Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 13 Seite 237 Dr» Bloch's Religion des Vaters folgen. Jetzt heißt cs wieder: Der Vater hat nichts dreinzureden, wenn sein unmündiges Kind die Religion wechseln will. Charakteristisch ist auch das Behagen, mit dem der Jesuit erzählt, wie man das Kind der unglücklichen Frau benutzte, um ihren verborgenen Aufenthalt auszuforschen und wie man die Hebamme zu einem „gottseligen Fund", auf deutsch zum Stehlen des Kindes instruirte! Gegen die infame nie erwiesene Beschuldigung des Mordes von Christenkindern, vertheidigen sich die Juden stets mit der echten Entrüstung des unschuldigen Angeklagten, des Prager von der Staatsgewalt autorisirten Kinderraubs haben sich die Jesuiten gerühmt. Freytag schließt sein Capitel „Jesuiten und Juden" mit der Bemerkung: „Diese neue Bildung hat auch die Juden gehoben, ihr Fanatismus ist geschwunden, seit der christliche Eifer sie zu verfolgen aufhörte. Und die Enkel der asiatischen Wanderstämme sind unsere Landsleute und brüderliche Mitstreiter geworden. Die geistliche Genossenschaft der Gesellschaft Jesu aber, schon einmal beseitigt, dann wieder lebendig gemacht, ist bis heute geblieben, was sie am ersten Tage ihrer Einwanderung in Deutschland war — fremd dem deutschen Leben". So konnte Freytag vor einem Vierteljahrhundert wahrheitsgemäß schreiben. Jetzt müßte sein Capitel anders schließen. Die enragirten Deutschnationalen wollen von den jüdischen Mitstreitern nichts wissen, und die recht lebendigen Jesuiten stehen dem deutschen Leben wohl innerlich fremd gegenüber, aber ihr Einfluß darauf ist größer als je. Und die Jesuiten sind jetzt, was sie vor hundert und dreihundert Jahren waren. Als der König von Frankreich im Jahre 1762, auf ein Gutachten von fünfzig Bischöfen gestützt, eine Modifikation ihrer Statuten verlangte, antworteten sie: sint ut sunt aut non sint. „ Eher ganz aufhören, als sich ändern". Der Orden wurde damals vom Papste aufgelöst, aber nach vierzig Jahren von einem anderen Papste wiederhergestellt — unverändert. M. Zum profertnten Haustrgeletze. Der deutsche Kaiser Wilhelm hat vor einiger Zeit gesagt: „Schwerste Strafe treffe denjenigen, der seinen Nachbar ^an freiwilliger Arbeit hindert". In Deutschland, wo der Befähigungsnachweis für Handwerksmeister nicht besteht, wo kein Conditor einen Bäcker verhindern kann, Kuchen mit Zucker und Butter zu backen, kein Schneider einem Handschuhmacher verbieten kann, lederne Hosen zu verfertigen, können diese Kaiserworte nur auf jene Arbeiter bezogen werden, welche ihre Kameraden zum Ausharren in einem Strike zwingen wollen. Sollte es aber einem Mel scheu, der, nachdem er mehrere Jahre lang sein Handwerk gelernt hat, indem er dem Meister die Stiefel Putzte, der Frau Meisterin die Kindsfrau ersetzte und genügende Erfahrungen im Geprügeltwerden erwarb, sollte es einem solchen mit dem Meistertitel ausgestatteten Menschen in Oesterreich einfallen, einem sogenannten Pfuscher, der aber sein Handwerk vielleicht besser versteht, an dessen Ausübung zu hindern, so würde ihm der Staat dazu hilfreiche Hand leisten. Nach den Worten des deutschen Kaisers sollte aber Liesen Meister, der seinen Nachbar an freiwilliger Arbeit hindert, die schwer st e Strafe treffen. Die österreichischen Zünftler haben solange über die Concurrenz der „Pfuscher" geklagt, bis sie den Befähigungsnachweis durchsetzten. Besser ist ihnen dadurch nicht geworden. Der „kleine Mann" klagt und jammert noch mehr, und man muß ihn hören, denn er hat clericale und feudale Protectoren, reiche Leute, die das heimische Handwerk fördern, indem sie Möbel und Kleidungsstücke aus Paris und London beziehen. Aber jetzt haben sie endlich entdeckt, was den „kleinen Mann" und den „seßhaften Kaufmann" ruinirt; es ist der schreckliche Hausirer, der nicht tagelang in wohlerwärmtem Locale am Ladentisch angenagelt sitzen muß, kaum so viel Zeit erübrigend, um seine paar Stunden beim Bier zu verbringen, sondern in frischer freier Luft spazieren geht, leicht und froh sein Binkel trägt, kein Bier zu trinken braucht, weil er vom Regen und Schnee g-nügend durchnäßt wird, die Annehmlichkeiten des Hinausgeworfenwerdens genießt und dabei in kürzester Zeit Millionär wird. Es gibt nur zwei Mittel diesem Uebelstande abzuhelfen, entweder alle Hausirer, die angeblich meistens Juden sind, in die Donau zu werfen, wie es ein Abgeordneter. ich glaube der WochrnfchrHk Mechanikus Schneider gerathen haben soll oder den Hausirern Concurrenz zu machen, sie auf ihrem eigenen Felde zu schlagen. Ich begreife nicht, warum die Herren Gregorig, Wahner. Bergan t u. s. w. nicht längst auf die Idee gekommen sind, ihre Cravatten- und Zeitungsgeschäfte aufzugeben, den Binkel zu nehmen und sich hausirend zu bereichern. Die Hausirer müßten die Redactionen übernehmen, sich mit Scheere und Kleister plagen und die Leser würden den Wechsel in der Redaction kaum bemerken. Ich sage das nicht, um die schriftstellerischen, abschriftstellerischen und annoncenergatternden Fähigkeiten antisemitischer Redacteure herabzusetzen. Im Gegentheil. Man lese nur davon der Regierung im Parlamente eingebrachte Hausirgesetz und man wird sich überzeugeu, welche hohe moralische und ästhetische Anforderungen an den Hausirer der Zukunft gestellt werden: Alter von mindestens 33 Jahren, Gesundheit, nicht abschreckendes Aussehen, Bezahlung aller Steuern im Voraus, Unbescholtenheit in moralischer Beziehung, tadellos und vertrauenswürdig; dann: „dieses Gesetz findet keine Anwendung auf Pferde, Esel, Schweine u. s. w." Ueber diese Bestimmung sollen sich Schneider und Bielohlawek besonders gefreut haben. Ich muß gestehen, daß ich, als ich den Gesetzentwurf las ohne auf die Ueberschrift zu achten, geglaubt habe, es sei eine Wahlordnung für Landtag oder Gemeinderath. Und dabei beklagt sich noch der Centralverein der Industriellen, daß „wirthschaftliche Gesetzentwürfe, entgegen den gesetzlichen Bestimmungen und dem bisherigen Gebrauche, dem Parlamente vorgelegt werden, ohne daß der Jndustrierath, die Handels- und Gewerbekammern und die industriellen Corporationen, sowie auch die Oeffentlichkeit in die Lage gekommen wären, sich auszusprechen. Was solches „Aussprechen" nützt, das sehen wir ja bei dem neuen Wahlgesetz für den Wiener Gemeinderath, der übrigens uns Juden kaum schaden dürfte. Aerger als unter dem jetzigen Regime im Rathhause kann es für uns nicht werden und auch mit von Juden gewählten angeblichen Liberalen haben wir unangenehme Erfahrungen gemacht. Als von der Rechten des Reichsrathes den Deutschen die Bestimmung des Bicepräsidenten concedirt wurde, gaben diese, auch die „Judenliberalen", ihre Stimmen dem Antisemiten Prade! Der berühmte Rechtshistoriker Savigny, der in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts lebte, hat seiner Zeit den Beruf zur Gesetzgebung abgesprochen. Ich glaube, wenn er sitzt lebte, würde er den Parlamenten, mehr noch als die Befähigung, den guten Willen zur Gesetzgebung absprechen, obwohl man, um ins Parlament gewählt zu werden, keines Befähigungsnachweises bedarf, wie der Schuster oder der Tischler. Nicht aus höheren, ethischen Motiven, nicht für das Wohl des Staates oder aller Staatsbürger werden jetzt Gesetze gemacht, sondern im Interesse einzelner Parteien und Classen. Um die Concurrenz von oben loszuwerden, wollen die deutschen Kleinkrämer die Großhandlungen mit erdrückenden Steuern belasten, um die Concurrenz von unten loszuwerden, wollen die österreichischen Kleinkrämer die Hausirer vernichten. Mitunter bewährt sich aber das Sprichwort: „Wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein." Die deutschen Clericalen wollten die von der Regierung eingebrachte, in ihrem Grundgedanken ganz berechtigte und nützliche sogenannte lex Heinze benutzen, um Kunst und Literatur zu knebeln und ihrer Herrschaft zu unterwerfen und sind mit dem ganzen Gesetze zu Fall gekommen Obstruction ist nicht correct parlamentarisch, aber in gewisse» Fällen bleibt kein anderes Mittel gegen eine ihre Macht mißbrauchende Majorität. Gegen gewisse Parteien, die rücksichtslos von allen Mitteln Gebrauch machen, mit den gewöhnlichen parlamentarischen Waffen, mit halbfreier Presse und beschränktem Versammlungsrechte für das gleiche Recht aller Bürger zu kämpfen, das ist ungefähr, als ob eine Armee mit Pfeil und Bogen gegen einen Feind mit Hinterladern und Krupp'schen Kanonen ins Feld rücken wollte. Was bleibt also den Hausirern übrig, als den Spieß umzukehren und selbst „seßhafte" Kaufleute zu werden, sich zu associiren und große Kaufhäuser zu errichten. Freilich bedarf es dazu größerer Geldmittel und geschäftskundiger Leute; aber an letzteren wird es wohl unter den Hausirern nicht fehlen und die Mittel sollten die reichen Juden vorschießen. Ich sage vorschießen, nicht schenken, denn die Gelder wären ja durch die Waarenlager gedeckt. Ja ich glaube sogar, daß die Vorschüsse sich gut verzinsen würden, denn solche Waarenhänser können billiger verkaufen als die Kleinkrämer.