Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 236 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 12 gann mit dem Wunder, welches Gott den Israeliten zulieb vollbrachte, als die für die Waffengewalt uneinnehmbaren Mauern von Jericho auf einen Trompetenschall vor Josua umfielen. Jahrtausende sind seitdem verstrichen und Viele haben an diesem Wunder gezweifelt. Gott aber hat, um diese Zweifel zu zerstreuen, vor 52 Jahren dieses Wunder der Wunder wiederholt. Was die von Begeisterung durchdrungenen ungarischen Patrioten mit der Waffe nicht zu bewältigen vermochten: die von einem Felsenring umgürteten Mauern der Sklaverei, der Zwangsherrschaft, stürzten auf ein Wort. Der Tag der Freiheit brach an zu Aller Freude. Und wenn wir forschen, wer an diesem großen Triumphe Antheil genommen, so finden wir dort auch die ungarische Judenheit, welche, gleich einem lebenden Wall, gleichfalls ihre Brust den Waffen des Feindes entgegenstemmte und den Heldentod starb, ihr Blut mit der Scholle des ungarischen Vaterlandes vermengend. Dieser mit jüdischem Blut getränkte Boden gebührt auch den ^uden, deren Confession mit jenem für ewige Zeiten verschmolzen ist. Das war der zweite Blutvertrag, der Blulvertrag der Judenheit. Mit flammenden Worten fluchte Redner Jenen, die auch nur einen Stein zum Wiederaufbau Jerichos, des Symbolsder Knechtschaft, beitragen würden. Der von glühendem Patriotismus durchwehte freie Vortrag wurde wiederholt durch stürmische Eljenrufe unterbrochen, zum Schlüsse aber applau.irte das Auditorium minutenlang und der Präsident Dr. A g a i dankte' Väszi in warmen Worten für die schöne Rede. Nach der sodann mit Beifall aufgenommenen Erzählung Max Szabolcsi's: „Die Sünde Acher's", hielt Rabbiner Dr. Bela B e r n st e i n einen interessanten Vortrag unter dem Titel: „Der 15. Mär; und die Juden." Als auf das von der französischen Revolution ausgegebene Signal hin die Freiheitsbewegung ihren Lauf zu nehmen begann: in Oesterreich am 13., in Ungarn am 15.. in Berlin am 16. März rc., schloßen sich die Juden mit Leib und Seele den Freiheitskämpfen an, ja es gingen aus ihren Reihen mehrere leitende Persönlichkeiten hervor, so Crsmieux in Paris, Adolf Fischhof, Jellinek in Wien rc., überall aber waren sie begeisterte Soldaten des Fceiheitskampfes. So sicher es ist, daß das 1848er Freiheilsjahr den Juden überall Heil brachte, so ist es nicht minder gewiß, daß auch sie alle jene Opfer brachten, welche man von ihnen mit Recht erwarten konnte. Der Vortrag des gelehrten Rabbiners, der bekanntlich über die Theilnahme der Juden am ungarischen Freiheitskampfe geschrieben hat, wurde lebhaft applaudirt. Leipzig. Vor einigen Tagen ist hier der Rabbinatsassessor R. S. H u r w i tz in hohem Alter gestorben. Mit ihm schied eine Talmudcapacität ersten Ranges aus dem Leben. Er galt und das will viel sagen, auch auf den talmudischen Hochschulen Rußlands als „Gaon" und war in ganz Deutschland berühmt und verehrt. Seine wissenschaftliche Thätigkeit ist unbestritten anerkannt. In Gelehrtenkreisen sind seine Arbeiten ebenso hoch geschätzt wie sein edler Charakter in Freundeskreisen. Seine Werke find: „chidduseheh Maharscliah“ (Kritische Bemerkungen zu Jesajah Berlin's „Hoflaah schebeerehin“ ed. Rosenkranz, zu der auch S. D. Luzatto und Jellinek Beiträge geliefert baden.); Tanja rabbathi“ und die hochgelehrte Herausgabe des ,Maebsor Yitry“. Man muß von diesem Verluste sagen: Cbabal al diabdin welo mischtakchin! Dr. D. F. in N. Berlin. Am 11. d. M. fand im Saale des Architektenhauses die diesjährige Generalversammlung des Vereines zur Ab wehr antisemiti scher Angriffe statt, die sehr zahlreich besucht war. Den Vorsitz führte Herr Archivar Doctor Winter; unter den Erschienenen sahen wir unter Anderen die Abgeordneten Barth, Rickert, Ernst, P e l t a s o n, P a ch n i ck e, ferner Delegirte aus Frankfurt a. M., Hannover, Hildesheim und vielen anderen Städten. Herr Rickert, sowie der Schatzmeister Herr Jordan, der den Geschäftsbericht erstattete, führten lebhafte Klage über die Lauheit der Mitglieder, von denen viele, besonders Juden, in den letzten zwei Jahren ausgetreten seien, weil sie aus dem Rückgang des Radau-Antisemitismus auf einen allgemeinen Rückgang des Antisemitismus geschlossen hätten, was aber ein Jrrthum sei. Die gefährlichste Form des Antisemitismus, die die Juden noch immer von Osficiersstellen, von der Beamtenlaufbahn rc. ausschließe, der behördliche Antisemitismus blüht nach wie vor, und auch der gesellschaftliche hat noch keinerlei Einbuße erlitten. Der jetzt der Gleichberechtigung der Juden gefährlichste Feind ist aber der Bund der Landwirthe, der mit seinen ungeheueren Mitteln und mit seiner weitverzweigten Organisation viel stärker und viel eindringlicher agitirt, als dies die reinen Antisemiten in ihrer besten Zeit vermocht haben. Auch die sogenannte Mittelstandsbewegung ist fast Nur gegen die Juden gerichtet. Unter diesen Umständen kann der Verein seine Thätigkeit noch nicht einstellen, muß dieselbe vielmehr mit allen Kräften, soweit dies die finanziellen Mittel gestatten, fortsetzen. In der Discussion, die diesen Ausführungen Rick er t's folgte, wurde allgemein die verdienstliche Thätigkeit des Vereines anerkannt, der durch die Neuherausgabe des Antisemitenspiegels und vor Allem durch die Mittheilungen jederzeit das wirksame Material zur Bekämpfung der Antisemiten und deren verschiedenen Auswüchse liefert, durch seine Flugblätter und Schriften die Bekämpfung selbst mit Erfolg geführt habe und die wärmste Unterstützung verdient. Berlin. Den sechsten und letzten Vortrag in der Reihe der diesjährigen Montagsvorlesungen zum Besten des Stipendienfonds der „Lehranstalt für Wissenschaft des Judenthums" hielt kürzlich Herr Reichstags- und Landtagsabgeordneter Dr. Max Hirsch über das Thema: „Ein Stück sociale Frage, mit Rücksicht auf die Bibel". Der Redner gab in der Einleitung eine kurze Betrachtung unserer heutigen wirthschaftlichen Verhältnisse, welche neuerdings durch das Hervortreten der Agrarier und deren mehr und mehr wachsenden Eindruck, den sie auf die Staatsgewalt ausüben, zu allgemeiner Beachtung in der Erörterung socialer Fragen gelangt sind. Nach einem Ueberblick über die Agrarpolitik im alten Griechenland, speciell in Attika, und im alten Römerreich, das, wie Plinius so kurz und treffend sagt, die Latifundien zu Grunde gerichtet haben, entrollte der Redner in eingehender und lichtvoller Weise an der Hand zahlreicher Bibelcitate ein Bild dieser Verhältnisse bei den Israeliten, deren Gesetzgebung im Gegensatz zu der attischen und römischen eine ständige und organische und darauf berechnet war, nicht nur das Unrecht zu bekämpfen, sondern auch, soweit als thunlich, dauernd zu verhüten. Mannigfache Beweise liegen vor, daß die Israeliten, so lange sie selbstständig waren, einen ungemein großen ja ungerechtfertigten Widerwillen gegen den Handel 'stets gehegt haben, zu dem sie späterhin nur die bittere Nothwendigkeit getrieben hat; es hat, auch nach dem Anerkenntniß hervorragender nichtjüdischer Socialpolitiker, kaum ein größeres Agrarvolk gegeben als die Israeliten. Von den letzten Ausläufern des Judenthums huldigten noch die Essäer den Communismus auf religiöser Basis, während die Urchristen, die zwar bestimmt waren, das Gesetz des Judenthums zu erfüllen, bei den gänzlich veränderten Zeitverhältnissen weder die alten agrarischen Vorschriften durchführen, noch neue Gesetze zu Stande zu bringen vermochten. Das Gesammtergebniß des reich belehrenden Vortrages war ein zwiefaches, einerseits ein negatives, daß alle Maßnahmen und Gesetzesvorschrift-n des Alterthums, gleichviel ob sie politischer oder religiöser Art, ob auf friedliche Weise oder durch Revolution erlangt waren, die Agrarverhältnisse nicht zu dauernder Lösung führen konnten, andererseits ein positives Resultat, daß zu allen Zeiten in erster Reihe die Schaffung und Erhaltung eines leistungsfähigen Standes kleinerer Landwirthe die beste Grundlage des Staates gebildet hat. Der Kampf auf dem Gebiete der Agrarpolitik ist noch nicht ausgefochten, und schwere Wetterwolken sind gerade im letzten Jahrzehnt heraufgezogen, aber zum Glück hat uns auch die neuere Zeit ein Arsenal neuer Schutzwaffen zur Bekämpfung der agrarischen Uebergriffe gegeben. Im Rahmen dieses kurzen Referates sind wir leider außer Stande, die hochinteressanten, nach Form und Inhalt gleich hervorragenden Darlegungen nach Gebühr zu würdigen; doch hoffen wir zuversichtlich, recht bald in der Lage zu sein, unseren Lesern den Vortrag im Druck bieten zu können. Berlin. Der eben erschienene Jahresbericht des Jüdischen Mädchenstifts bietet einen befriedigenden Rückblick über das erste Jahrzehnt dieser, der hauswirthschaftlichen Ausbildung unbemittelter jüdischer Mädchen und ihrer Vorbereitung für den Dienstbotenberuf dienenden Anstalt. Das schwierige Werk hat einen gedeihlichen Fortgang genommen, und gegen anfänglich 6 Zöglinge werden jetzt deren 16 in dem von der Hausmutter Frau Baer geleiteten Stift erzogen. Wieder konnten Mädchen für mehrjährigen treuen Dienst ausgezeichnet werden. Im Ganzen sind bisher 41 Zöglinge in den Dienst getreten, und zwar 14 als Hausmädchen, 10 als Köchinnen, 10 als Mädchen für Alles, 5 als Kindermädchen und 2 als Wirthschafterinnen. Sie haben fast durchwegs gute Zeugnisse ihrer Dienstherrschaften über ihre Leistungen wie über ihre Führung aufzuweisen. Die Einnahmen, die sich mit den Ausgaben ungefähr deckten, betrugen im letzten Jahre