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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Date
1900-03-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 285 Die Wiener Judenschaft sollte sich hüten, aus diesem Anlaß in eine Oppositionsstellung zur gegenwärtigen Regierung sich drängen zu lassen. Dr. v. Koerber erinnert nach vielen Richtungen an den verstorbenen langjährigen Ministerpräsidenten Grafen Taaffe. Auch dieser ist im Anfang seiner Regierungslaufbahn an die Wiener Judenschaft herangetreten, sie möge ihre oppositionelle Haltung aufgeben und er werde die antisemitische Bewegung im K^ime ersticken. Dieses Ansinnen wurde damals leider zurückgewiesen und die Folgen haben sich an uns bitter gerächt. Die leitenden Männer der Wiener Judenschaft waren damals gerade die Jntellectuellen und Großindustriellen, welche gegen das angeblich deutschfeindliche Ministerium Taaffe in treuer Buudesgenosienschaft mit der deutschen Linken ein ganzes Jahrzehnt hindurch den Kampf auf Leben und Tod geführt haben. Die Kriegskosten aber hat der jüdische Mittelstand und das jüdische Proletariat leider zahlen müssen. Das sollte uns auch heute noch als Warnung dienen, um uns nicht als Kanonenfutter mißbrauchen zu lassen. Wir wiederholen: Es liegt vorläufig nichts vor, was ein Mißtrauen gegen die Versicherungen der Regierung rechtfertigen würde, selbst im Falle Araten hat sowohl der Ministerpräsident als auch der Justizminister Alles, was im Bereiche der Central-Regierung lag, angeordnet, um dem unglücklichen Vater zu seinem Rechte zu verhelfen. Nur jene von der Central-Regierung unabhängigen Organe versagten den Dienst. Da die Regierung nunmehr ihr Wort für eine gerechte Handhabung des Staatsgrundgesetzes verpfändet hat, wollen wir abwarten, wie dieses Miuisterwort eingelöst wird. Von dem Gesichtswinkel der Wiener Wahlreform allein darf sie nicht beurtheilt werden Die Minorität des Wiener Gemeinderathes hat den Beschluß gefaßt, die Mandate zurückzulegen. Dieser Entschluß ist zweifellos wohl erwogen, die jüdische Wählerschaft wird unentwegt diesen Männern in ihrem schweren Kampfe Treue bewahren, sich aber hüten in eine factiöse Opposition gegen eine Regierung sich führen zu lassen, die doch die heutige Situation nicht geschaffen und damit auch nicht verschuldet hat. *) Ueber die Deputation beim Ministerpräsidenten brachten die Blätter folgende Mittheilung: Montag, 26. März 1900 wurden die Herren Reichsraths - abgeordneter Rudolf Auspitz, Dr. Felix Katzau, Regierungsrath Professor Doctor Oser, Kammerrath L. Pollock, Commercialrath L. Trebitsch und Dr. Wilhelm Zucker von dem Ministerpräsidenten Dr. v. Koerber in längerer Audienz empfangen. Nachdem Abgeordneter Auspitz die Mitglieder der Deputation vorgestellt hatte, führte er aus, daß die Herren den verschiedensten Berufszweigen angehören, daß sie aber durch die gemeinsame Confession, sowie noch mehr durch das gleich warme Gefühl für Cultur und die Humanität verbunden seien, für Ideen, welche über Confession und Nationalität hinweggehen. Nur in dieser Eigenschaft, fuhr der Redner fort, sowie als aufrichtige Patrioten, welche ihr Vaterland im Wettbewerbe der Culturnationen an gebührender Stelle zu sehen wünschen, glauben wir, obwohl wir allerdings ohne irgend welches officielles Mandat sind, Euer Excellenz aufmerksam machen zu dürfen, wie wenig die Thatsachen auf vielen Gebieten des öffentlichen Lebens mit der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung im Einklänge stehen, und wie jene Bewegung, welche scheinbar nur gegen die Gleichberechtigung der Israeliten sich wendet, in Wahrheit gegen Cultur und Bildung, die Grundvoraussetzungen jedes geistigen und wirthschaftlichen Fortschrittes, gerichtet ist, so daß sie, wenn ihr nicht von autoritativer Seite entgegengetreten wird, nur allzusehr geeignet ist, das Ansehen und das Gedeihen des Staates ernstlich zu gefährden. Hieran knüpfte der Redner unter Hinweis auf die Sympathien, die sich das Cabinet Koerber in weiten Volkskreisen zu erwerben verstanden, die Bitte um Schutz *) Wie wir vernehmen, hat der Ministerpräsident dem Bürgermeister gegenüber die bestimmte Erwartung ausgesprochen, daß den jüdischen Magistratsbeamten gegenüber von nun an im Geiste der Staatsgrundgesetze vorgegangen werde. für seine seit Jahren mancherlei bitteren Kränkungen und schwerem Unrecht ausgesetzten Confeffionsgenoffen. Bon anderer Seite wurde auch auf die ernste Schädigung hingewiesen, welche der Wiener Fremdenverkehr, der Wiener Handel und die ganze österreichische Industrie dadurch erleiden, daß durch das Umsichgreifen der antisemitischen Bewegung zahlreiche fremde Kaufleute im In- und Auslande sich von Wien zurückziehen. Es wurde ferner hervorgehoben, daß die Unternehmer sich scheuen, neue Investitionen in einem Lande zu machen, in welchem öffentlich und nicht selten jüdisches ^igenthum als vogelfrei bezeichnet werden darf, zumal man ganz gut weiß, daß die Propaganda der That über confeffionelle Unterschiede sich hinwegsetzen würde. Eine Folge dieser Bewegung sei es auch, daß die Industriellen ihre Neuanlagen lieber in Ungarn errichten; ferner, daß Körperschaften, welche selbst durchaus nicht antisemitisch sind, doch aus Scheu vor dieser rohen Bewegung es vermeiden, bei der Verleihung von Beamtenstellen stets nur nach Würdigkeit vorzugehen. Ebenso wurden die ersten wirthschaftlichen Folgen der in Stadt und Land sogar unter den Augen der Behörden eifrig betriebenen Boycottirung jüdischer Geschäftsleute zur Sprache gebracht. Die Devise, welche die ganze Bewegung auf ihrem Schilde trägt — führte einer der Herren aus —, ist an und für sich schon ein schwerer Angriff auf Cultur, Humanität und Staatsgrundgesetze. Der Ministerpräsident erwiderte hierauf, er danke den Herren für ihre Begrüßung und insbesondere für die freundliche Anerkennung der Bemühungen der Regierung, die Interessen der Bevölkerung überall nachdrücklich zu wahren. „Ich beklage/ fuhr der Ministerpräsident fort, „mit Ihnen die Ursache, die Ihnen den Anlaß zu Ihren Beschwerden gegeben hat, und kann Ihnen nur die beruhigende Versicherurg geben, daß die Regierung sich die stricteste Beobachtung der Staatsgrundgesetze auch den Angehörigen Ihrer Confession gegenüber zur Pflicht macht und allen Verletzungen der durch sie gewährleisteten Rechte energisch entgegentreten wird." Zum Schluffe forderte der Ministerpräsident die Herren auf, sich bei concreten Bcschwerdeanlässen stets an ihn zu wenden.- Kinderraub. Tantum religio potuit suadere malorum! hat der heidnische römische Dichter Lucretius geklagt. Lange vor Entstehung des Christenthums und des Islam hat der Heide, der auch vom Judenthum nichts wußte, über die Uebel geklagt, welche die Religion oder der Mißbrauch der Religion, wie man richtiger sagen sollte, verursacht hat. Und wie viel Blut ist nicht vergoffen worden, wie viel Gräuel sind nicht im Namen der Religion verübt worden in den zwei Jahrtausenden, die seitdem verflossen sind? Es gibt fast keine Confession, die nicht Andersgläubige verfolgte und selbst wieder verfolgt wurde. Christen und Mohamedaner, Feueranbeter und Bramaverehrer, Rechtgläubige und Ketzer haben Verfolger und Märtyrer geliefert. Nur die Juden sind während dieser ganzen Zeit keine Verfolger Andersgläubiger, sondern, mit nur kurzen Ruhepauseli, stets die Verfolgten und Gemarterten gewesen. In den Jahren, da Lucretius sein philosophisches, antireligiöses Lehrgedicht verfaßte, lernten die Juden zuerst die Herrschsucht und Treulosigkeit der Römer kennen, ward Jerusalem von Pompejus eingenommen. Aber schon mehr als hundert Jahre früher hatten die Juden die Verfolgung durch den Syrerkönig zu erdulden gehabt, waren die ersten blutigen Blätter ihrer unendlich langen Leidensgeschichte beschrieben worden. Und zu den ersten Märtyrern gehörte, wie im zweiten Makkabäerbuch erzählt wird, eine Mutter mit ihren sieben Kindern. O, sie sind große Psychologen, diese Verfolger: Kinder lassen sich leicht bethören und von ihrer Religion abwendig machen, und auf welch' wirksamere Weise kann man eine Mutter bekehren, als indem man vor ihren Augen ihre Kinder martert, sie dadurch überzeugt, daß die Religion der Herrschenden auch die wahrste und liebevollste ist. Dem heidnischen Sy-erkönig ist sein Bekehruugsversuch mißlungen, das hat aber spätere Verfolger nicht abgehalten, seinem Beispiel zu folgen. Das Wort Jesu „lasset die Kindlein und wehret ihnen nicht zu mir zu kommen", hat man in schrecklicher Weise ausgelegt. Gar häufig kann man jetzt in clericalen Blättern Klagen über die „Omnipotenz des Staates" lesen, über die weltlichen Behörden, welche sich „anmaßen", die Kirche den allgemeinen Gesetzen des Staates zu unterwerfen, selbständig den Schuluntrrricht zu regeln, in die Rechte der Familie einzugreifen, die Erziehung der Kinder zu beeinfluffen. Aber dieser Kampf gegen

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