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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-03-30 · 13 (30.3.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
13 (30.3.1900)
Date
1900-03-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 284 Dr. Bloch « Wochenschrift. Nr. is Ich halte es direct für einen politischen Fehler, daß die sechs Herren nach ihrem eigenen Zugeständnisse, „ohne irgend welches officielle Mandat" just am Abende der Sanctionirung der Wahlreform den Ministerpräsidenten begrüßten. Sie haben damit — ob beabsichtigt oder nicht — dem Ministerium eine Folie gegeben, der es in diesem Augenblicke wohl dringend bedurfte, die aber verwirrend auf die Beurtheilung des zwischen der Regierung und der christlich-socialen Partei getroffenen Abkommens wirken kann. Und was hat denn die Deputation aus dieser Audienz nach Hause getragen? Der Minister erklärte, daß er allen Verletzungen der staatsgrundgesetzlichen Rechte energisch entgegentreten werde. Wir wiffen es längst, daß es sich in dem Kampfe gegen die Juden weniger um diese allgemeinen Rechte, als um unsere wirthschaftliche Existenz handelt, und diese wird durch Actionen und Gesetze bedroht, denen man freilich die antijüdische Etiquette nicht officiell aufilebt, die aber doch ihre Spitze fast ausschließlich gegen unsere Glaubensgenoffen richten. Es ist nicht so ganz gleichgiltig, wer im Namen und Aufträge der Judenschaft das Wort vor der Regierung führt. Die antisemitische Herrschaft im Wiener Rathhause bedroht am allerwenigsten die wirthschaftlichen Jntereffen der jüdischen Fabrikanten und Millionäre, wohl aber werden durch sie alle jüdischen Gewerbetreibende betroffen, für welche der Wiener Magistrat die Gewerbebebörde erster Instanz ist und denen grundsätzlich die größten Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Mit der Befestigung der antisemitischen Herrschaft durch die Lueger'sche Wahlreform ist auch diese Schädigung des jüdischen Erwerbslebens sanctionirt worden. Und Hand in Hand damit geht die vom Handelsminister des Eabinets Koerber theils initiirte, theils gebilligte Abänderung des Gewerbegesetzes und Hausirgesetzes, die sich, wenn auch uneingestandenermaßen, direct gegen die Juden kehrt und die Existenz Tausender jüdischer Agenten und Reisender und Tausender jüdischer Hausirer vernichtet. Männer von so gründlicher wirthschastlicher Erfahrung, wie es die meisten Mitglieder der Deputation waren, hätten doch, wenn sie schon oviel von Eultur, Bildung, [Humanität und jüdischem Eigenthum sprachen, auch ein Wort für diese ihre armen und ärmsten Glaubensgenossen finden sollen, die von der Hand in den Mund leben, und die nichts ihr Eigen nennen, als das primitivste Recht jeder Creatur auf Gottes Erdboden, das Recht zu leben. Diese große, zitternde Masse der jüdischen Besitzlosen, der um das tägliche Brot Ringenden ist es, die der Antisemitismus mit seinen von oben geförderten, wirthschaftlichen „Reformen" langsam erwürgt, und diesen ausgehungerten Opfern ist mit der bloßen Wahrung der politischen Rechte — selbst wenn es mit denselben ernst gemeint ist — blutwenig geholfen. Das hätte man Herrn v. Koerber sagen müssen, und es gibt noch jüdische Männer in Wien, die sowohl das Mandat wie den Muth haben, es zu sagen, gerade rn diesem Augenblicke zu sagen, wo die Thaten der Regierung in so grellem Widerspruche zu ihren Worten stehen. Gewiß, die Herren, die am 26. d. M. zu Herrn v. Koerber gingen, haben es gut gemeint, aber sie können aus dem Gedankenkreise nicht heraus, rn den sie durch ihre sociale und materielle Stellung gewiesen sind. Es gibt eine gefährliche Staatsweisheit, die sich ahnungsloser Menschen bedient, um durch glatte Worte ihre minder glatten Zwecke zu erreichen. Es ist nicht unmöglich, daß man sich in gewissen Kreisen eine ganz eigenartige Lösung der Judenftage zurecht gelegt hat. Wenn es [gelingt, die durch Besitz und sociale Stellung dem Staate werthvollen Spitzen der Judenschast zu beruhigen, sie durch Gunstbezeigungen zn gewinnen, was liegt dann noch an der großen Masse der mittleren und kleinen Existenzen? Sie mag immerhin dem antisemitischen Moloch preisgegeben werden, an ihr mag immerhin der 'wildeste Haß sein Müthchen kühlen. Der treibenden Kraft des Jesuitismus in unserem Staate wäre solch' ein Plan wohl zuzutrauen, ein Plan, dessen vielleicht . nur blindes Werkzeug die Regierung selber wäre. Die Judenschast aber hat alle Ursache, sich vor politischen Künsten zu hüten, die es auf ihre Spaltung und innere Trennung abgesehen haben. Und deshalb ist es mehr als bedenklich, in so kritischen Momenten Deputationen zusammenzustellen, die „ohne irgend welches officielle Mandat" vor dem Ministerpräsidenten erscheinen und Erklärungen entgegennehmen, deren thatsächlicher Werth ziemlich zweifelhaft ist Empfangen sie im Voraus meinen heimlichsten Dank für die Aufnahme dieser Zeilen und den Ausdruck meiner aufrichtigen Hochachtung H. Ep. Nachschrift der Redaction: Wir haben der Meinungsäußerung des geehrten Herrn Einsenders Raum gegeben, erachten uns aber für verpflichtet, hinzuzufügen, daß wir unsererseits dieser Auffassung zuzustimmen nicht in der Lage sind. Die Männer, welche vor dem Ministerpräsidenten als Wortführer für die bedrängte österreichische Judenschaft standen, sind sämmtlich durch ihr öffentliches Wirken und durch eine hohe sociale Stellung wohl berufen gewesen, für ihre bedrängten Glaubensgenossen das Wort zu führen. Durchwegs bekleiden sie hervorragende öffentliche Mandate, die sie dem Vertrauen ihrer Mitbürger verdanken; es waren darunter Vorstandsmitglieder der israelitischen Allianz, des Curatoriums der Baron Hirsch'schen Schulstiftuug für Galizien, hervorragende Vertreter des Aerzte- und Advocatenstandes, sowie der Wiener Kaufmannschaft, Männer, die sich zu keinen leeren Demonstrationen herzugeben pflegen und den Ernst der heutigen Situation wohl kennen. Solche Männer gehen nicht zu einem Ministerpräsidenten, um mit einigen unverbindlichen Redensarten abgespeist und nach Hause geschickt zu werden. Die Antwort, welche die Regierung diesen Notabeln ertheilt hat, finden wir so bündig und decidirt, daß wir sie als eine hochbedeutsame Regiernngskundgebung anerkennen müssen. Es mag ja sein, daß das Ministerium, welches genöthigt war, die sogenannte Wiener „Wahlreform" mit allen ihren Monstruositäten der Krone zur Sanction zu empfehlen, das Bedürsniß empfunden hat, öffentlich jede Solidarität mit den derzeitigen Wiener Machthabern abzulehnen und ihren eigenen Standpunkt als den des Staatsgrundgesetzes vor aller Welt feierlich zu bekennen. Allein das mindert nicht das hohe Gewicht, welches dieser bedeutungsvollen Regierungsenunciation innewohnt. Bis nun hat man kein Recht, den Worten des Ministerpräsidenten zu mißtrauen, seine Vergangenheit, seine ruhmreiche Carriere schützt ihn vor jedem Verdacht des Wortbruches. Sein Ministerwort, welches er dieser illustren Deputation feierlich verpfändet hat, ist uns hinreichend Bürgschaft, daß die hohe Regierung über eine unparteiische Handhabung der Staatsgrundgesetze wachen werde. Es ist richtig, daß durch die neue Wahlreform die freisinnige Wählerschaft, das capitalkräftige intelligente Bürgerthum benachtheiligt und um seinen ganzen Einfluß betrogen wird, allein, wo waren die Protestkundgebungen des Bürgerthüms gegen seine Entrechtung? Bei allen in den letzten Monaten von den Wiener Freisinnigen veranstalteten Versammlungen zeigte es sich, daß die Wortführer, denen man alle Anerkennung und Hochachtung zollen muß, eigentlich doch nur Officiere ohne Armeen sind. Die Wiener Judenschaft allein ist aber numerisch zu schwach, das Werk der allgemeinen Clericalisirung aufzuhalten. Genaue Kenner der politischen Verhältnisse in Wien, die seit Jahrzehnten auf dem communalen Kampfplatz in vorderster Reihe standen, versichern, daß, wenn die nächsten Gemeinderathswahlen aus dem zweiten Wahlkörper auch auf Grund des alten Statutes vollzogen worden wären, die derzeitige antisemitische Gemeinderathsmajorität hätte keine Erschütterung ihres Besitzstandes zu befürchten brauchen. Die Christlich-Socialen hätten vielleicht einige Mandate an die Deutschnationalen abgeben müssen. Ein Wechsel in der Person des Kerkermeisters und Henkers. Wenn nun die Regierung die berüchtigte Wahlreform zur Sanction vorgelegt, um die Deutschnationalen in Wien nicht erstarken zu lassen, so begreift man, was der Ministerpräsident damit hat sagen wollen, wenn er dem Herrn Dr. Vogler und dem Herrn Dr. Alfred Stern versicherte, daß die Regierung mit ihrem Vorgehen keineswegs einen Act der Feindseligkeit gegen die Wiener Freisinnigen intendirt.

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