondern unsere Gemeindebehörden, die herrschen wollen und in Folge dessen alles von ihrer Willkür abhängig machen. Würde die Besoldung der Rabbiner nach Dienstalter und gleichmäßig normirt sein und wäre die Einrichtung getroffen, daß die Functionen nach einem bestimmten System unter die Rabbiner vertheilt würden, so würde auch das Wettrennen um die Gunst des einflußreichen Vorstehers und der reichen Gemeindemitglieder aufhören und die Rabbiner könnten sich eher mit der Seelsorge beschäftigen. Die Gemeindevorsteher demoralisiren überhaupt durch ihr Willkürregiment die Beamten und diese wiederum demoralisiren die Gemeindevorsteher, bei denen man etwas nur auf krummem Wege erreichen kann. Das gesunkene Ansehen der Rabbiner zeigt sich auf Schritt und Tritt. In Cultusangelegenheiten, wo sie eigentlich allein zu entscheiden hätten, werden sie selten um Rath gefragt; geschieht dies doch, so betrachtet sich der Vorstand keineswegs an die Entscheidung des Rabbinats gebunden. Außerdem versteht es der Vorstand stets, eine ihm genehme Entscheidung herbeizusühren. Im Grunde genommen ist es auch nicht einmal der Vorstand, der die Gemeinde regiert, dieser ist aus Männern zusammengesetzt, die anderweitig beruflich sehr beschäftigt sind und sich blutwenig der Gemeinde widmen können. In der Regel ist es ein energischer und kluger Schreiber, der alles leitet, der Drathzieher, der geschickt die Dräthe zieht. Alles hat auch ein beschränktes, kleinliches, bureaukratisches Commißwesen, es riecht nach der Kaserne und nach dem Unterofficier — die „Militärpapiere" spielen auch im Gemeindeleben eine bedeutende Roll''. Das Uebrig! wird von der Jntrigue und der Hintertreppen-

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